Theozentrische Theologie

Gemeinhin gilt Karl Barth als der Theologe, der dem Spuk der Schleiermachschen Vermittlungstheologie eine Ende setzen wollte. In gewisser Weise steht Barth allerdings in der Schuld eines anderen Theologen. Erich Schaeder, ab 1918 Professor für Theologie in Breslau, hatte bereits 1909 durchschaut, dass seit Schleimacher der Mensch in den Mittelpunkt der deutschsprachigen Theologie geraten ist und keine nachhaltige geistliche Neubelebung der Kirche zu erwarten ist, solange die Theologie nicht Gott ins Zentrum rückt und ehrt. »Der Theologe«, so schreibt Schaeder, »steht vor Gott und letztlich vor niemand sonst« (S. 214). Barth steht in mancher Hinsicht Schaeder so nah, dass Pannenberg in seiner Problemgeschichte der neueren evangelischen Theologie verwundert bemerkt: »Angesichts der sachlichen Nähe zu Schaeder ist es eigenartig, daß Barth ihn in seinen Publikationen selten und dann nur kritisch erwähnt, ihn dagegen nie unter seinen geistigen Ahnen nannte« (1997, S. 167).

Erich Schaeder setzte gegen die Erfahrungstheologie Schleiermachers und letztlich auch gegen die dialektische Theologie Barths eine Theologie des Heiligen Geistes.

Nein, der Tatbestand, der letzte, tiefste, um den es sich hier handelt — man glaubt alle seine Schwierigkeiten zu sehen und doch muß man ihn aussprechen — ist der: was wir, was unsere Glaubensgenossen, was die Kirche von Gott haben, was wir von Gott in und durch Jesus Christus haben, das haben wir, wiewohl es in Jesus Lebensinhalt und Lebensertrag einer geschichtlichen Persönlichkeit ist, durch Gottes souverän wirkenden Geist, durch eine schlechthin freie Macht- und Gnadentat des lebendigen Gottes. »Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesum Christum, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen usw.«

Über den Einfluss Schleiermachers schrieb Schaeder in seiner Theozentrischen Theologie (Bd. 1, hier 3. Aufl. von 1925, S. 3):

Man kann der durch Schleiermacher hervorgerufenen und beeinflußten Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts die Kritik nicht ersparen, daß sie in verkehrter Weise anthropozentrisch ist. Sie neigt in verschiedenen Formen und Graden dahin, die offenbare Herrlichkeit Gottes durch die Rücksicht auf den Menschen und auf das Menschliche zu verkürzen oder zu lädieren. In das Zentrum ihrer Betrachtung, in das Gott gehört, schiebt sich ihr mit größerer oder geringerer Energie der Mensch, oder er droht es zu tun. Sie treibt, beeinflußt vom innersten Lebenszuge der Aufklärung, der aber in einer Vereinseitigung der Gesichtspunkte der Lutherschen Reformation eine seiner Wurzeln hat, eine verkehrte Humanität, und die richtige, notwendige Divinität kommt dabei zu kurz. Wenn es eine Weiterbildung der dogmatischen Theologie gibt, dann muß sie darin bestehen, daß ihr der theozentrische Charakter, welcher ihr zukommt, klar und entschieden aufgeprägt wird.

Zu den bekannteren Schülern von Schaeder gehört – und man merkt es, wenn man ihn liest –, Hans Joachim Iwand (vgl. hier). Die Erneuerung der Theologie bleibt jedoch weiterhin Aufgabe. Möge der Heilige Geist die jetzt noch jungen Studenten und Theologen »packen«, damit sie die Wirklichkeit und Herrlichkeit Gottes wieder in die Mitte ihres Dienstes stellen.

Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen Artikel und den Hinweis auf Schätze der deutschen Theologie. Ich befürchte, dass man bei aller, teilweise notwendigen und äußerst hilfreichen Beschäftigung mit englischer, meist amerikanischer Theologie die Schätze und Antworten übersieht, die (moderne) deutsche Theologen auf unsere Situation in Dtl. zu geben wissen.

  2. @RaSchu: Da kann ich Dir nur betont zustimmen!

    Liebe Grüße, Ron

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