Augustinus: Von den unnützen Worten

augustinus21.jpgAurelius Augustinus hat im Jahre 427, also drei Jahre vor seinem Tod, noch einmal 93 seiner schriftliche Werke mit insgesamt 232 Büchern durchgesehen und auf Nachlässigkeiten und Irrtümer geprüft. Der Kirchenvater wusste um die Mängel seiner Schriften, hat im Verlauf der Zeit mancherlei Positionen korrigiert und wollte die Nachwelt an seiner »Reifung« teilhaben lassen. Er blieb ein Lernender, auch als angesehener Bischof im hohen Alter. Und er wusste um die Verantwortung, die er als Lehrer vor Gott und den Menschen zu tragen hatte.

Im Prolog der Retractationes beschreibt er die Motivation für seine selbstkritische Durchsicht mit folgenden Worten:

Indes mag ein jeder mein Unternehmen beurteilen, wie er will; ich selbst mußte mich in dieser Sache an das apostolische Wort halten: »Wenn wir uns selbst richteten, würden wir nicht vom Herrn gerichtet werden« (1Kor 11,31). Auch jenes andre Schriftwort: »Bei vielem Reden geht es nicht ohne Sünde ab« (Spr 10, 19) setzt mich in schwere Besorgnis. Nicht weil ich viel geschrieben habe, oder weil vieles, was nicht diktiert, aber als von mir Diktiertes aufgeschrieben wurde — es geht nicht an, etwas für Vielrednerei zu halten, was notwendig gesagt werden mußte, wenn es auch noch so viel war und ausführlich gesagt wurde — nein, ich habe Furcht vor dieser Stelle der Heiligen Schrift, weil in meinen so zahlreichen Abhandlungen ohne Zweifel vieles gefunden werden kann, was, wenn auch nicht unrichtig, so doch sicher unnötig erscheinen dürfte oder gar als unnütz nachzuweisen wäre. Welchen seiner Gläubigen setzt Christus nicht in Schrecken, wenn er sagt: »Über jedes unnütze Wort, das ein Mensch geredet hat, wird er am Tage des Gerichtes Rechenschaft gehen müssen« (Mt 12, 36)? Darum hat auch sein Apostel Jakobus gesagt: »jeder Mensch sei schnell bereit zum Hören, aber langsam zum Reden«, und etwas später: »Tretet nicht zu viel als Lehrer auf, meine Brüder. Ihr wißt, daß ihr damit nur ein um so strengeres Gericht auf euch ladet. Wir fehlen alle ohnehin schon genug. Wer in Worten nicht fehlt, der ist ein vollkommener Mann (Jak 1,19; 3,1 f.). Nun, diese Vollkommenheit maße ich mir auch heute noch nicht an, da ich zum Greis geworden bin, geschweige denn gilt sie für damals, als ich in jugendlichem Alter zu schreiben und öffentlich zu sprechen begann, und man so viel von mir hielt, daß ich, wo immer öffentlich geredet werden sollte, nur höchst selten schweigen und den anderen zuhören durfte. Das Schnell bereit zum Hören, aber langsam zum Reden hat man mir nie erlaubt. So bleibt mir nichts andres übrig, als mein eigener Richter zu sein vor dem einen Lehrer, dessen Gericht über meine Verfehlungen ich eben gerne entgehen möchte. Meiner Meinung nach gibt es um so mehr Lehrer, sobald sie verschiedener Ansicht und unter sich uneins sind. Sagen aber alle dasselbe und sagen sie die Wahrheit, dann sind sie nicht mehr weit von der Lehre des einen wahren Lehrers. Hingegen fehlen sie, wenn sie nicht die ganze Fülle seiner Lehren vermitteln, sondern ihre eigenen hinzugeben. Auf solche Weise wird aus Geschwätz eben Lüge.

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  1. […] Teilweise hat er diese selber erkannt und später in seinem Werk Retractationes (dazu siehe z.B. hier), andere hingegen niemals revidiert und auch niemals als Fehler […]

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