Weckruf an einen untreuen Hirten

Der Reformator Johannes Calvin hat 1537 in einem Sendschreiben Bischöfe, Lehrer und Älteste aufgefordert, ihren Dienst an der Kirche von Jesus Christus gewissenhaft wahrzunehmen. Ich gebe hier Auszüge aus dem Schreiben wieder, da es heute mindestens ebenso aktuell ist wie vor rund 470 Jahren:

Ich tue das wirklich nur ungern und zögernd, so kompromißlos an dein Verschulden heranzugehen, daß ich dem Anschein nach mehr eine gerichtliche Anklage erhebe, denn als Warner auftrete. Aber was soll ich dir in dieser offensichtlichen Angelegenheit schmeicheln? Zumal ich dich aufs höchste gefährdet sehe, weil du diese Art von Nachläßigkeit begehst, als ob es irgendeine Spielerei wäre, und dir damit Unterhaltung verschaffst. Ich sage es also noch einmal, und du wirst es nicht abstreiten: die Religion Gottes und sein Volk, die deiner Sorge anbefohlen wurden, sind durch deine Untätigkeit nicht bloß alleingelassen und gehen zugrunde. Sie werden vielmehr durch Unredlichkeit und Schlechtigkeit vernichtet. Wenn nun im Krieg von Gesetzes wegen auf einen Deserteur die Todesstrafe angewandt wird – welche gerechte Strafe gilt dann erst einem Überläufer, der nicht bloß seinen Posten und seine Abteilung verläßt, sondern auch noch als Feind gegen die Heimatstadt vorgeht, deren Verteidigung er gelobt hatte? …

Zur Posaune, Wächter; zu den Waffen, Hirte! Was zögerst du? Was bleibst du träge? Was schläfst du? Solange dein Verstand durch nebensächliche Dinge und Angelegenheiten abgelenkt ist, die nichts zur Sache tun, wendest du dich nicht der Sache zu, und alles geht gänzlich zugrunde! Unseliger, du bist dem Herrn für so viele Tote verantwortlich, du bist ein so vielfacher Mörder, so oft hast du dir Blutschuld aufgeladen: der Herr wird jeden Blutstropfen aus deiner Hand zurück- fordern! Und du bleibst unerschrocken bei solchem Donnerschlag? Du erschauderst nicht? Du bist nicht beunruhigt? Du brichst nicht an Leib und Seele ganz und gar zusammen? Oh Mensch, in dir ist allzuviel Rücksichtslosigkeit und Halsstarrigkeit, wenn du durch ein solches Gottesurteil nicht aus der Fassung gebracht wirst, dessen Wucht sicherlich nicht einmal Himmel und Erde und die stummen Elemente selbst aushalten würden! Dabei rede ich noch sehr zurückhaltend, wenn ich dich einen Mörder und einen Verräter der Deinen nenne. Denn mehr als alles andere ist dies ein übles Verbrechen, daß du Christus selbst, soweit er bei dir ist, nochmals verkaufst und nochmals kreuzigst. Denn wenn du die Gemeinde (die Christus durch sein Blut erworben hat) der Vernichtung preisgibst und nur deine Habsucht befriedigst, was ist das anderes, als das Blut Christi, das als Kaufpreis für sie aufgeboten wurde, selbst zu verschachern? Was heißt wohl Christus kreuzigen, wenn nicht dies: sein Blut geringschätzig verhöhnen, und demzufolge mit ihm selbst Spott zu treiben? Und er sollte diese ganz unerhörte Entehrung immer weiter ertragen, er, den der Vater mit Ehre und Ruhm gekrönt hat? Wenn du aber klug bist, wirst du das heilige Blut Christi nun höher schätzen, so hoch wie es ihm gebührt. Wie sehr wirst du nach ihm verlangen, wenn du durch die Härte des Opfers (Christi) lernst, wie wertvoll es vom Herrn selbst gemacht wurde! …

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