Was schreibt N.T. Wright zur Rechtfertigungslehre?

Tom Schreiner, Mark Seifrid und Brian Vicker haben diese Woche am Boyce College über das neue Buch von N.T. Wright diskutiert. Denny Burk hat durch das Gespräch geführt und liefert in seinem Blog weitere Informationen und den Link zu einem Audiomitschnitt: www.dennyburk.com.

Kommentare

  1. Andreas Gerstacker meint:

    Hallo mal wieder!

    Grüße aus Sachsen!

    Danke für den Hinweis auf die Podiumsdiskussion. Ich hatte sie schon angehört und will Dir zustimmen: Anhören! Das ist wirklich interessant! Abgesehen von ein paar Plattheiten und Stänkereien (wozu N.T. Wright selbst ja auch in der Lage ist…) am Anfang, kann man viele gute Sachen zum Thema Rechtfertigung hören und lernen (inkl. der Tatsache, dass auch die drei auf dem Podium nicht immer mit sich und erst Recht nicht mit J. Piper einer Meinung sind).

    Interessant ist aber auch die Diskussion, die sich im Anschluss im Kommentarteil des Blogs ergibt. Vor allem ab Kommentar Nr. 46 (Andrew Cowan) ergibt sich ein sehr spannendes Gespräch über Inhalte der Sichtweise Wrights und gerade A. Cowan stellt sie in einer Weise dar, die sich mit meinem bisherigen Verständnis Wrights deckt und die Frage aufwirft, ob ihm von Kritikern immer und überall und auch in dieser Diskussion recht getan wird. Hier würde ich gerne einhaken. (Es wird ein wenig länger…)

    Um das Visier zu lüften, ich bin einerseits durchaus Wright-Fan, andererseits gerade bei seiner Paulusauslegung und v.a. bei seiner Sicht der paulinischen Rechtfertigungslehre sehr skeptisch. Ich stehe irgendwo nahe bei Leuten wie P. Stuhlmacher (http://theoblog.de/?p=37), M. Seifrid oder evtl. auch M. Bird, also leicht modifizierte bzw. qualifizierte „Old Perspective“ in im Wesentlichen lutherischer Ausprägung. Also, keine Unterstützung für Wright, zumindest nicht inhaltlicher Art.

    Mich wundert trotzdem etwas, wie selbst Leute wie M. Seifrid, den ich sehr, sehr schätze, manchmal so sehr an Wright vorbeireden. Wie sonst ist zu erklären, dass Seifrid Wright einerseits vorwirft, auf dem Weg zu eine augustinischen und außerdem katholischen Rechtfertigungslehre zu sein, andererseits aber etwas später beklagt, Wright habe, wie Piper auch, leider ein „hyper forensic“ Verständnis von Rechtfertigung. Wenn mich meine Dogmengeschichte nicht völlig verlassen hat, muss er sich für einen Vorwurf entscheiden, beides auf einmal funktioniert nicht. Und das Wright wirklich „hyper forensic“ ist (als Stuhlmacherianer und Lutheraner muss ich sagen, zu Recht „leider“), haut der Katholizismusvorwurf nicht hin. Überhaupt muss man immer wieder betonen, dass bei Wright „justification“ gerade nicht heißt „salvation“. Sein Verständnis von „salvation“ ist so weit ich es sehen kann völlig monergistisch, kein Synergismus in Sicht. Und bei der „final justification“ spielt das „whole life lived“ die Rolle des Glaubens in der „justification now“, es ist ein „badge of membership in the covenant“, weil Zeichen der Gegenwart und des Wirkens des Hlg. Geistes im Leben des bereits „saved“ weil in den Bund aufgenommenen und mit dem Geist beschenkten Christen. Das heißt das „whole life lived“, will heißen die Werke haben m.E. bei Wright den Charakter von „evidence“. Und Gottes „act of justification“ hält und stellt auf Basis dieser „evidence“ nur fest, was durch Gottes „call“ und die damit verbundene Gabe des Geistes schon Realität ist: Bundesmitglied und „saved“.

    So sehr ich denke Wright liegt exegetisch falsch, wenn ich Paulus lese, bricht man das ganze auf die systematische Ebene runter und vergisst dabei nicht, dass „justification“ bei Wright eben nicht gleich „salvation“ ist, kommt man auf ein Modell, das weit weniger problematisch ist, als viele Leute oft zu denken scheinen. Aber: Immer noch problematisch! Verstehe ich ihn richtig, dann ist er in der Sache (nicht in der Ausdrucksweise) nicht so weit weg von z.B. Th. Schreiner, Did Paul Believe in Justification by Works – Another Look at Romans 2. In: BBR 3 (1993), 131-158. (Auch wenn sein Verständnis von Rö 2 ganz anders ist!) Auch Schreiner kann im Fazit (S.157-158; Kursiv von S.) schreiben:
    „On the other hand, even though Paul insists that no one can attain salvation by good works, he also insists that no one can be saved without them, and that they are necessary to obtain an eschatological inheritance. The Spirit’s work in a person produces obedience to the law (Rom 2:26-29). The saving work of Jesus Christ radically changes people so that they can now obey the law which they previously disobeyed (cf. Rom 8:1-4). The works that are necessary for salvation, therefore, do not constitute an earning of salvation but are evidence of a salvation already given. The gift of righteousness which is given freely to believers is necessarily accompanied by the transforming work of the Spirit, for ultimately the gift of the Spirit can not be separated from the justifying work of God. Such good works manifest the work of the Holy Spirit in the believers‘ life. We should also stress that Paul is not speaking of perfect obedience, but of obedience that is significant, substantial, and observable. Even though the Spirit is given, there is still a „not yet“ in his theology. The day of full redemption is still in the future (Rom 8:10, 23). Thus, there is some ambiguity in the Christian communities. Some who appear to be believers will be shown not to have received the saving gift of righteousness. They will fail to pass the test on the last day, for their works will be lacking. Such a failure will prove that they were never truly part of the new community.“
    Will man kritisch sein, kann man auch Schreiner Werkgerechtigeit vorwerfen.

    Bitte entschuldige den ausführlichen Kommentar. Ich wollte bei einem früheren Beitrag von Dir zu Wright schon mal einen Kommentar abgeben, habe es dann aber gelassen, und versuche jetzt wohl die berühmten zwei Fliegen mit einer Klappe zu erwischen. BTW, damals hast Du Dich mit einem Alexander unterhalten. Wenn ich eine kleine Echtheitskritik wagen darf: Sprachliche und inhaltliche Kriterien bringen mich zu der Überzeugung, dass ich ihn ganz gut kenne… 😉

    Meine FRAGE: Verstehe ich (und mit mir u.a. Leute wie A. Cowan) Wright so falsch? (Bei aller Einsicht darin, dass er sich manchmal extrem unklar, wischiwaschi und gelegentlich auch widersprüchlich ausdrückt, leider.) Hier bin ich für Korrektur jederzeit offen!!! BTW, ich habe das neue Buch Wrights noch nicht gelesen und werde auch in ansehbarer Zeit nicht dazu kommen. Ich beziehe mich auf ältere Texte und Vorträge von ihm sowie ausführliche Rezensionen zu dem neuen Buch.

    Beste Grüße,
    AG

  2. Lieber Andreas,

    herzlichen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar! Wir merken, dass Du „in dem Thema steckst“ und spürst, dass wir hier nicht über Fragen dritter Ordnung sprechen.

    Unser Problem ist wohl, dass wir beide erst das neue Buch lesen müssen (ich habe es auch noch nicht bekommen). Ich verknüpfe viele Hoffnungen mit dem Buch, neige zugleich jedoch dazu, die Erwartungen nicht zu hoch zu stecken (was für ein Widerspruch), da auch unter Leuten, die das Buch schon gelesen haben, die Sache nicht viel klarer zu sein scheint. Mir scheint, dass Wright (und andere) sprachliche bewusst unscharf bleiben und so eine Projektionsfläche schaffen (was ich übrigens in der Theologie nicht mag, in der Kunst ist das vielleicht etwas anderes).

    Obwohl ich also im Grund nicht weiterhelfen kann, kurz:

    1) Das mit augustinisch/katholisch verstehe ich genauso wenig wie Du und ich kann nicht nachvollziehen, weshalb Wright „hyper forensic“ sein soll.

    2) Justification und Salvation: Hier müsste sich Wright mal deutlich äußern. Ich meine schon, dass er meist Rechtfertigung als Kennzeichnen der Bundesmitgliedschaft sieht. Er schreib in seinem Paulusbuch: „Die Rechtfertigung im Galaterbrief ist die Lehre, dass alle, die an Christus glauben, an denselben Tisch gehören, während sie unab­hängig von ihren nationalen Unterschie­den auf die zukünftige Neuschöpfung warten“ (122). Oder: „Woran Paulus bei Rechtfertigung denkt, … ist nicht so sehr die Frage, ‚wie man Christ wird‘, sondern vielmehr die Frage, ‚wie man erkennen kann, wer ein Mitglied der Familie des Bundes ist‘ (122). Oder 119: „Bei ‚Rechtfertigung‘ ging es im ersten Jahrhundert nicht darum, wie jemand eine Beziehung zu Gott aufbauen kann. Es ging um Gottes eschatologische, sowohl zukünftige als auch gegenwärtige Definition davon, wer tatsächlich ein Mitglied seines Volkes ist. Um es mit Sanders’ Worten auszudrücken: Es ging nicht so sehr um das ‚Hineinkommen‘ oder das ‚Darin-Bleiben‘, sondern darum, ‚wie man sagen kann, wer drin ist‘. In der christlich-theologischen Fachsprache ausgedrückt, ging es weniger um Soteriologie als um Ekklesiologie, weniger um Errettung als um die Gemeinde.

    Manchmal erwähnt er die Rechtfertigungslehre aber im Zusam­menhang mit der Stellung des Einzelnen vor Gott, dann, wenn er von der „letztendlichen Rechtfertigung“ spricht, die in der eschatologischen Zukunft beim letzten Gericht stattfindet. In seinem Artikel „The Shape of Justifica­tion“ bezieht er sich auf die „zukünftige Rechtferti­gung“ und zitiert Römer 2,13 als Beweistext („Es sind nämlich nicht die Hörer des Gesetzes gerecht vor Gott, sondern die Täter des Gesetzes werden gerechtfertigt werden.“).

    Da er auch im Blick auf Salvation schwammig ist, weiß ich nicht, was er genau denkt. (Ich merke übrigens im Gespräch mit NPP-Leuten, dass sie oft Gottes Zorn und die Verlorenheit des Menschen nicht mehr denken. Auch Fragen rund um die Heilsgewißheit spielen kaum eine Rolle. Und: Wie kann Wright behaupten, Borg sei ein Christ, obwohl dieser weder an einen persönlichen Gott noch an eine Auferstehung von Jesus Christus glaubt? Signalisiert das nicht eine bedenkliche ‚Oberflächlichkeit‘ in der Soteriologie?)

    3) Du weißt, dass ich reformiert bin und ein anderes Verhältnis zu den Werken habe, als die meisten Lutheraner. Obwohl auch ich an dem „simul iustus et peccator“ festhalte, rechne ich damit, dass die uns mit Christus geschenkte Gerechtigkeit auch effektiv wird (Errettete bringen also Werke hervor). Ich denke also ähnlich wie Schreiner (der keinesfalls Werkgerechtigkeit lehrt, sondern die ‚Alleinstellung‘ der luth. Rechtfertigungslehre kritisiert). Sollte Wright auch so ‚calvinistisch‘ denken (was ja einige behaupten), wäre das erfreulich. Ich werde aber den Eindruck nicht los, dass das nicht der Fall ist.

    Vielleicht können wir tiefer einsteigen, wenn wir das Buch gelesen haben?

    Dir nochmals Danke und liebe Grüße ins schöne Sachsen, Ron

  3. Andreas Gerstacker meint:

    Danke für Deine Ausführliche Antwort. Ja, wir sollten das Buch wohl erst lesen… 🙂 Ich habe Dich vielleicht auch etwas zugeschüttet mit meinen Gedanken und dabei auch eine andere Diskussion zum gleichen Thema mit hineingebracht, in der ich mit jemandem Rede für den Wright an diesem Punkt glasklar ein Irrlehrer ist. Und zu diesem Schritt und Urteil bin ich soweit ich ihn im Augenblick verstehe nicht bereit. Mag sein, dass davon einiges in mir gewühlt hat, als ich diesen Kommentar geschrieben hatte…

    Mit Wrights „final justification based on the whole life lived“ habe ich wie schon gesagt auch meine Bacuschmerzen. M. Bird hat es mal schön formuliert: „I often grimace when I read some of Wright’s one-liners on the future element of justification and I don’t like what he does with the Holy Spirit here as the energizer of works.“ (http://euangelizomai.blogspot.com/2008/10/nt-wright-at-white-horse-inn.html) Dito!

    Zu Verlorenheit, Gottes Zorn und Heilsgewissheit: Von anderen NPPlern mal abgesehen, zumindest in seinem Kommentar zu Römerbrief hat Wright (meiner Erinnerung nach…) beides stark betont. Jesu sterben wird als „penal substitution“ verstanden und zu 8,1 macht er die im Werk Christi begründete Heilsgewissheit ganz stark. Ich müßte das aber evtl. nochmal nachschlagen.
    (Zu „penal substitution“ siehe kurz und engagiert: http://trevinwax.com/2007/04/24/dont-tell-me-nt-wright-denies-penal-substitution/)

    Eine FRAGE an Dich, der Du doch am BUCER-Seminar bist: Was denkst Du über folgenden Gedanken von M. Bird: „In fact, Wright is closer to Bucer and Zwingli than he is to Westminster and I think THAT is the real reason why he gets mistaken for being Catholic.“ (http://euangelizomai.blogspot.com/2009/04/sbts-wright-review-panel.html unter Punkt 2; Kursiv von mir.)

    Nur kurz zum letzten Abschnitt:
    1) Ich wollte Th. Schreiner keineswegs Werkgrerechtigkeit vorwerfen, sondern nur sagen, dass man bei ungewogener Betrachtung in seine Ausdrucksweise auch was reinlesen kann. Er drückt sich aber wesentlich eindeutiger aus als N.T. Wright das gelegentlich tut. 🙂

    2) Als Lutheraner der über die lutherische Theologie immer wieder zu Luther selbst zurückzugreifen versucht, habe ich mit der Einsicht, dass die Glaubenden auch aus Glauben Werke hervorbringen und diese Glaubenswerke in gewisser Weise nötig sind ohne dabei das sola fide in Frage zu stellen, kein Problem (siehe z.B. Vorrede zum Römerbrief); abgesehen davon, dass es im NT ohnehin so ist und das NT für den Lutheraner die letzte Instanz sein sollte. In einer Luthertheologie (L. Pinoma, Sieg des Glaubens) habe ich das mal nett als Paradox formuliert gesehen: (Sinngemäß!) Dem Glauben düfen keine Werke folgen müssen, sonst ist es nicht mehr sola fide. Dem Glauben müssen Werke folgen, sonst ist kein Glaube mehr. Auch die Luthertheologie von P. Althaus (Die Theologie Martin Luthers) wie auch das Kapitel über das neue Leben im Glauben in seiner Dogmatik (Die christliche Wahrheit II) hat mir sehr geholfen, aus einer gewissen lutherisch-volksfrommen aber nicht luther’schen Einseitigkeit herauszufinden.

    3) Mit Luther, dem frühen Melanchton (Apol. CA 4) vor dem Osiandrischen Streit, A. Schlatter und P. Stuhlmacher (und auch M. Seifrid und M. Bird) würde ich Rechtfertigung bei Paulus gegen die allgemeinprotestantische Mehrheitsmeinung als forensisch und effektiv/transformativ ansehen, allerdings mit dem gegenüber der tridentinische Lehre wichtigen Vorbehalt, dass auch diese neue Gerechtigkeit eine iustitia aliena ist. Seifrid hat das in einem ganz hervorragenden Vortrag (Justified by Faith and Judged by Works) am SBTS mal mit einem Zitat aus Luthers Heidelberger Disputation auf den Punkt gebracht: „Our works do not work our righteousness, our righteousness works our works.“ Oder sinngemäß mit Althaus aus seiner Dogmatik (s.o.): Die Werke sind nicht nur Zeichen des Heils/ der Errettung, sie sind die Gegenwart des Heils/ des neuen Lebens selbst, weil es die Werke sind, die der im Glauben in uns gegenwärtige Christus durch uns tut. Und was ist Christi Gegenwart im Glauben anderes als das Heil?

    So weit dürfte ich von Dir als reformiertem Bruder gar nicht weg sein in dieser Frage. Auch wenn die Akzentuierung im Detail wahrscheinlich doch noch etwas anders ausfällt.

    So, damit beende ich meine Präsenz auf Deinem Blog fürs erste wieder. Hat mich gefreut! 🙂

    Beste Grüße und Gottes Segen,
    AG

  4. Lieber Andreas,

    vielen Dank für Deine vielen hilfreichen Hinweise und Anmerkungen!

    Ich bin im Blick auf N.T. Wright zugegebenermaßen etwas misstrauisch. Beispiel: Obwohl er sich für “penal substitution” ausgesprochen hat, sah er zugleich kein großes Problem darin, Steve Chalke zu unterstützen (obwohl er seine Auffassung nicht teilt, Du kennst die Debatte). Möglicherweise ist das mit dem Zorn Gottes ähnlich?

    Was den Punkt 3 anbetrifft, stehen wir uns in der Tat sehr nah (was mich natürlich freut)!

    Bei Bucer bricht tatsächlich die Selbstbeobachtung des Menschen mit der Rechtfertigung nicht ab (wie tendenziell bei Luther, siehe dazu den Aufsatz von Elke Meyer in: Die Wiederkehr des Glaubens in der Seelsorge). Der Straßburger betonte das durch die Rechtfertigung erneuerte Leben stärker. Der mit der Wiedergeburt empfangene Heilige Geist stimmt dem Willen Gottes zu und gibt die innere Kraft, diesen auch zu tun. Er betonte also die erneuernde Kraft des Geistes und die Rückgewinnung der Menschlichkeit des Menschen. Ich stehe voll zum „extra nos“ und weiß um unsere krankhafte Selbstverkrümmung, sehe aber auch den Auftrag der Heiligung und finde Bucer deshalb sympatisch. Aber bitte siehe das nicht als eine strenge Position gegen Luther.

    Ich hoffe, Du schaust Mal wieder vorbei!

    In HIM, Ron

Ihre Meinung ist uns wichtig

*