Was ist evangelikaler Fundamentalismus?

Was ist Fundamentalismus? Und inwiefern kann man diesen Begriff auf konservative Christen anwenden? Gleich zwei Bücher sind vor kurzem zu diesem Thema erschienen. Der Theologe und Religionssoziologe Thomas Schirrmacher erklärt in seinem Buch, wie man sich selbst vor Fundamentalismus schützen kann. In der Broschüre des Theologen Reinhard Hempelmann (EZW-Texte 206) werden Herkunft und verschiedene Strömungen des Evangelikalismus analysiert. Beide Materialien stellt das Christliche Medienmagazin pro hier kurz vor: www.pro-medienmagazin.de.

Ich habe bisher nur das EZW-Heft von Dr. Hempelmann überfliegen können. Den historischen Teil finde ich, soweit gelesen, informativ und sachlich. Gern lass ich mir natürlich sagen (S. 35):

Im christlichen Fundamentalismus kommen Aspekte zum Tragen, die den Protestantismus von Anfang an bestimmt haben: die Orientierung am Wort Gottes (sola scriptura), die Konzentration auf das Elementare und Fundamentale, das unbedingte Vertrauen auf den einen Gott, der sich in Christus den Menschen zuwendet.

Dass das Zitieren von Bibelsprüchen »nicht selten zum Ersatz für das eigene Nachdenken« geworden ist, mag sein (S. 38). Leider finde ich neben vielen zutreffenden Beobachtungen auch theologische Vorurteile, wie zum Beispiel (S. 35):

Falsch an ihm [dem christlichen Fundamentalismus] ist, dass er die Vielfalt des biblischen Zeugnisses nicht hinreichend wahrnimmt, dass er die christliche Freiheit leugnet, dass er Stilfragen zu Grundsatzfragen macht. Falsch an ihm ist, dass er die Verbindung von Glaube und Vernunft nicht ausreichend berücksichtigt.

Auch der angeboten »Fundamentalismusbegriff« überzeugt mich nicht (S. 31):

Ein Grundprinzip fundamentalistischer Strömungen ist das Prinzip der Übertreibung. Einsichten des Glaubens werden so übertrieben, dass sie das christliche Zeugnis verdunkeln, ja verkehren. Dies bezieht sich zwar zuerst auf das gesteigerte Schriftprinzip – verbunden mit einem Verbalinspirationsdogma –, darüber hinaus aber auch auf andere Ausdrucksformen und Motive der Frömmigkeit.

Überraschend schwach finde ich folgenden Vorschlag (S. 38):

Um einen Wort- oder auch Geistfundamentalismus aufzubrechen und zu öffnen, bedürfte es einer tieferen Wahrnehmung des Verhältnisses von Wort und Geist. Der »Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig« (2. Kor 3,6), meinte Paulus. Fundamentalistische Strömungen sind blind für diese Unterscheidung zwischen Buchstabe und Geist, mit der Folge, dass die christliche Freiheit verdrängt, eingeschränkt und geleugnet wird.

War das das Anliegen von Paulus? War dieser »Aufbruch« die Errungenschaft des Protestantismus. Stellvertretend für andere zitiere ich hierzu Calvin (Institutio I, 9):

Wer die Schrift verwirft und sich dann irgendeinen Weg erträumt, um zu Gott zu kommen, der ist nicht eigentlich dem Irrtum, sondern der Raserei verfallen. So sind neuerdings einige Schwindelköpfe aufgetreten, die sich hochmütig für geisterfüllte Lehrer ausgeben — aber sie verachten alles Lesen der Schrift und machen sich über die Einfalt derer lustig, die nach ihrer Meinung an toten und tötenden Buchstaben hangen. Ich möchte nur fragen, was das denn für ein Geist sei, durch dessen Wehen sie so hoch daherfahren, daß sie die Lehre der Schrift als kindisch und unwesentlich zu verachten sich erkühnen! Sollten sie antworten, das sei Christi Geist, so ist das lächerliche Verblendung. Denn sie werden ja dann doch wohl zugeben, daß die Apostel Christi und die anderen Gläubigen in der Urkirche von keinem anderen Geiste erleuchtet gewesen sind. Aber dieser Geist hat keinen von ihnen die Verachtung des Wortes Gottes gelehrt, sondern sie haben nur größere Verehrung gelernt, wie ihre Schriften deutlichst bezeugen. So war es schon vom Propheten Jesaja vorhergesagt. Wenn er nämlich ausspricht: »Mein Geist, der in dir ist, und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt habe, sollen nicht von deinem Munde weichen noch von dem Mund deines Samens ewiglich« (Jes. 59,21), so bindet er das Volk des Alten Bundes nicht an eine äußerliche Lehre, als ob es noch in den Anfangsgründen steckte, nein, er lehrt, das werde das rechte und volle Heil der neuen Gemeinde unter der Herrschaft Christi sein, daß sie nicht weniger durch das Wort Gottes als durch den Geist regiert würde! Hier wird deutlich, daß jene Windbeutel in schändlichem Frevel auseinanderreißen, was der Prophet zu unverletzlicher Einheit verbunden hat. Man muß hierzu noch beachten, daß Paulus, der doch bis in den dritten Himmel entzückt worden ist, nicht aufhörte, in der Lehre des Gesetzes und der Propheten fortzu schreiten, wie er denn auch den Timotheus, einen Lehrer von so einzigartiger Vor bildlichkeit, zum Festhalten am Lesen der Schrift ermahnt (1Tim. 4,13). Und wie denkwürdig ist das Lob, das er der Schrift darbringt, wenn er sagt, sie sei »nützlich zur Lehre, zur Ermahnung, zur Besserung, daß ein Knecht Gottes vollkommen sei …« (2Tim. 3,16)! Was ist es doch für ein teuflischer Wahn, von einer bloß zeitlichen und vorübergehenden Geltung der Schrift zu phantasieren – wo sie doch die Kinder Gottes bis zum äußersten Ziele führt! Auch sollten doch jene Schwärmer angeben, ob sie eigentlich einen anderen Geist empfangen haben als den, den der Herr seinen Jüngern verheißen hat. Ich glaube zwar, daß sie vom tollsten Wahn gequält sind – aber das in Anspruch zu nehmen, so toll werden sie doch nicht sein! … Das Amt des Geistes, der uns verheißen ist, besteht also nicht darin, neue und unerhörte Offenbarungen zu erdichten oder eine neue Lehre aufzubringen, durch die wir von der überlieferten Lehre des Evangeliums abkommen müßten – sondern sein Amt ist eben, die Lehre in uns zu versiegeln, die uns im Evangelium ans Herz gelegt wird!

Kommentare

  1. Ein christlicher Fundamentalist ist unter anderem derjenige, der Jesus über andere Religionen stellt – wurde mir gesagt.
    Bereits in einem der ersten Seminare an der Goethe-Universität Frankfurt wurde uns vom Dekan (Cheftheologe) der Evangelisch-Theologischen Fakultät zugesichert, dass wer an dieser Universität „Jesus über andere Religionen stellt“, hier „keinen Abschluss“ (Staatsexamen Lehramt) mache.
    Ausgebildet sollen wir werden, wie man mit den „Waffen der historisch-kritischen Methode“ gegen den „christlichen Fundamentalismus“ vorzugehen denke, der im Übrigen an einer Universität „nicht geduldet“ werden könne.

  2. Jürgen meint:

    Danke, allein schon Calvins Zitat war die Lektüre wert! Im Allgemeinen wundert mich die Analyse des Herrn Hempelmann wenig. Ich denke, ich werde mir seine Veröffentlichung dennoch besorgen. Gibt’s ein PDF-Download oder kann es online gelesen werden?

    Gruß, Jürgen

  3. Hallo Ron!

    Es ist zwar richtig, daß Hempelmanns Analyse nicht in allen Punkten ganz zutreffend ist – umgekehrt trifft Calvins Zitat aber auch Hempelmann nun wirklich ganz bestimmt nicht. Wenn Hempelmann eine „tiefere[n] Wahrnehmung des Verhältnisses von Wort und Geist“ anmahnt, dann doch nicht, um die Schrift zu verachten. Das müßte man ihm wirklich erst einmal nachweisen!

    Ich würde im übrigen sagen, daß u.a. diese Verhältnisbestimmung von Wort und Geist sehr wohl ein Anliegen des Paulus war, um der Beschneidung „christlicher Freiheit“ Einhalt zu gebieten. Anders ließe sich schon alleine sein recht eigenwilliger und oft virtuoser Umgang mit den Schriften des Alten Testaments überhaupt nicht erklären. Wer hier schon meint, es werde einer Verachtung der Schrift das Wort geredet, übersieht, daß der Geist selbst im Neuen Testament ganz und gar nicht sklavisch am Wort hängt, sondern sich höchst lebendig daran bindet.

  4. @Tobias: Ich berufe mich auf Paulus, Augustinus oder die Reformatoren und auf viele andere erstklassige Exegeten.

    Ich verstehe Hempelmann so: Paulus will nicht, dass wir uns sklavisch an den Wortsinn der Schrift halten, sondern die Freiheit des Geistes in Anspruch nehmen usw. Indem wird das tun, nehmen wir die Schrift ernst. Gerade, wenn wir wie Jesus, Paulus und Johannes die Bibel (hier das AT) nicht wörtlich nehmen, glauben wir biblisch (vgl. S. 37 unten).

    Paulus will aber sagen, dass das Gesetz tötet und der Geist lebendig macht. Es geht doch hier gerade nicht darum, Wort und Geist gegeneinander auszuspielen, sondern darum, zu zeigen, dass der neue Bund ein Bund des Geistes ist. Paulus verachten den Buchstaben (o. eben das Gesetz) doch nicht (V. 7).

    Hier zum Beispiel Augustinus (Geist und Buchstabe, VI, 8):

    Beachte also, wie der Apostel das Wort aus dem Korintherbrief „Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ in seinem Brief an die Römer erklärt und dort mit aller Deutlichkeit zeigt, daß es in der oben dargelegten Weise zu verstehen ist: der Buchstabe des Gesetzes, dessen Belehrung nur im Verbot der Sünde besteht, tötet ohne den lebendigmachenden Geist; er bewirkt nämlich mehr die Kenntnis der Sünde, als daß er hilft, sie zu meiden, und so wird die Sünde geradezu vergrößert, anstatt hintangehalten, denn zur bösen Begierde tritt nun auch noch die Gesetzesübertretung.

    Paulus will also sagen: Der Buchstabe verdammt uns, der Geist macht uns lebendig.

    Liebe Grüße, Ron

  5. Verstehe ich gut, dass Herr Hempelmann bemüht ist, eine vielleicht gerade für Außenstehende nachvollziehbare Analyse zu bringen.
    Allerdings scheint er davon auszugehen, dass der Fundamentalismus tatsächlich als kritisch anzusehen ist und übernimmt damit doch die Bewertung, die in den hiesigen Medien oft vertreten wird. Ich finde es schade, dass die ursprünglich eher positiv anzusehende Feststellung des Fundamentalismus idR. nicht gesehen wird (Fundamente des christlichen Glaubens). Wenn es möglich wäre, müsste man für das Bedenkliche oder gar Abzulehnende in christlichen Kreisen ein anderes Wort finden.

  6. @Ron:

    Eben so verstehe ich Hempelmann aber nicht. Ich glaube nicht, daß er Wort und Geist gegeneinander ausspielen will. Aber noch einmal: Paulus selbst hat eine höchst kreative Art, das Alte Testament zu zitieren und auszulegen – ich sage nicht willkürlich, ich sage kreativ. Und wenn ich Hempelmann richtig verstehe, dann geht es ihm beim Hinweis auf das Verhältnis von Wort und Geist darum, nicht sklavisch am Buchstaben zu hängen, sondern zum eigentlichen „Sinn des Buchstabens“ hindurchzustoßen. Daß Paulus mit dem Buchstaben das Gesetz meint, weiß Hempelmann sicherlich auch. Ich würde mich deshalb aber nicht darauf versteifen, daß Hempelmann in seiner eigenen Rede von Buchstabe und Geist wirklich diese Bedeutung im Blick hat, sondern daß es ihm um eine angemessene Schriftauslegung geht.

  7. @Tobias: Was will er denn dann sagen? Inwiefern hilft „eine tiefere Wahrnehmung des Verhältnisses von Wort und Geist“? Was genau ist gemeint mit der Unterscheidung zwischen Buchstabe und Geist?

    Liebe Grüße, Ron

  8. @dikosss: Ich glaube, das verstehst Du richtig.

    Da der Begriff „Fundamentalismus“ so verschieden besetzt wird, plädiert H. für eine differenzierte Wahrnehmung. Ich denke, diese Forderung ist korrekt. Auch der Schlusssatz gefällt mir, wir können Fundamente haben, ohne fundamentalistisch zu sein.

    Gleichzeitig werden z.B. auf S. 32 Jungfrauengeburt, Sühnetod, leibliche Auferstehung, sichtbare Wiederkunft, historischer Adam usw. mit dem (problematischen) protestantischen Fundamentalismus verbunden, der aufgebrochen werden muss.

    Liebe Grüße, Ron

  9. @Ron:

    Ich verstehe Hempelmann da so, daß er mit dieser Unterscheidung auf ein problematisches Schriftverständnis aufmerksam machen will, das einzelne Schriftaussagen aus dem Zusammenhang reißt, absolut setzt und/oder schlichtweg mißversteht. Sprich: er wendet sich gegen das, was der Volksmund (ich meine nicht den Literalsinn bei Luther etc.!) unter „wortwörtlicher Schriftauslegung“ versteht.

  10. @Tobias: Wohin würde denn eine leibliche Auferstehung von Jesus Christus gehören? Bin ich ein Wort oder Geistfundamentalist (und nehme damit die Bibel zu wörtlich), wenn ich glaube, dass das Grab wirklich leer war?

    Liebe Grüße, Ron

  11. @Ron:

    Ich glaube, Du mißverstehst mich da gründlich. 😀

    Für mich hat der Glaube an die leibliche Auferstehung nichts mit Fundamentalismus zu tun. Wenn das bei Hempelmann der Fall ist (wovon ich noch nicht überzeugt bin), muß man ihm deutlichst widersprechen – das heißt aber noch nicht, daß mit diesem Beispiel sein Hinweis auf das Verhältnis von Wort und Geist überhaupt berührt ist.

    Mit dem im Volksmund (!) verbreiteten Verständnis von „wortwörtlicher Schriftauslegung“ habe ich auf etwas anderes abgezielt – meinetwegen, wenn man Lk 14,26 als Legitimation zum Mobbing von Familienmitgliedern verstehen würde.

  12. @Tobias: So langsam verstehe ich besser. Was Du meinst, würde ich bei mir unter „Biblizismus“ verbuchen. Ich glaube, dass trifft ganz gut, was Du meinst.

    Meines Erachtens geht Hempelmann aber weiter, z.B. S. 32:

    Beide, der Literalist und der Enthusiast, der Wort- und der Geistfundamental vertreten eine wortwörtliche Bibelauslegung. Sie würden den so genannten fünf „fundamental“ des christlichen Fundamentalismus (Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift, Jungfrauengeburt, Sühnetod, leibliche Auferstehung, sichtbare Wiederkunft Christi), wie sie im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in den USA formuliert wurden, zustimmen, ebenso den grundlegenden Sätzen, die bereits im Vorfeld der Entstehung des protestantischen Fundamentalismus im so genannten „Niagara Creed“ festgehalten wurden.

    Ich verstehe das im Sinne von: Sie würden sogar … zustimmen, was jemand nicht mehr braucht, wenn er den Unterschied von Wort und Geist richtig verstanden hat. Aber ich muss irgendwann den Text in Ruhe und vollständig lesen.

    Liebe Grüße, Ron

  13. @Jürgen: Ich hatte Deinen Kommentar übersehen. Meines Wissens gibt es das nicht online oder als PDF. Man muss den EZW Text 206/2009 bestellen.

    Liebe Grüße, Ron

  14. @Ron:

    Ich habe den Text leider auch nicht vor mir liegen, das erschwert die Sache etwas.

    Ich habe den Begriff „Biblizismus“ vermieden, weil auch er oft unterschiedlich verstanden wird – aber einigen wir uns einmal darauf.

    Was das Zitat von Hempelmann angeht, so würde ich sagen, daß es zumindest mißverständlich formuliert ist. Der Literalsinn (womit er mit „der Literalist“ ja zumindest anspielt) ist im reformatorischen Sinne ja zunächst einmal etwas entscheidend anderes als eine „wortwörtliche“ Auslegung im Sinne des Biblizismus, nämlich eine bedingte Abgrenzung etwa gegenüber dem allegorischen Schriftsinn. Wenn Hempelmann mit seinem Zitat darauf abzielt, daß jemand alle fünf Fundamentalentscheidungen des Fundamentalismus für unverhandelbar hält und zugleich den grundlegenden Aussagen des „Niagara Creed“ zustimmt, dann könnte ich ihm unter Umständen noch folgen. Mir ist aber nicht klar, ob Hempelmann es bereits als Kennzeichen des Fundamentalismus versteht, wenn man z.B. „nur“ das leere Grab alleine als gegeben voraussetzt. Ich kann mir bei ihm beim besten Willen nicht vorstellen, daß er das mit der Unterscheidung von Wort und Geist meint – aber wie gesagt: dazu müßte ich jetzt den ganzen Text vorliegen haben. Werde es mir wohl gleich einmal bestellen.

  15. Hier sind zwei Zitate zum Thema seitens der Kirchenleitung:

    idea: „Bleibt die Frage: Wer ist eigentlich ein christlicher Fundamentalist?“

    Huber: „Da ist es doch gut, sich an den Ursprung des Wortes „Fundamentalist“ zu erinnern: Der Ausdruck „The Fundamentals“ wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA für fünf Aussagen verwendet:

    1. Die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift,
    2. Christi Jungfrauengeburt,
    3. der Sühneopfertod Jesu,
    4. die leibliche Auferstehung,
    5. die Wirklichkeit der in der Bibel bezeugten Wunder.“

    idea: „Zumindest Jungfrauengeburt und leibliche Auferstehung finden sich auch im Apostolischen Glaubensbekenntnis wieder.“

    Huber: „Es gibt dabei aber ein gewisses Spektrum von Auslegungsmöglichkeiten, die sich angesichts der unterschiedlichen Darstellungen in der Bibel auch förmlich aufdrängen.

    Ohne jeden Interpretationsspielraum diese fünf Aussagen wortwörtlich bejahen zu müssen – das ist für mich Fundamentalismus!
    Ob jemand Christ ist oder nicht, entscheidet sich nicht an solch einfachen Antworten. Eine Kirche mit der Spannweite von Positionen, wie wir sie haben -, einschließlich der Evangelikalen – kann gar nicht fundamentalistisch sein!“

    Bischof Dr. Wolfgang Huber (29. April 2009, 2003 – 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, Herr Bischof, wer ist eigentlich ein Fundamentalist? Interview. ideaSpektrum 18/2009, Seite 17)

    „Theologischer Fundamentalismus“ [zit. n. Präses Nikolaus Schneider, stellvertretender Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland – EKD]

    „Die Irrtumslosigkeit der Bibel,
    die Jungfrauengeburt, die Gottheit Jesu Christi,
    das stellvertretende Sühneopfer
    und die leibliche Auferstehung
    und Wiederkunft Jesu Christi. [vgl. The Fundamentals, 1910-1915] […]

    Letztlich ist ein Streit um unsere Kirche, die sie tragende Theologie und ihre verfassungsmäßige Ausrichtung entbrannt. […] In diesen theologischen Zusammenhängen ist die Kontroverse mit den Fundamentalisten zu führen. […]
    Der Eifer derer, die permanent Bekenntnisse fordern und deren Arroganz gegenüber der Volkskirche scheinen mir zu einer Kirchlichkeit zu führen, die Züge des Sektiererischen trägt. […]

    Wenn heute viele Menschen dem kirchlichen Leben zwar mit Reserve begegnen, sich aber dennoch als Christen verstehen und ihre Bindung an die Kirche nicht preisgeben … dann haben wir das der von der Aufklärung beeinflussten Gestalt der Kirche als Volkskirche zu verdanken.“

    Präses Nikolaus Schneider (1993, Theologe, stellvertretender Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland – EKD, Präses [vgl. Kirchenpräsident bzw. Landesbischof] der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR), zit. n. „Regionale Informationen für das Rheinland“ – Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ Rheinland e.V., Nr. 20, März / April 1993. S. 6-9, http://www.bekenntnisbewegung-rheinland.de, vgl. Volkskirche am Abgrund?, S. 83, Hänssler 2001, ISBN 978-3775124676)

  16. @Michael:

    Eben um die Frage, die Huber da angesprochen hat, geht es mir: Zielt Hempelmann darauf ab, das Bekenntnis zu diesen oder einigen dieser fünf Aussagen bereits als Fundamentalismus zu bezeichnen, oder geht es ihm um die Feststellung, daß es Fundamentalismus ist, wenn das „Spektrum von Auslegungsmöglichkeiten“ bestritten und anderen eine und nur diese eine ganz bestimmte Definition aufgenötigt werden soll? Das wird aus den Zitaten, die ich bislang gelesen habe, nicht deutlich. In ersterem Fall hätte ich arge Bauchschmerzen, in letzterem würde ich ihm in gewisser Hinsicht durchaus zustimmen.

    Die Aussagen von Präses Schneider finde ich im Vergleich mit den Festellungen Hubers dagegen wesentlich weniger intelligent.

  17. Interessante Diskussion – – aber mich erstaunt die Kritik an hempelmann: ich finde seine Ausführungen durchaus sinnvoll und abgewogen, denn
    – kein Zweifel: es gibt einen christlichen Fundamentalismus, auf den genau diese Kritk zutrifft, die Hempelmann hier artikuliert;
    – „dass [christlicher F.] die Vielfalt des biblischen Zeugnisses nicht hinreichend wahrnimmt, dass er die christliche Freiheit leugnet, dass er Stilfragen zu Grundsatzfragen macht“ – was ist daran nicht zutreffend? Das bringt die Sache durchaus auf den Punkt (ich konnte das selber schon erleben; man denke bspw. an Auseinandersetzungen zur Stellung der Frau oder auch die´7-Tage´-Schöpfungsauffassung…)
    -ob nun der angebotene F-Begriff überzeugt oder nicht ( wie lautet denn Deiner, Ron?), es kann , wie ich finde, nicht bestritten werden, dass es in der Tat ein Grundzug ist, „Einsichten des Glaubens (…) so [zu] übertrieben, dass sie das christliche Zeugnis verdunkeln“.
    -dass F. es mit den „Fundamenten“ zu tun hat, soll nicht bestritten werden, allerdings ist das allein aber auch ziemlich ungeeignet für eine Klärung/Definition des Begriffes.
    -was auch immer man exegetisch zur Unterscheidung von WORT und GEIST sagen mag, die Aussage:“Fundamentalistische Strömungen sind blind für diese Unterscheidung zwischen Buchstabe und Geist, mit der Folge, dass die christliche Freiheit verdrängt, eingeschränkt und geleugnet wird“, ist ganz und gar nicht schwach, sondern charakerisiert in der Tat ein Grundproblem, leider. Wer das thematisiert, zweifelt deshalb noch lange nicht die Grundwahrheiten/Fundamente an.
    Und die Aussagen von W.Huber oder dem rheinischen Präses sollte man in ihrer Gesamtheit mal auf sich wirken lassen, anstatt sie plakativ zu zitieren.

  18. @Ernst: Ich habe nicht vor, einen eigenen Fundamentalismusbegriff vorzuschlagen und viel Unverständnis dafür, dass Stilfragen in evangelikalen Kreisen hochstilisiert werden, habe ich auch.

    Aber nach wie vor verstehe ich nicht, wie eine Unterscheidung zwischen Wort und Geist das Problem lösen soll. Gemeint ist bei Paulus die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, alter Bund und neuer Bund oder AT und NT usw. Jetzt möchte ich schon gern wissen:
    a) Wo genau haben Evangelikale Probleme damit?
    b) Inwieweit hilft uns diese Unterscheidung in der Fundamentalismusdebatte weiter?
    c) Haben denn nicht-evangelikale Kreise oder sagen wir nicht-fundamentalistische christliche Kreise dieser Unterscheidung im Blick?

    Liebe Grüße, Ron

  19. @Ron: mir ging es um das, was Hempelmann christlichen Fundamentalismus nennt, nicht um evangelikale Positionen! Beides mag vermischt werden, nicht zuletzt durch Medien, die teils in Unkenntnis, teils in diffamierender Absicht beides miteinander gleichsetzen. Ich möchte da differenzieren; zugegeben: das Spektrum ist weit und nicht eindeutig.
    Ob die „Unterscheidung zwischen Wort und Geist das Problem lösen“ kann, mag ich letztlich auch nicht entsc heiden, aber dass die Kriterien, die H. nennt, nicht aus der Luft gegriffen sind, scheint mir ganz offensichtlich zu sein. Zudem handelt es sich ja um hermeneutische Fragestellungen (insofern könnte man z.B.auch bei Schiller die Frage nach ´Geist´und ´Wort´ aufwerfen, nur nicht mit den gleichen Konsequenzen), und christlicher F. zeichnet sich auch dadurch aus, dass er da tendenziell zu wenig differenziert. Aber Hempelmann ging es nicht nur um das ´Schriftprinzip´, sondern er nennt ja auch „Ausdrucksformen und Motive der Frömmigkeit“, die durch Übertreibung gekennzeichnet seien – wer wollte ihm da ernsthaft widersprechen? Jedenfalls nicht, wer erlebt hat, wie Fragen des (vermeintlich christlichen) Lebensstils oder best. Gewohnheiten in massive Erwartungshaltungen umgemünzt wurden (und werden).
    Soviel zu a b; dass Außenstehende diese Fragen kaum einordnen können, damit ist leider immer zu rechnen. Aber die sog. „Evangelikalen“ sollten sich dennoch schärfer von christlichem F. abgrenzen , das scheint mir unabdingbar.

  20. @Ernst: Nun, darin stimme ich Dir natürlich zu. Ich glaube, dass das neue Buch von Thomas (siehe oben) genau das im Blick hat. Ich muss den Text von Hempelmann mal in Ruhe lesen. Aber die Diskussion mit Tobias oben zeigt ja, dass ich derzeit davon ausgehe, dass auch der Glaube an eine leibliche Auferstehung als „fundamentalistisch“ aufgefasst wird.

    Ich bin mit dem Begriff „Fundamentalismus“ insgesamt sehr unzufrieden. Aber ich will jetzt nicht noch ein Fass aufmachen.

    Liebe Grüße, Ron

  21. Jürgen meint:

    @ernst

    Du sagst: „- kein Zweifel: es gibt einen christlichen Fundamentalismus, auf den genau diese Kritk zutrifft, die Hempelmann hier artikuliert;“

    Das Dumme ist nur, dass die Differenzierung ausbleibt und, dass das Ergebnis dieser Pauschalisierung das ist, was in der öffentlichen Meinung haften bleibt, wie wir es hier vor kurzem durch die Beiträge des Herrn Detsch erfahren konnten. Insofern sind die Aussagen von Hempelmann wenig hilfreich.

    Gruß, Jürgen

  22. Ich habe die Schrift von Dr. Reinhard Hempelmann bestellt, aber noch nicht erhalten. Aber schon 2005 (und davor) hat er die Unterscheidung zwischen Wort- und Geistfundamentalismus festgestellt:

    „Fundamentalismus ist eine Strömung innerhalb des konservativ geprägten Christentums. Für sein Selbstverständnis sind verschiedene Abgrenzungen charakteristisch: gegen den Feminismus, gegen die Evolutionslehre, gegen den Pluralismus, gegen die historisch-kritische Bibelauslegung. […]

    Für die gegenwärtige Wahrnehmung fundamentalistischer Orientierungen ist die Unterscheidung zwischen einem Wort- und einem Geistfundamentalismus von zentraler Bedeutung. Beiden gemeinsam ist, dass sie auf die menschliche Sehnsucht nach Vergewisserung und Sicherheit antworten.

    Der Wortfundamentalismus sucht rückwärtsgewandt die Glaubensvergewisserung durch den Rekurs auf das unfehlbare Gotteswort in der Vergangenheit.

    Der Geistfundamentalismus orientiert die Vergewisserung primär an sichtbaren Geistmanifestationen, die als unzweideutige Zeichen, ja Beweise der göttlichen Gegenwart angesehen werden (Heilungen, ekstatische Erfahrungen, …).

    Der Wortfundamentalismus sieht Christus preisgegeben, wenn Adam nicht als historische Person verstanden wird.

    Der Geistfundamentalismus meint, dass demjenigen etwas Entscheidendes im christlichen Leben fehlt, der nicht in Zungen redet.

    Der Wortfundamentalismus vertritt eine kreationistische Position und ist daran interessiert, eine alternative Biologie und Geologie aufzubauen.

    Dem Geistfundamentalismus liegt an einer christlichen Psychologie oder am „Powermanagement in der Kraft des Heiligen Geistes“.

    Gegenwärtig stellt sich ein Geistfundamentalismus chancenreicher dar als ein reiner Wort-fundamentalismus. Er knüpft an Ausdrucksformen der religiösen Alternativkultur an, für die Rationalitätsskepsis und ein Hunger nach erlebbarer Transzendenz charakteristisch ist. […]

    Man kann sich bemühen, den Fundamentalismus als Antwortversuch auf die Vergewisserungs-sehnsucht des Menschen in komplexen, unübersichtlichen Lebenskontexten zu verstehen.“

    Dr. Reinhard Hempelmann (Oktober 2005, Theologe, Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) Berlin, Quelle: http://www.ekd.de/ezw/42787_42604.php, Stand Oktober 2005)

  23. Jürgen meint:

    @ Michael

    Danke, sehr interessant.

    @ Alle

    Ich habe mir in Hinblick auf diese ganzen Ismen die Frage neu gestellt, was den nun das Gegenstück zu dem hier diskutierten Fundamentalismus-Begriffes ist: Liberalismus..? Oder was passt besser? Immerhin könnte man in dem hier diskutierten Kontext als einer vom Vergewisserungsdruck befreiter auftreten, also als Liberalist. Was meint Ihr..? 😉

  24. @Jürgen:

    Naja, Hempelmann würde für seine eigene Position wohl keinerlei -ismus gelten lassen. In der Regel dient die Benennung von -ismen ja als Abgrenzung gegen Positionen, die man in gewisser Weise als ideologisch belastet betrachtet, während man die eigene Position als ideologiefrei beschreibt. Das mag man solange gelten lassen, wie die Aussagen im Ungefähren bleiben.

    Spannend wird es erst dann, wenn z.B. die Frage nach dem leeren Grab ins Spiel kommt: Ist der Glaube daran Kennzeichen eines -ismus? Dann würde ich vehement Widerspruch einlegen, weil es durchaus eine starke Strömung innerhalb des (nicht nur evangelikalen) Protestantismus (gerade auch des landeskirchlichen) gibt, der eben diesen Glauben für unverzichtbar hält, während Fragen nach dem Verständnis der Schöpfungsberichte, der Historizität alttestamentlicher Vätergestalten etc. eher zweitrangig sind und hier bewußt ein Interpretationsspielraum offengehalten wird. Diese Strömung als fundamentalistisch zu bezeichnen, wäre in der Tat Liberalismus pur.

    Insgesamt bin ich mit der Definition von Hempelmann nicht zufrieden. Sie mag eine Diskussionsgrundlage für entscheidende Fragen innerhalb des christlichen Glaubens bieten, bleibt aber insgesamt viel zu schwammig, um erstens für die Problematiken anderer Religionen erhellend zu sein und um zweitens eine Grundlage zu einer sinnvollen innerchristlichen Abgrenzung bieten zu können. Abgrenzung ist es ja wohl, was mit dem Fundamentalismusbegriff erreicht werden soll – würde man nun bereits den Glauben an das leere Grab darunterfallen lassen, könnte man sich letzten Endes gleich als Bekenntniskirche aufgeben. So gesehen finde ich Schirrmachers Ansatz – bei allen Unterschieden z.B. hinsichtlich des Schriftverständnisses (Stichwort Chicago-Erklärungen) – wesentlich hilfreicher und treffender.

  25. Jürgen meint:

    @ Tobias

    „In der Regel dient die Benennung von -ismen ja als Abgrenzung gegen Positionen, die man in gewisser Weise als ideologisch belastet betrachtet, während man die eigene Position als ideologiefrei beschreibt.“

    Genauso empfinde ich die ganze Diskussion um das Thema.

    Gruß, Jürgen

  26. Inzwischen habe ich den EZW-Text 206 erhalten. Vorläufig kann ich noch keine neue Strategie sehen, außer der, die „Gemäßigten“ unter den „Bibeltreuen“ zu veranlassen sich von den „Radikaleren“ zu distanzieren um auf diese Weise eine Spaltung des bibeltreuen Lagers und eine Isolierung der engagiertesten Evangelikalen (Gemeinden) herbeizuführen (Evangelikalismus und Fundamentalismus unterscheiden). Nichts Neues also – aber vielleicht funktioniert es ja diesmal.

    Dr. Margot Käßmann: „Fundamentalismus ist immer ein Problem.“ […]
    Alice Schwarzer: „Sie sehen den christlichen Fundamentalismus also nicht minder kritisch wie den islamischen?“
    Dr. Margot Käßmann: „Selbstverständlich! Aber in Europa sind die christlichen Fundamentalisten in einer absoluten Minderheit. […] In Europa gibt es die weltweit liberalsten Christinnen und Christen.“

    Bischöfin Dr. Margot Käßmann (Mai 2005, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover, Interviewerin Alice Schwarzer, Margot Käßmann. Keine Lust, mich zu verstellen, EMMA 3/2005, http://www.emma.de)

    „Europa scheint von dem „fundamentalistischen“ Bazillus aufgrund des Zaubertranks „Säkularität“ weitgehend frei zu sein.“

    Prof. Dr. Volkhard Krech (Juli 2005, Theologe, Evangelisch-Theologische Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, Religiöser Fundamentalismus. Analysen und Kritiken, Seite 48, Francke Tübingen, ISBN 9783772080999)

    „Fundamentalisten sind auch Menschen.“

    Prof. Dr. Dr. Heinrich Schäfer (30. Mai 2006, Ev. Theologe u. Soziologe, Universität Bielefeld, Fundamentalismen und Modernen, Evangelischer Pressedienst epd, epd-Dokumentation 22/2006, S. 11, Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik GEP)

  27. @Michael:es bringt wirklich nichts, ständig irgendwelche Zitate in die Runde zu streuen, die alles und nichts belegen. Zumal der Begriff, wie wir sahen, derart problematisch und ungeklärt ist, dass man offensichtlich von verschiedenen Positionen aneinander vorbeiredet.

  28. @ ernst: Dein Vorschlag?

  29. Zum Schluss vielleicht noch ein positives Zitat zur Debatte:

    „Gratulation und herzlichen Dank, Dr. Hempelmann, können wir da als Evangelikale nur sagen. Evangelikale wie Nichtevangelikale in den Kirchen sollten diese Studie lesen und als Grundlage für intensivere Gespräche nutzen.“

    Prof. Dr. Thomas Schirrmacher, Sprecher für Menschenrechte der weltweiten Evangelischen Allianz
    Dr. Frank Hinkelmann, Vorsitzender der Österreichischen Evangelischen Allianz
    (Quelle: 2. Februar 2010, http://www.thomasschirrmacher.info/blog/dr-reinhard-hempelmann-schafft-eine-grundlage-fur-das-gesprach-mit-den-evangelikalen)

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