Richard Pratt: Wenn ich König wäre

Richard Pratt ist Gründer und Präsident von Third Millenium Ministry und erfüllte über viele Jahre einen Lehrauftrag für Altes Testament am Reformed Theological Seminary. Vor wenigen Tagen hat Richard in Nordamerika einen außergewöhnlich provokativen Text über theologische Ausbildungsprogramme veröffentlicht.

Obwohl ich weiß, dass die von ihm verwendete Metapher (!) von einem kämpfenden Soldaten in Deutschland nicht gut ankommen wird, gebe ich den Text mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber in deutscher Sprache wieder.

Ich gebe zu, dass der Artikel insgesamt leicht missverstanden werden kann. Richard will sicher nicht die Bedeutung einer soliden akademischen Ausbildung schmälern. Er will darauf aufmerksam machen, dass Wissen allein nicht bevollmächtigt.

Übersetzt wurde dieser Text von Lars, dem ich für seine Arbeit ganz herzlich danke.

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Wenn ich König wäre

Wenn ich ein König wäre, würde ich mein Zepter schwingen und das Grundsatzprogramm von theologischen Ausbildungsstätten radikal verändern. Nachdem ich 22 Jahre an einem theologischen Seminar unterrichtet habe, fing ich langsam an, etwas zu verstehen. Wir bereiten nicht die Art von Leitern vor, die evangelikale Kirchen in Nord Amerika brauchen. Seien wir ehrlich; der Evangelikalismus hat schon bessere Tage gesehen. Gott wirkt an vielen Orten und in vielen Weisen, doch insgesamt sieht es nicht gut aus. Unsere Zahlen schwinden, unsere Theologie fällt auseinander und unsere Hingabe für Christus verflüchtigt sich. Umso mehr brauchen wir Seminare, die der Kirche Leiter gibt, welche eine durch den Geist gewirkte, radikale und aufopfernde Hingabe für Christus und sein Königreich haben.

Kürzlich habe ich in China mit dem Vorsitzenden eines Hausgemeindenverbands gesprochen, welcher über eine Millionen Mitglieder hat. Er fragte mich um Rat, wie man die nächste Generation von Pastoren vorbereiten sollte. Ich sah ihn an und sagte: »Das Einzige, was ich weiß, ist, was ihr nicht tun solltet.« Er lächelte und fragte: »Was meinst du?« Meine Antwort überraschte ihn. »Ihr solltet nicht das tun, was wir im Westen gemacht haben. Die Ergebnisse davon werden jetzt sichtbar.«

Das Programm von evangelikalen Seminaren wird hauptsächlich von akademischen Gelehrten festgelegt. Professoren entscheiden, wie Studenten ihre Zeit verbringen, sie bestimmen die Prioritäten der Studenten und legen generell die Marschrichtung fest. Leider erfüllt diese Gelehrtenagenda selten die Bedürfnisse der Gemeinde.

Könnt ihr euch vorstellen, was für eine Art von Soldaten unser Land hätte, wenn ihre Grundausbildung sich im Lesen von Büchern, dem Anhören von Vorlesungen und dem Schreiben von Hausarbeiten und Klausuren erschöpfen würde? Wir hätten tote Soldaten. Sobald ihnen auf dem Kampffeld eine Kugel über den Kopf fliegen würde, gerieten sie in Panik. Die erste Explosion würde sie in die Flucht jagen. Also, wie sieht die Grundausbildung des Militärs eigentlich aus? Rekruten lernen die Informationen, die sie brauchen, was jedoch einen relativ kleinen Teil ihrer Vorbereitungen ausmacht. Der größte Teil der Grundausbildung besteht aus überwachten Kampfsituationen. Rekruten werden einem peinigenden, emotionalen und physischen Stress unterzogen: Sie kriechen unter Maschinengewehrfeuer und üben Mann gegen Mann Kampfsituationen ein.

Wenn ich mein Zepter schwingen könnte, würde ich die Seminare heute ändern. Ich würde die Seminare in eine zermürbende physische und geistliche Erfahrung umwandeln. Ich würde Wege finden, durch die akademische Ziele schneller und effektiver erreicht werden, so dass mehr Zeit für kontrollierte Kampfsituationen im Lehrplan vorhanden wäre. Die Studenten müssten mit ihren Händen den Kranken und den Sterbenden dienen, Evangelisation unter schwierigen Bedingungen betreiben, immer wieder Predigen und aus der Schrift lehren und tagelang fasten und beten. Die Bibelschule würde etwas aus ihnen machen oder sie »brechen«.

Weißt du, was geschehen würde? Sehr wenige junge Männer würden sich für so etwas einschreiben. Nur diejenigen, die von Gott berufen sind, würden sich solch einer Ausbildung aussetzen. Gerade deswegen wären sie Rekruten für den Dienst in einem Königreich, nicht einfach nur Studenten. Sie wären bereit für eine geistliche Konfrontation, die der Dienst für das Evangelium mit sich bringt.

Richard Pratt

Kommentare

  1. Sehr guter Kommentar von Richard Pratt!

  2. Leider nicht sehr reflektiert, was R.Pratt (den ich ansonsten nicht kenne) hier von sich gibt! Sein Unbehagen über theologsiche Ausbildungsprogramme mag in manchem Einzelfall begründet sein – aber die von ihm angedeutete Alternative ist natürlich genauso fragwürdig und hat auf die Länge mindestens ebensoviele (wenn auch andere) Nebenwirkungen.
    NAtürlich bevollmächtigt Wissen allein nicht; aber geistliche ´Vollmacht´(was immer das auch ist) kann auch nicht dadurch verordnet werden, dass ein König sein „(S)Zepter“ schwingt!

  3. Ich verstehe diesen Beitrag mehr als „Kampfruf“ und nicht als ein ausgefeiltes Zukunftsprogramm. Im ersteren Sinne stimmt die Richtung. Wobei man aufpassen muss, nicht auf der anderen Seite des Pferdes herunterzufallen. Die Schulung des Intellekts an sich kann sehr hilfreich sein und dabei führt wohl kaum ein Weg am Bücher-Studium und Monolog-Dozenten vorbei. Aber dann eben der permanente Praxisbezug, in der Kraft des Geistes, vom Wort Gottes herkommend… möglicherweise sind die wenigen berufsbegleitenden Ausbildungen auf theologischer Ebene etwas ähnliches.

  4. Johannes Strehle meint:

    Ich will der Provokation noch eine weitere (ebenso „unreflektierte“) hinzufügen.

    Richard Pratt hat völlig recht. (Ron weist darauf hin, dass „Richard sicher nicht die Bedeutung einer soliden akademischen Ausbildung schmälern will.“ Richard Pratt will nicht weniger Theologie, sondern mehr Fronttauglichkeit.)
    Ich wandle seinen Satz ab: Die theologischen Ausbildungsstätten bereiten nicht die Art von Leitern vor, die christliche Gemeinden in Deutschland brauchen.
    Warum hat er 22 Jahre gebraucht, bis er „langsam anfing, etwas zu verstehen.“
    Und warum steht er damit allein auf weiter Flur?
    Nach dieser Spontan-Reaktion erinnere ich mich an die Geschichte Israels mit dem Kulminationspunkt der letzten Generation zur Zeit Jesu. (Die Geschichte Israels ist bekanntlich nicht zuletzt als Lehrstück für die Christen aufgeschrieben.) Selbst Jesus hatte und hätte als Mensch keine Chance, die meisten Pastoren, Schriftgelehrten, Theologen, Priester, Anbetungs-/Lobpreisleiter, „Ältesten“ und ihre Anhänger, ob ausgeprägt „orthodox“, „liberal“ oder „charismatisch“, sowie die schlichte Herde zum Umdenken samt Konsequenzen zu bewegen.

    Zum Beispiel die Bibelschulen:
    Sie ziehen Gemeinde-Mitglieder, die sich Zeit für die Gemeinde nehmen und sich engagieren, aus den Gemeinden in einen Elfenbeinturm, aus dem sie gelegentlich Ausflüge machen (Praktika, Einsätze), auf denen sie von der Realität nicht viel mehr als Touristen erfahren. Wenn sie nach der Bibelschule nichts „Wichtigeres“ für den Herrn tun, sondern in den mühseligen Alltag ihrer Gemeinde zurückkehren, dann häufig als professionelle Besserwisser (wenn auch nur zweiten Grades) gegenüber den Laien, die nicht genug Glauben haben, um für die Bibelschule aus Familie und Beruf (und Gemeinde!) auszusteigen. Die meisten Bibelschüler sind, das muss ich zugeben, die wahren Gläubigen, denn sie glauben alles, was ihnen ihre Lehrer erzählen – so wie die meisten Theologie-Studenten ihren Professoren.
    Wenn ich König wäre, hätte ich längst die Bibelschulen als Elfenbeintürme abgeschafft und die Lehrer durch die Gemeinden geschickt und sie dort mit Praxisbezug (zu einer konkreten Gemeinde) lehren lassen. Das täte den Lehrern und den Bibelschülern (in ihrer Gemeinde) und den Gemeinden gut. Ergänzungen a la Bucer wären möglich.

    Wie sagte Paulus (als Präsident einer mobilen Akademie) zum Abschied von der Gemeindeleitung in Ephesus:
    „wie ich nichts zurückgehalten habe von dem, was nützlich ist (ein Pragmatiker),
    dass ich es euch nicht verkündet und euch gelehrt hätte,
    öffentlich und in den Häusern,
    da ich sowohl Juden als auch Griechen
    das Umdenken zu Gott und den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus bezeugte. … Ich weiß, dass … unter euch Männer aufstehen werden,
    die Verkehrtes reden, um die Schüler auf ihre Seite zu ziehen.
    Deswegen seid wachsam und denkt daran,
    dass ich drei Jahre lang Nacht und Tag nicht aufgehört habe,
    einen jeden unter Tränen zu ermahnen.“
    Das sind selbstverständlich keine zeitgemäßen Strategien und Methoden.
    Wie erfolgreich wäre Paulus erst gewesen,
    wenn er in Athen eine paulinische Theologie-Fakultät gegründet
    und jedes Jahr im Zentrum Kleinasiens, in Alexandria und in Rom
    einen multimedial vorbereiteten und unterstützten Kongress veranstaltet hätte! Womöglich wäre es ihm dann sogar gelungen,
    im multikulturellen römischen Reich
    eine Bewegung zur „Christianisierung“ des Abendlandes ins Rollen zu bringen.

    Manchmal ist der einzige Fortschritt ein Rück-Schritt.
    Ob es Gemeinden gibt, die diesen (Prattschen) Fortschritt wollen,
    steht auf einem anderen Blatt.

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