Unsere neuen Kinder

Michael Winterhoff gehört zu den gern konsultierten Erziehungsratgebern der Republik (Warum unsere Kinder Tyrannen werden). In einem Interview mit der WELT malt er ein düsteres Zukunftsszenario.

Das sind die Kinder, die jetzt auf uns zukommen, die nur lustorientiert sind, sie haben keine Frustrationstoleranz, keine Gewissensinstanz, keine Arbeitshaltung, keine soziale Kompetenz. Sie sind im Freizeitpark „Phantasialand“ hochleistungsfähig, weil es um Lust geht, und in der Schule eben überhaupt nicht. Sie können sich auch auf nichts freuen, sie leben nur im Moment, suchen unmittelbare Bedürfnisbefriedigung – sie haben das Weltbild, dass sie allein auf der Welt sind und alles steuern und bestimmen können. Wenn ich vor Lehrern spreche, geben sie mir die Prozentsätze solcher Kinder an, im Grundschulbereich sind das schon siebzig Prozent.

Mehr: www.welt.de.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Man kommt in einen Supermarkt.
    Ein Kind schreit, schlägt mit seinen kleinen Ärmchen um sich – trifft den Papi oder die Mami im Gesicht. Papi (oder Mami) bewahrt die Contenance: nur sich keine Blöße geben. Wer wird sich denn schon von einem kleinen Kind aus der Ruhe bringen lassen?
    Hier haben wir einen völlig verwirrten Papi (oder eine Mami), der nicht mehr weiß, dass ein Kind, welches ohne schmerzhafte Konsequenz seine Eltern mit 10 Monaten schlägt, auch weiterhin auf Probleme so reagieren wird. Papi (oder Mami) erzieht das Kind durch Nichthandeln zum Tyrannen.
    Wenn niemand zuguckt, wird das Kind ermahnt: „Nein, das darfst du nicht! Das geht nicht!“ Vor ein paar Tausend Jahren hat einmal ein Hohepriester zu seinen Söhnen das gleiche gesagt: „Nicht also, meine Söhne!“ — Der Insider weiß, was aus den Sprösslingen wurde.
    Die 68er und das, was darauf folgte (ich meine alles familienzersetzende, sozialzellstrukturauflösende), hat die Voraussetzung: Demokratie beginnt in der Windel. Man darf ein Kind nicht zwingen.
    Das Kind gibt also lautstark den Ton an. Auch zuhause. Der erste Schrei an der Mutter Brust ist eine Bitte, hat Rousseau einmal gesagt, aber wenn man nicht aufpasst, wird sogleich ein Befehl daraus.
    Es ist aber in diesem Fall nicht so, wie Winterhoff meint, dass die Eltern das Spezifische der Kindheit eliminierten, um eine Symbiose mit den Kindern einzugehen, sondern schlimmer: sie begeben sich auf die unreife Stufe der Kinder und werden zu ihresgleichen. Kinder suchen nach Grenzen, unentwegt. Und wehe, wenn sie sie nicht finden! Die Rache solcher Kinder – da hat Winterhoff unbedingt recht – wird uns demnächst ereilen; viele Firmen wissen das schon in Form ihrer Lehrlinge.

  2. Alsterstewart meint:

    „Papi (oder Mami) erzieht das Kind durch Nichthandeln zum Tyrannen.“

    Da steht also jemand im Supermarkt, schaut sich Kind samt Vater an und kommt zu der Überlegung: Aha, da handelt jemand nicht. Was sollte Papi denn tun? Das 10 Monate alte Baby schlagen („schmerzhafte Konsequenz“) – und das in aller Öffentlichkeit?

    Kinder brauchen Grenzen und die können ihnen zu Hause gut vermittelt werden.

  3. Schandor meint:

    @Alterstewart

    Das ist absichtlich missverstanden. Wenn Kindern ihre Grenzen zu Hause vermittelt worden sind, schlagen sie weder Mami noch Papi. Schlagen ist nämlich ein erlerntes Erziehungsprinzip – so erzieht ein Kind seine Eltern erst im zweiten Schritt (nach Geschrei).

    Ein Kind zu schlagen wäre nicht nur grausam und dumm, sondern auch höchst unbiblisch. Die „schmerzhafte Konsequenz“ kennt freilich nur jemand, der den Unterschie zwischen ordnungsgemäßer Züchtigung (die das Kind nicht verletzt, sondern an etwas erinnert — und die überlegt und niemals im Zorn oder als unmittelbare Reaktion auf ein Fehlverhalten des Kindes erfolgt) und dem „Schlagen“ kennt.

  4. Alsterstewart meint:

    @Schandor
    Hmn, ich verstehe Dich wirklich nicht so ganz.

    Was sollte denn der völlig verwirrte Papi aus dem Beispiel mit dem 10 Monate alten Kleinstkind machen?

    Gehen wir durch einen reizesenden Supermarkt (mit den Süßwaren im Augen- und Griffbereich von Kleinkindern), dann wird elterliche Erziehungsarbeit („Grenzen setzen“) auf eine harte Probe gestellt.
    Als Vater von kleineren Kindern ist die schmerzliche Konsequenz: Nein sagen und – sobald Verständnis erbracht werden kann – erläutern.

  5. Schandor meint:

    @Alterstewart

    Ja, wir sind einer Meinung. Der Papi kann mit seinem 10 Monate alten Kleinkind in dieser Situation gar nichts machen, denke ich, aber er sollte sich überlegen, ob er ein solches Verhalten in Zukunft tolerieren will oder ob er es abstellen will. Und das ist gar nicht schwer.

    Nun kann man einem 10 Monate alten Kleinkind noch nicht wirklich viel „erläutern“, aber es ist wesentlich leichter noch zu korrigieren als — sagen wir — ein verzogener Bengel von 6 Jahren. Gerade bei Kleinkindern kann mit einem relativ geringen Aufwand viel erzielt werden, und Gewalt ist da nicht vonnöten.

    Ich kann — und da sind wir uns einig — im Supermarkt zunächst nichts machen. Aber gerade die Süßwarenproblematik bekommt man beispielsweise so „in den Griff“, dass man seinen Kindern sagt: Im Supermarkt generell (!) nicht, und zwar aus Prinzip nicht. Das funktioniert, wenn man sie von sich aus anderweitig mit Süßigkeiten versorgt.
    Das Kind muss lernen: Ein Lustreiz wird hier nicht sofort gestillt, sondern muss eine Zeit lang erduldet werden können. Kinder können das.

  6. Christian meint:

    Herr Winterhoff ist mit seiner Einschätzung übrigens nicht alleine. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Tim Elmore in seinem Buch „Generation iY – How to save their future“. Wie es auf der anderen Seite des großen Teichs üblich ist, gibt es hier natürlich auch gleich die Lösung ;-). Auf jeden Fall ist das Buch hilfreich für alle, die sich damit im Alltag auseinandersetzen (siehe auch http://www.safetheirfuturenow.com).

  7. Alsterstewart meint:

    @Schandor
    Alle Unklarheiten beseitigt… 😉

  8. Zum Thema „Kinder, Erziehung, Impulskontrolle“ finde ich folgenden Kurz-Vortrag (TED) sehr erhellend:
    http://www.youtube.com/watch?v=lWURnHkYuxM

  9. Winterhoffs Perspektive ist für meinen Geschmack zu einseitig und negativ. Die Sinus-Jugendstudie von 2012 etwa zeichnet da ein etwas anderes Bild. Erlebnis- und Spaßorientierung ist sicherlich eine von mehreren Handlungsmaximen. Allerdings ist in einigen Milieus die Leistungsorientierung sehr hoch, zudem vertreten viele Jugendliche klassische Werte wie Familie, Sicherheit und haben ein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein.

  10. Christian meint:

    @Keith: Ich stimme dir ganz zu, auch ich folge Winterhoff lange nicht in allen seinen Bewertungen. Immer wenn große Teile der Bevölkerung in einen Topf geworfen werden (hier die Kinder und Familien) kommt es zu unzulässigen Verallgemeinerungen. Winterhoff geht es aber weniger um Spaßorientierung, auch wenn das der Absatz oben erscheinen lässt. Ihm geht es vielmehr um die Frage ob Kinder und Teenager die Chance bekommen sich noch so an der Realität zu reiben, dass sie merken: „Ich bin nicht der Nabel der Welt, sondern ich lebe in einem komplexen System von Beziehungen. Meine Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer Menschen in meiner näheren und weiteren Umgebungen müssen zu einem Ausgleich kommen. Das geht nicht ohne Verzicht und nicht ohne Empathie.“
    In den Millieus der Leistungsorientierung ist daher die Frage zulässig, ob sich nicht auf andere Art und Weise alles um das Kind dreht, so dass es in veränderter Form den Eindruck gewinnt, dass müsse so sein und dürfe sich auch nicht ändern. Elmore beschreibt sehr pointiert, dass sich dabei auch die Werte, zwischen denen du nach meinem Eindruck einen Widerspruch formulierts (z.B. Erlebnisorientierung und Familie), bei Heranwachsenden durchaus zusammengebracht werden. Dann kann das so beschrieben werden, dass Familie dafür da ist, mir besondere Erlebnisse zu schenken. Das tut sie sicherlich auch – ich habe mit meiner Familie vieles erlebt, was ich ohne sie nie erlebt hätte – nur ist das nicht ihr Zweck. Aber klar, auch das ist nicht allgemeingültig. Es stellt sich nur die Frage, ob es eine beobachtbare Tendenz in diese Richtung gibt. Ich bin froh, viele Familien zu kennen, in denen die Problematik nicht so ist, wie Winterhoff sie beschreibt. Aber berufsbedingt sind meine Frau und ich auch schon vielen Familien begegnet, in denen die Problematik evident ist, quer durch ganz unterschiedliche Sinus-Millieus.

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