Transformationskongress

Vom 8. bis 9. Juni 2012 veranstalteten der Deutsche Gewerkschaftsbund, der Deutsche Naturschutzring und Einrichtungen der Evangelischen Kirche in Deutschland einen Kongress zu den politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen unserer Zeit, den so genannten Transformationskongress.

Wer sich die Mühe macht, die Beiträge der EKD-Vertreter zu lesen, stößt schnell auf Formulierungen, die an die messianisch-marxistischen Agitationen der Diesseits-Eschatologen erinnern. Gerhard Wegner, Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland, solidarisiert sich mit dem politischen Programm der „große Transformation“: „Es braucht dringend eine Gesamtstrategie. Sie wird nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, eine grundlegende Transformation des die Welt beherrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsystems zu erreichen, das sich immer noch am besten mit dem Begriff Kapitalismus erfassen lässt.“ „Die Menschen“, so Wegner, „wehren sich gegen die Reduzierung ihres Selbst auf die beliebig handelbare Ware Arbeitskraft.“ Die angestrebte Transformation – und beim Lesen dieser Zielbeschreibung fühlte ich mich dann doch sehr an meinen Marxismus-Unterricht erinnert –, sieht so aus:

Wir brauchen, heißt es im Vortrag „Gesellschaft im Umbruch: Transformation wohin? Kapitalismus 4.0“:

  • die konsequente Aufwertung der Rolle des Staates durch die Stärkung der Demokratie,
  • die Indienstnahme der Finanzmärkte: „Banking has to be boring again!“,
  • die Umstellung der Ökonomie in Richtung ökologischer Nachhaltigkeit,
  • die Schaffung umfassend inklusiver, nachhaltiger und demokratischer Arbeitswelten, um Teilhabe aller zu verwirklichen.

In eine ganz ähnliche Richtung argumentiert auch der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider. Alles, was er fordert, könnte man ohne Bezug auf den christlichen Glauben (besser) formulieren. Aber da es sich für einen Kirchenvertreter gut macht, den Reichtum der biblischen Bildersprache zu nutzen, wird gleich das Pfingstfest bemüht:

Die Transformations-Aufgabe und dieser Transformationskongress sind sehr wohl auch eine Aufgabe der Kirche. Als Christinnen und Christen sind wir überzeugt: Es gibt immer Alternativen, auch wenn sie oft nur von wenigen gedacht, geträumt, erhofft, erstritten und erarbeitet werden. Wir können uns und wir können unsere Welt verändern. Gottes Geist kann unser Denken und Handeln erneuern. Und wir sind überzeugt, dass dieser Geist des Lebens nicht nur in der Kirche wirkt. Wir wollen mit allen zusammenarbeiten, die unterwegs sind zu sozialer Gerechtigkeit, nachhaltiger Wirtschaft, Bewahrung der Schöpfung und lebendiger Demokratie. Das ist möglich, auch wenn wir aus ganz verschedenen Traditionen und Kulturen kommen und in gewisser Weise verschiedene Sprachen sprechen. Diese Erfahrung haben wir vor kurzem mit dem Pfingstfest gefeiert.

Für so eine Transformation braucht man Jesus Christus nicht.

Kommentare

  1. Der letzte Satz sagt alles. Höchstbedauernswert….

  2. Ralf E meint:

    Diese „Transformation“ zielt darauf, die jetzige, diesseitige Welt zu einem „Paradies“ zu machen.
    Da möchte man dagegenhalten: Kirche, besinne dich auf Hebr 13,14: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“.

  3. Roderich meint:

    Nichts gegen das Transformieren, aber bitte nicht mit dem Marxismus. Das Hauptproblem ist ja, dass die angestrebte Transformation ja die Welt nicht verbessern, sondern wesentlich verschlechtern wird. Sozialistische Konzepte machen alle Beteiligten aermer.

    Zu dem Thema ‚Banking has to become boring again‘: es gibt ein Koernchen Wahrheit an der These, Banken haben die aktuelle Finanzkrise mitverursacht, aber der Grund waren falsche Anreize, die durch die Regierungen gesetzt wurden, also z.B. zu geringe gesetz. Eigenkapitalquoten. Wenn Banken nur 3-5% EK halten muessen, ist ihr Handeln viel risikoreicher, mit dem Problem, dass das Eigenkapital und damit die Haftung auf die 3-5% reduziert ist, die Gewinnmoeglichkeiten aber hoch sind; hinzu kommt, dass Banken meist davon ausgehen koennen, dass Verluste verstaatlicht werden. Das fuehrte und fuehrt zur Kasino-Mentalitaet mancher Banken, ein durchaus rationales Verhalten.
    Auch haetten die Gesetze nicht die Inflation sowie die Mindestrserveregelungen erlauben duerfen, die die Geldmenge, die im Umlauf war, drastisch erhoeht hat, und so durch den kuenstlichen Boom zu Fehlallokationen und zu Blasen gefuehrt hat, die dann natuerlich platzen muessen. Es war also NICHT die Marktwirtschaft, sondern der MANGEL an Marktwirtschaft (und falsche Rahmenbedingungen), der uns die Krise beschert hat. (zur Krise empfehle ich besonders das Buch ‚Kasino-Kapitalismus‘ von Hans-Werner Sinn, sowie ‚Krankes Geld – Kranke Welt‘ von Hochreither.)

    Christen in Landeskirchen sowie Evangelikale brauchen dringend mehr oekonomisches Verstaendnis, um mit ihrem Geschwaetz nicht noch mehr Schaden anzurichten als zu helfen.

    Also, wir brauchen ‚Transformation‘, aber bitte in Richtung mehr Marktwirtschaft. (Siehe auch von Walter Eucken, ‚Grundsaetze der Wirtschaftspolitik‘ oder ‚Economics. Ueber Wirtschaft und Misswirtschaft‘ von Henry Hazlitt.)

  4. markus meint:

    Eine ehrliche Frage: Ich verstehe diese fast schon allergische Reaktion auf alles, was mit sozialer Gerechtigkeit zu tun hat überhaupt nicht? Oder ist es der Begriff Transformation? Was ist so schlimm daran, Unrecht auf dieser Erde zu beseitigen? Jesus selbst hat dies doch getan und wenn ich mir Matth 24 anschaue, dann muss ich sagen, dass ich diese Ablehnung erst recht nicht verstehe?

    Liegt es daran, dass es nicht direkt als „Evangelisation“ geschieht? Also ich denke, die Skalven, die keine Sklaven mehr sein mussten, haben nicht danach gefragt ob Sklaverei im engl. Parlament oder in einer Kirche verdammt wurden. Solange Unrecht beseitigt wird: prima! Ich frag doch meinen Bäcker doch auch nicht, pb er beim Backen Bibel liest???

    @schandor: „Nichts gegen das Transformieren, aber bitte nicht mit dem Marxismus. “ Andersherum wird doch ein Schuh draus: Der Marxismus hat sich doch die messianische Strategie und Sprache doch von seiner „Großmutter“, dem Christentum geborgt – nicht andersherum – weil das Christentum eine ihrer wesentlichen Aufgaben vernachlässigt hat: Gerechtigkeit zu leben.

    Also, das sind ehrliche Anfragen. Ich verstehe diese allergischen Reaktionen wirklich nicht. Etwas mehr Karl Barth wäre vielleicht hilfreich? Er würde Gott betonen als Kern des Transformationsprozesses, aber den Prozess selber sicher nicht ablehnen. Als er nämlich mit dem Kommunisten Wilhelm Pieck durch das zerstörte Dresden lief, sagte Pieck zu Barth: „Deutschland braucht die Zehn Gebote.“ Barth erwiedert: „Besonders das Ersten Gebot, mein Herr.“

  5. markus meint:

    @ralf E: die Perikope in Hebr 13 geht dann doch aber so weiter:

    „….Und vergesst nicht, Gutes zu tun und einander zu helfen15. Das sind die Opfer, an denen Gott Freude hat. …“

    ????

  6. @markus: Mehr Karl Barth, also noch mehr Gewerkschaft? Nein danke!

    Liebe Grüße, Ron

  7. @markus,

    also ich bin mir sicher, dass sich Debatten über dieses Thema nicht lediglich an Begriffen entzünden. Verständnisse, die damit einhergehen, gibt es viele … Nicht alle sind abzulehnen.

    Aber wie stellt man sich denn bspw. ein: (dein Zitat) „Als er nämlich mit dem Kommunisten Wilhelm Pieck durch das zerstörte Dresden lief, sagte Pieck zu Barth: “Deutschland braucht die Zehn Gebote.” Barth erwidert: “Besonders das Erste Gebot, mein Herr.”

    vor – ohne Christus? Der Ungläubige, der das erste Gebot per Gesetzesverordnung hält oder bei Androhung von Strafe irgendwie äußerlich einhält, oder? Ist es das, worauf Gottes Segen ruht?

    Lutz

  8. Also, langsam kann einem das wiederkehrende EKD- resp. Schneider-Bashing hier auf den Geist gehen.
    Die sog. Volkskirchen haben sozialwissenschaftliche Institute, die sich mit vielem befassen, meinetwegen auch manchem Überflüssigen.
    Immerhin setzt man sich aber mit Fragen auseinander, die auch sonst außerhalb der Kirche da sind. Das muss man nicht erst ins nebulös-marxistische rücken. (Dazu gab´s vor einiger Zeit schon mal eine diskussion hier, wenn ich mich nicht irre?)

  9. markus meint:

    @Lutz @Ron: Ihr bleibt bei Polemik stehen. Meine Frage war ernst gemeint. Eure Antworten gehen darauf nicht ein. @Lutz: Stell doch diese Frage bitte dem Text in Matthäus 24 und nicht mir. Ich möchte hier nicht Lager vs. Lager Diskussionen führen, ich frage mich ernsthaft wie man über solchen Texte hinweg gehen kann.

  10. Roderich meint:

    @markus,
    Allergie gegen ‚Soziale Gerechtigkeit‘ aus mehreren Gruenden.
    – Oekonomisch: weil mit ’sozial gerecht‘ meistens ‚Gleichheit und Umverteilung‘ gemeint ist – also ‚Diebstahl + buerokratisierte Naechstenliebe‘. Eigentlich ist das Sozialismus und anti-goettlich.
    – Philosophisch: Teilaspekt des (Neo-)Marxismus ist es, alle Probleme materialistisch zu definieren und sie dann durch den Staat loesen zu lassen. Das ist Goetzendienst – der Staat als Allheilmittel. Genau darum funktioniert es auch nicht.
    – Theologisch: weil Leute, die am lautesten nach ‚Sozialer Gerechtigkeit‘ rufen, meistens (nicht immer) das Evangelium als ‚Soziales Evangelium‘ umdeuten, also ANSTELLE der Erloesung durch Christus die Erloesung durch den Staat stellen; ANSTELLE der Erloesung von den Suenden durch das Blut Jesu Christi die Erloesung von Armut, Unwissenheit, etc stellen (bei den Kommunisten: durch das Blut der Burgeoisie).

    Da, wo die biblische Botschaft vernachlaessigt wird oder zweitrangig wird, muss man ’stopp‘ rufen.

    Andererseits hast Du recht: Christen haben einen gewissen Dualismus praktiziert; der Pietismus hatte zum ‚Rueckzug aus der Gesellschaft‘ geblasen. Christen haben aber Verantwortung fuer die Gesellschaft.
    Wir SOLLEN – als nachrangiges Ziel nach der Verkuendigung des Evangeliums – durch die Predigt des Evangeliums, sowie durch Christen, die als Juenger leben in ihrem Berufungsbereich (Gemeinde, Familie, aber auch Recht, Politik, Wirtschaft) die Institutionen zurueckgewinnen und biblische Prinzipien umsetzen und die Gesellschaft veraendern. Aber wenn man dabei den Sozialismus der Ev. Kirche verwendet als Richtschnur, richtet man nur Uebel an.

    Der Dualismus ‚entweder Rueckzug aus der Gesellschaft oder (sozialistische) soziale Gerechtigkeit‘ ist falsch.

    Vielmehr geht es darum: ENTWEDER die Gesellschaft mit Sozialismus, Humanismus, New Age, Islam transformieren. (Das heisst man bekaempft gleichzeitig das biblische Christentum und was davon uebrig ist in den Institutionen.)

    ODER die Gesellschaft durch biblisches Christentum transformieren. (Das heisst man bekaempft gleichzeitig den Humanismus, Sozialismus, Materialismus, New Age, Islam – und die Ethik, die aus diesen Weltsichten fliesst, bzw. die institutionellen Verfestigungen dieser Weltsichten.)

  11. @markus,

    wo du Polemik siehst – überrascht mich denn doch extrem.

    Wäre ich polemisch gewesen, dann hätte ich auf dein Zitat hin geschrieben: und darauf verfasste sofort W. Pieck die 10 Gebote für „Junge Pioniere“.

    Deine Fragestellung hatte ich ernst gemeint gefasst und meine Antwort sollte nicht weniger ernst gemeint rüberkommen – auch wenn diese Fragen enthielt. Diese Fragen sind übrigens keineswegs polemisch zu fassen – sondern ernst gemeint.

    Hoffe damit Missverständnisse ausgeräumt zu haben und bis auf Weiteres hat ja Roderich hier Gedankengänge nachgeliefert.

    Lutz

  12. @markus: Nichts gegen Gerechtigkeit. Ganz und gar nicht. Leider steht aber Soziale Gerechtigkeit meist für Gleichheit. Und mehr Staat steht für weniger Verantwortung und mehr Korruption.

    Liebe Grüße, Ron

  13. @ernst: Es enttäuscht mich, dass Du bei dieser Gelegenheit nicht das Wort für Margot ergriffen hast. 😉 Aber in gewisser Weise stimme ich Dir zu: Was der Herr Schneider von sich gibt, sollte grundsätzlich ignoriert werden.

    Liebe Grüße, Ron

  14. @Ron – ach ja…, ich vergaß es! Und ich glaube inzwischen wirklich, dass das mehr ein Beziehungs- als ein Sachproblem ist, was Du mit dem Bruder Nikolaus hast… 😉

  15. Roderich meint:

    @ernst,
    Stimmt – die Beziehung von Hr. Schneider zu Jesus betreffend. 😉

    Dafuer sollen wir jedenfalls beten – ohne Einbildung, denn wenn wir ‚recht‘ glauben, ist das reine Gnade.

    Eine falsche Weltsicht kann einen aber auch um das ewige Leben bringen, deswegen wuerde ich auch aufpassen, Ernst. (So wie wir alle wachsam bleiben muessen). Aber eine starke Sympathie zu humanistischen Denkgebaeuden kann gefaehrlich werden. Denn: im Zentrum jeder falschen Weltsicht stehen Goetzen; letztlich wird sich entscheiden muessen, was man mehr liebt: den lebendigen Gott, oder das Zerrbild und die Goetzen der eigenen falscchen Weltsicht. Wenn man dem leisen Reden des Heiligen Geistes widerstrebt, der uns (v.a.) durch sein Wort zur Busse ruft, verstockt man irgendwann. Falsches Denken betrifft also indirekt oder direkt das Herz, und kann jedenfalls langfristig das Herz verstocken.

  16. markus meint:

    Nun, es ist wohl auch eines dieser Themen, die sich nur schwer in einer Blogdiskussion erörtern lassen. @Ron + @ roederich: Eure Gedanken zur Gleichheit teile ich definitiv. Mehr Staat bedeutet weder mehr Gerechtigkeit, noch mehr Freiheit (wie unsere Vergangenheit ja doppelt belegt hat).
    Ich würde davon aber nicht ableiten, dass dann automatisch „die andere“ Seite, die richtige ist. Denn ein „Laufen lassen“ individualsierter Gewinninteressen ist auch keine Lösung.

    Mal unabhängig von der geistlich-biblischen Ebene, finde ich gute Impulse für einen dritten Weg in einigen kommunitaristischen Ideen (z.B. Etzioni). Wenn allerdings das, was man soziologisch einmal mit „Gemeinschaft“ bezeichnet hat, immer weniger wird und als lebenswichtige Funktion in einer Gesellschaft wegfällt, dann bleiben nur noch die beiden Extremoptionen: Staat oder Individualismus.

    Um jetzt die geistlich-biblische Ebene wieder einzubinden ist dann beim Thema „Gemeinschaft“ wichtig, sich bewusst zu sein, dass die Gemeinschaft die wir vor Augen haben natürlich eine Funktion und eine Form hier im irdischen Alltag findet, ABER dass dieser sich permanent am „oben“ orientieren muss. Es geht eben um mehr als eine Gemeinschaft, es geht um eine „andere Gemeinschaft“.

  17. markus meint:

    @roederich, noch eine Ergänzung:

    Du schriebst: „ANSTELLE der Erloesung von den Suenden durch das Blut Jesu Christi die Erloesung von Armut, Unwissenheit, etc stellen“.

    Das halte ich für einen Gegensatz, den ich in der Bibel nicht sehe. Auch wenn Erlösung von Armut, Unwissen und Ungerechtigkeit zu kurz greift, so ist doch andersherum gesehen in der Erlösung von den Sünden AUCH (nicht stattdessen!) die Befreiung von Ungerechtigkeit mit inbegriffen. Zumindest verstehe ich die Verkündigungsbevollmächtigung durch Jesus in Lukas 24 so. Das αφεσιν αμαρτιων – Befreiung von Schuld – beinhaltet auch ‚Erlösung von Sünden‘, aber eben nicht nur. Es darauf zu reduzieren ist für mich eine Verkürzung. Eine dramatischere Verkürzung ist natürlich, wenn „Befreiung von Schuld“ komplett OHNE die „Erlösung von Sünden“ verkündet wird.

    Würde ich euch von der Seite her richtig verstehen, dass das fast komplette öffentliche Auslassen dieses Aspektes euch bei der EKD so aufregt?

  18. Johannes Heiner meint:

    @ Roderich

    Ich stimme mit manchem überein, was du schreibst. Aber ist die Tatsache, dass viele die laut nach soz. Gerechtigkeit schreien das Evangelium vernachlässigen/vergessen, für dich genug Grund von der anderen Seite des Pferdes zu fallen?
    Das ist doch das häufigste Problem das wir in der Theologie haben, dass etwas (tatsächlich) Falsches gesehen wird und dann sofort ins extreme Gegenteil geschwenkt wurde. Das ist auch der Fehler den viele begehen, die laut nach soz. Gerechtigkeit schreien. Sie haben den Mangel an soz. Gerechtigkeit gesehen (der tatsächlich vorhanden ist), haben aber dafür das Evangelium geopfert.

    Wir sollten immer nach dem biblischen Weg suchen, der meist zwischen zwei Extremen liegt. So ist das auch mit sozialer Gerechtigkeit und Transformation. Viele diesbezügliche Anliegen sind richtig, aber nicht alle. Und ganz bestimmt ist es nicht richtig, das Evangelium dafür zu opfern.
    Aber deshalb muss man nicht gleich so ablehnend reagieren.

    Was du als Sozialismus und anti-göttlich beschreibst ist Quatsch. Lies bitte nochmal nach, was Jesus so zu den Reichen sagt. Ganz bestimmt nicht, dass sie weiter auf ihrem Geld sitzen bleiben sollen. Vielmehr spricht er ganz klar von einer Umverteilung und verurteilt die Reichen, denen das Elend anderer egal ist. Der Unterschied zwischen Jesu Konzept und dem Sozialismus besteht darin, dass Jesu „Konzept“ freiwillig ist. Es basiert auf einem neuen Leben aus Gnade, das von Dankbarkeit und Nächstenliebe geprägt ist. Der Sozialismus hingegen will die Umverteilung per Gesetz durchsetzen, was jedoch keineswegs funktioniert. Es gibt noch weitere Unterschiede natürlich, aber das ist der wichtigste.

    Der zweite Wesentliche Fehler in deiner Beschreibung liegt in dem Wort „Diebstahl“. Du schreibst zwar, dass das nur „meistens“ so gemeint ist, aber selbst das würde keine allergische Reaktion rechtfertigen. Wo Diebstahl an Reichen geschieht, ist das keine soziale Gerechtigkeit mehr, denn Gerechtigkeit gilt auch für Reiche. Das Problem ist jedoch (und das vernachlässigen wir Evangelikalen sträflich), dass die meisten Reichen nicht auf sozial gerechtem Wege reich geworden sind.
    Wenn ich von sozialer Gerechtigkeit rede, dann meine ich gerechte Verhältnisse. Dann meine ich, dass Menschen die unseren Kaufrausch befriedigen, davon zumindest menschenwürdig leben und ihre Kinder in die Schule schicken können (Stichwort „fairer Handel“). Dann meine ich damit, dass unsere Unternehmen nicht mehr mit intransparenten Bestechungen Schürfrechte kaufen können, von denen die Bevölkerung des Landes nie einen Pfennig sieht, höchstens die folgende Umweltzerstörung und Bürgerkriege. Dann meine ich damit ganz allgemein keine Gleichmachung, sondern einfach ein Ende der Ausbeutung. Vielleicht versuchst du mal soziale Gerechtigkeit so zu verstehen und nur das als Sozialismus zu beschimpfen, was wirklich welcher ist.

    „Siehe, das Geschrei der Schnitter, die eure Felder beschnitten haben, schreit, und das Geschrei der Schnitter ist vor die Ohren des Herrn Zebaoth gekommen.“ Jak. 5, 4

    Aber vielleicht ist ja die allergische Reaktion auch der Tatsache geschuldet, dass man sich sonst selbst hinterfragen müsste? Auch das habe ich leider schon oft gehört. Da wurde Sorge um den Erhalt des Evangeliums geäußert, nicht weil dieses wirklich bedroht gewesen wäre, sondern weil man so beide gegeneinander ausspielen kann und sich dann für die Seite des Evangeliums entscheidet, statt sich zu hinterfragen. Für die Bibel gehen Evangelium und soziale Gerechtigkeit Hand in Hand und kämpfen nicht gegeneinander. Wir sollten nicht denen die nach (evangeliumsloser) Transformation schreien den Gefallen tun, auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen, denn dann verlieren wir Glaubwürdigkeit und noch mehr unserer Schafe an diese Verführer.

  19. Roderich meint:

    @markus,
    der Kommunitarismus mag gute Ideen beinhalten, aber – er muss sich auch äußern dazu, wie die Rahmenordnung der Wirtschaft denn nun gestaltet werden soll.

    ein “Laufen lassen” individualsierter Gewinninteressen ist auch keine Lösung

    Ja, insofern als der Staat gewisse Rahmenbedingungen setzen muss, wie der Ordoliberalismus sagt. (vergleiche dazu „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ von Walter Eucken – sehr gut!)
    Wie gesagt, zu der Weltwirtschaftskrise (wo man die falschen Rahmenbedingungen gesetzt hat und Anreize für die Banken gesetzt hat, zu riskant zu spielen – wo man also „Chance“ von „Risiko“ losgekoppelt hat, weil die Risikohaftung begrenzt wurde) empfehle ich das Buch von Hans-Werner Sinn.

    Also, im allgemeinen sollen die Gewinninteressen durchaus frei laufen können. Konkurrenz dient letztlich den Konsumenten. Wenn Gewinne für einzelne Marktteilnehmer zu hoch werden, kommen sofort Nachahmer, die auch abschöpfen wollen; daher wird das Angebot größer, es entsteht Preiswettbewerb, dadurch senken sich die Preise, zum Nutzen der Konsumenten.

  20. Roderich meint:

    @markus,
    mit „ANSTELLE“ habe ich die Fälle gemeint, wo die eigentliche Kernbotschaft des Evangeliums (Vergebung der Sünden) vernachlässigt wird.
    Das ist in vielen Fällen bei der Befreiungstheologie der Fall.
    Denn wirkliche Veränderung muss im HERZEN des Menschen geschehen. Vergebung der Sünden ist der „Einstieg“ in das Reich Gottes.
    (Auch wenn das Reich Gottes sich nicht auf „Vergebung“ beschränkt.)

    @Johannes,
    nein, ich setze mich (natürlich) nicht dafür ein, dass man „auf der anderen Seite vom Pferd fällt“. 🙂 Die Frage ist natürlich so gestellt, dass man sie nur verneinen kann. 🙂

    Dazu empfehle ich mal das Buch „The Tragedy of American Compassion“ von Marvin Olasky – er setzt sich für ein auf christlichen Prinzipien basierendes „System“ der Armenhilfe ein; den Armen muss geholfen werden, und zwar ganzheitlich (geistlich UND leiblich, nicht nur leiblich), und zwar ohne Wohlfahrtsstaat.

    Gegen freiwilliges Spenden habe ich nie etwas gesagt. Das sollen wir selbstverständlich sehr fördern. Aber frage doch mal bei der Konferenz, die Ron erwähnt hat, nach, ob das das ist, was sie wollen. 🙂 Nein, die wollen vielmehr sozialistische Zwangs-Umverteilungs-Systeme. Das kann ich Dir garantieren. (Auch wenn sie das Wort „sozialistisch“ nicht nennen werden).

    Jesus spricht nirgends von „Umverteilung“. Er spricht von Barmherzigkeit. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

    Wo Diebstahl an Reichen geschieht, ist das keine soziale Gerechtigkeit mehr, denn Gerechtigkeit gilt auch für Reiche. Das Problem ist jedoch (und das vernachlässigen wir Evangelikalen sträflich), dass die meisten Reichen nicht auf sozial gerechtem Wege reich geworden sind.

    Der Begriff „sozial gerecht“ ist mir wieder verdächtig – weil er Gerechtigkeit dem Staat unterordnet. Wir müssen uns als Christen aber an Gott ausrichten.

    Aber mal vom Begriff abgesehen: wenn (aus biblischer Sicht) Ungerechtigkeit vorlag bei der Erlangung des Reichtums: Ja, dann muss man aber auf gesetzlichem Wege die unlautere Erlangung des Reichtums verklagen. Dazu ist der Rechtsstaat da. Aber das blosse „Gefühl“, jemand habe sich unlauter bereichtert, rechtfertigt noch nicht zum *Diebstahl*.
    Ich kann mich über Bill Gates aufregen, dass er viel mit Windows verdient hat – aber solange er nicht gegen die Gesetze verstoßen hat, ist es sein Eigentum, und ich darf es ihm nicht wegnehmen.

    dass unsere Unternehmen nicht mehr mit intransparenten Bestechungen Schürfrechte kaufen können

    Dann prangerst Du die fehlenden rechtsstaatlichen Bedingungen in sog. Dritt-Welt-Ländern an. Zurecht. Dann müssen wir uns dort für mehr Rechtsstaat dort einsetzen.
    Oder es gibt schon Gesetze – und Du prangerst die fehlende Umsetzung oder fehlende Moral bei der Polizei dort an. Auch zurecht. Dann muss man dort mehr das Evangelium predigen, damit mehr Moral in der Bevölkerung dort verankert ist. Man „muss“ dort viel tun. Entwicklungshilfe ist ein breites Feld.
    Aber *Umverteilung* in BRD ist noch nicht gerechtfertigt, auch wenn manche Produktionsbedingungen in den Herkunftsländern unklar sind.

    Man kann über alle Maßnahmen reden. Aber was Du machst, ist einzelne Missstände herausgreifen und kritisieren. Zu recht, aber es geht um die Frage: was ist die LÖSUNG? Das ist die entscheidende Frage.
    (Solchen Themen muss man sich v.a. mit ökonomischem Sachverstand nähern.)

    Vielleicht versuchst du mal soziale Gerechtigkeit so zu verstehen

    Danke – aber das brauche ich nicht zu „versuchen“, weil ich doch schon längst FÜR Entwicklungshilfe bin.

    Entwicklungshilfe ist bitter und dringend nötig. Der allerwichtigste Schritt ist aber, dass sog. Dritt-Welt-Länder als erstes das Evangelium erhalten – geistliche Entwicklungshilfe ist die wichtigste, weil sie auch langfristig die Moral der Bevölkerung verbessert und damit die Vorausbedingung für eine freiheitliche Gesellschaft „erzeugt“, und damit auch die Voraussetzung für Rechtsstaat und Marktwirtschaft bewirkt.
    Und im Bereich der Volkswirtschaft ist der wichtigste Schritt, dass dort marktwirtschaftliche Prinzipien mit einer gesunden Rahmenordnung (siehe Euckens „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“) umgesetzt werden. Und zwar ohne jeden Sozialismus, denn der macht alle nur ärmer.

  21. Eine gute Richtschnur für diesen Konflikt ist vielleicht das Verhalten der Juden im babylonischen Exil und das Verhalten der Christen im Römischen Reich. Haben sie sich geweigert, an gesellschaftlichen Entwicklungen mitzuwirken? Wenn nein, wie haben sie mitgewirkt? War es dabei ihr einziges Anliegen, Menschen für ihren Glauben zu gewinnen oder haben sich auch voraussetzungslos beteiligt?

  22. markus meint:

    @roederich: ich kann verstehen, was du sagst. ich sehe aber trotzdem „blinde flecken“. du schreibst z.b.: „Jesus spricht nirgends von “Umverteilung”. Er spricht von Barmherzigkeit. Das ist ein wesentlicher Unterschied.“

    das modell das die bibel allerdings vorraussetzt, ist ja das wirtschaftssystem der torah. ich würde meinen, dass das darin angesprochene (wenn auch wohl nie umgesetzte) jubeljahr eine umverteilung ist. aller 50 jahre ging jeder landbesitz wieder an die ursprüngliche besitzerfamilie zurück. d.h. individuelle freiheit war möglich, aber doch eindeutig begrenzt durch ein gemeinschaftliches (nicht kollektives!) gerechtigkeitsideal.

  23. Johannes Strehle meint:

    „Die Reduzierung der Menschen auf Arbeitskräfte“
    – das haben Sozialismus und Kapitalismus gemeinsam.
    Neuestes Beispiel:
    Die gemeinsame Stellungnahme der Arbeitgeber und Gewerkschaften
    gegen das Betreuungsgeld, unterstützt von der „evangelischen“ „Diakonie“.

    Noch alle Versuche der Menschen, das Paradies auf Erden zu schaffen,
    haben zwangsläufig zu einer Hölle auf Erden geführt.

    „Die konsequente Aufwertung der Rolle des Staates“
    führt in die Unfreiheit und Bevormundung durch Politiker.
    Ganz im Gegenteil zu diesem Trend:
    Der Staat muss auf seine Mindestaufgaben zurückgeführt werden,
    und die muss er erfüllen.
    Auch ich empfehle, Sinn und Eucken zu lesen.

    „Gottes Geist kann unser Denken und Handeln erneuern“,
    meint der EKD-Ratsvorsitzende.
    Der Bundespräsident (gelernter Theologe) forderte zu Pfingsten
    die (als Zusammenschluss) neu gegründete Nordkirche auf,
    den Heiligen Geist und den Zeitgeist nicht zu verwechseln.

  24. Roderich meint:

    @markus,

    ich würde meinen, dass das darin angesprochene (wenn auch wohl nie umgesetzte) jubeljahr eine umverteilung ist. aller 50 jahre ging jeder landbesitz wieder an die ursprüngliche besitzerfamilie zurück.

    Das würde ich nicht als Umverteilung ansehen. Es war mehr ein *Verbot eines Verkaufs* des Landes. Stattdessen durfte man das Land für max. 49 Jahre pachten bzw. verpachten. Der Preis war dann marktwirtschaftlich, nämlich gemäß der Anzahl der Jahre, die bis zum Jubeljahr verbleiben, also gemäß des Ertrages, den man in der verbleibenden Zeit erwirtschaften konnte.

    Kaufst du von deinem Stammesgenossen, so berücksichtige die Zahl der Jahre nach dem Jubeljahr; verkauft er dir, dann soll er die noch ausstehenden Ertragsjahre berücksichtigenn. … denn es ist die Zahl von Ernteerträgen, die er dir verkauft (3. Mose 25,15.16)

    Man verkauft also die Zahl von jährlichen Ernteerträgen – nicht das Land, das war (letztlich) unverkäuflich. – Agreed?

    Diese Regelung verhinderte, dass Menschen bzw. Familien auf Dauer in Armut verfielen; es war ein Auffangnetz nach unten; man konnte nicht ins Bodenlose fallen – aber es war keine Umverteilung als dauerhafte Einrichtung. Wenn man sein Land zurückerhält, muss man es noch selbst mit Fleiß und Arbeit bebauen und wieder abernten. Es war kein wohlfahrtsstaatliches Umverteilungssystem, bei dem man nur die Hand aufhält und der Staat muss zahlen. Das finde ich sehr gut: jeder Mensch kann mal eine Krise haben (Alkohol, Sinnkrise, Burnout, Arbeitslosigkeit, Armut aus anderen Gründen…) – Gott möchte es Menschen ermöglichen, wieder neu anzufangen. Gott ist ein Gott der zweiten (dritten, vierten…) Chance. Aber Gott hat den Menschen auch zur Produktivität geschaffen – Gott möchte, dass wir die Gaben benutzen. Dauerhafte Abhängigkeit von Alimenten des Staates bei gleichzeitigem Nichtstun führt nur zu Depressionen, sich schlecht fühlen etc.

    Das biblische System wahrte also die „upward mobility“ – es sollte stets wieder möglich sein, sich durch Fleiß und harte Arbeit selbst nach oben zu arbeiten; es wurde keine staatliche Abhängigkeit zementiert.

    (So kann man sich überlegen, ob eine Art „Grundsicherung“, die aber keine Anreize zum Ausruhen in einer „sozialen Hängematte“, sinnvoll ist).

    Siehe dazu übrigens auch das hervorragende Buch „Wohlfahrtsstaat“ von Gerd Habermann, das den Wohlfahtsstaat als unmoralisch und ineffizient kritisiert.

    Siehe auch Gary North’s Kommentar über Levitikus.
    http://www.garynorth.com/freebooks/docs/pdf/leviticus.pdf , dort zu Levitikus 25.
    (Man mag nicht mit allen seinen Schlußfolgerungen übereinstimmen, aber er hat doch ein paar sehr interessante Beobachtungen zu Wirtschaft in den 5 Büchern Mose).
    Siehe auch auf http://www.garynorth.com/ linke Spalte der Artikel „Capitalism and the Bible“.

    Siehe auch die neueste Ausgabe von Diakrisis mit sehr guten wirtschaftsethischen Beiträgen, v.a. die Artikel von Gerald Mann und Harald Seubert:
    http://www.ikbg.net/de/aktuelles-heft.php

    (Auch empfehle ich die Werke von Prof. Werner Lachmann – mehrere sehr gute Artikel und Bücher zum Thema Entwicklungshilfe, sowie Wirtschaftspolitik im allgemeinen, aus einer christlichen Sicht. )

  25. Roderich meint:

    @markus,
    Siehe dazu auch das Buch „Der AT Faktor“ von Landa Cope – gerade neu erschienen. Im Kapitel über Wirtschaft zeigt sie, was man vom Pentateuch für unsere Wirtschaft heute lernen kann. Sie betont auch die Verantwortung des Menschen zur Arbeit und spricht sich gegen den Wohlfahrtsstaat (und damit gegen das herkömmliche Verständnis von „soziale Gerechtigkeit“) aus.

    Für ein praktisches Alternativsystem zum Wohlfahrtsstaat empfehle ich wie gesagt Marvin Olaskys Buch „The Tragedy of American Compassion“.

  26. markus meint:

    @roederich: danke für die lesetipps!

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