Soziobiologie des Gewissens

41vTLYeCGMLEckart Volant und Renate Volant haben ein Buch über die Entstehung des menschlichen Gewissens geschrieben. Ihre naturalistisch-freudianische Deutung der Gewissensgenese geht ungefähr so:

Der Homo sapiens schlug den evolutionären Sonderweg der kooperativen Fortpflanzungsgemeinschaften ein. Will heißen: Man kümmert sich gemeinsam um den Nachwuchs. Kinder verursachen Stress und mindern die Fitness. Damit sie zur lohnenden Anschaffung werden, müssen sie zur Mithilfe verpflichtet werden, wovon sie selbst wenig Nutzen haben. Hier hat das Gewissen seinen Auftritt: Es ist die Keule, mit der die Eltern ihre Kinder in moralischer Haft und in der für sie unvorteilhaften Helferrolle halten. Eltern, die nur an der Weitergabe ihres eigenen Erbmaterials, vulgo ihrer Fitness, interessiert sind, ziehen es früh als internalisierten Zwang heran. Der Arm der Familie reicht weit. Wie Studien nahe legen, entsteht das Gewissen sehr früh in der Eltern-Kind-Beziehung, und es quält die Nachkommen ein Leben lang.

Zum Familienbild der Autoren lässt sich sagen: Hier möchte man nicht geboren sein. Wer sich Familie als geschützten Raum vorstellt, an dem man im Durchschnitt etwas rücksichtsvoller miteinander umgeht, wird unsanft geweckt. Das Zusammenleben ist hier eine nackte Kosten-Nutzen-Rechnung, die unter dem Primat erfolgreichen Gentransfers steht.

Wer die Rezension von Thomas Thiel liest, wird „spüren“, dass die naturalistische Sicht auf den Menschen das Geheimnis der Personalität nicht zu lüften vermag. Ich bezweifle, dass sich daran etwas ändert, wenn man das gesamte Buch Evolution des Gewissens studiert.

Kommentare

  1. Ich gehe mal davon aus, dass das Buch vom „Ehepaar“ Voland geschrieben wurde. Bei diesem Thema wäre der persönliche Hintergrund / Kontext der Autoren interessant, v.a., ob sie selbst Kinder haben und inwieweit sie wirklich konsequent nach ihrer Weltanschauung leben (können).

  2. Schandor meint:

    Diese Menschen treiben im besten Fall Unsinn, im schlimmsten Fall Missbrauch mit ihrer „wissenschaftlichen“ Herkunft.

    Das Gewissen – nichts als Echo der Umwelt?

    Bei Durkheim wie bei Freud steckt das Problem in dem totalitären „nichts als“, in der geradezu diktatorischen Behauptung (nicht Beobachtung!): nur Sammelbecken der Umweltnormen, nur Verinnerlichung der elterlichen Wertmaßstäbe bzw. der Gebote des Kultur-Über-Ichs! Nichts als?
    Wir werden zunächst eine Unterscheidung vornehmen müssen, die sprachlich geringfügig erscheint, in der Sache jedoch von grundlegender Bedeutung ist, nämlich die Unterscheidung zwischen dem WAS und dem DASS des Gewissens, also zwischen den so ganz unterschiedlichen Gewissens-inhalten und der Tatsache, daß zum Menschen die innere Instanz Gewissen gehört. Wer Freunds extremer These zustimmen wollte, alle Gewissens-inhalte seien „nichts als“ Umweltimporte, hätte damit über die Tatsache Gewissen noch nichts gesagt, geschweige denn etwas erklärt. Es gehört zum Geheimnis des Menschseins, daß der Mensch weltweit, auf jeder Kulturstufe und in allen Zonen, als Gewissenswesen existiert: Der Mensch ist – wir lassen die Wertung zunächst offen – das mit dem Gewissen geadelte oder geschlagene Wesen.

    In wissenschaftlicher Sprache: „Die Moral des formalen Gewissens“ (formal = abgesehen von der inhaltlichen Füllung) gehört zum apriori, zum gegebenen Besitz jedes normalen Menschen“ (apriori = es ist von vornherein da, gehört dem Menschen wesenhaft zu, ist nicht erworben, anerzogen) „und läßt sich nicht genealogisch ableiten“. R.H. Grützmacher hat das gegen Nietzsches „Genealogie“ formuliert; es gilt aber auch gegen Durkheim und Freud [und wie man wohl hinzufügen darf: gegen die Volands]: Das Gewissen als Instanz im Menschen läßt sich weder soziologisch noch tiefenpsychologisch [und wie man anfügen darf: auch nicht evolutionsbiologisch oder evolutionsgeschichtlich] herleiten und erklären.

    Siegfried Kettling – Das Gewissen, 4.2.3

  3. Florian meint:

    Gewissen als ein Produkt der Erziehung zu sehen, ist ja nichts Neues – auch wenn der Ansatz halt nur kleine Teile des Gewissens erklärt. Aber ist es wirklich notwendig dem ersten erziehenden Menschen böse Absichten zuschreiben zu müssen? Selbst aus evolutionstheoretischer Sicht kann man doch einfach sagen, dass sich Absichten bereits entwickelt haben (wie auch immer das möglich sein soll) und dass hiermit der Mensch zu seinen Zwecken ein Erziehungsideal entwickeln konnte.

  4. rolf eicken meint:

    @Schandor,
    so ungern ich Ihnen widerspreche, zumal ich mit dem was Sie in den ersten 2 Absätzen sagen, völlig einig bin. Aber bitte, das Gewissen ist nicht einfach so da. Das ist ein langer Prozess der mit ethisch/moralischen Einsichten aufgrund von Nachahmung und dem Durchspielen von Versuch und Irrtum zu tun hat. Gewissen hat auch etwas mit Charakter zu tun und Aristoteles sagt ganz dezidiert, dass so etwas wie ein geschultes Gewissen o. Charakter nur durch das Einüben von Tugend (arete) erricht wird und auch nur dann, wenn der Pfad ständig beschritten wird, damit sich überhaupt ein Pfad bildet und er als solcher auch bleibt. Gewissenlose Menschen hatten die falschen Vorbilder.

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