So hat es Luther nicht gemeint

Der evangelische Gottesdienst ist heute nicht mehr auf Christus ausgerichtet, sondern auf eine triviale Idee von Freiheit. Die Verkündigung es Evangeliums ist durch religiöse Freigeisterei verdrängt worden. Pfarrer können von der Kanzel herbab predigen, der Kreuzestod Jesu enthalte keine Heilsbotschaft. Konsequenzen hat das keine. Das Reformationsjubiläum, welches die EKD im Jahr 2017 feiern möchte, kann abgesagt werden.

Jochen Teuffel, Dozent für Systematische Theologie am Lutheran Theological Seminary in Hongkong, hat am 15. Dezember 2010 einen bemerkenswerten Artikel in der FAZ veröffentlicht (Mittwoch, 15. Dezember 2010, Nr. 292, S. 33).

Wird Reformation als Freiheitsereignis verstanden, fühlt sich das spätmoderne Bürgertum trotz aller Kirchendistanz angesprochen. In der Tat hat die Reformation in Deutschland das mittelalterliche Corpus Christianum konfessionell aufgesprengt. Diese sakrale Einheit von Kirche und Gesellschaft verdankte sich einer fragwürdigen kollektiven Christianisierungspraxis. Im frühen Mittelalter wurden Menschen in Gefolgschaft ihrer Stammesfürsten in passiver Weise »bekehrt«. Über mehr als ein Jahrtausend hinweg gab es in Europa keine gesellschaftliche Existenz außerhalb der Kirche. Durch Glaubenszwang, Pflichtbeichte, Sonntagspflicht sowie Kirchenzucht wurde eine öffentliche Regelkonformität in Sachen Christentum erzwungen.

Es war die reformatorische Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Glauben, die menschlichen Ordnungen in der Kirche ihre vermeintliche Heilsnotwendigkeit genommen hat. Damit wurde langfristig die gesellschaftliche Ausbildung moderner Freiheitsrechte befördert. Und dennoch steht die »Freiheit eines Christenmenschen«, wie sie von Martin Luther propagiert wurde, weder für bürgerliche Freiheit noch für religiöse Freisinnigkeit. Luther zufolge ist dem durch und durch sündigen Menschen die wirkliche Freiheit nicht angeboren. Er hat auch kein eigenes Recht darauf, vor dem dreieinigen Gott frei zu sein. Wer aus eigenen Stücken sich selbst für frei erklärt, wird in Wirklichkeit vom Teufel geritten. Die wahre Freiheit ist eine im Evangelium zugesagte Freiheit »um Christi Willen«, der immer wieder aufs Neue zu glauben ist. Nur dort, wo Menschen in Wort und Sakrament an das Passah-Mysterium Christi gebunden sind, ereignet sich evangelische Freiheit, die von menschlichen Satzungen und Geboten unabhängig macht. So spricht es ja auch der Apostel Paulus aus: »Sei es Welt, Leben oder Tod, sei es Gegenwärtiges oder Zukünftiges: Alles ist euer, ihr aber gehört Christus.«

Der Artikel endet mit den Worten:

Ecclesia semper reformanda – Kirche ist immer zu reformieren, um dem Evangelium treu zu bleiben. Was ansteht, ist eine umfassende Kirchenreform hin zur Gemeinschaftskirche ohne Kirchensteuern. Andernfalls wird die vermeintliche Volkskirche in einem zivilreligiösen Paganismus aufgehen. Dann wird man auch in Kirchen einen Heidenspaß haben – aber der lässt das eigene Leben am Ende ins Leere laufen.

201012220709.jpgDer vollständige Artikel von Jochen Teuffel kann hier eingesehen werden.

Das Buch:

  • Jochen Teuffel: Mission als Namenszeugnis: Eine Ideologiekritik in Sachen Religion, Tübingen: Mohr Siebeck, 2009, 269 S., 24,00 Euro

gibt es hier:


VD: JS

Kommentare

  1. Tim-Christian meint:

    „Es ist seit langer Zeit modern geworden, auch durch die Philosophie des Deutschen Idealismus im 19. Jahrhundert gefördert, in Luther den endlichen Gewinn menschlicher Freiheit gegenüber allen Autoritäten und Abhängigkeiten zu feiern.“ Karl Lehmann

    http://www.christuskirche-hangelar.de/Lehmann_Reformation_Bonn_UF.pdf

  2. Bei allem Respekt vor dem Dienst etlicher Pfarrer, Diakone und weiterer Mitarbeiter in der EKD (es geschieht viel Gutes dort, eben auch Kreuzesverkündigung) wird sich die EKD nicht freiwillig ändern. Erst, wenn tatsächlich die Ländereien verkauft sind und Gehälter kaum noch gezahlt werden können, wird man
    a) die Kirchensteuer erhöhen wollen
    b) den Staat noch stärker in das Boot ziehen wollen, um die Finanzen aufzubringen
    c) oder – was wünschenswert wäre – die gesamte EKD reformieren, von der Abschaffung der Kirchensteuer bis hin zur realen Umsetzung des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen.

    Doch ob eine solche c-Reformation wirklich nachhaltig wäre, könnte bezweifelt werden, wenn die ursprüngliche Motivation nicht biblische Erkenntnis ist, sondern der Mammon…

  3. Das Buch klingt interessant. Die Einleitungszeilen stehen allerdings den Bemerkungen über „Evangelikale“ und „Freikirchen“, die mitunter an evangelischen Fakultäten zu hören sind, an Pauschalität in nichts nach. Schade.

  4. Schandor meint:

    Ich vermute, man will

    a) die Kirchensteuer schon jetzt erhöhen,
    b) den Staat schon lange ins Boot ziehen.

    Wenn die Ländereien wirklich dermaleinst verkauft worden sind, wird man’s vermutlich auch tun.

    c) wäre wünschenswert. Und wie! Die Reformation könnte nicht nur bezweifelt werden, sondern wird es tatsächlich. Mir ist dagegen schleierhaft, inwiefern eine solche c-Reformation vom Mammon motiviert sein könnte… 😉 🙂

    Liebe Grüße!

  5. Johannes Strehle meint:

    Aus einem Leserbrief zum FAZ-Artikel:

    „Der aufgeklärte liberale Protestantismus ist größtenteils auch darin aufgeklärt,
    sich seines gedanklichen Abstandes zu Luther bewusst zu sein.
    Der paulinisch-reformatorische Freiheitsgedanke Luthers
    ist nur in veränderter Form im modernen Freiheitsbewusstsein enthalten.
    Dabei handelt es sich aber
    weder um eine illegitime noch um eine „trivialisierende“ Umformung,
    denn sie kann sich als konsequente Weiterführung
    des für Luther tatsächlich zentralen Gedankens
    der Gewissensfreiheit und Gewissensbindung verstehen.“
    „Der Vorsatz, sich dem Mann des sechzehnten Jahrhunderts
    theologisch und kirchlich völlig anzugleichen,
    ist demgegenüber willkürlich und unverantwortlich.“

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  1. […] Jochen Teuffel hat heute in der FAZ den Artikel »Man höre doch mal dem Heiland zu« publiziert. Wieder kann ich Teuffel in vielen Punkten zustimmen, z.B. dort, wo er die Trennung von Kirche und Staat […]

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