Was Not tut

Es gibt in der dynamischen christlichen Szene einen Leiterwahn. Durch Schulungen von Leitern sollen Gemeinden auf eine neue, auf eine höhere Ebene geführt werden (siehe auch hier). Die armen Leiter. Können sie diese Lasten wirklich tragen?

Leiterausbildung ist wichtig. Aber Programme, Leitbilder, Persönlichkeitsentwicklung, Visionen und allerlei »Tools« werden nicht weiterhelfen, solange geistliche Leiter das Anliegen der ersten Jünger in Jerusalem vernachlässigen. Die Jünger bekannten in Apg 6,4:

Wir aber werden festhalten am Gebet und am Dienst des Wortes.

Kommentare

  1. Eventuell liegt dieser „Leiterwahn“ auch daran, dass so viele dem Irrtum glauben, dass Leiter Gemeinde bauen würden?
    Laut Bibel baut Jesus seine Gemeinde, Leiter haben lediglich bestimmte Aufgaben und Verantwortungen darin.
    Die Formel: „Die Quantität oder auch (die wahrlich zu hinterfragenden) Qualität von Leitern ist der Garant oder die Quelle der Quantitativen oder Qualitativen Vermehrung der Gemeinde.“ ist irrig.

  2. @Charly: Ich stimme zu.
    Liebe Grüße, Ron

  3. Spricht dann Lukas 12,12 gegen die ebenso verbreiteten Seminare zum Thema „neuen Medien“ und „Umgang mit der Presse“? 😉

  4. Christian meint:

    @Markus L.
    Genau so viel oder wenig wie der Impuls von Ron gegen Leiterausbildung.
    Ganz abgesehen davon, geht es in Apg 6 tatsächlich um Leitung, in Lukas 12 dagegen um Gerichtsverhandlungen. Na gut, wenn man bedenkt, wie gerne Presse urteilt anstatt zu informieren, mag man sogar eine Parallele finden …
    Aber um die Gedanken mal zusammenzubringen. Ich erlebe leider immer wieder, dass von vielen christlichen Leitern in Gemeinden und Werken eher erwartet wird, dass sie sich gut öffentlich darstellen können (z.B. im „Umgang mit der Presse“ oder in den „neuen Medien“) als dass sie Beter sind. Wenn ich mit jungen Theologen als Berufsanfängern rede, dann kenne ich leider kein Beispiel, wo jemand beim Bewerbungsgespräch in der Gemeinde oder einem christlichen Werk auf sein persönliches Gebetsleben angesprochen worden wäre. Fragen nach Umgang mit Presse oder einem eigenen Blog gehören dagegen inzwischen zum Standard. Ich sehe das persönlich als gefährliche Richtung.

  5. @christian: verstehe schon! deswegen ja auch der smiley.

    Ich denke, dass es da ganz klar ein doppeltes Defizit gibt. Das was Ron eigentlich anspricht und mit Apg. 6 ja auch herausstellt. Luthers empfohlene Art der Predigtvorbereitung, die zumindest theoretisch bis vor wenigen Jahrzehnten noch angesehen war – der Prediger der betend die Bibel erschließt -, findet sich heute schon aus Zeitgründen kaum noch.

    Das andere Defizit – dass dem angesprochenen nicht als Kontra entgegen steht! – wiegt ähnlich schwer: in unseren Gemeinden herrscht ebenso eine intellektuelle und ästhetische Dürre vor. Nicht nur geistlich, auch intellektuell, entsprechen die Inhalte und die Methoden unserer Vermittlung und Predigt nicht dem, was nötig ist.

    Oft geht beides einher: eine Predigt, die nur aus einem Andachtsbüchlein oder einer Predigtdatenbank kopiert wurde, ermangelt beidem: geistlicher und geistiger Tiefe. Und das merkt man unseren Gemeinden, gleich welcher Couleur an. Denn soweit kann man gehen: die Verkündigung des neuen Christusglaubens war qualitativ von geistiger und geistlicher Kompetenz geprägt (Bsp. siehe Paulus‘ Briefe, Phillipus in Apg. 8, die Kirchenväter …). Deswegen sehe ich beides als notwendig an.

  6. Johannes Strehle meint:

    Zunächst die These:
    Gute Leitung ist keine Garantie (Beispiel Mose),
    aber unerlässliche Voraussetzung für gute Gemeinde.
    Mir fällt kein Beispiel aus der Bibel
    für gute Gemeinde unter schlechter Leitung ein,
    auch nicht aus der Kirchengeschichte und der Gegenwart.
    Wenn es Ausnahmen geben sollte, bestätigen sie die Regel.
    Aus der Geschichte Israels können und sollen wir dazu viel lernen.
    Nach dem 1.Brief an die Korinther(10,11) ist sie u.a. deshalb aufgeschrieben.

    Zweite These:
    Soweit ich die (deutsche) evangelikale „Szene“ überblicke,
    werden die Grundanforderungen bzw. Auswahlkriterien an Gemeindeleitung
    nach dem 1. Brief an Timotheus und dem Brief an Titus
    nicht beachtet, nicht ernst genommen oder aus „Liebe“ nicht konsequent angewendet, insbesondere nicht für Pastoren.
    Als Beispiel die Grundanforderung „nicht eigensinnig oder eigenmächtig“.

    Dritte These:
    Auch die beste Gemeindeleitung wird in Krisen
    an schlechten oder verkehrten Strukturen scheitern,
    oder sie wird zu faulen Kompromissen gezwungen,
    die sowohl die Leitung als auch die Gemeinde kompromittieren.
    Die Gemeinde Jesu Christi ist weder eine Monarchie noch eine Demokratie.
    So wie das Volk Gottes des alten Bundes
    unter dem Druck des Zeitgeistes gegen den Willen Gottes
    die Monarchie importierte,
    so die Gemeinde des neuen Bundes die Demokratie.
    In der Praxis trifft man in der Regel eine Art konstitutioneller Monarchie an.
    Die historisch kritische Forschung hat nämlich festgestellt,
    dass ursprünglich im Brief an die Epheser
    nicht nur von Aposteln, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrern
    zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes,
    für die Erbauuung des Leibes Christi (Elberfelder Übersetzung)
    die Rede war, sondern auch (hauptsächlich) von Monarchen.

  7. Zitat: „Die historisch kritische Forschung hat nämlich festgestellt, dass ursprünglich im Brief an die Epheser nicht nur von Aposteln, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrern
    zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi (Elberfelder Übersetzung) die Rede war, sondern auch (hauptsächlich) von Monarchen.“

    Ja, kann ich nachvollziehen. Auf sowas kommen wohl nur Anhänger einer solchen irrigen Methode der Bibelauslegung.
    Fakt ist, dass diese Annahme jede Äußerung Jesu über Leitungsfunktionen im Leib Christi widerspricht. Eines will Jesus ganz sicher nicht in seinem Leib: Monarchen!

  8. Ich danke Euch für die interessanten Beiträge!
    Liebe Grüße, Ron

  9. @Charly: Ich glaube, Johannes hat das ironisch gemeint und wollte einfach sagen: Aus dem Pastorenamt ist unter dem Einfluss der Kirche eine konstitutionelle Monarchie geworden, wogegen das neutestamentliche Verständnis von Kirche der Leib ist, der aus vielen Gliedern besteht. Eine Übersetzung mit dem Begriff „Monarch“ ist mir nicht bekannt.
    Liebe Grüße, Ron

  10. Na denn 🙂 Mir sind wohl schon zu viel „Monarchenlehren“ unter Christen begegnet.

  11. Johannes Strehle meint:

    Ja, ich wollte ironisch in komprimierter Form
    zugleich die historisch kritische Forschung u n d die Gemeinde-Monarchen
    aufs Korn nehmen.
    Dabei ist offensichtlich die Erkennbarkeit der Ironie auf der Strecke geblieben.

    Ich stimme sowohl Ron als auch Charly zu.

    Geistliche Reife, erkennbar an der neunfachen Frucht des Geistes,
    ist nicht durch Seminare und Konferenzen zu erwerben.
    Im günstigsten Fall können sie Lernschritte anstoßen.
    Auch das Handwerkszeug ist besser in einer praktischen Lehre
    (Beispiel Josua bei Mose) zu erwerben.

    Wachsen, Reifen, Lernen braucht Zeit.
    Gott lässt sich und uns Zeit.
    Einerseits profitieren wir davon,
    andererseits macht es uns zu schaffen.
    Oft „nutzen“ wir allerdings die Zeit,
    um auf der Stelle zu treten.

    Mose hat zunächst die beste Ausbildung seiner Zeit genossen,
    sodass er zu gegebener Zeit Pharao und der ägyptischen Elite
    – wie man heute sagt – auf Augenhöhe begegnen konnte.
    Danach hat er 40 Jahre echte pastorale Lehrzeit (als Schafhirte) absolviert.
    (Das war auch Davids Grundausbildung.)
    Dann erst war Mose nach Gottes Beurteilung (nicht nach seiner eigenen)
    für die Führung und Leitung von Gottes Volk qualifiziert,
    als der demütigste bzw. sanftmütigste aller Menschen (4.Mose 12,3).
    Mose stellte sich gegenüber Gottes Volk
    immer kompromisslos auf die Seite Gottes
    und gegenüber Gott
    immer auf die Seite des Volkes.
    Mose war kein geborener Redner.
    Er konnte Rat annehmen
    (was nach dem Buch der Sprüche ein Zeichen von Weisheit ist),
    „sogar“ von seinem „ungläubigen“ Schwiegervater.
    Später war Mose zusammen mit Elia der qualifizierte Gesprächspartner Jesu
    für dessen letzte Wegstrecke.
    Leiter können und sollen von Mose und Josua viel lernen,
    allerdings nicht die Ein-Mann-Führung.
    Die hatte Gott auch für Israel nur in Ausnahme-Situationen vorgesehen.

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