Steven Pinker: „Desaster des Postmodernismus“

Der Harvard-Professor Steven Pinker hat sich in dem Aufsatz „Science Is Not Your Enemy“ seinen Frust von der Seele geschrieben. Wie Telepolis meldet, plädiert er dafür, „dass sich Geisteswissenschaften vom ‚Desaster des Postmodernismus, mit seinem trotzigen Obskurantismus, seinem dogmatischen Relativismus und seiner erstickenden politischen Korrektheit‘ abwenden und der Naturwissenschaft zuwenden sollten, deren neue Erkenntnisse seiner Ansicht nach das Potenzial haben, andere Disziplinen zu befruchten.“

Weiter heißt es:

Dabei hätten die Geisteswissenschaften Pinker zufolge ein paar neue Ideen vonseiten der Naturwissenschaften bitter nötig: In den USA gehen die Studentenzahlen nämlich vielerorts zurück und die Absolventen solcher Fächer müssen sich zunehmend in schlecht bezahlten Jobs verdingen oder finden gar keine Arbeit. Neben antiintellektuellen Tendenzen in der US-Kultur und einer zunehmenden Kommerzialisierung der Universitäten sieht der Experimentalpsychologe die Ursache dafür auch bei den Fächern selbst: Sie hätten sich zu lange im postmodernen Dogmatismus ausgeruht und nichts wirklich Neues auf die Beine gestellt. Angeblich beklagen sich Hochschulleiter zunehmend, dass Geisteswissenschaftler immer nur Besitzstände wahren wollten, wenn sie mit etwas ankommen, während Naturwissenschaftler stets aufregende neue Projekte vorzuweisen hätten, wenn sie um Mittel ersuchen.

Nun ist der von Pinker verteidigte Szientismus sicher keine Antwort auf die Fragen der Zeit. Seine Analyse trifft den Nagel allerdings auf den Kopf und es mehren sich die Zeichen dafür, dass an den Universitäten der Widerstand gegenüber dem geistlosen postmodernen Dogmatismus wächst. Ich kann es den Studenten nur wünschen.

Kommentare

  1. Ron, dein Wunsch ist unterschrieben. Nur scheint der Postmodernismus im christlichen Kuchen erst richtig Einzug zu halten.

  2. @Hanniel: Ich habe mal gehört, die Evangelikalen hängen ungefähr 30 Jahre hinterher. Das kommt ja ungefähr hin. 😉
    Liebe Grüße, Ron

  3. hmm – und wer sagt´s ihnen??

  4. Jordanus meint:

    Der Philosoph Markus Gabriel hat neulich im DLF zwei Autoren empfohlen, die an der „Überwindung“ der Postmoderne arbeiten: Paul Boghossian und Quentin Meillassoux. Demnächst werde ich mir mal „Fear for Knowledge“ von Boghossian zu Gemüte führen. Das gibt es mit dem Titel „Angst vor der Wahrheit“ auch auf deutsch – übersetzt von dem Assistenten von Gabriel. Meillassoux hat ein Buch mit dem Titel „Nach der Endlichkeit: Versuch über die Notwendigkeit der Kontingenz“ geschrieben, was sich auch mit dem Thema beschäftigen soll.

  5. Jordanus meint:

    Ich glaube, diese „postmoderne Beliebigkeit“ ist manchmal auch eine Vorstellung von Naturwissenschaftlern, die die Geisteswissenschaften nicht verstehen. Es gibt mindestens genauso aufregende Forschungsprojekte auch in den Geisteswissenschaften, nur ist hier oftmals der Erfolg weniger meßbar und alle bilden sich ein, man bräuchte solche Projekte nicht. Ich habe in meinem Studium sehr präzise arbeitende Literaturwissenschaftler und Historiker kennen gelernt, die keineswegs der postmodernen Beliebigkeit verfallen sind. Es gibt sie auch heute noch zahlreich! Aber in der Theologie kommen eben viele Erkenntnisse tatsächlich erst Jahrzehnte später an.

  6. DanielV meint:

    Fragt sich nur, was den Postmodernismus schließlich ersetzen wird…

    Da müsste man sich jetzt schonmal „Gedanken“ machen, gerade wenn es seit ein paar Jahren tönt, die Postmoderne sei mittlerweile schon wieder vorbei.

  7. Die Post-Postmoderne ist eine Rückkehr zum Absoluten. Nur mit dem Unterschied, dass die Postmoderne den Zweifel in der Kirche institutionalisiert hat. Was bis zur Moderne dem Liberalismus der großkirchlichen Bibelkritik überlassen war, ist zur Substanz des Evangelikalismus geworden. Was sich nun mehr und mehr zu einem neuen Absoluten formiert, ist vielmehr der Abschied von der Irrtumslosigkeit und von der Glaubwürdigkeit von Gottes Wort. Anders gesagt: Was übrig bleibt, ist das „Reich Gottes“, das noch aus dem Kulturprotestantismus und der sozialen Frage besteht. Der Evangelikalismus wird zum Vertreter des neuen Sozialismus, der schon längst zunimmt. Die Bibel ist noch ein Buch, mit dem man in den Dialog treten kann, das ein paar Geschichten enthält, die einem helfen, sich selbst mehr zu mögen.

  8. Nun, was die Theologie betrifft, wird es keine Überwindung der Postmoderne geben, denn das, was zu überwinden wäre, wird als die große Freiheit gefeiert. Ebenso, wie für Barth eine Überwindung der Bewusstseinstheologie alles Mögliche bedeuten konnte, nur keine Rückkehr zur Orthodoxie, so wird es auch für postmoderne Theologen kein Zurück zu den Fleischtöpfen eines objektiv beschreibbaren Gottes und einer geschichtlich verifizierbaren Erlösung geben. Frei nach Galater 5,1: „So bestehet nun in der Freiheit, zu der uns Kant befreit hat, und lasset euch nicht wiederum in das knechtische Joch fangen.“

  9. @ Jordanus: Danke für den Hinweis auf Boghossian. Ich habe den Titel auf englisch teilweise gelesen und bin froh um die Übersetzung.

  10. Roderich meint:

    @Jonas,
    hervorragend auf den Punkt gebracht; danke!

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