Warum das Böse nicht banal ist

Hannah Arendt deutete Eichmann realitätsfernen Apparatschik (siehe Über das Böse). Sie hätte es besser wissen können, meint Alan Posener. Der Holocaust-Organisator tötete als Idealist, nicht als bloßer Befehlsempfänger.

Dass der Judenhass Eichmann motiviert haben könnte, leugnete Arendt. Für sie waren die Juden das eher zufällige Opfer einer sich radikalisierenden totalitären Maschinerie; und selbst Adolf Hitler galt ihr als »lediglich eine höchst notwendige Funktion der Bewegung«.

Nun, wir wissen es inzwischen besser; und auch Arendt hätte es wissen können. Hatte doch Eichmann, nachdem er mit Hilfe des Vatikans nach Argentinien geflüchtet war, sich gegenüber seinem SS-Kumpan Willem Sassen gebrüstet: »Hätten wir 10,3 Millionen Juden getötet, dann wäre ich befriedigt und würde sagen, gut, wir haben einen Feind vernichtet. (…) Ich war kein normaler Befehlsempfänger, dann wäre ich ein Trottel gewesen, sondern ich habe mitgedacht, ich war ein Idealist gewesen.«

Sehr richtig und wichtig die Aussage:

Die Verbrecher selbst mögen banale Existenzen sein, das Böse aber liegt in den Ideen, die sich ihrer bemächtigen und die keineswegs banal sind.

Hier der Artikel: www.welt.de.

Kommentare

  1. Johannes Strehle meint:

    Das Problem ist nicht die Banalität des Bösen,
    sondern die Banalisierung des Bösen.

    Ich habe das Doko-Drama gesehen
    und empfehle es jedem.
    Ich hoffe, dass es zugänglich ist.

  2. Roderich meint:

    Joachim Fest sagt in seiner bekannten Hitler Biographie, dass eigentlich gerade Hitler als der Inbegriff des Boesen galt (und fuer viele die Nationalsozialisten insgesamt).
    Daher etwas seltsam, dass Hannah Arendt das Boese so uebersieht. Ist sie einfach nur „noch konsequenter“ in ihrer humanistischen Weltsicht, dass es eigentlich gar kein (transzendentes) Boeses gibt?

    Denn ich glaube, es ist gerade der Humanismus, der uns sonst eher blind macht fuer das Boese – in uns und in der Welt.
    (Oder anders gesagt: der Humanismus fuehrt dazu, das Boese aus materialistischer Sicht zu definieren, (z.B. in dem er nur die verkehrten Strukturen der Gesellschaft als das Boese ansieht, und die menschliche Natur als gut ansieht).
    Und daher liegt der Humanismus in seiner Einschaetzung meist ganz neben der Realitaet. Ohne christliches Weltbild kein richtiger Begriff des Boesen, und daher auch keine richtige Methode, es wirksam zu „bekaempfen“.

    Daher wuerde mich interessieren, was die „Weltsicht“ von Hannah Arendt war… (vielleicht weiss das ja jemand).

    @Ron: aus christlicher Sicht wuerde man wohl noch dazusagen: das Boese liegt in den Ideen, und hinter den Ideen stehen Maechte / Kraefte / ein bestimmter „Geist“.

  3. @Roderich: Ich habe nur das Buch Über das Böse von Arendt gelesen. Sie stand sicher dem Existentialismus ihres Geliebten Heidegger (der sie ja im Dritten Reich im Stich gelassen hatte) zunächst nah, auch wenn sie gegenüber totalitären Theorien immer eine Abneigung empfand. Bezüglich Heidegger wurde sie mit der Zeit skeptischer. Aber Jaspers und Camus haben sie beeindruckt.

    Sie wollte das Böse übrigens nicht banalisieren, sondern nahm das Grauen ernst. Was sie zeigen wollte, war, dass sich das Böse auch auf banale Weise, z.B. Gehorsamsstrukturen, ausbreiten kann.

    Liebe Grüße, Ron

  4. Johannes Strehle meint:

    Zu Hanna Arendt und zum Existentialismus:

    Zieht der Existentialismus nicht (theoretische) Konsequenzen aus dem Humanismus, denen sich der Humanismus verweigert?
    Und löst der Existentialismus nicht das Gute und Böse in Subjektivität auf?

    Ich meine, dass die Begriffe des „strukturellen Bösen“ und der „Banalität des Bösen“
    von der individuellen Verantwortung nach bestem Wissen und Gewissen ablenken.
    Unter der Herrschaft des Bösen dienen Strukturen selbstverständlich dem Bösen.
    Und das Böse präsentiert sich als Normalität
    – vom Kavaliersdelikt bis zum Holocaust.
    Das befreit aber niemand von seiner persönlichen Verantwortung.
    Interessant ist, dass unter der Herrschaft des Nationalsozialismus die Weigerung,
    sich an der Ausrottung der Juden zu beteiligen,
    in der Regel keine negativen Konsequenzen hatte.

Ihre Meinung ist uns wichtig

*