Wallace will die spielerische Postmoderne überwinden

Morgen erscheint Unendlicher Spaß, das Hauptwerk des amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace, auf Deutsch. In seiner oszillierenden Sprachvielfalt ist das Werk eine Herausforderung für jede Übersetzung. Der deutsche Übersetzer Ulrich Blumenbach, dem für seine Übertragung von Infinite Jest der diesjährige Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis zugesprochen wurde, gewährt heute in einem FAZ-Artikel Einblick in seine mehrjährige Übersetzungsarbeit.

Ein erstes Hufeisen, das ich in der Übersetzung nachschmieden musste, war die Ästhetik des Autors: Wallace will die spielerische Postmoderne überwinden und sich mit realen Gesellschaftsproblemen auseinandersetzen, ohne auf Ironie zu verzichten. Das findet seine stilistische Umsetzung in einer Art Doppelcodierung: Ein und derselbe Erzähler kann im Roman zwischen verschiedenen Ausdrucksweisen pendeln und plötzlich aus einem wissenschaftlichen Duktus in die flapsige Umgangssprache eines kleinkriminellen Exjunkies verfallen: »Als eine Substanz, deren zufällige Synthese den Sandoz-Chemiker in den vorzeitigen Ruhestand versetzte und zu anhaltend starren Wandbetrachtungen verführte, steht das unglaublich starke DMZ in weiten Kreisen chemischer Untergrundlaien im Ruf, der schlimmste Stoff zu sein, der je in einem Reagenzglas gezeugt wurde. Es ist heute außerdem die härteste Freizeitdroge, die in Nordamerika zu kriegen ist, abgesehen von vietnamesischem Rohopium, das, ach vergiss es.«

Hier der Artikel: www.faz.net.

Kommentare

  1. Alexander meint:

    Ich glaube, ich lese das Buch doch! „Eine lexikalische Vergewaltigung des Lesers“ – wer will sich das entgehen lassen? 😉 Man wird wohl den Grimm in erreichbarer Nähe benötigen, nicht gerade ein handliches Nachschlagewerk. Wallace scheint ja sogar Eco zu überbieten, bei dessen Lektüre, zumindest des Pendels, man ja auch stets eine Enzyklopädie zur Hand haben musste – allerdings nicht den Grimm.
    Was freilich immer noch gegen die Lektüre spricht: Ich habe bislang nirgends etwas über die Handlung gelesen (die es so wahrscheinlich auch gar nicht gibt?!), nur über die Sprachgewalt und die Faszination der Figuren. Das Dilemma der Postmoderne. Geschichten werden nicht mehr erzählt. Und, entschuldigung, aber was haben die Leute nur immer noch mit Wittgenstein? Der verstand sich am Ende doch selbst nicht mehr.
    Hier noch etwas Biographisches zu Wallace: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,641795,00.html.

  2. Genau Alexander, EINE Handlung gibt es nicht. Wallace thematisiert die Spaßgesellschaft (verlegt in die Zukunft), in der jeder sich nur noch mit sich selbst beschäftigt (und wohl nicht einmal sich versteht). Alles sehr verwickelt, lauter kleine Erzählungen, manchmal über ein und dieselbe Person. Wohl so komplex und sprachgewaltig, dass es so etwas wie ein kleines Wikipedia nur für das Buch gibt:

    http://infinitejest.wallacewiki.com

    Wittgenstein, tja, ist wohl ein anderes großes Thema. Sehr spannend. Machen wir das Fass hier lieber nicht auf. Ich steigere mich da schnell rein. Aber worüber ich nicht wirklich reden kann, sollte ich lieber schweigen. 😉

    Liebe Grüße, Ron

  3. Kennt ihr http://www.unendlicherspass.de? Vielleicht ein Anreiz das Buch tatsächlich zu Ende zu lesen. 1600 Seiten können sehr lang werden, erst recht, wenn man den Ausführungen Blumenbachs folgt. Freu‘ mich aber Literaturliebhaber getroffen zu haben, wenn auch nur virtuell. 🙂

  4. Timotheos meint:

    Interessanter Aspekte-Beitrag zum Thema:

    http://www.youtube.com/watch?v=nZV9x8koFqA

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