Verfolgung und Diskriminierung von Christen (Teil 1)

Anfang November wird das Jahrbuch Märtyrer 2012 erscheinen. Ich freue mich, vorab einen äußerst informativen Artikel von Max Klingberg in Auszügen veröffentlich zu dürfen. Max Klingberg arbeitet für die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und ist Initiator und Mitherausgeber des Jahrbuchs zur Christenverfolgung heute. Die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung in mehreren Teilen.

 

Verfolgung und Diskriminierung von Christen (Teil 1)

Max Klingberg

Desinformation

Der Mohammed-Schmähfilm „Die Unschuld der Muslime“ hat in mehreren islamisch geprägten Ländern der Welt dazu geführt, dass ungezählte Christen gänzlich unschuldig bedroht, angegriffen und in einigen Fällen sogar umgebracht wurden. Über die Unruhen und über viele der Übergriffe wurde intensiv in den Medien berichtet. Wenig berichtet wurde über das Umfeld, aus dem heraus dieser Film entstand. Der Produzent des Films ist ein ägyptischer Kopte, der in die USA auswanderte. In seiner Heimat Ägypten, aber auch in vielen anderen Ländern tobt ein heftiges Ringen um Deutungshoheit, Religion und ihren Einfluss auf die Politik. Dieser Kampf wird von vielen Beteiligten seit Jahren und mit großer Intensität geführt – oft weit unter der Gürtellinie. „Die Unschuld der Muslime“ ist gegenwärtig nur das bekannteste Produkt dieser Auseinandersetzung. Die Schmähungen darin sind geradezu spektakulär plump. Doch das ist nicht immer so. Vielfach werden Übertreibungen, Halbwahrheiten, Schmähungen und frei erfundene Falschinformationen bedeutend geschickter eingesetzt. Das macht Desinformation umso gefährlicher. Sie verbaut die Sicht auf ein realistisches, differenziertes Gesamtbild. Physische Aggression, Gewalt und Morde gegen Andersgläubige gehen in der „islamischen Welt“ fast immer von Angehörigen der Mehrheitsreligion aus. Die Ausnahmen in dieser Hinsicht sind rar. Ein Monopol für Desinformation haben islamische Extremisten gleichwohl nicht. Zahlen spielen dabei eine zentrale Rolle: Zahlen, die Journalisten wie Leser im Westen für korrekt halten, ohne sich näher damit auseinanderzusetzen.

Zahlen

Um einen Überblick über Diskriminierung und Verfolgung zu erhalten, scheinen Zahlen zunächst ein idealer Zugang zu sein. Zahlen zum Thema geistern in größerer Menge durch Medien und Literatur. Einige davon sind selbst von seriösen Journalisten und Wissenschaftlern zitiert und so scheinbar geadelt worden – weil alternative Zahlen schlicht fehlen. Dabei kollabieren die allermeisten Zahlen schon bei behutsamer kritischer Nachfrage. Informationen darüber, wie Zahlen ermittelt oder auf welcher Grundlage sie „geschätzt“ wurden fehlen fast immer. Was aber kann man dann glauben? Dazu ein kleiner aber notwendiger Exkurs zum Thema „Zahlen, Daten, Fakten“:

Journalisten und Zahlen – „100.000 Christen haben Ägypten verlassen?
In unserer medialen Welt „brauchen“ Journalisten Zahlen. Der Druck, „Zahlen, Daten, Fakten“ zu präsentieren ist so unausweichlich, dass die vorhandenen Zahlen verwendet werden. Doch auch wenn völlig korrekt die Quellen benannt sind, heißt das nicht automatisch, dass die genannte Zahl in irgendeiner nähren Beziehung zur Realität stehen müsste. Ein Beispiel: Im September 2011 behauptete der koptische Anwalt Nagib Gubrail aus Kairo in einem Bericht, dass seit der ägyptischen Revolution 100.000 Kopten Ägypten verlassen hätten und ganz überwiegend in die USA ausgewandert seien. „Geschätzte“ weitere 250.000 ägyptische Christen würden bis Ende 2011 folgen. Die „Schätzung“ von einer Viertelmillion Kopten, die Ägypten in dem verbliebenen Jahresviertel verlassen sollten, viel bald dem Vergessen anheim, aber die Zahl der 100.000 geflohenen Kopten wurde wieder und wieder zitiert. Nun ist es für Ägypter relativ schwierig, in die USA oder andere westliche Staaten auszuwandern. Christen in Ägypten stellen sich die Frage, wie dies möglich gewesen sein könne und kamen zu dem Schluss, dass Gubrails Zahlen unmöglich zutreffen konnten. Mit den Belegen dafür konfrontiert, zog sich der Anwalt darauf zurück, die Zahlen seien durch „Schätzungen“ von Kopten in den USA zustande gekommen, die ihm telefonisch mitgeteilt worden seien. Diese Diskussion in Ägypten, die die Zahl der „100.000“ letztlich ad absurdum führte, drang nicht bis nach Deutschland durch.

„Alle fünf Minuten stirbt ein Christ“ wegen seines Glaubens?

Das wären über 105.000 Christen pro Jahr – die getötet würden, weil sie Christen sind. Diese und ähnliche Werte liegen um Größenordnungen zu hoch, selbst dann, wenn der Begriff Märtyrer maximal weit gefasst wird: Ein getöteter Christ, der nicht getötet worden wäre, wenn er kein Christ gewesen wäre. Die weltweit beste Betrachtung zur aktuellen Zahl christlicher Märtyrer stammt vom Direktor des Internationalen Institutes für Religionsfreiheit (IIRF) und IGFM-Vorstandsmitglied Prof. Dr. mult. Thomas Schirrmacher aus dem Jahr 2011 („Zur Kritik der Zahl von 178.000 (2010) bzw. 100.000 (2011) christlichen Märtyrer pro Jahr“, Märtyrer 2011: Das Jahrbuch zur Christenverfolgung heute, hrsg. von Tomas Schirrmacher, Max Klingberg u. Ron Kubsch. Idea Dokumentation 2011/10, Studien zur Religionsfreiheit Bd. 20, Verlag für Kultur und Wissenschaft, S. 119–124).

Kommentare

  1. Roderich meint:

    Es ist gut, Übertreibungen richtigzustellen.
    Natürlich sind schon 1000 Märtyrer pro Jahr zu viele und grausam und erschreckend.
    Leider erhalten wir zu den Zahlen schwierig emotionalen Bezug, hohe Zahlen paralysieren beinahe. Es ist auch schwierig, diese Zahlen zu ertragen. (Es ist jedenfalls nicht so, dass man bei 20.000 doppelt so lang beten würde für verfolgte Christen, als wenn es 10.000 wären.)

  2. So eine ähnliche Diskussion ist ja bereits mal gelaufen….

    Man kann jetzt beklagen, dass der Begriff „christlicher Märtyrer“ ziemlich ungenau statistisch gehandhabt wird. Man kann jetzt nach unten korrigieren, um die realistische Zahl von „christlichen Märtyrern“ oder „Christen in Verfolgung“ zu erhalten.
    Die Frage nach der Methode der Erfassung oder die Frage nach den Kriterien für Glaubwürdigkeit bleibt in jedem Fall. Ebenso ist es mit der Frage nach den realistischen Möglichkeiten einer solchen Datenerfassung (nicht jede Region kennt sich wohl so genau in Buchführung aus …).
    Nach welchen statistischen Vorgaben wird ein Christ identifiziert, um ihn als solchen einzuordnen? …

    Eine solche Methode oder Ausschlusskriterium (im Artikel) ist für mich ebenso fraglich: „Wie soll das möglich sein? Daraus schlussfolgere ich: Es kann nicht möglich sein!“

    Wenn Menschen getötet oder … werden, weil sie im „Dunstkreis“ christlichen Glaubens leben – dann ist jeder davon mindestens Kind einer Mutter oder eines Vaters, vielleicht selbst Vater oder Mutter, Ehemann oder Ehefrau, Opa oder Oma …. Am zugefügten Leid ändert das doch nicht das Geringste – ob nun tatsächlich Christ oder nicht.
    Mir bleibt es letztlich ein Rätsel welchen Nutzeffekt eine bessere Aufschlüsselung in konkretere Kategorien haben soll.
    So und soviel „Christen“, so und soviel „zufällig dabei Gewesene“, so und soviel „verwandtschaftlich Involvierte“ …. – am Unrecht ändert es doch nichts.
    Interessiert es die Täter eigentlich?

    In einer Sache stimme ich aber zu, Zahlen einfach mal so verwenden ohne zu fragen: wo kommen die her, wie sind sie entstanden? – ist problematisch.
    Das kann übrigens sehr gut dem Hinterfragen der eigenen Methodik dienen.
    Irgendwie leben viele Argumentationen heute genau von einer solchen Methode. Mein Standpunkt und dann schnell mal eine entsprechende Datenerhebung … Wie die dann zustande kam und nach welchen Kriterien erfasst und wie geschlussfolgert … – wen interessiert es letztlich? Sind wir „Christen“ da wirklich auch so genau, wie hier prinzipiell hinterfragt wird? Keine leichte Sache, meine ich – aber Ansporn allemal um auch hier genauer zu sein.

  3. Jemeljan meint:

    Zahlen hin oder her: selbst wenn eine „kritischere“ Analyse ergäbe, dass „nur“ alle 10, 15 oder 20 Minuten ein Mensch, der sich zur Nachfolge Jesu bekennt, um UNSERES Glaubens willen zu Tode kommt, wäre das noch immer schockierend. Mag sein, dass mit Zahlen in unserer „Hysterie“-Gesellschaft mehr oder minder methodisch schockiert werden soll, aber dennoch können wir die nackte Tatsache, dass WELTWEIT, in allen Kulturregionen dieses Planeten eine Welle von Anfeindungen, Diskriminierungen, Gewalttaten, Vertreibungen und Morden an Christen abläuft, keinesfalls negieren oder durch „neue Zahlen“ relativieren. Sollte man auch gar nicht versuchen. Unser Glaube steht an der Front. Ob wir es wollen oder nicht. Vielleicht gerade, weil wir es als Anhänger des Friedefürsten NICHT wollen ! Perfide Ironie, aber dennoch brutale Wahrheit für Christen in Ägypten, Nord-Nigeria, Teilen Indiens usw. usw.

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