Schrieb ein Zeitzeuge das Markusevangelium?

Dass das Markusevangelium  von einem Zeitzeugen Jesu Christi geschrieben wurde, vermutet der US-amerikanische Handschriftenforscher Prof. Daniel B. Wallace (Dallas/Texas). idea meldet:

Er hat nach eigenen Angaben sieben Fragmente mit Auszügen aus dem Neuen Testament entdeckt, von denen sechs aus dem zweiten Jahrhundert stammten und eins aus dem ersten. Dabei handele es sich um einen Auszug aus dem Markus-Evangelium. Diese Datierung habe ein von Wallace namentlich nicht genannter Handschriftenexperte als gesichert bestätigt. Wallace kündigte an, Details über Fundort, Datierung und Inhalt im nächsten Jahr zu veröffentlichen. Die bisher ältesten Abschriften des Markus-Evangeliums stammen aus dem frühen dritten Jahrhundert. Experten sind sich einig, dass eine Bestätigung von Wallaces Vermutung zu einer neuen Sicht über die Entstehung der Evangelien führen werde. Zum einen würde sich herausstellen, wie gut die späteren Handschriften mit der ursprünglichen Fassung übereinstimmen, und zum anderen wäre dies ein Hinweis darauf, dass die Verfasser der Evangelien zeitlich sehr nahe an den Berichten über das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi waren.

Wallace ist eigentlich kein medienvernarrter Stimmungsmacher, sondern ein solider Neutestamentler. Wir müssen auf weitere Erklärungen und Materialien warten.

Ich erinnere mich noch an Vorlesungen von Carsten-Peter Thiede, der 1984 – Hypothesen von José O’Callaghan aufnehmend –, das Papyrusfragment 7Q5 Mk 6,52f zuordnete (das Buch habe ich noch). Thiede war sehr davon überzeugt, mit der abgeleiteten Frühdatierung von Markus richtig zu liegen. Durchsetzen konnte sich seine Theorie allerdings nicht.

Zu Wallace siehe auch hier: evangelicaltextualcriticism.blogspot.com.

Kommentare

  1. Nur kurze Frage:

    “Diese Datierung habe ein von Wallace namentlich nicht genannter Handschriftenexperte als gesichert bestätigt.”

    Seit wann sind Handschriftenexperten für die Datierung von Dokumenten zuständig?

    (http://de.wikipedia.org/wiki/Datierung#Methoden)

  2. Johannes meint:

    @Waelti: Wohl schon immer ;-) http://de.wikipedia.org/wiki/Paläograph

    Viele Grüße.

  3. Johannes meint:

    Ups, sorry, der Link sollte es eigentlich sein: http://de.wikipedia.org/wiki/Handschriftenkunde#Methoden

  4. Alexander meint:

    @Waelti: Zu unterschiedlichen historischen Zeiten hat man auf unterschiedliche Weise mit der Hand geschrieben. Ihre Großmutter hat wahrscheinlich in der Schule die sog. Sütterlin-Schrift gelernt. Die Sütterlin-Schrift war in den 1920-30er Jahren die vorherrschende Frakturschrift. Meine Großmutter benutzte sie noch bis zu ihrem Tod, heute schreibt sie keiner mehr. Findet jemand also in 500 Jahren einen Brief, der in Sütterlin-Handschrift geschrieben ist, und ist er ein Experte für Hand-Schriften, dann kann er den Brief aufgrund der Handschrift in die Zeit zwischen 1920-2000 datieren. Genauso funktioniert das auch mit älteren historischen Epochen und deswegen hat eben ein *Handschriftenexperte* die Möglichkeit, historische Dokumente auf dieser Grundlage zu datieren – wenn auch nur sehr grob auf 50-100 Jahre (manchmal auch nur auf 200 Jahre) genau. Ein Physiker oder Chemiker oder sonst ein Naturwissenschaftler kann dazu nichts beitragen.

  5. @Johannes
    Wusste ich nicht, zu Kenntnis genommen.

    Das: ‘lassen häufig Schlüsse auf das Alter zu’.
    (aus dem Wikipedia Text) passt halt nicht
    ganz zu dem ‘als gesichert bestätigt’.
    Was ja nicht bedeutet, dass nicht noch andere
    Methoden zusätzlich eingesetzt worden sind.

    Mal abwarten

  6. @Alexander
    Ja, soweit klar. Da ist dann eben der Spielraum von 50-200 Jahren der
    ‘für sich’ nicht für die exakte Zuordnung reicht.

  7. Alexander meint:

    @Waelti, ja das ist richtig. Solche Datierungen allein auf paläographischer Basis sind niemals “sicher” in ein oder ein halbes Jahrhundert zu setzen. Ich würde im Fall des neuen Papyrus für das Markus-Evangelium auch Vorsicht walten lassen. Es kann sein, dass der Herausgeber noch andere als nur paläographische Gründe für seine Datierung hat, das wird man nächstes Jahr, wenn der Papyrus zusammen mit weiteren ediert ist, sehen.
    Und selbst wenn der neue Markus-Papyrus aus dem 1. Jh. stammen sollte, würde das sicher auch nicht “zu einer neuen Sicht über die Entstehung der Evangelien führen”, wie Idea ziemlich vollmundig schreibt. Ein Papyrus aus dem 1. Jh. mit Teilen von Mk wäre natürlich ein schöner Fund. Aber “1. Jh.” wird bestenfalls ganz allgemein “zweite Hälfte 1. Jh.” bedeuten, präzise in die 50er oder 60er Jahre wird man den Papyrus sicher nicht datieren können, d.h. die Frühdatierung vor 70 wird man mit dem Papyrus nicht stützen können, und später als in die 70er Jahre datiert eigentlich sowieso niemand mehr die Entstehung des Markus-Evangeliums. Insofern ist mit dem neuen Papyrus, so interessant er sein mag, so oder so nichts gewonnen.

  8. Johannes meint:

    @Waelti: “Das: ‘lassen häufig Schlüsse auf das Alter zu’.
    (aus dem Wikipedia Text) passt halt nicht
    ganz zu dem ‘als gesichert bestätigt’.”

    Das stimmt allerdings! Wir werden es wohl abwarten müssen,
    aber vermutlich hat Alexander Recht. Viele Grüße!

  9. Da bin ich mal gespannt, was dabei herauskommt!
    Welchen Text enthält das Fragment aus dem ersten Jhr., welche Texte die aus dem zweiten?
    Gibt es Unterschiede zum bekannten Text? Eine geläufige Variante? Etwas Neues – oder “nur” eine Bestätigung des angenommenen Textes?

    @Ron
    Wird mit der Angabe “1. Jhr.” die These von Carsten-Peter Thiede unterstützt? Ich denke nicht. Was mir aber eingefallen ist: In den Achtzigern hat ein Y. K. Kim (vielleicht auch ähnlich) versucht, P46 ins erste Jahrhundert zu datieren. In den wissenschaftlichen Diskussionen darüber ist das so ziemlich in die Hosen gegangen. Passiert hier das Gleiche?

    Gruß
    Peter

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  1. […] nimmt in diesem kurzen Interview zu den neu entdeckten NT-Manuskripten Stellung (siehe auch hier). Wir dürfen wohl wirklich gespannt […]

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