Unter Feinden leben

Dietrich Bonhoeffer (Gemeinsames Leben, 2012, S. 15):

„Es ist nichts Selbstverständliches für den Christen, dass er unter Christen leben darf. Jesus Christus lebte mitten unter seinen Feinden. Zuletzt verließen ihn alle Jünger. Am Kreuz war er ganz allein, umgeben von Übeltätern und Spöttern. Dazu war er gekommen, dass er den Feinden Gottes den Frieden brächte. So gehört auch der Christ nicht in die Abgeschiedenheit eines klösterlichen Lebens, sondern mitten unter die Feinde. Dort hat er seinen Auftrag, seine Arbeit. ‚Die Herrschaft soll sein inmitten deiner Feinde. Und wer das nicht leiden will, der will nicht sein von der Herrschaft Christi, sondern er will inmitten von Freunden sein, in den Rosen und Lilien sitzen, nicht bei bösen, sondern bei frommen Leuten sein. O ihr Gotteslästerer und Christi Verräter! Wenn Christus getan hätte als ihr tut, wer wäre immer selig geworden?‘ (Luther).“

Kommentare

  1. Das Zitat dürfte aus Bonhoeffers „Gemeinsames Leben“ sein, oder? Wo und in welchem Zusammenhang findet sich denn das Luther-Zitat?

  2. @ Mark:
    Ja, dieses Zitat taucht in dem Werk auf, wie hier bspw. als Leseprobe ersichtlich:
    http://www.buchhandel.de/WebApi1/GetMmo.asp?MmoId=1319284&mmoType=PDF
    auf Seite 15 der PDF:

    Das entsprechende Zitat ist mit einer Fußnote gekennzeichnet:
    „zusammengezogenes Zitat (nach: K. Witte, Nun freut euch lieben Christen
    gmein, 226) aus einer längeren Passage bei M. Luther, Auslegung des 109. (110.) Psalms. 1518 (WA 1, 696 f).“

  3. Robert Hager meint:

    Einfach nur genial!

    Bonhoeffer (und verzeiht mir die Anmaßung, ich bin kein Theologe) gings nicht
    um Intellektualität und Theologie (im Selbstzweck), sondern um Wahrheit!

  4. @Lutz: Danke. Die Quelle stimmt, auch im Blick auf Luther. Bin unterwegs, so dass ich die Quellennachweise nicht nachliefern kann. Das empfehlenswerte Buch gibt es hier:
    Gemeinsames Leben

  5. Johannes 19, 25: Es standen aber bei dem Kreuz seine Mutter, und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.

    Ich denke schon, dass ich weiss, worauf Bonhoeffer hinaus will… und doch finde ich es sehr spannend, dass vor allem Frauen ausgehalten haben, vielleicht auch deshalb natürlich, weil ich auch eine bin. Aber erfüllen wir damit nicht unsere Aufgabe, die uns der HERR zugeteilt hat ? Aushalten und unterstützen ?

  6. schandor meint:

    Luthers Zitat stellt ein falsches Entweder-Oder dar.

    „Die Herrschaft soll sein inmitten deiner Feinde.“

    Will ich nicht. Ich will aber genausowenig unter „Freunden“ sein, und schon gar nicht in den „Rosen und Lilien“ sitzen. Und auch mit „frommen“ Leuten tue ich mir äußerst schwer und begebe mich nur sehr ungern in ihre Gesellschaft.

    Nach Luthers Urteil bin ich deshalb ein Gotteslästerer und Verräter an Christus.

    Und wieder heißt es: Seien wir froh, dass nicht Luther an der Himmelstür steht – wer von uns käme rein?

  7. Roderich meint:

    @Schandor,
    solche Aussagen wie „will ich nicht“, oder „ich tue mir schwer“ sind doch nicht wahrheitsfähig. Also kann man doch nicht darüber diskutieren, oder?

    Luther wandte sich gegen die Absonderungsmentalität, als wäre man allein dadurch schon heiliger, wenn man ins Kloster geht.
    Bonhoeffer redet ja auch von „Christen“, während man bei Dir den Eindruck hat, Du redest von „Heuchlern“, das ist natürlich ein anderer Bezug.
    (Wobei die Verallgemeinerung, alle Christen seien Heuchler, schon wieder eine unzulässige Verallgemeinerung ist – von (vielleicht) beobachteten wenigen Einzelfällen. Falscher induktiver Schluss. Was die Einzelfälle angeht: sogar da ist unsere Wahrnehmung manchmal getrübt – manches Problem an einer Begegnung liegt an uns selbst, auch wenn wir es gerne dem anderen anlasten wollen, das kenne ich nur zu gut. Das heisst selbst die Stichprobe, aufgrund derer man schliesst, kann manchmal falsch ermittelt worden sein.)
    Wir müssen uns um richtiges Prämissenmaterial für unsere Schlüsse schon ein wenig bemühen. … 🙂

  8. Johannes Strehle meint:

    Zunächst einmal Dank für die unzeitgemäßen Bonhoeffer-Zitate!

    Das Thema „Feinde“
    gehört zu den wichtigen Themen des Lebens und dementsprechend der Bibel,
    die – wenn ich das richtig überblicke –
    durch die zeitgemäße Evangelical Correctness verdrängt werden,
    zum Nachteil einer gesunden Entwicklung der Christen und der Gemeinden.

    Von David,
    dem Mann nach dem Herzen Gottes
    und größten Lobpreisdichter und -komponisten,
    können wir viel zu dem Thema lernen, auch über den „Sohn Davids“.

    David hatte „einfache“ Feinde und schwierige Feinde.
    Die „einfachen“ Feinde
    waren die Feinde außerhalb des Volkes Gottes,
    zum Beispiel Goliat.
    Sie waren so „einfach“ wie die Feinde seiner Schafherde.
    Da waren die Fronten für ihn klar.
    Schwierig waren die Feinde
    innerhalb des Volkes Gottes.

    Feinde sind ein Hauptthema
    der Lobpreisungen in der Bibel.
    Im zeitgemäßen Lobpreis, den ich kennen gelernt habe,
    kommen sie nicht vor.
    Das kann verschiedene Gründe haben:
    Möglichkeit 1:
    Ich habe den zeitgemäßen Lobpreis,
    in dem die Feinde vorkommen,
    noch nicht kennengelernt.
    Möglichkeit 2:
    Die Christen des zeitgemäßen Lobpreises
    haben keine Feinde.
    Das wäre ebenso erstaunlich wie erfreulich.
    Bedauerlich wäre,
    dass sie damit Christen „ausschließen“,
    denen es nicht so gut geht.
    Möglichkeit 3:
    Die Christen des zeitgemäßen Lobpreises
    sind davon überzeugt, dass Feinde heutzutage
    im Lobpreis nichts mehr zu suchen haben.
    Frühere Song-Schreiber/Lieder-Dichter
    waren noch anderer Auffassung.
    Auch in dem Lobpreis „am Tag,
    als Gott ihn (David)
    aus dem Griff all seiner Feinde
    und aus der Faust Sauls gerettet hatte“,
    sind (selbstverständlich)
    Kampf und Sieg Hauptthema.
    David bringt nicht nur seine wundervollen Erfahrungen
    mit Gott zum Ausdruck,
    sondern auch seine schrecklichen Erfahrungen
    mit seinen Feinden
    und die schrecklichen Erfahrungen,
    die seine Feinde schließlich machen mussten.

  9. schandor meint:

    @Roderich

    –– ah, dann habe ich das Zitat missverstanden, denn Deinen Ausführungen stimme ich zu.

    Liebe Grüße!

  10. Johannes Strehle meint:

    In einer Welt, die den Aufstand gegen Gott probt,
    ist es mit der geistlichen/geistigen Gesundheit von Christen und Gemeinden
    genauso wie mit der körperlichen Gesundheit:
    Gesundheit ist im Fall von Infektionskrankheiten
    nicht die Abwesenheit von Bedrohung,
    sondern Identifizieren, Abwehren und Unschädlichmachen von Feinden.
    Wenn das Immunsystem nicht funktioniert,
    sind Siechtum und Tod die Folge.
    Wenn Unterscheidungs- und Urteilsvermögen und Konsequenzen
    nicht funktionieren,
    sind geistliches/geistiges Siechtum und Tod die Folge.
    Kinderkrankheiten stärken das Immunsystem,
    wenn sie als solche behandelt werden,
    statt als geistliche Errungenschaften gefeiert zu werden.

  11. schandor meint:

    @Johannes Strehle

    Die Christen des zeitgemäßen Lobpreises
    sind davon überzeugt, dass Feinde heutzutage
    im Lobpreis nichts mehr zu suchen haben.

    Dieses trifft zu. Denn wie die auf der Kanzel draußen nicht müde werden,
    darauf hinzuweisen, dass wir (wer wir eigentlich?) ja unsere Feinde lieben sollen, so werden auch sie es sein, die den weiteren Verlauf unsers Flachlobpreises bestimmen.

    Es kommt aufs gleiche heraus: Ob man nun den Feind Alkohol vernichtet (indem man ihn wegtrinkt) oder den Philister in uns selbst liebt, weil wir die Feinde lieben sollen – wir sind arm dran.

    Ich habe das Zitat zuerst falsch verstanden. Offenbar ist gemeint: Weg von der beliebten Rückzugsmentalität hin zum mutigen Zeugnis unter Europas Bürgern. Fehlt nur noch die Sprache, denn die haben sie ja so weit verändert, dass man heute kaum mehr etwas Sinnvolles sagen kann.
    Selbst nach stundenlangem (und ernstem!) Gespräch mit einem Esoterik-Anhänger ist es mir nicht einmal gelungen, auch nur ansatzweise zu sagen, worin das Christentum besteht. Vielleicht ist es einfach nicht meine Aufgabe.

    Das Leben des Christen in der Nachfolge Christi besteht darin, von anderen Menschen missverstanden zu werden, besondern von Christen.

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