Reformationstag

Die Reformation war nicht nur ein Befreiungsakt. Ihr lag auch die Einsicht zugrunde, dass Kirche und Theologie prinzipiell irren können. Die Theologie als Wissenschaft war geboren. Zum Reformationstag hier der Hinweis auf einen Text von Heike Schmoll aus dem Jahr 2009:

Die Befreiung aus der Vormundschaft der Kirche ist das kulturgeschichtliche Ereignis der Reformation, das in seiner Bedeutung für die Geschichte der Individualisierung meist unterbewertet wird. Es ist für moderne Menschen schlechterdings nicht mehr vorstellbar, was es für den Einzelnen hieß, nicht mehr priesterlichen oder kirchlichen Weisungen unterworfen zu sein. Den Menschen direkt Gott gegenüberzustellen war ein geradezu revolutionärer Akt Luthers. Der Verzicht auf eine kirchliche Vermittlung, religiös gesprochen auf das kirchliche Heilsinstitut und sämtliche Geschäftszweige der Gnadenbürokratie, war ein ungemein befreiender Schritt, dessen Folgen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Hier beginnt neuzeitliche Individualisierung mit all ihren Möglichkeiten, aber auch Gefährdungen, die in jeder Gewissensentscheidung des gläubigen Einzelnen liegen.

Luthers Befreiungsakt liegt die Einsicht zugrunde, dass Kirche und Theologie prinzipiell irren können. Das ist die Geburtsstunde der Theologie als Wissenschaft. Es ist aber auch der Anfang einer freien Wissenschaft überhaupt. Ende des 19. Jahrhunderts hat der Jenaer Pädagoge Wilhelm Rhein die kulturelle Leistung der Reformation auf den Punkt gebracht: »Die Reformation bedeutet den Geist innerer Freiheit für den Christenmenschen. Freiheit setzt Bildung voraus.« Mit Melanchthons Aktivitäten zur Reform und neuen Einrichtung von Volksschulen habe der Geist der Reformation »die Demokratisierung der Bildung« eingeleitet, die bis heute gilt.

Die Lehre von der Freiheit und Mündigkeit des Christenmenschen gab den Anstoß zur Bildung der Massen. Lesen lernen, um beim Verständnis der Bibel nicht mehr allein von kirchlicher Deutung abhängig zu sein, war der Grundgedanke. Finnland war nicht umsonst das Land, das durch die frühen Gesandten Luthers als erstes in Europa alphabetisiert war. Denn die Aussicht auf einen ungehinderten Zugang zum »Wort Gottes« war in den ersten Jahrzehnten des Reformationszeitalters Grund genug, lesen zu lernen. Luther war nicht umsonst der meistgelesene Autor des 16. Jahrhunderts – seine deutsche Bibel, aber auch die Flugschriften, die häufig von ihm stammten, waren ein Publikumserfolg.

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Kommentare

  1. Heike Schmoll hat dankenswerterweise die Bedeutung Martin Luthers herausgestellt: von vielen lediglich in seiner theologischen Leitung wahrgenommen, ist sein Wirken gleichermaßen von herausragender Bedeutng für die geistes- bzw. kulturgeschichtliche Entwicklung in Deutschland!
    Dass manche der sog. ´bibeltreuen´ Gruppierungen sich seither nicht abhalten ließen, ihn gleichwohl zu verdächtigen (als Begründer der ´Volkskirche´) sowie ´Bildung´ hinsichtlich ihrer Bedeutung herunterzuspielen oder, mehr noch, sie einer Entfremdung vom Glauben wegen anzuklagen – das gehört zu den ´dirty little secrets´, denen man sich nicht gern stellt.

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