Unsere Euphemismen

Peter-André Alt, Professor für Literaturwissenschaft und Präsident der Freien Universität Berlin, hat am 4. August einen hochinteressanten Artikel über unsere Euphemismen veröffentlich (FAZ vom 04.08.2011, S. 8). Er schreibt darin:

Unsere Zeit ist reich an euphemistischen Redewendungen, die sich derart tief ins öffentliche Repertoire eingeschrieben haben, dass niemand sie mehr anstößig findet. Wo immer persönlich Verantwortung getragen wird, tritt die Sprache des Euphemismus auf: in Politik und Management, in Sport und Administration, in Kreativindustrie und Medizin. Autorität und Geltung, Einfluss und Entscheidungsbefugnis heißen nicht, was sie sind. Wer Macht ausübt, sagt das nicht, sondern greift, möchte er seine Tätigkeit beschreiben, zu Wendungen wie: »einen Beitrag leisten«, »sich in Prozesse einbringen«, »Ideen anregen«, »Veränderungen anstoßen«, »Übergänge befördern«, »Weichenstellungen vorbereiten«, »neue Wege bahnen«, »Maßnahmen unterstützen«. Wer handelnd für klare Verhältnisse sorgt, redet zumeist in beschönigenden Vokabeln über das, was er tut. In der Sprache der Euphemismen gibt es nur noch Mediatoren, keine Entscheider. Der Manager, der sich am Ende seiner Vorstandszeit vor der Aktionärsversammlung dafür bedankt, dass er »den Weg des Unternehmens ein Stück weit begleiten durfte«, verdeckt seine Verantwortung ebenso wie der Fußballtrainer, der eine bittere Niederlage mit einem „»Wir wissen jetzt besser, wo wir stehen« zu kommentieren pflegt. Unzählbar die Euphemismen der Verlierer an einem Wahlabend, die vom »erfreulichen Mobilisierungseffekt« über »breite Zustimmung« bis zu »Auftrag weitgehend umgesetzt« reichen.

Die Bildspender und Vergleichsfelder, auf die sich die Rhetorik der Euphemismen stützt, stammen zumeist aus der Welt der Psychologie, der Werbung und der Medien. Sie bezeichnen Vorgänge der Vermittlung, der Verständigung, der gewaltlosen Schöpfung und der Übereinkunft. Gemeinsam ist ihnen die Tendenz, individuelle Verantwortlichkeit für schmerzliche Entscheidungen hinter abstrakten Konstruktionen kollektiver oder struktureller Handlungsflüsse zu verstecken. Zugrunde liegt dem die Perspektive einer Gesellschaft, die Angst hat vor dem Eingeständnis unerfreulicher Wahrheiten, weil sie glaubt, diese seien niemandem zumutbar. Im Kern verbirgt sich darin eine tiefe Arroganz, die das eigentliche Skandalon des Euphemismus ausmacht. Wer seinem Gegenüber die Wahrheit nicht zutrauen möchte, hält ihn für unfähig, sie intellektuell oder moralisch zu bewältigen. Der Euphemismus betrügt den anderen um den Kern der Sache und erzeugt damit gerade keinen hierarchiefreien Raum, sondern eine durch Manipulation geschaffene Stufenwelt. Einer der derzeit beliebtesten Euphemismen, die Formel vom »Gespräch auf Augenhöhe«, liefert ein Musterbeispiel für das dialektische Funktionieren der »Wörter mit guter Vorbedeutung«. Wer eigens darauf hinweist, dass ein Gespräch auf »Augenhöhe« stattfand, wird Gründe dafür haben, diesen Sachverhalt zu beschwören – und zumeist nicht die Wahrheit sagen. Die Kommuniqués, die eine solche Formulierung bieten, bezeichnen dann auch meist Treffen zwischen ungleichen Partnern. Der Euphemismus ist selbst eine Redeform, die »Augenhöhe« verhindert, weil sie dem anderen die Einsicht in die wahren Verhältnisse vorenthält.

VD: JS

Kommentare

  1. Das ist viel zu plakativ. Es gibt auch ein Pathos der Wahrhaftigkeit, das nichts anderes ist als schnoddrig oder feige, weil es sich hinter rausgerotzter Unmittelbarkeit versteckt oder schiere Unfähigkeit zur Empathie ist.

  2. Schandor meint:

    In Österreich ist es unter einfacheren Leuten noch so, dass sie die Dinge „beim Namen“ nennen, ganz einfach deshalb, weil man „unter sich“ ist und wenig zu befürchten hat. Sobald man die Karriereleiter nach oben (und damit weiter hinein in die Schlangengrube) steigt, muss man die „Wahrheit“ auch schön-reden. Zusätzlich muss man (vor allem als Deutscher) darauf achten, dass jedermann merkt, wie unheimlich es einem ist, deutschsprachig zu sein. Hauptsache niemanden verletzen — und irgendwann auch niemand mehr zu berühren.
    Auch in Bayern (das sprachliche Mutterland Österreichs, wenn man so will) laufen die Dinge ähnlich wie in Österreich: Man sagt noch, was man meint. Je weiter man in den Norden kommt, desto stärker versucht man der Polarität der Aussagen durch die Verneinung des Gegenteils seiner Meinung entgegenzueilen (die typische Litotes des Deutschen). Das sind kulturelle Entwicklungen. Aufhalten werden wir sie nicht. Auch die Gesellschaft für deutsche Sprache nicht.
    🙂

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