Schafft die Toleranz ab

Toleranz beschreibt die Fähigkeit, anderen Menschen fair und offen zu begegnen. Es gibt aber auch eine Kehrseite der Toleranz. Die im heutigen Petersburg geborene russisch-jüdische Schriftstellerin Lena Gorelik macht auf eine falsche Toleranz aufmerksam, die ehrlicher Begegnung und dem Erkenntnisfortschritt im Weg steht. Gorelik:

Und an mancher Stelle ist Toleranz auch einfach nur feige. Weil es selbstverständlich einfacher ist, sich als toleranter Mensch gut zu fühlen, denn nachzufragen, zu widersprechen, zu streiten, Differenzen festzustellen, zu akzeptieren, auszuhalten. Dies gilt für Freundschaften und Beziehungen nicht minder als anderswo in der Gesellschaft.

Hier der DLF-Beitrag:

Kommentare

  1. Wow, wie grundlegend falsch diese Frau „Toleranz“ versteht, ist ja schon fast nicht mehr auszuhalten (Achtung, Wortspiel). Vielleicht sollte man ihr sagen, dass sie eigentlich von „Relativismus“ spricht.

    Dabei sagt sie es doch selbst: Toleranz heißt „aushalten“. Und aushalten kann ich nur, wenn ich selbst eine gefestigte Meinung habe, für die ich bereit bin, einzustehen. Wer tolerant im eigentlichen Sinne ist, kann also gar nicht anders, als zu debattieren, diskutieren und sich (verbal) zu fetzen. Denn da ist es nicht egal, was das Gegenüber denkt. Ich muss lediglich aushalten, dass mein Gegenüber das Recht hat (!) anders zu denken, das heißt aber doch nicht, dass ich seine Meinung stillschweigend hinnehme, wenn ich eine andere habe – so wie Frau Gorelik das hier behauptet!

    Wie gesagt: Die gute Frau spricht hier von Relativismus. Und dann ist ihr auch zuzustimmen. Der gehört abgeschafft, weil er gefährlich ist. Es wäre zielführender, die Begriffe hier zu schärfen. Statt eine Abschaffung der Toleranz zu fordern sollte man den vielen Leuten, die sich mit diesem Begriff schmücken aber eigentlich nicht tolerant sind, sondern eine relativistische „ist-mir-doch-egal“ Haltung vertreten, lieber erklären, wovon sie eigentlich sprechen.

  2. Die Haltung „Ist mir doch egal“ ist absolut, und nicht relativistisch, meinem Empfinden nach. Das erlebe ich tagtäglich bei der Arbeit, denn Menschen mit dieser Haltung sind noch nicht mal mehr kommunikationsfähig und -willig, das sind Menschen, die den Eindruck vermitteln noch nicht einmal mehr nachzudenken, schon gleich gar nicht darüber, was über ihre Alltäglichkeit hinaus geht, also sprich Sinn des Lebens, oder gar über Gott und Sünde.
    Sie haben sich eingerichtet in ihrem bequemen kleinen Leben, und deshalb sind sie überaus tolerant, weil ja ansonsten die Gefahr besteht, dass sie sich mit sich selbst auseinandersetzen müssen, und vor allem: nachdenken. Nachdenken ist anstrengend und auch schmerzhaft.
    Ich finde den Beitrag äußerst gelungen. Und habe mich auch selbst ertappt, wie „tolerant“ ich bin, manchmal … aber das hat eben öfters mit der angesprochenen Feigheit zu tun.
    Grade wir Christen, die an den Absolutheitsanspruch der Bibel glauben, und dass der Herr Jesus der WEG ist … wir dürfen manchmal gar nicht tolerant sein, sondern müssen uns abwenden.
    Und ich finde es die größte Herausforderung und auch oft sehr schmerzhaft zu lernen: mich abzuwenden ( absondern von der Welt ) , aber ohne zu verurteilen oder gar zu hassen. Den Sünder lieben und die Sünde hassen.
    Ein Buchtipp dazu. McDowell/Hostetler, Die neue Toleranz

  3. Theophil Isegrim meint:

    Ja, Toleranz darf nicht in Gleichgültigkeit ausarten. Aber Toleranz ist gar nicht mehr das Problem. Gewisse Gruppen fordern mittlerweile Akzeptanz, Respekt und Anerkennung. Falls man dem widerspricht wird sofort eine Phobie aus der Ferne diagnostiziert.

  4. Johannes Strehle meint:

    Leider dient der Beitrag von Lena Gorelik auch der Begriffsverwirrung.
    Ron schreibt denn auch
    von der Kehrseite der Toleranz, von falscher Toleranz.
    Vielleicht wollte Lena Gorelik auch nur provozieren,
    um etwas gegen das große Übel zu tun, das sie zu Recht beklagt.
    Das große Übel:
    Dass wir nicht mehr in der Sache streiten.
    Die alten Gründe:
    Bequemlichkeit, Feigheit, Überheblichkeit.
    Der neue Grund:
    Wenn wir das neue Dogma akzeptiert haben,
    dass es keine absolute, objektive Wahrheit gibt,
    dass jeder recht hat,
    dann ist Streiten in der Sache sinnlos.
    Aber dann ist es auch un-sinnig,
    den Mangel an Streit in der Sache zu beklagen.
    Wenn man es dennoch tut,
    sollte man nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.
    Der Mangel an Streit in der Sache ist nicht Toleranz,
    sondern (u.a.) die Folge von (falsch verstandener) Toleranz.
    Trotz neuem Dogma ist es allerdings sinnvoll,
    zum Beispiel in der Politik,
    um die relativ beste Lösung in der Sache zu streiten.
    Das führt zu einem deutschen Grund,
    den Bert Berkensträter in einem Aphorismus so formuliert hat:
    „Versuch einer Definition Deutschlands:
    Nur beim Autofahren weicht man nicht aus.“
    Zum Beispiel im Bundestag wird nicht in der Sache gestritten;
    die ist „alternativlos“.
    Streit in der Sache wird durch persönliche Angriffe ersetzt.
    Zum Beispiel in Frankreich und den USA
    wird heftig in der Sache gestritten,
    während zum Beispiel die Japaner
    dieser deutschen Untugend recht nahe kommen.
    Aber vielleicht weichen die Japaner auch beim Autofahren aus.
    Das neue Toleranzverständnis:
    Jeder hat recht
    – außer dem, der von absoluter, objektiver Wahrheit überzeugt ist,
    und außer dem, der die Meinungen anderer in Frage stellt!
    Nach dem klassischen Toleranzverständnis, auch der „Aufklärung“,
    fangen Tolernz und Pluralismus da an,
    wo sie nach dem inzwischen herrschenden Toleranzverständnis aufhören
    – und wo die neue Inquisition beginnt.

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