Trägerschicht der Trivialmoral

Reinhard Bingener, der übrigens Theologie in Halle, Chicago und München studierte, hat für die FAZ den Evangelischen Kirchentag in Dresden kommentiert. Darin heißt es:

In der Tendenz hat sich hier in der evangelischen Kirche, auch auf Kirchentagen, in den vergangenen Jahren bereits vieles verbessert. Manches, was über den Protestantismus verbreitet wird, ist mittlerweile Klischee. Was manche Theologen allerdings auf den Podien von Kirchentagen noch immer von sich geben, das ist – man kann es nicht anders sagen – grotesk.

Und wenn der Eindruck nicht täuscht, sind es häufig Pfarrer aus dem Milieu der Beauftragten für Umwelt, Frauen, Ökumene, Entwicklung und so weiter. Diese führen zwar nicht selten einen Doktoren- oder Professorentitel, kennen aber Grundunterscheidungen reformatorischer Theologie entweder nicht oder erachten sie für belanglos. Mitglieder dieser Funktionärsschicht haben allerdings reichlich Zeit, sich abseits der Gemeindearbeit völlig resonanzfrei in ihren engen Subkulturen zu tummeln sowie in allerlei Gremien, an denen der gewöhnliche Gemeindepastor schon wegen Arbeitsüberlastung nicht teilnehmen könnte, ihre Pfründe zu verteidigen.

Hier mehr: www.faz.net.

Kommentare

  1. Jürgen meint:

    „Resonanzfrei“.., wie treffend! Gefällt mir gut. Dummerweise werden diese Wortführer es nicht so sehen, da sie auf ganz andere Interessengruppen schielen und mediale Präsenz als Bestätigung ihrer Marschroute empfinden.

    Gruß, Jürgen

  2. Naja, ganz so einfach ist es nicht. Der Punkt ist doch auch, dass komplexere Sachverhalte, allemal wenn sie theologischer Natur sind und etwa etwas mit Sünde zu tun haben, in den Medien keine große Chance haben. So sind es oft die, die von „der Kirche“ Klarheit, Differenziertheit und theologische Tiefe einfordern, die sich dem zugleich verweigern: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Ich habe in Dresden durchaus reformatorische, hinreichend differenzierte und biblisch begründete Argumente gehört. So resonanzfrei sind die „Wortführer“ nicht, und manch einer verschanzt sich auch hinter seiner „Überlastung“. Mit derlei Schwarz-Weiß Malerei ist unserer gemeinsamen Sache nicht gedient.

  3. @Roland Kupski: Danke für den persönlichen Eindruck.

    Ich glaube nicht, dass Reinhard Bingener s/w malt. Sein Kommentar (übrigens Seite 1!) ist recht ausgewogen.

    Liebe Grüße, Ron

  4. Mein Kommentar bezog sich auch mehr auf den Kommentar zum Kommentar….ich habe den Artikel auch gelesen und finde ihn auch durchaus ausgewogen. Der Kirchentag, das sollte man wirklich bedenken, ist eine Laienveranstaltung mit seinen ganz eigenen Gewichtungen und Herangehensweisen. Theologen und Theologinnen aus Lehre und Kirchenleitungen sind auf ihm letztlich der Idee nach nur Gäste. Das hat schon immer seinen ganz besonderen Reiz ausgemacht.

  5. Jürgen meint:

    @Roland Kupski

    Schwarzweißmalerei? Zunächst ist doch festzuhalten, dass nur das bewertet werden kann, was hinten heraus kommt und ob es nun eine Laienveranstaltung ist und die Experten nur als Gäste zu sehen sind, ist zunächst unerheblich, denn sie prägen gerade auch auf Kirchentagen gewollt oder ungewollt als Ganzes das Bild der Kirche in den Öffentlichkeit.

    Ob Themen wie Sünde in den Medien keine Chance haben, stelle ich in Frage. Das Problem ist doch, dass, um es einmal positiver auszudrücken, über die Erlösung des Menschen, so wie es die Bibel formuliert, ja nichts zu hören ist, weil die Schwerpunkte der Kirche ganz woanders liegen. Die Resonanzfreiheit ist ja darin zu sehen, dass viele Kirchenführer die grundlegende Botschaft des Evangeliums ja überhaupt nicht mehr als gesellschaftsrelevant einstufen und verkünden. Sie sollten es ruhig mal wieder tun, dann erhalten sie mit Sicherheit Resonanz, davon bin ich fest überzeugt, und die wird gewiss mehr als schwarzweiß ausfallen.

    Gruß, Jürgen

  6. Johannes Strehle meint:

    Ich stimme Jürgen zu.

    Man darf in unserer pluralistischen Gesellschaft und „Kirche“
    und auf dem Supermarkt „Kirchen“tag
    „durchaus“ das reformatorische Verständnis der Bibel vertreten,
    solange man nicht öffentlich wahrnehmbar
    das in der „Kirche“ und auf dem „Kirchen“tag herrschende Verständnis angreift.
    Aufgabe der Propheten Gottes ist einerseits,
    Gottes Botschaft ohne Rücksicht auf den Zeitgeist zu verkünden,
    andererseits aber auch,
    die falschen Propheten (mit der positiven Resonanz) zu entlarven und herauszufordern.

  7. Ein Nachbarskind war auf dem Kirchentag und sagte:

    „Es war wie auf einem Musik-Festival!“

    Es hat ihr wohl gefallen, hatte aber nichts mit dem Glauben zu tun.

    Wie auch? Wenn man folgendes liest, erübrigt sich aus biblischer Sicht jeder Kommentar:

    Zitat:

    Kirchentag: Das Glaubensbekenntnis hat ausgedient

    Superintendent: Glaubensbekenntnis ist „fundamentalistische Zumutung“

    Der Superintendent im Ruhestand Herbert Koch (Garbsen) sagte, das Glaubensbekenntnis sei für ihn eine „fundamentalistische Zumutung“ und ein wesentlicher Grund für die rückläufige Teilnahme an Gottesdiensten. Höchstens zehn Prozent der evangelischen Mitglieder glaubten an die Jungfrauengeburt und weniger als jeder dritte Protestant, dass Jesus Gottes Sohn sei. Hauptschwierigkeit sei für ihn die „übernatürliche Biographie Jesu“, so Koch. Die Jungfrauengeburt sei „eine fromme spätere Legende“, zudem sei Jesus Analphabet gewesen. Auch rechne er nicht mit der Wiederkunft Christi zum jüngsten Gericht. Koch: „Die Kirche rechnet sicher mit allerlei aber auf keinen Fall mit der Wiederkunft Christi.“ Was kirchliche Leiter wirklich verbinde, sei nicht das Glaubensbekenntnis, sondern das Interesse, die Kirche zu erhalten. Koch forderte dazu auf, von den Quäkern zu lernen: Diese lehnten Dogmen ab, weil diese abgrenzen und andere ausschließen und daher nicht dem Frieden dienten. Das Christentum behaupte eine „unendliche Überlegenheit“ über andere Religionen. Es müsse jedoch auf seine Absolutheitsansprüche verzichten. Die Christen sollten Jesus das sein lassen, was er wirklich war: ein großer Prophet und Weisheitslehrer, so Koch. Die wahren Schätze des Glaubens seien für ihn die Bergpredigt, die „Ringparabel“ des Dichters Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) sowie die Vorlesungen des Theologen Adolf von Harnack (1851-1930) über das „Wesen des Christentums“.

    Quelle:
    http://www.idea.de/nc/nachrichten/detailartikel/artikel/kirchentag-das-glaubensbekenntnis-hat-ausgedient-1.html

  8. Alexander meint:

    Ich hab’s schon öfter gesagt: Unterschätzt mir den alten Harnack nicht. Ein ungemein interessanter Mann. Und einer der großen Totengräber des Protestantismus in Deutschland. Harnack konnte das „geboren aus der Jungfrau Maria“ auch nicht mitsprechen, nahm aber im Apostolikumsstreit eine ganz kuriose Position ein. Er stellte sich zwar auf die Seite des Pfarrers Schrempf, der bei Taufhandlungen das Apostolische Glaubensbekenntnis nicht mehr sprechen ließ, riet aber gleichzeitig von einer Petition zur Abschaffung des Apostolikums ab. Die Zeit sei noch nicht reif dafür, meinte er. Vielleicht jetzt?

    Man gestatte mir auch den Hinweis, dass die Evangelische Allianz die seit dem Apostolikumsstreit immer wieder inkriminierte ‚Jungfrauengeburt‘ nicht in ihre Glaubensbasis aufgenommen hat. Und die ist nicht einfach zufällig vergessen worden. Apropos Freikirchen: Welcher Freikirchler, der nicht in der Landeskirche großgeworden ist(!), kann eigentlich noch das Apostolikum auswendig?

    Hier übrigens noch ein wunderbarer kleiner Artikel zur Funktion des Apostolikums im Gottesdienst: Das gemeinsame Glaubensbekenntnis dient nicht in erster Linie zur Festzurrung der Dogmen – sondern zur Verherrlichung Gottes.

  9. Johannes Strehle meint:

    Aus der Kolumne von Jan Fleischhauer,
    SPIEGEL-Redakteur (und Autor des Bestsellers
    „Unter Linken – von einem, der aus Versehen konservativ wurde“
    – für alle, die Deutschland verstehen wollen, unbedingt lesenswert)

    „Der Kirchentag in Dresden hat gezeigt:
    Die evangelische Kirche ist da, wo die Grünen stehen …
    Für diese Selbstsäkularisierung zahlt die Kirche einen hohen Preis.“
    „Von allen Vorfeldorganisationen der Grünen
    ist die evangelische Kirche heute die einflussreichste.“
    „Was die grünen Protestler zu Tausenden auf die Straße treibt,
    muss auch den grünen Protestanten bewegen.“
    „Der Stolz auf das unbedarfte Denken ist geradezu Signum der Gefühlstheologie: „Präreflektierte Unmittelbarkeit“ sei doch „eigentlich ganz schön“,
    verkündete Margot Käßmann …
    Käßmann ist dabei nur die bekannteste Vertreterin einer Generation von Theologen, die den Auftrag schon immer weniger in der spirituellen Anleitung der Gläubigen, sondern vielmehr im weltlichen „Engagement“ sahen …
    Diese Generation, aufgewachsen und politisiert in den siebziger Jahren,
    … ihre Erweckungsorte sind Mutlangen, Brokdorf und der Bonner Hofgarten.“
    „Die Folgen der Selbstsäkularisierung sind heute an vielen Gottesdiensten ablesbar.
    Kaum ein Pastor traut sich noch, ungeniert von Himmel und Hölle zu sprechen,
    und wenn, dann ist das nur allegorisch gemeint, wie er sich hinzuzufügen beeilt. …
    Diese Diesseitsfixierung hat einen für die Kirche unschönen Nebeneffekt:
    Mit der Verschiebung des Erlösungshorizonts, der sich ganz aufs Heute richtet, setzt sie sich der Konkurrenz zu weltlichen Glaubensorganisationen aus … “
    „Die evangelische Kirche scheint fest entschlossen, die Verharmlosung der Religion –
    nichts anderes bedeutet ja ihre Politisierung – weiterzutreiben.
    Wenn es ums Engagement geht, darf schließlich kein Preis zu hoch sein.“

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,766864,00.html

  10. Schandor meint:

    Margot Käßmann ist keine Theologin, sondern das Gegenteil davon. Das ist heute erforderlich, um in die Spitzenpositionen der ehemals protestantischen Hochburg zu gelangen. Es ist wie in der Politik: Sie ist nur die Fortsetzung der Wirtschaft mit anderen Mitteln. So ist es auch mit der „evangelischen“ Kirche.
    Bultmanns „Entmythologisierung“ hat sich durchgesetzt; das Evangelium ist auch in der evangelischen Kirche zum pudendum geworden: Man schämt sich, von Himmel und Hölle zu sprechen und dabei zu meinen, was man sagt. Das sind schöne Märchen für Kinder.
    Mich hat es immer geschmerzt, dass Menschen in diesem Leben die Gelegenheit bekommen, Theologie zu studieren und dann sogar noch einen Job zu bekommen, Menschen, die an den Gott der Bibel gar nicht glauben. Die dann in ihrem „Job“ Öffentlichkeitsarbeit machen dürfen — echte Totengräber der evangelischen Sache sind das. Nun, auch die Gegenreformation weiß heute besser, wie man Feinde zerstört, nicht wahr?
    Diese ekelerregende Schönrederei und das noch ekelhaftere Gutmenschentum — das ist heute angesagt, wenn man „nach oben“ (in Wahrheit: nach unten) kommen will.

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