Theologie der Hoffnung – passt das noch?

Jürgen Moltmann ist am 8. April 2016 90 Jahre alt geworden. Der evangelische Theologe wollte die Trennung zwischen Religion und Politik aufbrechen. Moltmann wandte sich gegen die – wie er es nannte – „transzendentale Eschatologie“ und warb für ein Offenbarungsverständnis, das offen ist für die Verheißungsaussagen, die sich nicht jenseitig, sondern in der Geschichte erfüllen. Seiner 1995 erschienenen Eschatologie gab er den Titel: Das Kommen Gottes. Gott kommt weder in einem zeitlosen oder übergeschichtlichen Sinne, noch am Ende der Geschichte. Die Welt ist ein offener Prozess, in welchem das Heil und die Vernichtung der Welt auf dem Spiel stehen.

Moltmann fordert eine handlungsfähige Theologie. Karl Marx schrieb 1845 in seinen Thesen über Feuerbach: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern.“ Moltmann artikulierte knapp 120 Jahre später: „Für den Theologen geht es nicht darum, die Welt, die Geschichte und das Menschsein nur anders zu interpretieren, sondern sie in der Erwartung göttlicher Veränderung zu verändern.“

Inspiriert wurde Moltmann von dem Marxisten Ernst Bloch (1855–1977) sowie von der „Kritischen Theorie“ der Frankfurter Schule, insbesondere durch Max Horkheimer (1895–1973) und Theodor W. Adorno (1903–1969). Seine „Messianische Ethik“ wurde darüber hinaus durch die amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen und Martin Luther King angestoßen. Bezug nehmend auf Kings Traum konzipierte Moltmann die Hoffnung auf eine Welt mit gleichen Lebensverhältnissen für alle und der lebensförderlichen „Gemeinschaft der Menschen mit allen Lebewesen auf der Erde“.

Heute bündelt Jürgen Moltmann diese handlungsfähige Theologie unter dem Begriff einer „Transformativen Eschatologie“. Diese Eschatologie unterscheidet sich von der lutherischen, reformierten oder täuferischen, da sie das ethische Prinzip der Weltverantwortung aufnimmt. „Sie leitet zum transformativen Handeln an, um nach Möglichkeiten und Kräften die Neuschöpfung aller Dinge vorwegzunehmen, die Gott verheißen und Christus in Kraft gesetzt hat.“ „Sie arbeitet an einer entsprechenden Umwertung der Werte dieser Welt, um der kommenden Welt Gottes gerecht zu werden.“

Christoph Fleischman hat sich für Deutschlandradio Kultur mit ihm auseinandergesetzt. Bei dem Gespräch werden die Schnittstellen zwischen der Theologie der Hoffnung und der neueren, evangelikalen Transformationstheologie schön offengelegt (siehe dazu auch „Wofür ist die Kirche da?Anfragen an die transformative Eschatologie“).

Hier der Radiobeitrag:

 

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Kommentare

  1. @Ron

    Danke für das Aufgreifen. Ich werde bei diesem Thema immer ein wenig unruhig, da mir viele Narrationen zu sehr allein innerweltlich politisch, psychologisch und philosophisch erscheinen – und es leider auch sind. So wirken manche Vertreter bisweilen wie Leute, die den religiösen Bezug anderer für ihre eigenen gesellschaftspolitischen Ziele regelrecht missbrauchen, ohne dass die anderen merken, dass das gar nicht ihre eigenen sind. Hellhörig werde ich auch, wenn kirchliche Vertreter anstatt von Gottes Ordnung oder Geboten zu reden, in weltliche Begrifflichkeiten wie Ethik und Moral verfallen und mit einem „Nie wieder Moral“ eigentlich „Nie wieder Gottes Gebote“ meinen – aber das nur nebenbei.

    M. spricht im Interview einen entscheidenden Punkt für die Theologie in Deutschland an: Auschwitz. Nach vielen (natur-)wissenschaftlichen Angriffen auf das Christentum stellte dieses Ereignis eine große Zäsur dar und führte Kirche und Theologie über die Lehre vom sog. doppelten Heilsausgang zu immer mehr Christus-Vergessenheit hin zu einem jüdisch-philosophischen Universalismus. Nach der Änderung der Perikopenordnung kann man ja regelrecht froh sein, dass es dort überhaupt noch ntl Texte gibt.

    Die „transformative Eschatologie“ ist eine große Chance – aber nur dann, wenn wir wissen, was wir da transformieren, wenn wir uns also überhaupt wieder für Eschatologie öffnen können. Ohne Eschatologie keine Transformation und damit kein Handeln in die Welt im Sinne und aufgrund transformativer Eschatologie.

    Die Frage, die nicht verklausuliert auf den Tisch in Kirche und Theologie muss, ist: Glaubst du an die Wirklichkeit Gottes in dieser Welt oder denkst du, dass du das alles selbst bist? Und wenn du denkst, dass da etwas außerhalb von dir ist, warum traust du diesem „außerhalb von dir“ nicht auch die Macht zu Auferstehung und Ewigem Leben durch Jesus Christus, mithin zur Eschatologie, zu?

  2. Wie konnte es kommen, dass die Christus-Vergessenheit, die zu dem Nihilismus geführt hatte, der den Nationalsozialismus und damit Ausschwitz ermöglichte, als Medizin und angemessene Reaktion darauf angesehen und von der Theologie in eine andere Richtung weiterentwickelt wurde?

  3. Stephan meint:

    Moltmann wollte Trennung zwischen Religion (da steht also nichts von Christus, sondern lediglich Religion) und Politik aufbrechen. Transformationstheologie also, die heute im evangelikalen Umfeld von vielen angestrebt wird.
    Nur wo in der Bibel wird das als Auftrag benannt, wo steht überhaupt, dass ich als Christ zusammen mit der „Welt“ an einem Joch ziehen soll oder gar darf? Der „natürliche Zustand“ des Christentums ist der der Verfolgung um des Namens Jesu willen, nichts anderes ist aus der Bibel herauslesbar.
    Freundschaft mit der Politik hatten die „Deutschen Christen“ – und was dabei herauskam, war nicht (@Gast) „die Wirklichkeit Gottes in dieser Welt“, sondern bejubelter Krieg und Vernichtungslager. Das andere Ende des christlichen Spektrums war die „Bekennende Kirche“ mit Opfern wie z.B. Bonhoeffer, die zu den Geschwistern, u.a. getaufte Juden, standen.
    Bei Luther gab es noch eine „Zwei-Reiche“-Theologie (auch wenn diese Bezeichnung dafür erst im 20. Jahrhundert entstand), und nun treten einige Evanglikale mit Riesenschritten den Rückweg in die Ein-Reich-Landschaft an, also Staat/Welt und Religion Hand in Hand …
    Moltmann hätte das aufgrund seines Lebensalters durchaus mitkriegen können, was damals passierte – selbst in Freikirchen wurden der Überlieferung nach Dankgottesdienste gefeiert, weil die Stadt nun judenfrei sei. Und wer wie wir online auf alle geschichtlichen Informationen, auf Bibelauslegungen usw. mühelos zugreifen kann, hat keine Entschuldigung vor Gott, dass er aktiv an „Transformation“ mitgewirkt hat. Transformiert wird allerdings nur das Christentum und dieses der Herrschaft Satans unterstellt, aber niemals würde sich die Gesellschaft Jesus unterordnen.

  4. @Jörg

    Das ist ein weites Feld, lieber Jörg. Angst vor Repression spielt eine Rolle, aber auch die Macht eines argumentum ad verecundiam spielt eine Rolle, insbesondere weil Menschen in ihrer Unsicherheit den Eliten in Kirche und Theologie kraft ihres Amtes eine besondere Nähe zu Gott zuschreiben und deshalb denken, dass die Eliten es im Zweifel einfach besser wissen. Menschen schauen (auch in ihrer Bequemlichkeit) eher auf die Eliten oder in Sekundärliteratur als selbst in die Schrift.

  5. @Stephan

    Nur eine kurze Rückmeldung: Christ und Welt gegeneinander scharf abgrenzen zu wollen kann nicht funktionieren. Christsein ist nicht Weltfremdheit. Ich behelfe mir da eines Adjektivs, nämlich wenn ich dann von chaotischer Welt spreche, in die der Christ ordnend eingreift. Das tut der Christ z.B, wenn er dem Missionsbefehl folgt.

  6. Stephan meint:

    Im Gegensatz zu Dir sehe ich nicht die Möglichkeit, dass der Christ ordnend in die Welt eingreifen kann (oder es versuchen sollte). Mission ist kein Ordnen, sondern Eingriff in den Herrschaftsbereich Satans und sorgt daher in der Welt für Unordnung – deshalb ist christliche Mission ja auch in vielen Ländern verboten. Es sei denn, wir verstehen unter Mission etwas Unterschiedliches, was ich nach Deinen Textbeiträgen durchaus vermute.
    Als Christ bin ich mir bewußt, dass ich in der Welt lebe, Abgrenzung: „Gebt Gott, was Gottes ist und dem Kaiser, was des Kaisers ist“, aber immer unter der Maßgabe, dass man Gott mehr zu gehorchen hat als den Menschen.
    Auch die Feststellung, dass ich als Christ gegen Abtreibung bin oder den kirchlichen Segen für Menschen mit sexuellen Orientungsstörungen (WHO-Begriff) nicht goutiere ist kein Ordnen – aber eine scharfe Abgrenzung. Ebenso, dass ich in keiner Gemeinde zu finden bin, in der Frauen in Leitung und Lehre stehen. Da bin ich gerne gegen den Zeitgeist „weltfremd“ – das ist sogar ein Kompliment für mich, denn in der Welt herrscht Satan, und dem will ich auch gerne fremd bleiben. Und daher ist Christsein eben doch Weltfremdheit.
    Die gesellschaftlichen Tendenzen sind nicht meine Tendenzen, wenn sie im Widerspruch zur Bibel stehen.
    Du hast oben so schön von Bequemlichkeit des Menschen geschrieben: das sehe ich auch als das größte Problem. Das Allgemeine Priestertum wird weder verkündigt noch praktiziert, eventorientierte Veranstaltungen anstatt eines wort- und Jesuszentrierten Gottesdienstes, Joyce Meyer auf BibelTV anstatt Hauskreis, und anstelle der Bibel lieber simple Literatur über „gefühlsbetonten“ Glauben oder irgendwelche Offenbarungen (so im Sinne wie 365 Liebesbriefe von Jesus und ähnliche Schundliteratur). Hebr 5,12 läßt grüßen.
    Und diese Bequemlichkeiten und daraus resultierenden Oberflächlichkeiten sehe ich nicht nur in Amtskirchen, sondern mittlerweile in vielen Freikirchen, insbesondere denen mit Hang zur Gesellschaftstransformation. Die Alarmglocken klingeln in dem Moment, in dem ich dann Begriffe oder Namen wie „Kirche für Stadt xy“ oder „Stadt xy-Projekt“ lese – dafür kenne ich mittlerweile zu viele Leute, die dort als Besucher hingehen oder dort sogar in Leitungsverantwortung stehen und weiß, wie genau es dort mit dem Wort Gottes genommen wird und wie wenig „weltfremd“ diese Leute sein wollen.

  7. @Stephan

    So ähnlich rede ich auch, nur mit anderen Worten. Mir geht es bei dem Begriff Welt lediglich darum, mehr Verständlichkeit hineinzubringen. So wie im Kleinen ins uns die Kämpfe toben, so toben sie auch in der großen Welt. So wie im Kleinen in uns der Weg der Heiligung beschritten werden kann, so kann er auch in der großen Welt beschritten werden – bis zur Vollendung, wenn der HERR wiederkommt. Und ich danke Dir, dass Du meine Vorstellung von Mission nicht missverstehen willst, denn das hat nichts mit gewaltsamen Zwang zu tun (das ist theologisch gar nicht zu rechtfertigen), sondern es geht um die Öffnung, dass sich Gnade ereignen kann.

  8. Stephan meint:

    @Gast

    Nein, wir reden nicht ähnlich nur mit anderen Worten. Du sagst, dass der Weg der Heiligung in der großen Welt beschritten werden kann – mit anderen Worten: Du bist auf der emergenten / transformatorischen Linie (gesellschaftsrelevante Kirche). Und ich dagegen sage, dass wir Menschen nicht das Reich Gottes auf Erden errichten werden / können. Die Bibel prophezeit andere Entwicklungen, und die Zeichen der Zeit sind jetzt schon zu sehen. Das Reich Gottes wird aber nicht von Menschen auf der Erde errichtet werden, sondern erst von Jesus bei seiner Wiederkunft. Und bis dahin werden wir einiges durchzustehen haben: ein vermeintliches, von Menschen errichtetes Reich Gottes wird für einige die Hölle auf Erden sein, wie immer, wenn Menschen vom Aufbau einer gerechteren Welt träumten.
    Wir sind uns lediglich einig, dass Mission mit Zwang nicht funktioniert, ebensowenig wie auch das gewaltsame Überstülpen ethischen und moralisch erwünschten Einstellungen. Allerdings denke ich, dass wir beide auch den Begriff Mission unterschiedlich füllen. Ebenso bereiten wir beide uns unterschiedlich auf das Kommende vor – Du Dich auf die Gesellschaftstransformation, und ich mich auf Verfolgung der Christen. Dank „argumentum ad verecundiam“ wirst Du jedoch auf der Seite der Mehrheit stehen, und gerade darum beneide ich Dich nicht.

  9. @Stephan

    Nein! Aber gut, dass Du rückmeldest, denn so kann ich entgegnen: Bis der HERR wiederkommt, werden wir und nachfolgende Generationen uns im Hamsterrad der chaotischen Welt drehen – mal mehr, mal weniger. Aber wir können uns und anderen den Weg zeigen (lassen), der diese chaotischen Welt verändert hat, verändert und verändern wird – und nur daraus erwächst ein transformatorisches Handeln in die Welt. Verstehst Du jetzt, wie ich das meine? Und da sind wir doch nicht unterschiedlicher Meinung, oder? Das Himmelreich in seiner Vollendung kommt erst noch, aber wir haben noch vielen Menschen davon zu verkündigen, damit sie und wir daran teilhaben können. Und wenn Gottes Wort verändernd auf einen Menschen trifft, dann verändern wir die Gesellschaft (Die Gesellschaft handelt ja nicht, sondern die Menschen, die die Gesellschaft bilden)

  10. Stephan meint:

    Doch, wir sind extrem unterschiedlicher Meinung. Du willst ein transformatorisches Handeln zur Veränderung der Gesellschaft (durch Veränderung von Menschen), und ich sehe keinen biblischen Befund dazu, dass das der von Jesus erteilte Missionsauftrag ist. Bei Mission geht es um Errettung von Menschen vor dem Gericht, und nicht darum, „die Römer aus Jerusalem zu vertreiben“. Wo hat der errettete Mensch seine Heimat / Wohnstätte? – im Himmel und nicht auf der Erde.
    Nimm Dir einfach mal die Geschichte vom barmherzigen Samariter vor, wer genau liest, wird feststellen, dass der Mensch (Du oder ich) nicht der Samariter ist (das ist nämlich Jesus), sondern der Mensch (Ein Mensch ging von Jerusalem nach … , Mensch = Adam = jeder Mensch) ist derjenige, der dort am Boden liegt und Errettung benötigt, jeder einzeln für sich. Und Jesus bringt diesen Menschen nicht in eine Stadt, um dort die Welt zu verändern, sondern in eine Herberge.
    Es gab Zeiten, da wurde beachtet und gewußt, dass es in Luk 10 um Errettung geht und nicht um Gutmenschentum. Es gibt schöne alte Kirchenfenster, die Jesus zugleich als Vertreiber aus dem Garten Eden als auch als den barmherzigen Samariter, also den Retter, darstellen.
    Aber ich denke, der Worte sind jetzt genug getauscht worden.

  11. @Stephan

    Schon Luhmann hatte erkannt, dass die Gesellschaft nicht handelt. Ich möchte Veränderung des Menschen (Rettung), die gesellschaftliche Dimension kommt dann wie ganz von allein. Besten Gruß und danke für die Rückmeldungen!

  12. Ich hatte vor drei Jahren die Gelegenheit, J.Moltmann in einem Seminar bei MISSIONALE (Köln) zu erleben: eine beeindruckende Stunde war das!
    Er strahlt wirklich etwas aus, was heute bei Christen selten geworden ist. Außerdem hat er Humor, was vielen ´christlichen Vertretern´ abgeht (schade, dass man das heutzutage betonen muss).
    Es war bewegend zu hören, wie er als Kriegsgefangener in Schottland Christus gefunden hat!
    Das hat mich (interessierter theologischer Laie) dazu gebracht, seine autobiografische Lebensgeschichte „Weiter Raum“ zu lesen, die ich unbedingt empfehlen kann.
    Die Theologie Moltmanns und seinen besonderen Ansatz wird man kaum in den wenigen Zeilen eines blogs angemessen wiedergeben, erörtern oder würdigen können. Als Theologe ist Moltmann jedenfalls kein´Bewohner des Elfenbeinturms´ gewesen.
    Außerdem finde ich beeindruckend, wie sehr er betont, dass ein Theologe den Bezug zur örtlichen Gemeinde braucht.

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