Was hat Kierkegaard mit der Emerging Church zu tun?

Hören wir, wie zugespitzt bei Sören Kierkegaard die leidenschaftliche Innerlichkeit zum Wahrheitskriterium der Gottesfrage wird.

Wenn einer, der mitten im Christentum lebt, zu Gottes Haus hinaufsteigt, zu des wahren Gottes Haus, mit der wahren Vorstellung von Gott im Wissen, und dann betet, aber in Unwahrheit betet; und wenn einer in einem heidnischen Lande lebt, aber mit der ganzen Leidenschaft der Unendlichkeit betet, obgleich sein Auge auf einem Götzenbild ruht: wo ist dann am meisten Wahrheit? Der eine betet in Wahrheit zu Gott, obgleich er einen Götzen anbetet; der andere betet in Unwahrheit zu dem wahren Gott, und betet daher in Wahrheit einen Götzen an. (Unwissenschaftliche Nachschrift: 342)

Es würde mich nicht wundern, wenn dieses Gleichnis von der »Emerging Church-Bewegung« positiv aufgenommen wird.

Kurz: Die Emerging Church-Bewegung (EmCh) (engl. ›to emerge‹: ›auftauchen‹, ›sich bilden‹, ›sichtbar werden‹) ist eine post-evangelikale Reformbewegung innerhalb konservativer und westlich geprägter christlicher Kreise. Die Väter der Bewegung versuchen den christlichen Glauben gegenwartsnah zu gestalten und den postmodernen Strukturen und Codes anzupassen. (Was in gewisser Weise in der Tat hilfreich sein kann und von Teilen der Bewegung auf beeindruckend erfolgreiche Weise umgesetzt wird.)

Wichtigster Vordenker der Bewegung ist Brian McLaren, der früher zu einer Brüdergemeinde gehörte. McLaren dekonstruiert viele (und darunter wesentliche) Begriffe und Positionen der reformatorischen Lehre und definiert sie aus seinem postmodernen Verstehenshorizont heraus neu. Diese Reformulierungen seien nötig, da die reformatorische Lehre auf dem Hintergrund des modernen Weltbildes entwickelt worden sei. McLaren steht in der existentialistischen Tradition und äußerst sich skeptisch gegenüber einem inhaltlich bestimmbaren oder bestimmten Glauben. Obwohl er persönlich meint, dass es außerhalb des Erlösungswerkes von Jesus Christus kein Heil gibt, hält er an der Option fest, dass Gott auch außerhalb des Glaubens an Jesus Christus Heil vermittelt. Christen sollen (im Namen von Jesus Christus) Freunde anderer religiöser Gemeinschaften werden und sich für das Wachstum des Weizens in allen Religionen einsetzen (vgl. McLaren, A generous or+hodoxy: 287) McLaren schreibt:

Es mag unter vielen (nicht allen!) Umständen ratsam sein, Menschen zu helfen, Nachfolger Jesu zu werden und [Hervorhebung im Original] dabei in ihrem buddhistischen, hinduistischen oder jüdischen Kontext zu belassen. (A generous or+hodoxy: 293)

Ich finde diesen Gedanken dichotomisch. McLaren erweckt zunächst den Eindruck, es wäre unmöglich, Respekt vor anderen Religionen und Kulturen zu haben und zugleich missionarisch zu einem »Glaubenswechsel« einzuladen. (Genauso, wie er wohl in Frage stellt, dass man Respekt für Homosexuelle haben könne, wenn man eine weitere rechtliche Privilegierung Homosexueller, z.B. in der Familienpolitik, ablehne. Vgl. McLaren, A generous or+hodoxy: 20). Tatsächlich setzt sich z. B. gerade die Evangelische Allianz seit ihrer Gründung 1846 für den Schutz anderer Religionen und Minderheiten ein (Vgl. dazu Karl Heinz Voigt u. Thomas Schirrmacher (Hrsg.), Menschenrechte für Minderheiten in Deutschland und Europa, Bonn: VKW 2004). Außerdem sehe ich hier eine Dichotomie zwischen inneren Glaubensüberzeugungen und äußerlichen Glaubensbekundungen. In der Reformationszeit nannte man Menschen, die innerlich der Reformation zustimmten und dennoch an der Eucharistie teilnahmen, Nikodemiten. Sie waren die verborgenen Evangelischen, da sie Diskriminierung und Verfolgung fürchteten. (Der Begriff leitet sich von Nikodemus ab, der ein öffentliches Bekenntnis zu Jesus scheute. Vgl. Joh 3). Sollte McLaren von einem »anonymen Christsein« ausgehen (im Sinne Karl Rahners) oder gar keinen substantiellen Unterschied zwischen dem eigentlich »Guten«, »Heiligen« oder »Göttlichen« in den unterschiedlichen Religionen ausmachen, umgeht er zwar diese Aufspaltung, zahlt jedoch einen hohen Preis. Eine Prüfung der Geister scheint dann nicht mehr möglich zu sein.

Ein anderer Vordenker der Bewegung ist Dave Tomlinson, der im Jahre 1995 sein bemerkenswertes Buch The Post-Evangelical veröffentlichte. Ein Gleichnis aus diesem Buch erinnert stark an Kierkegaards oben zitierte Illustration des subjektiven Wahrheitsbegriffes.

Jesus erzählte auf einer Versammlung evangelikaler Verantwortlicher ein Gleichnis. Ein Spring-Harvest-Redner und ein liberaler Bischof setzten sich und lasen, jeder für sich, die Bibel. Der Spring-Harvest-Redner dankte Gott für das herrliche Geschenk der Heiligen Schrift und gelobte einmal mehr, sie vertrauensvoll öffentlich zu verkündigen. »Danke, Gott«, betete er, »daß ich nicht bin wie dieser arme Bischof, der dein Wort nicht glaubt, und der unfähig scheint, sich zu entscheiden, ob Christus nun von den Toten auferstanden ist oder nicht.« Der Bischof schaute verlegen, als er die Bibel durchblätterte, und sagte, »Jungfrauengeburt, Wasser zu Wein, leibliche Auferstehung. Ich weiß ehrlich nicht, ob ich diese Dinge glauben kann, Herr. Ich bin mir nicht einmal sicher, daß ich glaube, daß du ein personales Wesen bist, aber ich werde weiter auf der Suche bleiben.« Ich sage euch, dieser liberale Bischof ging vor Gott gerechtfertigt nach Hause, nicht jener. (Tomlinson, 2003: 61f, zitiert aus Knieling, Unsicher – und doch gewiß, 1999: 101–102)

Kommentare

  1. Manfred Wittchen meint:

    Vielen Dank für das Schlaglicht auf die Lehren Brian McLarens.
    Hoffentlich durchzieht das nicht die Emerging-Church-Bewegung.

    Brian McLaren läßt eine statt-christliche ‚Theologie‘ durchblitzen.
    Verwandt dazu: Der ‚Interreligiöse Dialog‘, das Projekt Weltethos. Eine ganze Reihe von Theologen und Religionslehrer, katholische wie evangelische, vertreten die Dogmatik, die dahintersteckt.
    Ein Kerndogma: Die Religionen sind mehr oder weniger gleichwertige Wege zum Absoluten.

    Im Interreligiösen Dialog, im Projekt Weltethos kommt es dann praktischerweise gleich zu einem neuen Weg, die Menschheit von allerhand Übeln zu befreien und Frieden auf Erden herzustellen.
    Das geht so:
    Die Religionen einigen sich verbindlich auf ein gemeinsames Ethos, dem Weltethos. Dann wird Frieden sein, sozial-ökonomische und ökologische Probleme können abgetan werden.
    Küng, ein prominenter Vertreter der schönen neuen Welt, schlägt ein solches Ethos vor, christlich geprägt, zurechtgestutzt durch säkulare, ‚zeitgemässe‘ Anforderungen an einen modernen Werte- und Normenkatalog.

    McLaren und Küng scheint die Frage zu einen: ‚Wer sind wir, dass wir den Anderen erklären sollen, was für sie richtig ist? Wer sind wir, dass wir den Glauben ihrer Väter in Frage stellen dürften? Wie kommen wir dazu, die Menschen und Völker zu demütigen, indem wir sie belehren wollen, ihnen mit einem ‚besseren‘ Glauben kommen wollen?! Ist das nicht religiöser Kolonialismus?!‘
    So höre ich McLaren fragen, so höre ich Küng fragen, auch wenn sie sich anders ausdrücken.
    So kann aber nur reden, wer dem oben genannten Dogma von der ‚Ungefähren Gleichwertigkeit der Religionen‘ zustimmt.

    Ein neuer Toleranzbegriff geht mit dieser Ideologie einher, und hier sollten wir munter werden, denn er bedroht die Redefreiheit.
    Im klassischen Sinne war Toleranz: Wir sind völlig unterschiedlicher, ja gegensätzlicher Meinung über Gott und die Welt, aber wir gehen anständig miteinander um.
    Der neue Toleranzbegriff: ‚Tolerant ist, wer anerkennt, dass andere Religionen AUCH wahr sind. Tolerant ist, wer nicht ’sein Glaubensystem absolut setzen will‘ Zum Gespräch unfähig ist der, der nicht vom AUCH-Wahr ausgeht, und wahrscheinlich, ja bestimmt sogar, ist er ein gefährlicher Fundamentalist.
    Mit solchen Leuten …‘ (… ja, wie muss man verfahren mit ’solchen Leuten‘?)

    Die Religionsrelativisten setzen also ihr Glaubenssystem absolut und definieren Zustimmung dazu als Toleranz.
    Natürlich betrachten sie ihr Glaubenssystem nicht als solches, sondern als Meta-System: ein Denken, das nicht in einer Reihe mit Christentum, Kommunismus, Buddhismus steht als System des Weltverständnisses, sondern DARÜBER. Ihr ganz stiller Absolutheitsanspruch tarnt sich geschickt, vielleicht sogar vor dem eigenen Denken und Gewissen, durch die ‚Meta-System‘-Annahme.

    Werden die anderen Religionen einfach ihre alten Werte aufgeben, der Islam zB seine Scharia?
    Nun, zum Einen haben sie ja über ihre Religion schon den Zugang zum Absoluten, und ein vernünftige(re)s Ethos muss da ja wohl auch rasch einleuchten.
    Zum anderen, sind ‚wir‘ ja auch bereit, von den Anderen zu lernen.
    Jesus zum Beispiel wandeln wir vom Christus zum – maximal – Propheten, das sind wir dem Handel mit den anderen Religionen um ein Welt-Einheits-Ethos schuldig. Soviel sollte uns der künftige Weltfriede und all die gemeinsamen Problemlösungen schon wert sein. Meint zB. Küng, wenn auch in zum Teil anderen Worten.
    Meint McLaren auch so etwas? Weiss er schon, was er eigentlich meint, worauf er hinauswill?

    Oder ist er derzeit nur angetan von so mancher Idee, die er aufgeschnappt hat? Ist er lediglich sentimental darüber, dass Mission Belehren einschliesst und wir die anderen Nationen nicht belehrend demütigen sollten? (Wie es unseren armen keltischen und germanischen Vorfahren widerfuhr, so dass sie plötzlich aufhörten, Feindesköpfe in Truhen zu sammeln oder sich an den Gürtel zu hängen, aufhörten auch, Schlachten an sich zu lieben, die sie so lustiglich-feierlich direkt ans Heldenbankett in Wallhall befördern konnten. Sollten wir wirklich wollen, dass sich die übliche Sterblichkeit von Männern durch Stammeskriege von zwischen 20-40% auf unter 2%, trotz den Weltkriegen bei uns reduzieren? Sollten wir DAS wollen? (dazu Keely 1996)) (Wieso auch wollen diese Leute dauernd uns, mich belehren über die ‚richtigere‘ Auffassung meines christlichen Glaubens? Fürchen sie so gar nicht um meine Gefühle?)

    Der Religionsrelativismus hat das Zeug, die nächste (statt-christliche) Utopie zur Rettung der Welt zu werden.
    Unsere westlichen Gesellschaften sind bereits deutlich gezeichnet von diesem Denken. Der Religionsunterricht ist oft massiver Wegbereiter, aber auch die Medien kennen im Grunde fast schon kein anderes Denken mehr.
    Will die ‚Emerging-Church‘-Bewegung der ‚evangelikale‘ Flügel des Religionsrelativismus bzw Religionspluralismus werden?

  2. Guten Tag,

    ich habe Ihren Kommentar erst heute gelesen und antwortet deshalb weit verspätet.

    Ich glaube nicht, dass die EmCh ein evangelikaler Flügel des Religionsrelativismus werden möchte. Für ein dezidiertes Wollen ist die EmCh nicht homogen genug. Das aber bedeutet nicht, dass sie das nicht wird.

    Samir Selmanovic, Mitautor des Emergenten Manifestes, tendiert beispielsweise in diese Richtung:

    http://samirselmanovic.typepad.com

    Liebe Grüße, Ron

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