Verbindet das Weihnachtsfest Christen und Muslime?

In Diskussionen um gesellschaftliche Integration und interreligiöses Zusammenleben wird nicht selten die Harmonisierung christlicher und islamischer Glaubensvorstellungen gefordert. Sie scheitert aus Sicht von Pfarrer Eberhard Troegers vom Institut für Islamfragen vor allem an den unterschiedlichen Aussagen der Bibel und des Korans über die Identität und Botschaft Jesu. Ein konstruktives gesellschaftliches Miteinander von Menschen christlichen und muslimischen Glaubens brauche daher neben dem aufmerksamen Blick für das Gemeinsame auch die Bereitschaft und den Mut, wesentliche Unterschiede im Menschen- und Gottesbild offen anzusprechen und auszuhalten. Denn Toleranz bedeute nicht, alles für richtig zu halten, sondern den anderen zu respektieren, ohne seine Überzeugung zu teilen. Während viele Muslime ihre Hochachtung vor dem Propheten Isa, wie Jesus im Koran genannt wird, betonten, und Jesus in verschiedenen Strömungen des Sufismus als großes geistliches und moralisches Vorbild der Demut und Askese verehrt werde, lehne der Koran den christlichen Glauben an die Menschwerdung Gottes in Christus, also die Weihnachtsbotschaft, als gotteslästerlich ab, erklärte Troeger anlässlich des bevorstehenden Weihnachtsfestes.

Befürworter einer Harmonisierung beziehen sich laut Troeger vor allem auf die positiven Beschreibungen Jesu, die aus der frühen Zeit Muhammads stammen. Muhammad war damals verfolgter Prediger einer neuen religiösen Gemeinschaft in Mekka. Diese Beschreibungen knüpfen offensichtlich an Schilderungen des Neuen Testaments und verschiedener apokrypher Schriften an. Sure 19,20 bezeugt die Jungfrauengeburt Jesu. In Sure 3,45-49 heißt es, dass Jesus durch die Kraft des Wortes Gottes geschaffen und im Diesseits und Jenseits angesehen werde und zu denen gehöre, die Gott nahe stehen. Engel verkünden Maria, dass Gott Jesus die Schrift, die Weisheit, die Thora und das Evangelium lehren wird. Seine Botschaft des Evangeliums (injil) wird in Sure 5,46 als Licht und »Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen« bezeichnet. Nach Sure 3,49 heilt Jesus Blinde und Aussätzige und erweckt Tote zu neuem Leben. In Sure 5,112-115 wird beschrieben, wie Jesus seine Jünger mit einem wundersamen Essen aus dem Himmel versorgt.

Als sowohl Juden als auch Christen mit Berufung auf diese Wunder Jesu von Muhammad ähnliche Beglaubigungszeichen für seine göttliche Sendung forderten, verwies Muhammad auf die Einzigartigkeit des Korans als größtes Wunder. Erst in späteren Überlieferungen finden sich zahlreiche Berichte über Wunder Muhammads, deren Glaubwürdigkeit jedoch unter muslimischen Gelehrten umstritten ist. Im Vergleich mit Muhammad erscheint es aus Sicht von Troeger auch erstaunlich, dass Jesus weder im Koran noch in der Überlieferung einer einzigen Sünde bezichtigt wird, während gleich mehrere Koranstellen (Suren 40,55; 47,19; 48,2) beschreiben, dass Muhammad um Vergebung seiner Sünden beten musste. Unter muslimischen Theologen setzte sich später in offensichtlicher Reaktion auf die interreligiösen Auseinandersetzungen die Vorstellung von der Sündlosigkeit Muhammads und aller anderen Propheten durch, so Troeger.

Während Jesus in verschiedenen Koranstellen als »Wort von Gott«, Geist von Gott und Messias (z.B. Sure 4,171) beschrieben wird, wandte sich Muhammad insbesondere in seiner späteren Zeit als mächtiger religiöser und politischer Führer der wachsenden muslimischen Gemeinschaft in Medina immer entschiedener gegen den christlichen Glauben an Jesus als Gottessohn. Den Christen wird in Sure 5,72 vorgeworfen, mit der Verehrung Jesu Gott andere Götter beizugesellen und damit die schlimmste Sünde, nämlich die der Vielgötterei (schirk), zu begehen. Der Jesus des Korans und der islamischen Theologie erscheint damit lediglich als ein wichtiger prophetischer Vorläufer und Wegbereiter Muhammads. Wo die Bibel über diese Rolle Jesu hinausgeht, galt sie Muhammad als christliche Verfälschung der ursprünglichen göttlichen Botschaft.

»Jesus, wahrer (wirklicher) Gott vom wahren Gott ist Mensch geworden« (Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, im Jahr 381 nach dem 1.Weihnachten) – dieser Anspruch galt schon den jüdischen Theologen und Führern zur Zeit Jesu als Gotteslästerung. Deswegen ließen sie Jesus zum Tod verurteilen und hinrichten. Der gekreuzigte Gottessohn – »für die Juden ein Ärgernis (skandalon), für die anderen eine Dummheit«. Das schrieb Paulus, der als jüdischer Theologe wegen dieser »Irrlehre« die jüdischen Christen verfolgt hatte, nach seiner Kehrtwendung zum christlichen Glauben an die Christen in Korinth (1. Korinther 1,23). Demnach trenne gerade die Weihnachtsbotschaft, dass Gott nicht unnahbar bleibt, sondern in Jesus Mensch wird, Christen und Muslime, erklärte Troeger.

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