Stalin und die Lust an der Gewalt

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Josef Stalin im Jahre 1902

Eine neue Studie über Stalins Gräueltaten untersucht, warum der Diktator in der Sowjetunion ein System des Terrors einrichtete: aus Freude am Foltern und Morden. DIE WELT hat das Buch Verbrannte Erde von Jörg Baberowski vorgestellt.

Nach Baberowski ähnelt Stalins Herrschaftsverständnis dem Ehrenkodex der Mafia: indem er seine engsten Gefolgsleute – Aufsteiger wie Gromyko, Chruschtschow oder Breschnjew, aber auch Orschonikidse und Molotow oder Mikojan – in Verbrechen verstrickt, zwingt er sie, sich ihm bedingungslos auszuliefern; er macht sie zu Komplizen, die schließlich „Gewalt für eine tägliche Ressource politischen Handelns“ halten.

Baberowski attestiert Stalin alle Kriterien eines typischen Psychopathen: Gefühlskälte, Gewissenlosigkeit, ein manipulatives Verhältnis zur Umwelt und die Unfähigkeit, Reue oder Mitgefühl mit anderen Menschen zu empfinden. Es ist diese psychopathische Grundstruktur, die zur Entfesselung destruktiver Kräfte führt und andere Psychopathen und Sadisten an ihn bindet – Gewaltmenschen, „die den Macholkult des Tötens“ öffentlich inszenieren, sich mit den Insignien militärischer Gewalt, mit Militärstiefeln, Uniformen und Pistolenhalftern umgeben und Mitleid ebenso wie Toleranz verachten.

„Niemand“, schreibt Baberowski, „hatte Stalin je ohne Stiefel und Militärmütze gesehen“, und selbst in ökonomischen Fragen habe der Tyrann sich meist nur „terroristische Lösungen vorstellen können“ – etwa beim Bau des Weißmeer-Ostseekanals, der Petersburg mit der Barents See verbindet und Zehntausende von Todesopfern forderte.

Mehr: www.welt.de.

Kommentare

  1. Interessant, wie schnell heutzutage Gräueltaten psychologisch entschuldigt werden – er war ja so ein Psychopath, der kann ja nix dafür, dass er so ist… In dem Zusammenhang erinnere ich gerne an Manfred Lütz‘ genial geschriebenes Buch: IRRE! Wir behandeln die Falschen – Unser Problem sind die Normalen. Grad kürzlich erneut mit viel Gewinn gelesen.

  2. @Jonas: Ja, ich stimme vollkommen zu.

    Liebe Grüße, Ron

  3. Roderich meint:

    Hinter so einer psychologisierenden Erklaerung (und Relativierung) kann auch (wieder) ein subtiler ‚Entschuldigungsversuch‘ des Kommunismus stehen.
    (Nach dem Motto ’nicht der Kommunismus war das eigentlich Schlimme, sondern ein paar Psychopathen, welche die an sich wunderbare Idee missbraucht haben‘).

    Da lobe ich mir die Klarheit in dem Buch ‚Witness‘ von Whittaker Chambers, einem ex-Kommunisten in den USA, der spaeter (als Christ) einen kommunistischen Spionagering aufgedeckt hat und meinte, Stalin sei nur die logische Konsequenz aus diesem Gedankengebaeude und System, in dem der Glaube an eine hoehere Macht radikal und konsequent abgeschafft wurde. Sehr lesenswerte Biographie; sie wurde von der FAZ auf eine Reihe mit der Biographie ‚Bekenntnisse‘ von Augustinus gestellt. Wurde leider nie ins Deutsche uebersetzt wegen der 800 Seiten und der vorherrschenden anti-Antikommunistischen Meinung hier.

    Genauso klar auch der ‚Archipel Gulag‘ von Solschenizyn, der sich ja u.a. auch wegen Stalin vom Kommunismus losgesagt hatte und daher (und wegen seines Manifestes) in das Straflager kam.

  4. Alexander meint:

    Ihr Lieben, ich bin kein Stalin- oder Stalinismus-Experte und habe das Buch von Baberowski nicht gelesen. Aber ich habe letztes Jahr einen Vortrag von ihm gehört und mich hinterher länger mit ihm unterhalten. Er will den Kommunismus gewiss nicht entschuldigen.

  5. Joschie meint:

    Dieses Buch war nicht ohne Grund in DDR verboten. Wolfgang Leonhard „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ http://www.kiwi-verlag.de/das-programm/einzeltitel/?isbn=978-3-462-03498-1

  6. Auch der Deutschlandfunk hat am Sonntag das Buch in einem ausgezeichneten Beitrag besprochen: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1705603/
    @Roderich
    Das Schlimme am System Kommunismus war, dass viele Bürger so manipuliert werden konnten, einen Psychopathen und Massenmörder als Heiligen zu verehren (siehe die Trauerfeier für ihn im ganzen Ostblock). Hier funktionieren keine Kontrollinstanzen mehr, die das Böse zumindest begrenzen könnten.

  7. Letzten Endes sehen wir hier sehr gut, weshalb es notwendig ist, die Gebote Gottes in der Politik so hoch zu halten: Jeder Mensch, wenn er genügend Macht in den Händen hält oder sich danach ausstreckt, ist potentiell ein Stalin oder auch ein Hitler. Sie alle sind normale Menschen (eigentlich muss man sagen sie sind recht intelligente Menschen; insofern hält Aufklärung nicht vom schlechten Handeln ab), wie wir alle, die ihre Ideologie zum Machtzweck genutzt haben. Der Mensch braucht Gottes Gebote über sich stehen haben, um ihnen bzw. Gott Rechenschaft darüber ablegen zu müssen für das, was er mit seiner Macht tut. König David, explizit „ein Mann nach dem Herzen Gottes“ genannt, ist hier das perfekte Beispiel. Auch er schreckte nicht davor zurück, seine Macht für sein sexuelles Begehren zu missbrauchen und dabei sogar jemand anderes in den Tod zu schicken. Aber da hat das funktioniert, dass ein Prophet aufstand und ihn deswegen rügte. Da behaupte ich mal, dass es auch heute solche Propheten wie Nathan braucht. David war Mensch, durch und durch, aber bereit, sich unter Gottes Gebote zu stellen. Und das macht ihn zu einem meiner größten Vorbilder der ganzen Weltgeschichte.

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