Sexismus-Debatte: Adornos eiskalte Augen

Elisabeth Noelle-Neumann schreibt in ihren Erinnerungen (2006, S. 195) über Theodor W. Adorno:

Es gibt wenige Menschen, die ich so verabscheue, wie ich Adorno verabscheut habe. Er hatte eiskalte Augen, wie ich sie selten gesehen habe, und er hatte die Eigenschaft, sich bei Empfangen an mich heranzudrängen. Wenn man im Gedränge nicht leicht ausweichen konnte, drückte er sich an mich heran, umarmte mich sozusagen, ohne daß das in der Menge auffallen konnte und daß ich mich dagegen hatte wehren können. Es war widerwärtig.

Kommentare

  1. Tja. Man sollte in diesem Zusammenhang allerdings nicht unerwähnt lassen, daß Fr. N.-N. eine knallharte Antisemitin war, die (nicht nur) Adorno so manche sexuelle Perversion hinterhergeredet hat. — Was das alles mit der sog. Sexismusdebatte zu tun hat? Nüscht!

  2. @Ulf: N.-N. war mit Horkheimer gut befreundet. Der war bekanntlich auch Jude. Was hat N.-N.s Klage mit dem Antisemitismus zu tun? Nüscht!

    Liebe Grüße, Ron

  3. Thomas König meint:

    Was haben die Augen bzw. das Verhalten von T. W. A. gegenüber N.-N. mit reformatorischer Theologie zu tun? Nüscht! Wenn ein jüdischer Philosoph, der in der Gottesfrage Thesen vertreten hat, die mit der einen oder anderen christlichen Tradition unvereinbar sind, hier völlig zusammenhanglos als Beispiel für Sexismus herhalten muss, dann ist die Frage nach der Intention dieses Posts schon berechtigt. Und Antisemitismus ist da zumindest mal eine der möglichen Optionen.

  4. @Thomas König: Es ist auch eine Option, dass die Erde fünf Monde hat. Ein Mensch kann so allerlei behaupten. Sie stellen hier seit Längerem zusammenhangslose Behauptungen auf. Haben Sie zu viel freie Zeit?

  5. Leute, ich habe nicht behauptet, der Blogger sei antisemitisch, sondern daß es N.-N. gewesen sei. Wenn Sie, Ron, schreiben, daß Horkheimer mit ihr „befreundet“ gewesen sei, dann ist das schlicht falsch. Ich wüßte sehr gerne, wie Sie das belegen wollen.
    Was ich meinte, ist doch wirklich ganz einfach: Wenn eine Antisemitin über jemanden, den sie als Jude wahrnimmt, schreibt, daß der wie auch immer sexuell Übergriffig gewesen sei, dann glaube ich halt, ist man hier auf niederste Instinkte hereingefallen. Und das ist kein Sexismusproblem, sondern ein Antisemitismusproblem.
    Eine weitere Frage, unabhängig von dieser Sache, wäre dann die, was daran sexistisch sein sollte, wenn sich ein Mann an eine Frau drückt, die das nicht möchte. Das ist gewiß übergriffig, und der Mann outet sich als Neandertaler: geschenkt. Mit Sexismus hat das aber auch nichts zu tun.

  6. @Ulf: Es ist eine reine Behauptung, zu sagen, N-N. habe die Geschichte erfunden, weil Adorno Jude war.

    Zur Freundschaft von H.H. mit Horkheimer hier der Absatz im Kontext (Die Erinnerungen, S. 195–196):

    Neben der Sorge um das Allensbacher Institut gab es noch einen Grund, warum ich das Angebot Adornos, nach Frankfurt zu gehen, nicht annahm, und dieser Grund war Adorno selbst. Es gibt wenige Menschen, die ich so verabscheue, wie ich Adorno verabscheut habe. Er hatte eiskalte Augen, wie ich sie selten gesehen habe, und er hatte die Eigenschaft, sich bei Empfängen an mich heranzudrängen. Wenn man im Gedränge nicht leicht ausweichen konnte, drückte er sich an mich heran, umarmte mich sozusagen, ohne daß das in der Menge auffallen konnte und daß ich mich dagegen hätte wehren können. Es war widerwärtig. Darüber hinaus wußte ich von einem Jugendfreund von mir, Dietrich Osmer, Dinge über Adorno, die mich zusätzlich abstießen … So sehr ich mich auch bemühte, es gelang mir nicht, diese Geschichten zu vergessen, wenn ich mit Adorno zusammentraf.

    Mit Horkheimer war ich dagegen befreundet. Er war ein ganz anderer Mensch als Adorno, viel warmherziger, ein angenehmer und geistreicher Gesprächspartner. Nach seiner Emeritierung im Jahr 1959 zog er sich ins Tessin zurück, wo er zusammen mit Friedrich Pollock ein Haus in Montagnola in der Nähe von Lugano kaufte. Erich Peter Neumann und ich hatten uns kurze Zeit vorher ganz in der Nähe, in dem kleinen Ort Piazzogna oberhalb des Lago Maggiore, ein Haus gekauft, in dem ich seitdem regelmäßig im Sommer einige Wochen verbringe. Von dort aus besuchte ich Horkheimer oft. Wir trafen uns in seinem Arbeitszimmer im Souterrain oder gingen zusammen essen. Er trug immer eine merkwürdige kleine Tasche mit sich, die mit Medikamenten vollgestopft war. In seinen letzten Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1973 beschäftigte er sich intensiv mit Schopenhauer, dessen Werke er sehr liebte. Ich sehe ihn noch vor mir mit einem der kleinen schwarzen und völlig zerlesenen Schopenhauer-Bändchen in der Hand. Mehrmals habe ich ihn gefragt, wie er es nur mit Adorno habe aushalten können. Er gab mir nie eine Antwort.

    Was den Sexismus anbetrifft, stimme ich zu. Der Name ist nicht sonderlich treffend. Hier knüpfe ich populistisch an der Sprachregelung an, die seit dem STERN-Artikel durch die Republik geistert.

    Liebe Grüße, Ron

  7. Lieber Ron,
    danke für die Mühe des Abtippens.
    Mich überzeugt aber auch der Kontext nicht von der Freundschaft N.-N.s zu Horkheimer. Möglich, daß N.-N. die Begegnungen mit Horkheimer als freundschaftlich empfunden hat, dieser aber ganz sicher nicht jene.
    Daß Horkheimer sich ins Tessin „zurückzog“, ist teilweise richtig, das Haus kaufte er allerdings bereits zwei Jahre vorher, 1957 — und nicht gemeinsam mit Pollock, da wird die gute N.-N. etwas falsch verstanden haben: Horkheimer und Pollock hatten einmal zusammengelebt, das war allerdings noch vor dem Krieg in Frankfurt –, und er gab auch später noch philosophische Seminare in Frankfurt, übrigens auch einige gemeinsam mit Adorno.
    Was die Auskünfte Diedrich (nicht: Dietrich) Osmers über Adornos Intimleben betrifft, wäre ich insofern etwas zurückhaltender, als Osmer zur Zeit seiner Einstellung am Institut für Sozialforschung der Liebhaber Gretel Adornos gewesen und insofern vielleicht nicht ganz unparteiisch war. Des weiteren weiß ich halt nicht, was N.-N. für abstoßend hält, ich bin aber bereits a priori sicher, daß sich das schwerlich mit meinem Wertekanon deckt, den ich im übrigen gar nicht habe.
    Unterm Strich frage ich mich schon, was mit dem Posting eigentlich nahegelgt werden soll?

  8. @Ulf: Auch dann, wenn einseitig nur N.-N. die Beziehung zu H. als Freundschaft verstanden hätte (was ich nicht glaube), spräche dies gegen die Behauptung, dass N.-N. wegen des Antisemitismus keine guten Beziehungen zu Juden führte und die Aufdringlichkeit von A. nur erfunden habe.

    Richtig: Osmer war Liebhaber von Adornos Frau. Adorno hatte ihn dazu gedrängt.

    Liebe Grüße, Ron

  9. Ich rate immer noch was nun wohl die reformatorische Perspektive auf die dunkle Welt eines jüdischen Intellektuellen in den Worten einer ehemaligen Meinungsforscherin und NS-Journalistin ist? 😉

    Ich siniere mal: Adorno NICHT lesen, Horkheimer dagegen sehr wohl?
    Oder: Noelle-Neumann Meinungen über die „eiskalten Augen Adornos“ ebenso zu unserer machen, wie ihre Meinung über die „demagogischen Fähigkeiten“ der jüdischen „Deutschlandhetze“ – oder eben beide Meinungen lieber nicht? 😉

  10. Ron, ich gestehe, ich bin sprachlos: Du glaubst, weil N.-N. in ihrer sagenwirmal Autobiographie, über die ja nun schon andernorts geurteilt wurde, aussagt, sie habe eine Freundschaft mit Horkheimer gepfelt, sie ergo keine Antisemitin gewesen sein könnte und also Adorno sich wirklich an die Dame rangeschmissen hätte. Sowie, daß Adorno Osmer zur Liebschaft mit seiner Frau gedrängt hätte, weil Frl. N.-N. das so schreibt — was für Dich ja offenbar ebenfalls ausschließt, daß Osmer siw Unwahrheit über Adorno an N.-N. kolportiert hätte, was jene wiederum ungern aber — die Wahrheit über den Mann mit den toten Augen muß ja ans Licht — dennoch weitergetratscht hätte, ohne daß die Wahrheit irgend einen Schaden genommen hätte.
    Korrekt?
    Hm. Tja. —
    Deine Weltauffassung möchte ich nicht haben.

  11. Mit „gepfelt“ meinte ich eigentlich „gepflegt“.

  12. Roderich meint:

    @markus,

    Ich rate immer noch was nun wohl die reformatorische Perspektive auf die dunkle Welt eines jüdischen Intellektuellen in den Worten einer ehemaligen Meinungsforscherin und NS-Journalistin ist? 😉

    Ich siniere mal: Adorno NICHT lesen, Horkheimer dagegen sehr wohl?

    Die reformatorische oder allgemein christliche Perspektive ist:
    – Beide lesen
    – beide schlecht finden
    – aber nicht, wegen des jüdischen Hintergrunds, sondern wegen der irrationalen und anti-christlichen Inhalte.
    (Natürlich kann man sie auch mit „Gewinn“ und differenziert lesen – dazu muss man Philosophie aber genau verstehen. Wer sie am Ende auch noch insgesamt „gut findet“, obwohl er Christ ist, der hat gar nichts verstanden, sorry).

    Ich empfehle dazu Günter Rohrmoser: „Kulturrevolution in Deutschland“, im Resch-Verlag erschienen.
    Siehe auch „Das Elend der kritischen Theorie“ von Günter Rohrmoser.
    Rohrmoser setzt sich fair mit den Denkern auseinander (Rohrmosers Prinzip: immer zuerst die Stärken aufzeigen, und den Gegner stärker machen, als er eigentlich ist, und ihn dann – bei seinen stärktsten Argumenten – aufgreifen und widerlegen. – Es wäre schön, wenn mehr Intellektuelle diese Fairness hätten. Wenn man so viel weiss über Philo wie G. Rohrmoser wusste, kann man es sich natürlich auch „leisten“. Es hieß, er verstand den Marxismus und den Hegel besser als seine marxistischen Gegner, so dass diese sich bei ihm Rat holten).
    Es gibt dazu auch ein sehr gutes Buch von Jakob Klapwijk, ich glaube „Philosophie und die Offenbarung“, in dem es auch um die Frankfurter Schule geht, Ron kann den genauen Titel nennen.
    Es gibt ein Youtube-Video mit einem Interview mit Rüdiger Safranski, in dem Safranski beschreibt, wie Adorno seine Vorträge frei hielt und – während der ununterbrochenen Rede – den hübschen Studentinnen von der Eingangstür bis auf den Platz folgte… Safranski beschreibt nachhaltige Interesse von Adorno am weiblichen Geschlecht (selber als Anhänger der Frankfurter Schule) dann als „Vitalität“.
    Übrigens soll Horkheimer den Adorno über die Maßen schlecht behandelt haben. Inwieweit er es mit Adorno aushielt, ist also vielleicht nicht die Frage, sondern andersherum.
    Horkheimer konnte sich das vielleicht leisten, er hatte wohl mehr Geld und Einfluß.

    Natürlich ist so etwas nur eine Nebensache. Er war darin nicht besser oder schlechter als viele andere. Es kommt letztlich auf die Philosophie an, und da muss man sich sachlich damit auseinandersetzen, aber sowohl die Philo von Horkheimer als auch die von Adorno waren sehr anti-christlich. (Wenn man selber sehr weit links steht, ist man vielleicht bereit, über den anti-christlichen Charakter in der Philosophie hinwegzusehen, und zu sagen „Hauptsache er war links, und da das Gottes Wille ist, kann ihm der Rest an anti-christlichem Gerede leicht vergeben werden, es kommt ja auf die Substanz an“, aber – das ist nicht empfehlenswert).

  13. Roderich meint:

    @Ulf,
    Du erwähnst eine Geschichte aus der Biographie über Osmer, legst es Ron in den Mund, dass er diese Geschichte auch „propagiert“ (und nicht etwa sich ihr gegenüber neutral verhält), und sagst dann: „Deine Weltanschauung möchte ich nicht haben“. (Nun gut, wenn man sonst keine rationalen Gründe hat, die Weltanschauung einer Person abzulehnen, muss man eben etwas „konstruieren“).

    Besser wäre es, Du würdest Nachweise für den Vorwurf des Antisemitismus der E.N.N. anführen.
    Dieser Antisemitismus-Vorwurf wird bekanntlich sehr inflationär verwendet, auch zur Diskreditierung politischer Gegner. Daher darf man dies erst mal ruhig bezweifeln oder dahingestellt lassen, bis der Vorwurf näher untermauert ist.

    Wäre E.N.N. antisemitisch, hätte sie die „eiskalten Augen“ doch auch dem Horkheimer zuschieben müssen.

  14. was lese ich: „Die reformatorische oder allgemein christliche Perspektive ist:
    – Beide lesen
    – beide schlecht finden
    – aber nicht, wegen des jüdischen Hintergrunds, sondern wegen der irrationalen und anti-christlichen Inhalte.“
    @ Roderich: das ist wirklich kompletter Nonsens !

    @ Ron: mehr Skepsis gegenüber autobiografischen Einlassungen (methodisch/quellenkritisch) ist unerlässlich!

  15. Roderich meint:

    @ernst,
    Sondern?

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