Vom Segen der Selbstvergessenheit

Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Matz hat in seinem Buch Die narzisstische Gesellschaft ein schonungsloses Psychogramm unserer orientierungslosen Gier- und Konsumgesellschaft gezeichnet. Wir sind in die Narzissmus-Falle geraten: „Solange wir keine Mittel und Wege finden, den Narzissmus und die ihm zugrunde liegende Bedürftigkeit zu zähmen, so lange gleichen alle unsere Versuche, die Krise zu überwinden und die gesellschaftlichen Verhältnisse doch noch zum Besseren zu verändern, einem Stühlerücken auf der Titanic“ (Zitat aus der Buchbeschreibung).

Tullian Tchividjian erklärt in einem Beitrag für das Leadership Journal, dass sogar Christen die „Heiligung“ mit Narzissmus verwechseln. Heiligung – so die These von Tchividjian – hat wenig mit Konzentration auf das Selbst zu tun. Dort, wo wir von uns wegschauen und über die Gnade und Größe Gottes staunen, wachsen wir.

Maturity is not becoming stronger and stronger, more and more competent. Christian growth is marked by a growing realization of just how weak and incompetent we are, and how strong and competent Jesus is on our behalf. Spiritual maturity is not our growing independence. Rather, it’s our growing dependence on Christ. Remember, the apostle Paul referred to himself as the „least of all the saints“ (Eph. 3:8) and the „chief of sinners“ (1 Tim. 1:15), and this was at the end of his life!

For Paul, spiritual growth was realizing how utterly dependent we are on Christ’s cross and mercy. It’s not arriving at some point where we need Jesus less because we’re getting better and better. Paradoxically, Paul’s ability to freely admit his lack of sanctification demonstrated just how sanctified he was.

Here’s my point: when we stop focusing on our need to get better, that’s what it means to get better. Stop obsessing over your need to improve, and that is improvement!

The focus of the Bible is not the work of the redeemed but the work of the Redeemer. The Good News is his victory for us, not our „victorious Christian life.“ The gospel declares that God’s final word over Christians has already been spoken: „Paid in full.“ Therefore, we now live with confidence that „there is now no condemnation for those who are in Christ Jesus“ (Rom. 8:1).

Hier der Artikel: www.christianitytoday.com.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Super Text!!! – Danke für den Link!

  2. Roderich meint:

    Christian growth is marked by a growing realization of just how weak and incompetent we are, and how strong and competent Jesus is on our behalf.

    Hmm, ist ja nicht falsch – aber ist das nicht etwas einseitig?

    Ist „Wachstum“ nicht auch ein vertieftes Bibelwissen; gute Angewohnheiten wie Gebet, Bibelstudium, anderen Helfen; „erleuchtete Augen des Herzens“ bekommen; in den Tugenden wachsen; in der Heiligkeit zunehmen, etc.?

  3. Schandor meint:

    @Roderich

    Klar, aber es ist der erste Schritt zum „Heiligungsperfektionismus“, denn wer wäre so heilig, als dass der Stolz ihn nicht ob dieser seiner „Heiligkeit“ alsbald zur Hybris verleitete?

    Was ist „vertieftes Bibelwissen“? Schnelles Zur-Hand-haben von Stellen? Angelernte Exegese? Wohl nicht, oder?

    Gebet ist sicher eine gute Sache, aber es ist mE personenbezogen: Der eine redet halt mehr, der andere weniger. Manch einer macht ein Augenzwinkern, und die Umwelt weiß, woran sie mit ihm ist. Gebet kann auch Qual sein, die man meiden möchte.

    Anderen helfen ist gut, aber „Wachstum“? Es gibt hilfsbereite Menschen.

    „erleuchtete Augen des Herzens“ – das ist schlimmes Kanaanitisch und daher bitte zu vermeiden (ganz schlimme Kanaan-Sprache, worunter sich jeder genau gar nichts vorstellen kann).

    In den Tugenden (arete) wachsen, bedeutet, das, was man schon gut kann, noch besser machen, sonst gar nichts. Weg mit dem Begriff „Tugend“ – das ist ein ganz dummer, veralteter Begriff, der sich leider immer noch in deutschen Bibelübersetzungen findet. Arete = Fertigkeit, nicht „Tugend“; „Tugend“ ist ein Wort aus der bürgerlichen Moral.

    „in der Heiligkeit zunehmen“ kann man mE nicht. Man kann nur die Zeitspannen zu verlängern suchen, in denen man sich nicht beschmutzt. Denn Heilig sein bedeutet nicht, wie viele heutige Prediger so beflissen bekräftigen, „absondern“, sondern „rein sein“ – und ich glaube, da wissen wir alle, was gemeint ist, nicht wahr 😉

  4. Roderich meint:

    Lieber Schandor,
    Ich verstehe, was Du meinst, stimme aber nicht ganz zu.
    Wir können ja mal beide das ganze NT daraufhin durchgehen, was darin über „Wachstum“ im Glauben steht. Das scheint mir der sinnvollste Weg.

  5. Schandor meint:

    @Roderich

    Da würden wir einzig auf das zurückkommen, was Du von Deinem Verständnis davon schon voraussetzt – und danke, aber nein, aber von diesen Dingen habe ich eigentlich genug. Das ist mir viel zu wenig.
    Heiligung ist viel simpler; sie bezieht sich zwar gewissermaßen auf „alle Lebensbereiche“, aber implizit:
    Nicht das sorgsame Fragen des Christen in jeder einzelnen Situation ist es, was Heiligung bedeutet (das nenne ich Zwangsneurose), sondern der Gehorsam gegenüber dem, was man erkannt hat, aber nicht kann. Bibellesen hilft da nicht weiter.

    Liebe Grüße, Schandor

  6. RaSchu meint:

    Tchividjians Bemühungen um die biblische Unterscheidung von Gesetz und Evangelium und die befreiende Kraft des Evangeliums sind erfreulich.

    Zum Entstehen der Konferenz und Seite von liberatenet.org schreibt er:

    „I knew that I wasn’t saying anything new [er meint seine „Zusammenfassung“ des Evangeliums als „Jesus + Nothing = Everything; auch sein so betiteltes Buch ist klasse!]. It just seemed so new to so many because it had been lost for so long amidst a moralistic, narcissistic, “do more, try harder”, caricature of the Christian faith that has been prevalent for so long. What I kept hearing from people all over the world was that so many pulpits consistently preach the Christian and not the Christ and as a result many have been burdened by the false idea that the focus of the Christian faith is the life of the Christian. I knew something had to be done.

    So…LIBERATE was born.“

    Diesen Sachverhalt hat auch Johannes Wichelhaus, Schüler von Hermann Friedrich Kohlbrügge, in einem Brief an einen seiner Studenten sehr treffend ausgedrückt:

    „Das ist nun eine leidige Art von uns Menschen, dass wir es immer bei, in und aus uns selbst suchen, dass wir uns unaufhörlich selbst bespiegeln und meinen nur dann guten Mutes und zufrieden sein zu können, wenn wir an uns selbst Freude haben und in einer günstigen Gestalt uns Gott und Menschen präsentieren können. Da werden wir aber nieFrieden finden, auch nie die ewige Freude schmecken. Denn es heißt: „Er ist unser Friede,“ und: „In dem Herrn Herrn haben wir Gerechtigkeit und Stärke,“ und nochmals: „Freuet euch in dem Herrn.“ […] Wohl uns, mein Lieber, dass wir der Eitelkeit und Sünde anheimgegeben sind – so allein können wir’s lernen, uns zurückzuwen-den zu dem lebendigen Gott, Ihn lieben zu lernen und zu suchen als unser einiges und höch stes Gut – Gnadezu glauben und Gnadezu rühmen. „Suchet sein Angesicht beständig, liebet und lobet den Herrn alle seine Heiligen“ – so ruft der Geist in den Psalmen uns zu, und Paulus weiß nur dies eine: „Halte im Gedächtnis Jesum Christum.“ – Wir lasen gestern eine Predigt über Hebr. 10,19 ff. Diesen Spruch sollte man sich doch ins Herze gegraben sein lassen. Gerade dann, wenn wir nichts als Sünde, Aussatz, Not, Widerwillen bei uns finden – dürfen und müssen wir zu Gott hinantreten und wir haben dazu Freimütigkeit – worin und wodurch? in dem Blute Jesu und durch das Wort des Evangelii. O, dass wir uns nicht zurückhalten lassen, uns Ihm zu Füßen zu werfen, so wie wir sind,tales quales sumus, dass wir Ihm alles sagen, alles klagen – Er lebt allen Sündern und Elenden zu gut mit seiner ganzen Gottesfülle, uns zu reinigen von allem Schmutz, uns Leben einzuhauchen in unserem Tod, uns zu beseligen mit dem Zuspruch seines himmlischen Friedens.“ [Quelle: licht-und-recht.de. Aus dem Leben von Johannes Wichelhaus]

    Tchividjians Position sieht nur dann einseitig aus, wenn man Theorie und Praxis bzw. Glaube und Bemühung (effort) trennt. Um Luthers Worte zu verwenden: „O, es ist ein lebendig, geschäftig, tätig, mächtig Ding um den Glauben, daß es unmöglich ist, daß er nicht ohne Unterlaß gute Werke sollte wirken. Er fraget auch nicht, ob gute Werke zu tun sind, sondern ehe man fragt hat er sie getan und ist immer im Tun.“

  7. Roderich meint:

    @Schandor,

    Da würden wir einzig auf das zurückkommen, was Du von Deinem Verständnis davon schon voraussetzt

    Man sollte, finde ich, etwas mehr Objektivität in dem Prozess des Bibelstudiums voraussetzen.

    Diese Ansicht von Tullian Tchivijian ist ja nicht falsch – in einer bestimmten Hinsicht stimmt sie. Aber sie beantwortet längst nicht alle Fragen zu dem Thema Heiligung.

    Man sollte – gemäß Sola Scriptura – nicht „Konzepte“, und seien sie auch noch so gut, von außen an die Bibel herantragen und gemäß so einem Konzept – wie hier von Tchividjian – das gesamte Thema Heiligung als abgehandelt ansehen.

    Sondern man sollte selber die Bibel daraufhin befragen. Was sagt das NT zum Thema Wachstum im Glauben? Schandor, Du musst Deine Ergebnisse ja nicht mit mir ausdiskutieren, aber Du solltest das selber mal anhand des NT studieren.

    Anders gefragt: wie überprüfst Du ansonsten Lehren, die Dir irgendwelche Leute erzählen? Wenn nicht anhand des NT? (Wir sind uns doch in der Wertschätzung der reformatorischen Lehre einig. Was aber, wenn Dir mal ein Wolf im reformatorischen Schafspelz begegnet, wie könntest Du ihn entlarven, wenn nicht anhand der Bibel?)

    Der einfachste Weg ist doch, mal das NT durchzublättern, evtl. mithilfe einer Konkordanz, und alle Bibelstellen, die entfernt oder genau passend etwas zu dem Thema sagen, herauszuschreiben, und dann das Gesamtbild zu betrachten.

    Ich sage Dir voraus, dass es – bei Deinem eigenen induktiven Studium – etwas anders aussehen wird als das, was Tchividjian sagt. So ein Eigenstudium wird Dich jedenfalls davor bewahren, bestimmte Aussagen, die nur in einer Hinsicht richtig sind, zu verallgemeinern. Und selbst wenn Du nach Bibelstudium zu der Erkenntnis kommst, dass der andere 100% recht hatte – fein, dann hast Du es aber wenigstens anhand des NT überprüft.

    @RaSchu,

    danke für die Informationen. Das ist auch nicht verkehrt – und für sich genommen richtig. Aber wenn man da nicht aufpasst, bleibt man beim 1. + 2. Teil des Heidelberger Katechismus stehen und vergißt den 3. Teil (wie man Gott dankbar sein kann für die Erlösung). Die Frage ist ja: was muss man „tun“, wenn man diese Früchte nicht an sich sieht? Nur „recht glauben“ und sagen „ich kann sowieso nichts, also bemühe ich mich auch nicht erst“? Was empfiehlst Du Leuten, die sagen: ich glaube zwar an Christus, aber bringe nicht die richtigen Früchte? Da gibt es doch viele in den heutigen Gemeinden – was ist da die seelsorgerlich richtige Antwort?

    Siehe Frage 2 des HeidelKat: was muss man wissen etc.? Antwort 3 heißt: wie man Gott DANKBAR sein kann – nämlich durch gute Taten, und in dem man alles gibt für Jesus.

    Frage 2
    Was musst du wissen, damit du in diesem Trost selig leben und sterben kannst? Lk 24, 46.47 / 1. Kor 6, 11
    Erstens: Wie groß meine Sünde und Elend ist. Tit 3, 3-7 / Joh 9, 41; 15, 22
    Zweitens: Wie ich von allen meinen Sünden und Elend erlöst werde. Joh 17, 3
    Drittens: Wie ich Gott für solche Erlösung soll dankbar sein. Eph 5, 8-11 / 1. Petr 2, 9-12 / Röm 6, 11-14

    Bitte ließ doch mal die Briefe des Apostels Paulus durch. Lebte er auf Basis des Evangeliums? Sicher ja, er hat es ja gepredigt und wollte Vorbild sein.
    Hat er sich auch selbst bemüht und alles gegeben? Sicher auch ja !!!!

    1. Kor 15,10:

    Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe VIEL MEHR GEARBEITET als sie alle; nicht aber ich, sondern GOTTES GNADE, die mit mir ist.

    [Beides wirkt zusammen: Bemühen des Paulus und Gottes Gnade. Schandor und Du reduziert alles auf die Gnade Gottes alleine.].

    1. Kor. 15,58:

    „Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unerschütterlich und NEHMT IMMER ZU IN DEM WERK DES HERRN, weil ihr wißt, daß eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn“.

    Tullian Tchividjian würde offenbar diesen Vers nie schreiben. Er würde sagen: „Bemüht euch nicht erst, Christus tut es alles.“

    Paulus in 1. Kor 16,13:

    Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!

    Tchividjian: „Erspar Dir den Stress, schau nicht auf Dich selber sondern auf Christus.“

    Paulus in 2. Kor 11,26.27:

    Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; in MÜHE UND ARBEIT, in viel WACHEN, in Hunger und Durst, in VIEL FASTEN, in Froßt und Blöße; und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden.

    Aber nein, man „darf“ ja als Protestant „nur glauben“, und muss dann „warten“, bis die guten Taten ganz von alleine kommen. Jegliche Mühe ist dann schon wieder werksgerecht und katholisch.

    Wenn man nur das obige Zitat ansieht, könnte es so aussehen, als ersetzt Tchividjian im Prinzip den gesamten praktischen Teil in Epheser 4-6 oder Kolosser 3-4 oder in Römer 12-16, mit einer einzigen Aufforderung: Schaue auf Christus, denn Du kannst nix; laß Christus das alles machen. Daher meinte ich: wenn man diese Aussage von Tchividjian betrachtet, kann sie einseitig werden.

    Nur, weil es ein “do more, try harder” mit einer falschen Motivation gibt, muss das noch nicht heißen, dass es nicht auch ein “do more, try harder” mir einer RICHTIGEN Motivation gibt. Der Dankbarkeit zu Gott für die Erlösung.

    Das tat Gott für Dich – was tust Du für Ihn?

    Ist diese Frage nicht legitim? Wenn man Euch so zuhört, könnte man denken: nein.

  8. RaSchu meint:

    Vielen Dank Roderich für die ausführlichen Gedanken. Sie haben zum Nachdenken angeregt.

    Was heißt denn „nur glauben“? Biblischer und reformatorischer Glaube ist kein „Nur-Glaube“, sondern, wie ich oben mit dem Lutherzitat darlegte, lebendiger, tätiger, in der Liebe zu Gott und zum Nächsten sich erweisender Glaube. In erster Linie ist er, was die Dankbarkeit betrifft betender, bittender Glaube. Er ruht nicht in sich, hat sein Leben seine Kraft, seine Motivation nicht in sich selbst, sondern in der gewissen Erkenntnis eines gnädigen Vaters über ihm und in dem herzlichen Vertrauen auf Jesu Verdienst (HK 21; vgl. Tit 2,11-14[Christus ist gekommen und hat Heil gebracht, er wird wiederkommen und vollenden und er hat uns erkauft und gereinigt, dass wir nicht in Gesetzlosigkeit, in gottlosem Wesen und weltlichen Begierden leben. Im Glauben halten wir das fest, im Gebet ergreifen wir es täglich neu und das ganze Leben ist schlussendlich ein Ringen damit, Buße dahin]).

    Um noch einmal Luther zu zitieren: „Dan das heisset nit einen got habenn, szo du euszerlich mit dem mund got nennest odder mit den knyen und geberden anbettest, szondern szo du hertzlich yhm trawist und dich alles guttis, gnadenn und wolgefallhens tzu yhm vorsichst, es sey in werckenn odder leidenn, in lebenn odder sterbenn, in lieb odder leydt“.

    Die Kraft und Befähigung für den Kampf des Glaubens, die Flucht vor der Sünde und die Jagd nach „Gerechtigkeit, Gottesfurcht, Glauben, Liebe, …“ (1. Tim 6,11f), ja die Möglichkeit das ewige Leben in Empfang zu nehmen (so am besten V. 12b [Medium]) liegt darin, dass es shon in das Leben hineinragt. Durch Jesus Christus ist das ewige Leben in diese Welt hineingebrochen. Der Gläubige lebt in einer und ergreift eine neue Realität, auch wenn sie nicht mit den Sinnen erfahrbar und seine Beziehung zu dieser neuen Realität als simul iustus et peccator gebrochen ist.
    Ein Kommentar schreibt dazu: „In diesem Sinne schließt der Grundtenor von Paulus‘ Instruktion – zu fliehen und nachzujagen – nämlich „zu werden was du in Christus bist“, das Gegenteil mit ein,[:] dass Christi Tod und Auferstehung in das menschliche Leben eingedrungen sind. Das bedeutet, dass in einem ganz realen Sinn, die gegenwärtige Erfahrung des christlichen Lebens ein kontinuierlicher Prozess der „Flucht von“ und des „Strebens nach“ ist.“ (Towner, S. 406) Alfred de Quervain hat diese Tatsache folgendermaßen formuliert: „Er [Paulus] lehrt, dass der sittliche Kampf nicht neben dem Glauben, als Ergänzung oder Frucht des Glaubens seinen Platz behält. Es gibt diesen Kampf nur im Glauben an Christi siegreichen Gehorsam.“ (Quervain, Die Heiligung, Ethik, S. 99)

    Die Stellen die du genannt hast Eph 5,8-11; 1. Pt 2,9-12; Röm 6; 1. Kor 15,10.58 sagen alle nichts anderes. Problematisch wird es aber dann, wenn wir in der Heiligung zum Glauben die Bemühung als ein Extra hinzufügen, die beiden sozusagen vermischen. Das tut Paulus nirgends. Die wichtigste Gestalt der Dankbarkeit ist gemäß dem Heidelberger das Gebet (siehe Fragen 114-116).

    Auf die Frage, worin die Dankbarkeit bestehe, antwortet Kohlbrügge, wie ich finde sehr treffend: „Darin, daß ich bei der Gnade bleibe, wie der Hund bei seinem Herrn, und mich immerdar zu dieser Gnade wende um Gnade und also bei der Erlösung, mit welcher ich umsonst erlöst bin, bleibe und beharre. Der ist Gott dankbar, der es bekennt, daß es ihm unmöglich ist, Gott je dankbar zu sein. Er weiß nicht, daß er dankbar ist. Er beschuldigt sich, daß er undankbar ist. Er kann’s aber Teufel, Tod, Sünde und Welt nicht gewonnen geben: daß der Herr nicht sein Gott und Heiland sei, der ihn von Blutschulden erlöst und vom Tod errettet … Ist der alte Mensch gleich Adam und was wir in Adam geworden sind, denken, tun und treiben, so ist der [neue] Mensch schlechterdings gleich Christus und was wir in Christus geworden sind … Abgötterei heißt, die Gnade verlassen und einer anderen Heiligung nachjagen als der, welche ist im Blute Christi.“

    Grüße, Raphael

  9. Schandor meint:

    @Roderich

    „Schandor, Du musst Deine Ergebnisse ja nicht mit mir ausdiskutieren, aber Du solltest das selber mal anhand des NT studieren.“

    Das hab ich getan. Ich komme auf dieses Ergebnis: Ich soll, aber ich kann nicht.

    Wie Du Tchividjian Paulus gegenüberstellst, ist einfach nur zum Schmunzeln.

    „Wer sagt, daß er in ihm bleibt, der ist verpflichtet, auch selbst so zu leben, wie jener gelebt hat.“ („wandeln“ assoziiert man mit „betrunken sein“).

    Offenbar gibt es Christen, die das können.

  10. Roderich meint:

    @Schandor,
    keiner kann behaupten, sündlos zu sein oder nicht zu kämpfen zu haben.
    Allerdings ist die Anthropologie des NT ja auch nicht zweigespalten (einige können überwinden, andere nicht). Sondern jeder kann – im Prinzip – überwinden.
    Römer 7: es geht nicht.
    Römer 8: durch den Geist Gottes geht es.

    Ich nehme schon an, dass Tchividjian nicht gegen Paulus steht. Man darf nur nicht eine einzige Aussage von Tchividjian, sozusagen einen „Slogan“, auf den er seine Message verkürzt, hernehmen und ihn gegen das ganze NT ausspielen. Wenn schon, dann muss man sich diesen „Slogan“ selbst „erarbeiten“. Also nicht das ganze NT mit einem „Tchividjian“-Filter lesen, dann also alles nur noch durch diese Brille lesen, sondern das NT in seiner „Unmittelbarkeit“ zu einem sprechen lassen. Dass Gott direkt mit Dir, mir, uns sprechen möge durch seinen Heiligen Geist – in diesem Fall durch das Wort.

  11. Lieber Roderich, unsere Diskussion ist zwar schon eine Weile her, da mich Tchividjian’s Buch (Jesus+Nothing=Everything) und seine Blogbeiträge aber weiterhin beschäftigen, antworte ich trotzdem noch.

    In dem obigen Text kommt Tchividjian’s Botschaft schon sehr treffend raus. Weder ist also seine Betonung einseitig wiedergegeben, noch denke ich, ist sie biblisch einseitig. Wachstum ist in der Schrift niemals eine menschliche Obliegenheit. Es ist menschlich nicht mach- oder in irgendeiner Weise erzeugbar (vgl. Mk 4,26-29; 2. Kor 9,6ff). Soweit ich Heiligung und Glaubenswachstum verstehe, lautet die Botschaft der ganzen Bibel, dass wir unserer eigenen Ohnmacht immer bewusster, Gott bei seinem Wort und seinen Verheißungen im Glauben ergreifend bitten, er möchte uns Gnade zu einem ihm wohlgefälligen Denken, Reden und Tun schenken. Nicht umgekehrt! Wir setzen eben gerade nicht mit einer Modifikation unseres Verhaltens an, um Gottes Meinung über uns und unsere eigene Einstellung ihm gegenüber zu verändern. Die von dir zitierten Stellen unterstützen eine solche Meinung genau so wenig wie der Heidelberger.

    Wie die Rechtfertigung fußt auch die Heiligung auf dem Glauben. Biblisch gesehen, ist ein Synergismus bei dem das eigene Bemühen auf der gleichen Stufe wie Gottes Gnade steht – wie du es oben dargestellt hast (unter deinem Zitat von 1. Kor 15,10) – falsch. Hier ist auch der Heidelberger ganz klar (Fr. 115):

    Warum läßt uns denn Gott so scharf die Zehn Gebote predigen, wenn sie in diesem Leben niemand halten kann?
    Erstens, damit wir unser ganzes Leben lang unser sündiges Wesen je länger, je mehr erkennen (1.Joh 1,9; Ps 32,5) und um so begieriger Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit in Christus suchen (Röm 7,24.25). Danach, daß wir ohne Unterlaß uns bemühen und Gott um die Gnade des Heiligen Geistes bitten, daß wir je länger, je mehr zu dem Ebenbild Gottes erneuert werden, bis wir das Ziel der Vollkommenheit nach diesem Leben erreichen (1.Kor 9,24; Phil 3,11-14).

    Was wir in erster Linie zu tun haben, ist die Verheißungen Gottes im Gebet – dem wichtigsten Teil der Dankbarkeit – zu ergreifen und ihn zu bitten, dass er uns Elenden und Armen doch gnädig und barmherzig sein und in uns wirken möchte, wozu wir ganz und gar nicht fähig sind! So auch die Argumentation von 2. Kor 9,6ff.

    Grüße, Raphael

Deine Meinung ist uns wichtig

*