Von der Kunst des Geschichtenerzählens

Sie glauben, Sie könnten als Pastor erfolgreich sein, indem Sie zu einem inhaltlich klar umrissenen Glauben einladen? Sie hoffen, das Wachstum Ihrer Gemeinde zu fördern, indem Sie die Vorzüge des christlichen Glaubens gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen ausführen? Gehören Sie noch zu denen, die es für wichtig halten, auch über die Konsequenzen des Christseins zu sprechen?

Da liegen Sie leider falsch!

Das Geheimnis der Gegenwart lautet »Storytelling«, die Kunst des Geschichtenerzählens. In den USA wird diese Mode sogar allmählich zu einer philosophischen Haltung, zu einem Leben in permanenter Fiktion im Gegensatz zur rationalen Analyse der Wirklichkeit. Geben Sie »Storytelling« bei Google ein, und Sie werden sehen, dass das Thema auf 16 Millionen Seiten aus allen Winkeln beleuchtet wird.

Dass Billy McLaren, Erwinus McManus oder Robby Bell derzeit umjubelt werden und Bestseller produzieren, verdanken sie nicht so sehr ihren Ansichten über biblische Theologie oder das Reich Gottes, sondern vielmehr ihrer Fähigkeit, überall kleine, gut einprägsame Geschichten zu erzählen.

Wenn Sie die vollständige (nicht ganz ernst gemeinte) »Geschichte« lesen wollen, sollten sie dieses Dokument herunter laden: storytelling.pdf.

Kommentare

  1. Interessante Beobachtung, Ron. Aber wie würdest du das Storytelling von Jesus einordnen? Ist das nicht genau das, was Jesus auch getan hat? Der Schriftgelehrte fragt: „Wer ist denn mein Nächster?“ Und Jesus antwortet: „Ein Mensch ging von Jerusalem hinab nach Jericho …“
    Da spricht die Geschichte für sich. Und wir Descartes-geschädigten (?) Theologen analysieren und deuten und interpretieren dieses Gleichnis (ich denke an die Art, wie die Kommentare mit dieser Geschichte umgehen).
    Ich habe gelegentlich in nicht-westlichen Kulturen unterrichtet. Da kommt man mit einer Geschichte weit besser ans Ziel als mit rationalem Argumentieren und Deuten.
    Darüber hinaus finde ich, dass es unglaublich schwer ist, eine treffende Story zu finden, die genau das aussagt, was ich aussagen will (und staune trotzdem, wie unterschiedlich sie gedeutet und genutzt wird. Das nur zum Thema Konstruktivismus. Aber das kann einem bei einer messerscharfen Argumentation auch passieren …)
    Okay, hab jetzt mehr geschrieben, als ich eigentlich wollte. Mich würde deine Meinung zum ersten Absatz interessieren, da du das Storytelling von Jesus in dem Artikel überhaupt nicht erwähnst.
    Moni

  2. Liebe Moni,

    als meine Frau den Text kurz überflog, kommentierte sie: Die erste Rückfrage wird sein: „Und was ist mit den vielen Geschichten in der Bibel?“. Sie hatte, wie so oft, Recht. 😉

    Nichts gegen gute Geschichten! Ich teile Deine Erfahrungen mit anderen Kulturkreisen und weiß passende und spannende Geschichten sehr zu schätzen (auch hier in DE).

    Kurz: Jesus erzählt Geschichten, die etwas darstellen, einen Sachverhalt, eine Moral (Wer ist mein Nächster?) o. eine Warnung etc. Wunderbar! Problematisches „Storytelling“ erzeugt dagegen Stimmungen, Wirklichkeiten, Sympathien etc. und immunisiert sich gegen kritische Rückfragen.

    Liebe Grüße, Ron

Trackbacks/ Pingbacks

  1. […] Statt einer Gesellschaft, die mehr und mehr an der Vertauschung der Realität mit instrumentalisierten “Pseudorealitäten” erkrankt, das dringend nötige Antidot zu geben, laufen beträchtliche Teile der evangelikalen Szene dem Trend “Storytelling” sogar hinterher und haben großflächig einen tiefgreifenden Abschied von der Idee einer zugänglichen und belastbaren Wahrheit, Realität und Erkenntnis sowie der Notwendigkeit klaren, reflektierenden und wachen Denkens – und damit letztlich auch von dem dahinterstehenden Gott – eingeleitet. Eine leicht satirische Betrachtung des Gesamtphänomens findet sich in Ron Kubschs TheoBlog in den Beiträgen “Storytelling” und “Von der Kunst des Geschichtenerzählens”. […]

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