Vom Bedürfnis nach Sinn

Os Guinness schreibt in Von Gott berufen – aber wozu? (Hänssler: 2000, S. 10):201201311155.jpg

In einem frühen Entwurf der Brüder Karamasov von Fjodor Dostojewski gibt der Inquisitor einen erschreckenden Bericht über das, was mit der menschlichen Seele geschieht, wenn sie ihren Sinn anzweifelt: „Denn das Geheimnis des menschlichen Lebens ist es nicht, zu leben …, sondern für etwas Bestimmtes zu leben. Ohne eine fest umrissene Vorstellung davon, wofür der Mensch lebt, wird er das Leben nicht annehmen und wird sich eher zugrunde richten als am Leben zu bleiben …“

P.S. Das wunderbare Buch Brüder Karamasov gibt es für den Kindle hier gratis.

VD: PB

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Die Brüder Karamasov – 10 Tabletten Rohypnol haben nicht die gleiche einschläfernde Wirkung. Dieses Buch ist so todlangweilig, dass ich Dostojewski, lebte er heute noch, persönlich einen Brief schriebe.

    ABER: Zwischen den zentralnervensystemlahmelgenden Zeilen des russischen Großpsychologen findet sich eben der Großinquisitor – und den MUSS man einfach gelesen haben, gleich mehrfach!

    Darum merke: „Brüder Karamasow“ laden, über die russischen Namen (die sich kein Mensch – außer Russen – merken kann) hinweglesen und gleich das Kapitel des Großinquisitors aufschlagen. Lesen!

  2. @Schandor: Das mit den russischen Namen ist wirklich schwierig, selbst dann, wenn man ein wenig Russisch versteht. Viel Geduld braucht man beim Lesen auch. Doch nachdem ich in diesem Jahr nach langer Abstinenz zwei aktuelle Kriminalromane gelesen habe, ist meine Wertschätzung für D.s Wälzer noch mehr gestiegen. 😉

    Liebe Grüße, Ron

  3. Schandor meint:

    @Ron

    Das glaub ich sofort. Ich hab unlängst selbst ein solches Machwerk gelesen. Auch da braucht’s Geduld – man muss den Schmutz überlesen, der bei Dostojewski so nicht existiert. Dostojewski kann die Abgründe der menschlichen Seele beleuchten, indem er langatmig beschreibt, wie Menschen sind und leben – er hat es nie notwendig, Bilder zu beschreiben (ohne die moderne Autoren in einer modernen, bildersüchtigen Welt nicht auskommen). Vielleicht ist er deshalb so hochgejubelt.
    Nein, ich will da nichts schlechtreden, gar nicht. Aber ich habe bei ihm stets ein wenig, hm, Verve vermisst. Vielleicht bin ich zu jung für Dostojewski. Ich hab nur noch seine „Dämonen“ – denen werd ich mich noch einmal widmen, wenn ich „Krieg und Frieden“ zu Ende gelesen habe 🙂

  4. Bettina Klix meint:

    Mir hat das wunderbare Buch von Karl Pfleger „Geister, die um Christus ringen“ die Augen geöffnet.
    Das Kapitel über Dostojewski heißt „Der Mensch aus dem Untergrund“. Nachdem Pfleger noch einmal all die Gestalten heraufbeschworen hat, die uns bei Dostojewski begegnen, kommt er zu dem Schluss, dass sie nötig sind, um von der Überwindung handeln zu können:
    „Wie er seine eigene chaotische Menschlichkeit, die er nicht verheimlicht hat und nicht beschönigt hat, wie er seine eigene arme, große, dunkle Seele hell und licht machte durch jene gnadenreiche Urgewalt, die immer seine heimliche und dann seine offene, leidenschaftliche Liebe war: durch Christus.“

  5. Schandor meint:

    Ja, seltsam, wie die Menschen ihn interpretieren, nicht? So steht in meiner Großinquisitor-Ausgaben im Vorwort von Walter Zeleny:

    „Mit einer ungeheuren Kraft der Liebe zum Nächsten wie zum Fernsten hat Dostojewski alle Schuld der Welt auf sich genommen. Er hat die Qualen seines Schicksals ertragen als Sühne nicht für seine eigenen Sünden allein (sie mögen gering gewesen sein vor dem Urteil Gerechter), sondern für die Sünden der Menschheit.“

    Ich denke, Dostojewski wäre da etwas anderer Ansicht gewesen …

  6. Schandor meint:

    Ja, seltsam, wie die Menschen ihn interpretieren, nicht? So steht in einer meiner Großinquisitor-Ausgaben im Vorwort von Walter Zeleny:

    „Mit einer ungeheuren Kraft der Liebe zum Nächsten wie zum Fernsten hat Dostojewski alle Schuld der Welt auf sich genommen. Er hat die Qualen seines Schicksals ertragen als Sühne nicht für seine eigenen Sünden allein (sie mögen gering gewesen sein vor dem Urteil Gerechter), sondern für die Sünden der Menschheit.“

    Ich denke, Dostojewski wäre da etwas anderer Ansicht gewesen …

  7. Schandor meint:

    Bitte um Entschuldigung für den Doppelpost!

  8. Bettina Klix meint:

    @Schandor: Karl Pfleger schreibt sein Buch 1934, er schreibt also gegen ein ganz anderes Zeitbild von Dostojewski an.
    Er hat für sein Buch alle möglichen Grenzfälle und Zweifelsfälle – wie etwa Leon Bloy – gewählt
    Das Vorwort „Christus der Lebendige“gehört zum Besten was ich in den letzten Monaten las.
    Das Zitat, das Du anführst, hätte Dostojewski bestimmt zurückgewiesen.

  9. Roland Kupski meint:

    Svetlana Geyer hat die großen Roman neu übersetzt – und in dieser Übersetzung ist Dostojewski alles andere als langweilig. Das Problem war, dass die Alten Übersetzungen vor teutonischem Tiefsinn troffen und aus Dostojewski etwas machten, was er gar nicht war: GROHSSE LIETERATUR! (mit Bedeutung und deutlicher Aspiration zu sprechen, dabei ein wichtiges Gesicht mit leichten Kopfnickne und schwertmütigen Blicken auf die Comiclesende Jugend). Einige seiner Bücher erschienen als Forstetzungromane in Zeitschriften. Das verblüffende ist nämlich gerade, dass er mit den Mitteln selbst des Kolportageromans (Cliffhanger, Retardierung, groteske Nebenfiguren) immer die Spannung hielt und dabei philosophische und theologische Reflexion betriebt. GENIAL.

    Unbedingt diese Übersetzungen lesen!!! Denn Svetlana Geyer lässt die Protagonisten so sprechen, wie D. sie auch sprechen ließ: Dialekthaft, roh, affektiert, ungebildet, feinsinnig….das ganze Spektrum. Das geht natürlich nur deswegen, weil auch die deutsche Literatursprache das jetzt ermöglicht.
    Ansonsten ist Dostojewski einer der klarsichtigsen Analytiker der Moderne den ich kenne, weil er die Gossenperspektive hat und gerade kein Piltunkspürker mit spitzem Mund und leerem Leben ist.

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