Verlorene Söhne, Töchter, Väter: Interview mit Bettina Klix

41rXaKwKopL._SL160_.jpgKann ich gar nichts behalten? Was ist von mir noch übrig? So könnten viele Figuren in Paul Schraders Filmen fragen. Das tun sie nicht. Sie fragen stattdessen »Was bin ich wert?« oder sagen: »Einige meiner Illusionen wurden zerstört« wenn ihr bisheriges Leben in Trümmern liegt. Paul Schrader zwingt seinen Figuren existenzielle Entscheidungen in Form drastischer Bedrohungen auf. Er setzt sie gefangen, um zu zeigen, dass sie vorher nicht frei waren oder schickt sie auf die Suche nach sich selbst.

Die Schriftstellerin Bettina Klix beschreibt in ihrem neuen Buch Verlorene Söhne, Töchter, Väter, wie Schrader seine Figuren preisgibt – und rettet. Theoblog hat mir ihr gesprochen:

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Verlorene Söhne, Töchter, Väter: Interview mit Bettina Klix

Theoblog: In Schriftstellerkreisen ist Dein Name bekannt. Allerdings werden Dich nur wenige Theoblog-Besucher kennen. Kannst Du etwas über Dich erzählen?

Bettina Klix: Mein Debüt als junge Autorin war bei Suhrkamp. Der Kurzprosa-Band Tiefenrausch fand nur wenige geneigte Leser. Dem Nachfolger Sehen Sprechen Gehen erging es leider genauso. Eine wichtige Person, die mich in all den Jahren des Misserfolgs nicht aufgeben ließ, ist »mein« Übersetzer Eric Miller. In diesem Jahr soll in Kanada ein Auswahlband mit der frühen Prosa erscheinen.

Theoblog: In Deinem neuesten Buch »Verlorene Söhne, Töchter, Väter« beschreibst Du sieben Filme von Paul Schrader. Was ist es, was Dich an seinen Filmen besonders berührt?

Bettina Klix: Es war ein unerwarteter Auftrag von der Berliner Kinemathek, ein Buch über Schrader zu schreiben. Meine wunderbaren Herausgeber ließen mir völlig freie Hand. Da habe ich mich auf die Filme mit religiösen Themen beschränkt und solche, in denen auf mehr verschlüsselte Weise der Glaubenshintergrund Eingang gefunden hat, wie in »Light Sleeper« das Thema der Gnade. Als ich Interviews mit Schrader sah, musste ich feststellen, dass er gerade das, was ich für gelungen halte, nicht immer selbst dafür hält. Ich denke, das hat mit seiner jugendlichen Abkehr von seiner familiären calvinistischen Glaubensprägung zu tun. Obwohl er selbst oft sagt, dass er immer noch davon bestimmt sei, gab er als Beispiel nur das Bewusstsein für ethische Konsequenzen an. Mich berührt also auch das, was sich in seine Filme eingeschlichen hat oder was seinen Intentionen entgegenläuft.

Theoblog: Rüdiger Suchsland hat in seiner FAZ Buchbesprechung die »phänomenologische dichte Beschreibung« der Filme hervorgehoben. Ich habe das beim Lesen auch so empfunden. Du bleibst sehr nah am Film und schilderst als atemberaubend detaillierte Beobachterin. Du musst Dir die Filme wieder und wieder angesehen haben. Wie hast Du gearbeitet?

Bettina Klix: Ja, ich habe mit den Filmen gelebt. Weil das von vorn herein klar war, dass es nur so funktionieren könnte, habe ich mich deswegen im Vorfeld gegen einige seiner Filme entschieden, die ich zwar für großartig halte, mit denen ich aber nicht so eng hätte »zusammenleben« wollen. Wie zum Beispiel »Auto Focus«, der Film über zwei Sexsüchtige. Außerdem wird einer der beiden von Willem Dafoe dargestellt und seit ich ihn in »Last Temptation of Christ« von Scorsese sah (für den Schrader das Drehbuch schrieb), wo er Jesus spielt, möchte ich dieses Bild nicht so gern »hergeben«. Je öfter man einen Film sieht, umso weniger kann er sich »verbergen«, trotz der eigenen Ermüdung, die sich unweigerlich einstellt. Die Religionssatire »Touch« hielt ich beim ersten Sehen für sehr seltsam. Außerdem habe ich keine einzige Äußerung von Schrader dazu gefunden. Doch als ich dann anhand der anderen Filme und seiner Selbstauskünfte begriff, dass er seine Arbeit manchmal selbst nicht schätzt, stieg ich ein und fand, dass hier gerade – in der komischen Maskierung – ein Film über die Möglichkeit des Wunders entstanden ist.

Theoblog: In dem Film »Hardcore« (dt. Ein Vater sieht rot) wird geschildert, wie der strenggläubige Calvinist Jake Van Dorn sich sehr für die gesunde Lehre engagiert und währenddessen unvermittelt seine sowieso etwas scheue Tochter verliert. Als er sie mit Hilfe eines Privatdetektivs wieder findet, ist sie Pornodarstellerin. Ich habe den Film bisher nicht gesehen. Aber deine Besprechung hat mir die Tränen in die Augen getrieben.

Bettina Klix: Der Film mutet uns ja mit seinen krassen Gegensätzen sehr viel zu, aber der erste Teil, in dem Schrader sich bemühte, einen gewissen Druck der strengen Umgebung aufzubauen, war für mich bei meinem wiederholten Sehen immer der Abschnitt, den ich am liebsten gesehen habe. Das ist alles – gegen den Willen des Regisseurs – so liebevoll in den Einzelheiten, dass sich eine Flucht der Tochter daraus nicht zwangsläufig ergibt – wie manche es ja interpretieren.

Theoblog: Tief betroffen gemacht hat mich Deine Schilderung des Filmschlusses. Jake trifft endlich auf seine Tochter, die sich, voller Scham, nicht vorstellen kann, wieder in das alte Leben zurückzukehren. Der Vater erkennt, dass er nie gelernt hat, ihr seine Liebe zu zeigen. Ein Happyend?

Bettina Klix: Ja, fast. »Hardcore« ist ein Film, an dem Schrader selbst das Gute nicht sieht. Ja, im Gegenteil hält er es für einen Fehler, dass der Film so endet. Er wollte, dass die Tochter stirbt, bevor der Vater sie findet. Noch vor kurzem hat er sich bei einer Veranstaltung auf drastische Weise negativ über das Ende geäußert. Es tat mir geradezu weh, wie das Publikum über seine Selbstbezichtigung lachte. Im Buch habe ich noch einmal darauf hingewiesen, dass es schwierig genug sein wird, für Vater und Tochter ihr Leben wieder aufzunehmen. Dass er der Filmtochter die Chance nehmen wollte, hat aber viel mit Schraders Abkehr von seinem eigenen Vater zu tun. Dass der Film letztlich gegen diesen gerichtet war, hat selbst Schrader eingestanden. Aus diesem Grund auch gefällt ihm der Film nicht mehr und das wiederum kann ich sehr gut verstehen. Denn er setzt diese Stellvertreterfigur ja den größten Qualen aus. (Siehe Titelbild meines Buches.) Schrader selbst wollte eben nicht zurückkehren – in seine Familie und den Glauben.

Theoblog: In Schraders Filmen geht es um Identität, um das sich verlieren, suchen und finden. Menschen finden gelegentlich etwas, was sie gar nicht gesucht haben. Hast Du bei der Beschäftigung mit Schrader und seinen Filmen auch unerwartet etwas entdeckt?

Bettina Klix: Als ich mich mit Schraders religiösem Hintergrund beschäftigte, gehörte das zur Arbeit. Doch je mehr ich mich auf diese Spuren begab, mir etwa die Netz-Andachten des Calvin College, Grand Rapids, ansah, das Schrader früher besucht hatte, zuerst nur neugierig, dann regelmäßig, veränderte ich mich. Das Nachforschen wurde zu einer Befragung meines eigenen christlichen Glaubens. Man könnte sagen, dass ich mich in diesem Prozess selbst »evangelisiert« habe.

Theoblog: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Buch kann hier bestellt werden:

Kommentare

  1. Roderich meint:

    Vielen Dank fuer das interessante Interview!

    @Bettina, Glueckwunsch zu diesem Buch, der positiven Besprechung in der FAZ, und auch und besonders Deinem persoenlichen Glaubensweg! Darauf wuensche ich Dir auch weiterhin viel Segen. Und natuerlich viel Erfolg fuer die weitere Rezeptiond es Buches.

    (Menschen, die sich von einem „zu“ strengen Glauben abwenden, sind uebrigens auch daher interessant, weil sie ein gewisses Spiegelbild der Gesellschaft sind – die sich in Europa ja auch von Gott immer mehr abwendet, aber auch (oft ohne es zu wissen) von Restbestaenden des christlichen Glaubens lebt und noch tiefer davon beeinflusst ist, als sie es ahnt. Das ist dann irgendwie der „Schatten“ des Glaubens, der noch bleibt, aber doch noch viel aussagt. Und auch das Negative definiert sich – noch – aus dem Positiven, von dem es sich versucht abzusetzen).

    Eine praktische Frage zu diesem Buch: sollte man erst die Filme sehen und dann das Buch lesen? Oder andersherum?

  2. Vielen Dank für das gelungene Interview, Ron. Ich werde das Buch lesen.
    Paul Schrader ist übrigens auch der Autor eines in Filmemacherkreisen bekannten Buches: „Transcendental Style In Film: Ozu, Bresson, Dreyer“.
    Seine Ambiguität und Obsession für christliche Motive ohne freimütige christliche Überzeugung scheint mir sehr typisch zu sein für Menschen, welche in der Öffentlichkeit ihre Abkehr vom starken christlichen Glauben ihrer Jugend inszeniert haben. Friedrich Dürrenmatt schrieb bis ins hohe Alter an verschrobenen Interpretationen biblischer Stoffe herum. Ingmar Bergman setzte sich wie besessen mit seinem „religiösen Trauma“ auseinander und schuf manchmal sogar durchaus schöne, positive Szenen mit Glaubensthematik. Ein jüngstes Beispiel aus unserem Dunstkreis ist Frank Schaeffer, der sich in seinen Texten in eine immer tiefere Obsession hineinzuschreiben scheint. Typisch dabei, dass er sich auf nichts festlegen möchte, sondern sehr an einer öffentlichen Rolle als Quergänger und Vermittler jenseits von Fundamentalismus und Atheismus interessiert zu sein scheint.
    Ich bin selbst Kulturschaffender und spüre am eigenen Leib, wie verführerisch dieser Weg ist. Die heutige Kultur mag Menschen jenseits aller Polaritäten.
    Manchmal frage ich mich auch, ob Künstler des obengenannten Typs ihren ehemaligen Glauben auch deshalb aufgegeben haben, weil sie sich dadurch insgeheim Akzeptanz erhofften, aber im Herzen – dort, wohin nur Gott alleine sieht – den glimmenden Docht doch nicht ausgehen lassen möchten und deshalb niemals zur Ruhe kommen können. Dies würde die Widersprüchlichkeit von Paul Schrader erklären. Aber hier lehne ich mich ganz bestimmt zu weit aus dem Fenster, denn ich kenne weder ihn, noch sein Werk wirklich gut. Und sogar wenn ich dies täte, könnte man als Mensch diese Frage beantworten?
    Liebe Grüsse, LZ

  3. @LZ: Danke! Ich stimme Dir in allem zu. Auch bei Nietzsche ist das so gewesen.
    Zu Bergmann siehe auch hier:
    http://theoblog.de/ingmar-bergman-ist-tot/45/

    Leider fehlt am Schluss Text. Ich weiß nicht genau, woran das liegt und kann es momentan nicht ändern.

    Dir viel Kraft und Mut, jenseits der Polaritäten zu schaffen!

    Liebe Grüße, Ron

  4. Vielen Dank, Ron.
    Ich habe jetzt Dein Bergman-Artikel jetzt nochmals durchgelesen. „Das Letzte Siegel“ mochte ich auch sehr. Was der Meisterregisseur im Rückblick darüber sagt, ist wirklich erschütternd, wenn man seine späteren Filme und Interviewaussagen kennt:

    Als ich das Siegel machte, waren Gebet und Fürbitte zentrale Realitäten meines Lebens. Das Verrichten eines Gebets war eine völlig natürliche Handlung.

    Im Film „Jungfrauenquelle“ wird die christliche Frömmigkeit übrigens auch sehr positiv dargestellt. Ein sehr empfehlenswerter Film.

  5. @LZ:

    Im Film “Jungfrauenquelle” wird die christliche Frömmigkeit übrigens auch sehr positiv dargestellt. Ein sehr empfehlenswerter Film.

    Definitiv!

    Liebe Grüße, Ron

  6. Umso negativer, geradezu psychopathisch und sadistisch, ist dafür die Darstellung des Pastors in meinem absoluten Lieblingsfilm von Bergman, dem Spätwerk „Fanny und Alexander“.
    Liebe Grüsse und danke, dass Du dir Zeit nimmst für Deinen Blog.
    LZ

  7. @LZ: Ja, das ist eine regelrechte Abrechnung mit dem Luthertum.
    Liebe Grüße, Ron

  8. Roderich meint:

    Hier in Holland is Jan Siebelink so ein aehnlicher Autor wie offenbar Schrader. Siebelink war auch streng Calvinistisch erzogen worden, hatte sich dann (leider) davon abgekehrt, und hat seine Erlebnisse autobiographisch verarbeitet. Z.T. heute zu kritisch gegenueber dem Christentum bzw. dem Calvinismus, aber lesenswert sind seine Buecher, u.a. „Im Garten des Vaters“. (600,000 mal verkauft in NL).
    Siehe http://www.amazon.de/Im-Garten-Vaters-Jan-Siebelink/dp/3716023701/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1296739944&sr=8-1 , wobei wohl die bisherigen drei Amazon-Rezensenten dem Glauben eher kritisch gegenueber stehen. Man muss dazu sagen, dass es in Holland Calvinistische Gemeinden gibt, bei denen aus der ganzen Gemeinde vielleicht 3-5 Leute zum Abendmal gehen, die anderen halten sich fuer „zu schlecht“. In manchen Gemeinden wird auch fast nur ueber das Alte Testament gepredigt, kaum ueber’s NT, viel ueber Gericht und wenig ueber Gnade, viel ueber Zorn und wenig ueber Liebe Gottes. (Waehrend wir ja heute in Deutschen Freikirchen eher auf der anderen Seite vom Pferd fallen). Da fehlt es also z.T. der Aspekt, dass das Evangelium eine „Frohbotschaft“ ist. Da ist es dann kein Wunder, dass manche Kinder sich dann abwenden. (Natuerlich wenden sich auch Kinder ab, wenn zu viel Gnade gepredigt wird.)
    (Oder anders formuliert: manche Prediger kennen Gott nur von einer Seite, und / oder kennen ihn nicht wirklich persoenlich und predigen nur eine bestimmte Tradition; sobald die Predigt aus dem Geiste einer lebendigen Beziehung zum lebendigen Gott kommt, und sobald er Prediger versucht, sein Denken und Fuehlen mit dem Herzen Gottes einszumachen, bzw. sobald der Prediger „Im Heiligen Geist lebt“, (denn man kann Gott nur durch den Geist (er-)kennen), dann sollte die Predigt auch ausgewogen sein; Gericht predigen, wenn Gericht dran ist, Gnade predigen, wenn Gnade dran ist. Mit mehr „Predigt aus der lebendigen Beziehung zu Gott heraus“ haette sich die Christliche Gemeinde wohl viele Siebelinks im eigenen Lager halten koennen…

    Natuerlich liegt nicht alle Schuld beim Prediger. Letztlich ist ja jeder Sohn, jede Tochter, auch selbst verantwortlich, die Bibel zu lesen und Gott persoenlich kennenzulernen. Ein Abwenden kann auch aus reiner Rebellion sein – so sind nun mal unsere menschlichen Herzen.

  9. Bettina Klix meint:

    @Roderich:
    Danke für Deine freundlichen Worte!
    Zur Frage nach der Reihenfolge:
    Die Filme siehst Du, wie der FAZ-Rezensent schrieb, beim Lesen sehr intensiv durch meine Augen, so dass Du enttäuscht sein könntest, wenn Du sie danach anschaust. Allerdings kannst Du dir den einen oder anderen auch dadurch „ersparen“, im Guten wie im Schlechten. Einer meiner Herausgeber sagte einmal zugespitzt, meine Beschreibungen würden das Sehen „ersetzen“.

  10. @Bettina: Ich habe einerseits vor, mir den Film „Hardcore“ zu besorgen. Zugleich habe ich die Sorge, dann beim Schauen enttäuscht zu werden.

    Liebe Grüße, Ron

  11. Roderich meint:

    @Bettina,
    vielen Dank. Den Rat werde ich befolgen und erst mal das Buch lesen.

    Rein der Neugierde halber wuerde ich mir vermutlich danach dann doch den einen oder anderen Film anschaffen.

    (Der Herr Schrader scheint ja ein Faible fuer besonders praegnante und tiefgehende Themen zu haben, um nicht zu sagen: die Filme von ihm sind ja anscheinend „irgendwie alle voll krass“).

    Wenn man bei Amazon.de uebrigens auf Regisseur Paul Schrader sortiert, findet man mehrere der genannten Filme:

    http://www.amazon.de/s?ie=UTF8&search-alias=dvd&ref=dp_dvd_bl_dir&field-keywords=Paul Schrader#

    – Light Sleeper (kostet neu 7,49 Euro)
    – Touch (18,99 Euro, gebraucht billiger)
    – Hardcore (schon ab 6,99 Euro)

  12. Roderich meint:

    Hier diskutiert Paul Schrader mit Ed Lachmann ueber Light Sleeper:

    http://www.youtube.com/results?search_query=Paul Schrader Light Sleeper&aq=f

    Hier eine Rezension des Filmes „Hardcore“:

    http://www.youtube.com/watch?v=iODO_QSHbwc

    Und hier noch ein Vortrag von Paul Schrader an der New York Film Academy:
    http://www.youtube.com/watch?v=pmGR5G71b94&playnext=1&list=PLA539D1955BBCF406

    (etc… da gibt’s noch viel mehr von / mit Schrader auf Youtube).

  13. Johannes Strehle meint:

    Da ich mir zwar gerne empfohlene Filme anschaue und auch gerne darüber lese,
    aber kein „Kineast“ bin, habe ich zunächst „Tiefenrausch“ bestellt.

    Übrigens zeigt die Deutsche Kinemathek Berlin bis 29.Mai
    „Ingmar Bergman – Von Lüge und Wahrheit“,
    die Welt Bergmans in Fotos und Briefen.

    Aus der FAZ-Besprechung
    der ersten Bergman-Ausstellung der Deutschen Kinemathek:

    „Wenn man alles weglässt, was Dekor und Kulisse ist,
    bleibt von Ingmar Bergmans Kino eine Handvoll Bilder:
    ein Felsenstrand an der Ostsee;
    ein allein stehendes Haus;
    eine Kirche, irgendwo auf dem Land;
    zwei Personen im Auto oder im Bett;
    drei oder vier Personen an einem Tisch.
    Das ist die Essenz von fünfzig Filmen,
    die den Lauf der Filmgeschichte verändert haben.
    Phantastik, visuelle Pracht waren nie Bergmans Thema.
    Gerade deshalb konnte er, knapper und klarer als jeder andere Regisseur,
    die Geschichte der Seele im zwanzigsten Jahrhundert erzählen.“
    „Dieser Regisseur hat nicht, wie die meisten anderen,
    eine Geschichte und dann eine andere und danach eine dritte erzählt.
    Er hat seine eigene Geschichte in fünfzig Variationen verfilmt.
    Wie exzentrisch man die Puzzleteile seines Œuvres auch zusammenfügt,
    am Ende wird es immer ein Porträt.“
    „Da ist … ein Brief seines eigenen Vaters Erik,
    der ihn zu „Licht im Winter“ beglückwünscht und schreibt,
    er habe in fünfzig Jahren als Pfarrer nicht so viel erreicht
    wie sein Sohn mit diesem Film …“

    „Manchmal muss ich mich damit trösten,
    dass der, der in der Lüge gelebt hat,
    die Wahrheit liebt.“
    Ingmar Bergman, Mein Leben

  14. Schandor meint:

    Vielleicht ist die Bemerkung verfehlt. Ich habe mir nun alle Beiträge durchgelesen. Am meisten berührt hat mich dabei der Schmerz, den Van Dorn wohl gefühlt haben muss, als ihm gedämmert hat, wo seine, ja, *seine* eigene Tochter gelandet ist, und was er mit dieser Situation anstellt.
    Diese Frage kann theologische Qualen aufwerfen. Wenn auch nur für jemanden, der an die Prädestination glaubt. Ich kenne den Schmerz, wenn auch nicht aus dieser Nähe. Hier liegen Verzweiflung und Verklammerung ganz eng beieinander. Ich kenne Schraders Filme (noch) nicht, fürchte mich aber davor, dass sie in mir wecken, was auch in mir ruht: Die Urangst, die der calvinistische Glaube angesichts der Tatsachenwelt impliziert.
    Einfach grauenvoll.

  15. Roderich meint:

    @Schandor: Calvin hat ja u.a. Fasten- und Gebetstage angeordnet – das haette er wohl nicht getan, wenn er nicht auch gedacht haette, dass man Gottes Willen noch beeinflussen kann. Praedestination ja, aber gleichzeitig menschliche Verantwortung.
    Gesegnete Nachtruhe…

  16. Johannes Strehle meint:

    Stefan Grissemann schreibt am 3. Februar in der FAZ über Schrader,
    „den Calvinisten und Bresson-Jünger“.
    Anlass:
    Die europäische Erstaufführung seiner Tragikomödie „Cleopatra Club“
    im Wiener Stadttheater Walfischgasse.
    „Schrader sitzt im Österreichischen Filmmuseum und plaudert lakonisch vor ausverkauftem Haus über seine Arbeit …“
    „Hollywoods aktuelle Vorlieben teilt Paul Schrader eher nicht.
    „Fake problem, fake solution, everybody’s happy“,
    das sei die Kassenschlager-Dramaturgie.
    Golden Globes und Oscar-Nominierungen beeindrucken ihn noch weniger. …
    Aber so sei das Kino eben – angepasst, scheintot und vor allem redundant:
    „Erst wird besprochen, was passieren wird,
    dann sieht man, wie es passiert,
    und anschließend wird rekapituliert, was gerade passiert ist.“
    Insofern sei „The King’s Speech“ ein typisches Werk,
    wie es die angloamerikanische Filmindustrie
    jedes Jahr im Multipack auf den Markt schießt:
    eine Geringschätzung der Aufnahmefähigkeiten
    jedes halbwegs intelligenten Zuschauers.“
    „Ernsthafte Spielfilme für ein erwachsenes Publikum
    seien aus Hollywood inzwischen praktisch verschwunden …“
    „Eine Karriere wie seine wäre heute völlig undenkbar.“
    Schrader „nutzt seinen Wien-Abstecher
    auch für ein paar erstaunlich persönliche Anmerkungen:
    Den schuldhaften Bruch mit seinem … Bruder …,
    dem er … seinerzeit „die Identität gestohlen“ hatte,
    bespricht Schrader ebenso offenherzig wie seine eigene Drogenvergangenheit.

  17. Johannes Strehle meint:

    Paul Schrader stellt auf der Berlinale
    die aufwendig runderneuerte Fassung
    von Martin Scorseses „Taxi Driver“ vor,
    für den er das Drehbuch geschrieben hat.

  18. Liebe Bettina,

    vielen Dank für das interessante Interview. Es hat mich so Neugierig gemacht, dass ich mir das Buch bestellt und es auch mit großem Interesse gelesen habe. Einen Film aus deinem Buch habe ich auch schon vorher sehen können, bin aber von deiner Zusammenfassung mehr gefangen genommen worden als von dem Film selbst.
    Sehr gut gelungende Arbeit.

    Ich wünsche dir auf deinen weiteren Weg viele gute Begegungen mit dem Herrn und wünsche dir Gottes reichen Segen für dein Leben und deine Arbeit. Hoffe, wir bekommen noch mehr von dir zu lesen.

    Viele liebe Grüße
    SG

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