Welt ohne Gott?

Markus Widenmeyer, Naturwissenschaftler und Philosoph, hat ein Buch über den Naturalismus verfasst. In Welt ohne Gott? untersucht er die wichtigsten Argumente des Naturalismus und legt eine Begründung seines christlichen Gottesglaubens vor. Ich habe für Glauben & Denken heute mit ihm gesprochen und veröffentliche hier vorab einen Auszug des Interviews:

Welt ohne Gott?

Ein Gespräch mit Markus Widenmeyer über den Naturalismus

UnknownRK: Herr Widenmeyer, warum haben Sie ein Buch über Naturalismus geschrieben?

MW: Die Frage, welche Weltsicht wahr und welche falsch ist, ist die wichtigste Grundfrage, die es überhaupt gibt. Der Naturalismus ist heute eine oder sogar die vorherrschende Weltsicht in der westlich geprägten Welt. Und ich bin der Ansicht, dass er nachweislich falsch ist. Den Nachweis möchte ich in diesem Buch führen.

RK: Können Sie für unsere Leser den Naturalismus kurz definieren?

MW: Allgemein kann man ihn gut über drei Prinzipien charakterisieren. Erstens das Immanenzprinzip: Es gibt nur innerweltliche, „natürliche“ Dinge, nichts Transzendentes. Zweitens das Materieprinzip: Ursprung der Welt ist eine nichtgeistige, nichtrationale Substanz, die Materie. Und drittens ein fundamentales Fortschritts- oder Entwicklungsprinzip. Die Schöpferkraft, die der Theist Gott zuschreibt, wird dabei sozusagen in die Materie projiziert. Ein weiteres Prinzip des heutigen Naturalismus ist der Szientismus; das ist der Glaube, dass die Naturwissenschaft im Prinzip alle sinnvollen Fragen beantworten kann.

Aber auch der Pantheismus und in der Regel der Polytheismus sind naturalistisch. So sind die Götter der Griechen oder Babylonier innerweltlich, endlich, aus einem Chaos entstanden und auch moralisch ziemlich fragwürdig. Der große Gegenspieler des Naturalismus ist der Theismus, wonach ein ewiger, transzendenter Gott existiert.

RK: Thomas Nagel beklagt, dass der Naturalismus heute in der Forschergemeinschaft weitgehend unangetastet vorausgesetzt wird und John Searle nimmt an, dass er als die Religion unserer Zeit gedeutet werden kann. Trifft es zu, dass in der Wissenschaft der Naturalismus heute unangefochten die Deutungshoheit beansprucht?

MW: „Unangefochten“ vielleicht nicht. Aber dieser Anspruch des Naturalismus ist massiv und der Widerstand relativ machtlos. Man darf hier die soziologische Dimension der Institution Wissenschaft nicht übersehen. Die Wissenschaft wirkt nicht nur stark in die Gesellschaft hinein. Es gibt auch äußere, oft nicht-rationale Faktoren, die „Wissenschaft“ beeinflussen, was Wissenschaftsphilosophen schon längst thematisiert haben. Die Strategie ist heute kurz gesagt, „wissenschaftlich“ mit „naturalistisch“ gleichzusetzen. Der Naturalismus will die Spielregeln vorgeben. Und er ist darin recht erfolgreich.

RK: Was ist darin so bedenklich?

MW: „Wissenschaft“ – die man dann nicht mehr so nennen sollte – droht zum Trojanischen Pferd für weltanschauliche Indoktrination zu werden. Wahrheit wird dafür an den entscheidenden Stellen durch Macht ersetzt. Zum Beispiel gelten heute naturalistisch-evolutionäre Darstellungen in biologischen Ursprungsfragen oft pauschal als wissenschaftlich, selbst dort wo sie völlig substanzlos sind. Umgekehrt gilt ein Vorschlag außerhalb dieses Paradigmas per definitionem als unwissenschaftlich – und wer einen solchen vorbringt, muss befürchten, ausgegrenzt und als „Wissenschaftsfeind“ stigmatisiert zu werden. Es ist aber diese Praxis, die die Möglichkeit rationaler Diskurse zerstört und damit auch echte Wissenschaftlichkeit, also die freie Suche nach Wahrheit. Wir kennen eine solche Praxis auch aus der ehemaligen Sowjetunion. Diese Bedenken teilen übrigens selbst Atheisten wie Thomas Nagel oder Bradley Monton.

RK: Warum lehnen Ihrer Meinung nach so viele Menschen den Gottesglauben ab, obwohl sich unter der Annahme der Existenz Gottes – wie Sie im letzten Kapitel zeigen – unsere Welt deutlich besser erklären lässt.

MW: Man könnte das historisch erklären: Religionskriege und anderer -missbrauch machten den Gottesglauben schließlich unattraktiv. Mich überzeugt das nicht so: Erstens sind diese Dinge meist nicht vereinbar mit dem biblischen Christentum. Zweitens würden unattraktive Aspekte einer Weltsicht diese nicht zwingend falsch machen. Drittens waren die auf dem Naturalismus basierenden Ideologien des 20. Jahrhunderts noch viel desaströser. Eine andere Erklärung ist, dass der christliche Glaube mit seinen sittlichen Ansprüchen in unserer Zeit vielen Lebenskonzepten zuwiderläuft. Da ist etwas dran, aber es erscheint mir als Gesamterklärung nicht befriedigend.
Angesichts der – meiner Ansicht nach – überwältigenden Belege für einen transzendenten, überragenden Geist, ist die beste Erklärung genau die, welche die Bibel selbst liefert, auch wenn diese Erklärung wenig schmeichelhaft ist: So schreibt Paulus, dass Gottes ewige Kraft und sein göttliches Wesen erkannt werden können. Diese natürliche Gotteserkenntnis verschwindet aber, wenn der Mensch Gott nicht Ehre und Dank geben will. Wo anders steht, dass das Denkvermögen der Ungläubigen verblendet wurde. Das ist dann sozusagen das Gegenkonzept zu Dawkins God Delusion.

Mut macht mir aber, dass seit einiger Zeit analytische christliche Philosophie und Apologetik eine Renaissance erleben. Ich hoffe, dass Gott Gnade schenkt, dass Menschen das Licht des Evangeliums wieder sehen wollen.

RK: Vielen Dank für das Gespräch!

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Kommentare

  1. Das derzeit wohl wichtigste apologetische Buch auf dem deutschen Büchermarkt. Ich kann es uneingeschränkt empfehlen. Es ist schon philosophisch, aber schnörkellos. Auf relativ wenigen Seiten wird ein ganzes Feuerwerk an Argumenten gezündet. Das Besondere an diesem Buch ist auch die Interdisziplinarität, d. h. die Naturalismuskritik erstreckt sich auf unterschiedliche Bereiche wie Geschichte, Ethik, Gesellschaft, Politik, Philosophie des Geistes, Naturwissenschaften usw. Wer den Neuen Atheismus, den heutigen Naturwissenschaftsbetrieb und damit auch unsere westliche Kultur besser verstehen will, sollte das Buch lesen.

  2. Vielen Dank für das Interview. Ich habe das Buch soeben durch Amazon.de bestellt. Ich sehe auch, daß John Lennox’s Bücher ins Deutsche übersetzt worden sind; läßt sich dieses Buch mit denen vergleichen?

  3. @Chuck Bearden: Lennox greift in seinen Büchern den Naturalismus an bzw. die Absolutsetzung der naturwissenschaftlichen Methode. Widenmeyers Naturalismuskritik ist sehr viel umfassender und systematischer angelegt. Es ist auch etwas anspruchsvoller, also nicht so leicht zu lesen wie Lennox, dessen Stil viel lockerer ist. Beide Autoren leisten auf ihre Art einen wichtigen apologetischen Beitrag.

  4. Roderich meint:

    Ein ganz und gar hervorragendes Buch! Habe es mit großem Gewinn gelesen.

    @Chuck, ich denke Qualitätsmäßig ist es in jedem Fall mit Lennox vergleichbar. Lennox ist Mathematiker und argumentiert streng logisch. Genauso tut es M. Widenmeyer.
    Dieses Buch kritisiert den heute vorherrschenden Naturalismus mit wasserfesten Argumenten.
    Auf Amazon steht schon eine kritische Rezension, die aber fast ohne Argumente auskommt – daran sieht man schon den kritischen Zustand des Naturalismus.

    Sehr angenehm ist auch der gewisse „wissenschaftliche Realismus“ und das Ernstnehmen der Naturwissenschaft in dem Buch. Man wird nicht mit Scheinantworten abgespeist.
    Chuck, das Buch sollte auch ins Englische übersetzt werden. Wenn Du einen guten Verlag kennst… fühle Dich ermutigt, es zu empfehlen 🙂

  5. Wilhelm Rehm meint:

    Ich stelle dagegen: WELT OHNE GOTT
    EIN PLÄDOYER WIDER DEN GLAUBEN / VON KAREN DUVE

  6. Schandor meint:

    @Wilhelm Rehm

    Die Welt ohne Gott haben wir überall auf diesem Planeten genau dort, wo schlimme Dinge geschehen. Seltsamer Vorschlag also.

  7. Roderich meint:

    @Wilhelm Rehm,
    hast Du vielleicht einfach „Welt ohne Gott“ gegoogelt und den ersten Treffer genommen, ohne es Dir überhaupt näher anzuschauen?
    „Welt ohne Gott. Ein Plädoyer wider den Glauben“ von Karen Duve ist gar kein Buch, sondern ein kurzes Essay im SPIEGEL 14/2009, nämlich eine Filmbesprechung von Mahers „Religulous“.
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-64845729.html

    Dieses mini-Essay enthält keine ernstzunehmenden Argumente – bischen was über die Theodizeefrage (woher das Übel in der Welt), ansonsten Strohmänner und v.a. eine positive Bewertung von Mahers Film.

    Also: Es sei Dir das Buch von Markus Widenmeyer nochmals herzlich anbefohlen. Setze Dich mit den Argumenten auseinander, fasse sie (akkurat) zusammen und kritisiere sie mit Gegenargumenten. Dann sei Dein Kommentar sehr willkommen.

  8. „Wenn eine Gans sich einen Gott erdichtet, dann muß er schnattern.“
    Michel de Montaigne

    Schöne Grüsse aus der http://www.freidenker-galerie.de

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