Unter dem Kreuz des Südens

Die Kleinstadt Dayton wurde einst durch den Schauprozess gegen einen Lehrer berühmt, der die Darwinsche Evolutionstheorie vertrat. Seit vielen Jahren finden die Republikaner bei Präsidentschaftswahlen in dieser Region besonders treue Wähler. Doch die Zeiten ändern sich. Sebastian Moll beschreibt in der FR die „Demokratisierung“ der US-Evangelikalen:

Für evangelikale Südstaatler aus Livesays Generation ist die Parteizugehörigkeit klar. Seit Anfang der Achtzigerjahre stehen sie solide hinter den Republikanern, seit Ronald Reagan es geschafft hat, seine Partei als die Behütern traditioneller Werte darzustellen und den politischen Gegner als Erbe der Hippie-Generation. Reagans Propaganda machte die Wahl zwischen Demokraten und Republikanern zu einer Wahl zwischen moralischem Verfall und der Bewahrung der traditionellen, frommen Lebensweise der Region. Dass er damit die schwarzen Wähler im Süden, die sich seit der Bürgerrechtsbewegung und John F. Kennedy bei den Liberalen besser aufgehoben fühlten, endgültig vergraulte, nahm er in Kauf. Er konnte es sich leisten, rechnerisch gesehen. Es gab schlichtweg nicht genügend von ihnen, seit sie nach dem Krieg zu Millionen in den Norden abgewandert waren.

Seit 2008 ist dieses Bild jedoch ins Wanken geraten. Viele evangelikale Christen haben sich wegen George W. Bush enttäuscht von den Republikanern abgewandt. Der Krieg im Irak war ihnen zuwider, und innenpolitisch erlebten vor allem jüngere Christen aus dem Süden Bush als Versager. Im Vergleich zum demokratischen Kandidaten John Kerry 2004 verzeichnete Barack Obama vier Jahre später unter jüngeren weißen Evangelikalen einen enormen Zulauf.

Der politische Wandel fällt nicht zufällig mit einem theologischen Umbruch innerhalb der evangelikalen Bewegung zusammen. Die amerikanischen Evangelikalen sehen traditionell die moderne Welt als sinkendes Schiff, als hoffnungslos der Sünde und dem moralischen Verfall anheimgegeben. Ihre einzige Rettung ist der Altar, die Erlösung ihrer Seele im Jenseits. Für das Diesseits und für ihre Mitmenschen hatten sie auf diesem Weg nur wenig Geduld – eine Philosophie, die sich mit dem rigorosen Individualismus der republikanischen Partei deckte.

In den vergangenen Jahren erlebt jedoch unter Evangelikalen das Diesseits ein Comeback. „Für jüngere Evangelikale ist das Annehmen von Jesus nur der Anfang“, schrieb zum Beispiel die New York Times. „Was folgt, ist ein langer Prozess des spirituellen Wachstums, zu der auch gehört, das heruntergekommene Schiff unserer Gesellschaft zu reparieren, indem man sich etwa um Armut, die Umwelt, Rassismus und Gesundheitsvorsorge bemüht.“ Klassische demokratische Themen also.

Hier: www.fr-online.de.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Ich bin sicher, amerikanische Präsidenten (oder Kandidaten) würden beteuern, Satan sei der Großonkel ihres Kontrahenten, wenn es den eigenen Zielen (gewählt zu werden) in irgend einer Weise Hülfe.

    Aber das ist ja nicht das Schlimmste, dass die so etwas behaupten würden.

    Das Schlimmste ist: viele Amis würden’s glauben.

    Schön, dass der Dispessimillennialismus (oder wie das Ding heißt) nicht zur totalen Endzeitkatastrophilie mutiert ist! 🙂

  2. Roderich meint:

    Leider übernimmt Sebastian Moll damit implizit das linke Deutungsschema. Wer sich für das Diesseits interessiert, wählt links… das ist quatsch. Das linke Denken ist gerade für das Diesseits wenig brauchbar – führt es doch zu massiver Staatsverschuldung, überbordendem Wohlfahrtsstaat, Anspruchsmentalität etc. Der linke Keynesianismus ist gescheitert.

    Es ist auch nicht notwendigerweise „rigoroser Individualismus“, wenn man sich für Steuersenkungen, für Familienwerte, gegen die Homoehe, für mehr Rechtsstaat einsetzt und den Kollektivismus ablehnt. Als Christ ist man vielleicht kein „klassischer Liberaler“ im atheistischen philosophischen Sinne (Ayn Rand), weil das auch aus der Aufklärung kommt, sondern man sieht auch für die Gemeinschaft, für die Nation etc. eine wesentliche Rolle, und die Wirtschaft hat nicht letztlich das Primat, sondern die (möglichst christliche) Kultur. Wirtschaft ist eine unter vielen Bereichen, die aber alle unter Gott stehen. Aber ein Befürworten von Gemeinsinn muss man nicht übersetzen mit „mehr Staat“.

    Wir brauchen eine neue Reformation – eine Rückbesinnung der Evangelikalen auf die Bibel, und eine entsprechende Umsetzung der Bibel in allen Lebensbereichen. Aber bitte schön ohne Karl Marx.
    Das Problem mit den Evangelikalen in den USA ist nicht, dass sie sich für mehr Diesseits interessieren, sondern dass sie das tun mit einer falschen Weltsicht – und letztlich die Bibel nicht mehr ernst genug nehmen.
    Hinzu kommt, dass die demokratische Partei in den USA das Potential der Evangelikalen als Wähler entdeckt hat und systematisch die Politiker schult, wie sie ihr Vokabular so wählen können, dass oberflächliche Evangelikale, die das Parteiprogramm nicht lesen, sich davon beeindrucken lassen. Bis hin zu Obama, der vorgibt, er sei beinahe ein Evangelikaler.

  3. Roderich meint:

    Dieser Korrespondent Sebastian Moll in New York ist übrigens ein anderer als der gleichnamige Theologe aus Mainz und Autor von „Jesus war kein Vegetarier“. Nur um Verwechslungen zu vermeiden (und den Ruf des Theologen nicht zu beschädigen) 🙂

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