Tablet oder Papier?

Lesen wir mit Tablet und Smartphone anders als im gedruckten Buch? Welchen Einfluss hat das Lesegerät auf unsere Fähigkeit, das Gelesene zu erinnern? Welche darauf, sich ins Lesen auch zu vertiefen?

Fridtjof Küchemann aus der FAZ-Redaktion setzt sich in seinem Artikel „Wo stand das jetzt gerade noch?“ genau mit solchen Fragen auseinander. Mehr als hundertfünfzig Wissenschaftler aus mehr als dreißig Ländern haben sich Ende 2014 zur Initiative E-Read zusammengeschlossen, um die Leseprozesse im digitalen Zeitalter zu erforschen.

Die allgemeinen Vorteile von digitalen Lesegeräten sind nicht von der Hand zu weisen: ihre Speicherfähigkeit, die leichte Verfügbarkeit schier grenzenloser Textmengen, die Möglichkeit, die Größe der Buchstaben und die Helligkeit des Hintergrunds auf die eigenen Bedürfnisse abzustimmen. Wer in Texten sucht oder den Verweisen auf andere Texte direkt nachgehen will, wird die Vorteile des Bildschirmlesens schätzen.

Es gibt aber auch ein großer „ABER“:

Andererseits hat das Lesen am Bildschirm auch seine Nachteile. In ihrem zwei Jahre alten Buch „Words On Screen“ fasst die Linguistin Naomi Baron den Forschungsstand so zusammen: Das Lesen gerade längerer Texte sei auf dem Bildschirm schwieriger, das vertiefte Lesen, das Erinnern des Gelesenen, der persönliche Zugang und die emotionale Beteiligung fielen schwerer. Das Erinnerungsvermögen, erklärt der Niederländer Aariaan van der Weel, Buchwissenschaftler an der Universität Leiden, werde durch die physische Verortung des Gelesenen begünstigt: Wir verknüpfen bestimmte Textpassagen mit ihrer Position in einem konkreten Buch. Wenn wir beim Lesen scrollen oder auf demselben Gerät verschiedene Texte läsen, werde das verhindert.

Theresa Schilhab, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Aarhus, sieht diesen Verzicht auf physische Anker, der mit dem Gebrauch digitaler Multifunktiönsgeräte einhergeht, in noch größerem Rahmen! Schon Babys würden mit iPads beruhigt, abgelenkt oder unterhalten und wendeten sich immer weniger der gegenständlichen, physischen Welt zu. Unsere unmittelbaren Erfahrungen nähmen ab. Das multimediale Füllhorn führe dazu, dass wir uns mit der wirklichen Welt immer weniger beschäftigten. „Ich möchte nicht nahelegen, dass diese Entwicklung ein Irrweg ist“, formuliert die Forscherin vorsichtig, „aber ich wäre froh, wenn wir uns ernsthafter mit den Folgen beschäftigen worden, die das für unser Lernen oder für unser Verständnis von der Welt haben könnte.“

Mir persönlich ist die Umstellung auf das digitale Lesen schwergefallen und ich trauere meiner Bibel samt den Anstreichungen immer wieder nach. Da ich aber viel auf Reisen bin, überwiegen die Vorteile der digitalen Reader. Das Mitschleppen von Büchern während der Zugfahrten ist – von Ausnahmen abgesehen – Vergangenheit. Die Software Logos erlaubt es mir, auf eine umfängliche Bibliothek zuzugreifen, vorausgesetzt, ein WLAN steht zur Verfügung. Bücher, mit denen ich häufiger arbeite, habe ich auf dem lokalen Speicher meins Tablets gesichert, darunter mehrere Bibeln. So mache ich inzwischen das persönliche Bibelstudium auf dem Tablet unter Logos. Eine feine Sache, aber dennoch nicht unproblematisch. Folgende Beobachtung kann ich bestätigen:

Selbstverständlich könne auf einem Tablet genauso eindringlich gelesen werden wie in einem Buch, stellt Adriaan van der Weel klar, es sei nur sehr viel weniger wahrscheinlich. Die Verbreitung von ausschließlich für das Lesen vorgesehenen digitalen Geräten wie dem Kindle oder dem Tölino halte sich in Grenzen. Und auf den Smartphones und Tablets konkurriere das Lesen mit der nächsten Whatsapp-Nachricht, einem Youtube-Clip öder dem raschen Blick in die Facebook-Timeline. Ablenkung sei ein Merkmal dieser Geräte, und es könne auch zum Merkmal von Texten werden, die eigens für diese Geräte entstanden seien. „Das Lesen hat Effekte, die wir nicht bewusst suchen, die aber beim Lesen gedruckter Texte gut zum Tragen kommen“, erläutert van der Weel: „der Rückzug aus der sozialen Umwelt, die Anregung der Phantasie, die Entwicklung von Empathie, die Entwicklung und Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit und der Disziplin, die Erweiterung des Wortschatzes oder abstraktes Denken.

Die digitalen Lesegeräte werden sich weiter verbreiten und wohl langfristig durchsetzen. Dennoch hoffe ich, dass uns die gedruckten Bücher noch lange erhalten bleiben. Ich liebe in diesem Fall das Arrangement.

Fridtjof Küchemann hat einen feinen Beitrag geschrieben (FAZ vom 22.03.2017, Nr. 69, S. 9). Vielen Dank!

Nachtrag vom 24.03.2017: Der Artikel steht inzwischen online: www.faz.net.

Kommentare

  1. Christ meint:

    Ein interessantes Thema, zu dem ich mir auch schon oft Gedanken (und meine Erfahrungen) gemacht habe.

    Im Prinzip kann ich dem Artikelschreiber zustimmen: Für anspruchsvolleres Lesen halte ich das Buch für weit besser geeignet als die digitale Variante. Als bekennender Smartphone-Verweigerer kann ich allerdings nur vom E-Reader sprechen, auf dem ja auch wesentlich augenschonender zu lesen ist – und der ohne die angesprochenen Ablenkungen daherkommt. Aber selbst da muss ich konstatieren, dass ich bei Bibelstudium oder Büchern wie z.B. Tim Kellers „Beten“, dass hier ja mal empfohlen wurde, viel lieber ein Buch in der Hand halte. Dies trifft auf theologische Kommentare usw. noch deutlicher zu.

    Irgendwie habe ich beim E-Reader das Gefühl des Verlustes der Unmittelbarkeit. Zudem kann ich im Buch auf mal zurückblättern, anstreichen, Notizen machen usw., was digital etwas mühevoll ist.

    Das soll jetzt kein Plädoyer ausschließlich fürs gedruckte Buch sein. Belletristik und aufbauende christliche Literatur (besonders die im Web vorfindliche Fundgrube an gegenwärtig nicht mehr aufgelegten älteren Büchern) lese ich gern digital. Alles andere wäre dann bald ein Platzproblem.

Deine Meinung ist uns wichtig

*