Wenn Computerspiele zum Götzen werden

Oliver Jungen hat für die FAZ den Kult um die Gamescom beschrieben und dabei eine geradezu religiöse Hingabe an die Spielewelt ausgemacht. „Die Kölner Gamescom ist ein Erlebnis der dritten Art. Die Jugend betet sie an …“.

Eine Messe ist es durchaus, aber im emphatischen Sinne. Für die Kräfte, die hier freigesetzt werden, hat allein die Theologie ein Raster parat. Dreigestuft ist die Hierarchie: Es gibt die Götter – anthropomorphe Geister wie eh und je -, die Religionsgelehrten sowie die Gläubigen, die in rauhen Mengen herrgottsfrüh den Tempelkomplex umringen. Kurz, es handelt sich um einen fröhlichen Polytheismus, eine Religion im vollen Saft. Nichts von Niedergang, nur weil irgendwo ein Umsatz bröckelt, im Gegenteil: Die Gemeinde wächst. Das alles muss man zugestehen, auch wenn es nicht die eigene Religion ist, ja, selbst wenn einem die Sims, die Warcraft-Monster und all die ununterscheidbaren Kampfsoldaten in ihren sinnlosen Wüstenmissionen fremder sind als die ulkigsten Götter im Hinduismus.

Mehr: www.faz.net.

VD: JS

Kommentare

  1. Computerspiele sind heute nicht mehr wegzudenken.

  2. @ computerspiele-datenbank.de
    Wurde dieser Satz von einem Computer oder einem Menschen formuliert?
    Erinnert mich nämlich an die eintönig starren und trotzdem verführerisch simplen Antworten von HAL 9000 in 2001: A Space Odyssey. Bist Du’s, HAL? 🙂

  3. „Kurz, es handelt sich um einen fröhlichen Polytheismus, eine Religion im vollen Saft. “ – Wie wahr, wie wahr…Ich finde, Computerspiele sind ein sehr gutes & offensichtliches Beispiel dafür, was Religionssoziologen schon seit geraumer Zeit verkünden: Die Religion verschwindet nicht (Säkularisierung), sondern sie „wandert“ aus den Kirchen in verschiedene Phänomene der Populärkultur aus. Um den Religionssoziologen & Theologen Peter L. Berger zu zitieren: „Nietzsche thought that he stood at the beginning of an age of atheism. Right now it seems that the twenty-first century is marked instead by polytheism.“ Ein sehr interessantes Forschungsfeld. Danke für den Hinweis auf obigen Artikel!

  4. Andreas meint:

    … Ein guter Hinweis. Eigentlich muesste man aber etwas differenzieren.

    Die Spieler GLAUBEN ja in 99% der Faelle gar nicht, dass diese Daemonen (und was da so in den Spielen rumkreucht und -fleucht) wirklich bestehen. Die koennen schon noch differenzieren zwischen Realitaet und Spiel bzw Fantasy-Welt.

    Insofern ist es eigentlich keine quasi-Religion.

    Das einzige, was die Spiele zur quasi-Religion machen koennte, ist, dass diese zur Wichtigsten Sache im Leben der Spieler werden; das kann mit Sucht zusammenhaengen, aber auch nur damit, dass ‚Vergnuegen‘ der hoechste Wert fuer die Spieler ist. (Es sind also, wie viele nicht-computerspielende Bundesbuerger, einfach nur ‚Hedonisten‘, die ihre wertvolle Zeit, die sie von Gott geschenkt bekommen haben, vergeuden. Vermutlich, weil sie nicht glauben, dass ihr Leben einen Sinn hat, und / oder sich nicht vorstellen koennen, dass der christliche Glaube eine zutiefst aufregende Sache ist; jedenfalls dann, wenn man nicht schlaeft im Glauben).

    Die Computerspieler glauben also zu 99% nicht an die Monster; allerhoechstens werden sie unbewusst von diesen ganzen Monstern ein wenig desensibilisiert fuer das Boese oder gar daemonisch beeinflusst (wer sich dauernd mit ‚Diablo‘-Figuren abgibt, und sei es nur, sie zu bekaempfen, ohne bei Christus zu sein, wird wegen der Ueberbeschaeftigung mit diesen Dingen sich vielleicht irgendwann mal etwas ‚einfangen‘ – wenn man staendig ueber etwas nachdenkt, oeffnet man sich doch auch irgendwie dem Einfluss dessen.

    Dabei muesste man gar nicht in Computerspielen nach einem ’spannenden Kampf‘ suchen. Es gibt ja schliesslich eine reale Welt von Daemonen und boesen Geistern, und wer missioniert, ist z.B. dabei, das Reich Gottes auszubauen und das Reich der Finsternis einzureissen. Er muss sich auf Gegenwehr gefasst machen, die er aber mit den geistlichen Waffen, die Jesus uns gab, ueberwinden kann.

    Das eigentlich ‚Aufregende‘ ist aber nicht das Boese oder der Kampf dagegen, sondern Gott selber. Etwas Spannenderes gibt es nicht. Es ist nur unsere Blindheit, die uns von dieser Erkenntnis abhaelt.

  5. @Andreas: Ich glaube, in diesem Sinne ist der Artikel zu verstehen: Die Spiele werden zum Lebensmittelpunkt.

    Liebe Grüße, Ron

  6. @Andreas:

    Ich stimme dir in dem Punkt zu, dass aller Wahrscheinlich nach kaum einer an die Gestalten, die in den PC-Spielen auftreten, glaubt. Und ich glaube auch, dass die Spieler noch gut zwischen Realität und Spiel unterscheiden können.

    Ich glaube aber, dass es zu kurz greift, die religiöse Dimension der Computerspiele darauf zu beschränken, dass sie das „wichtigste“ im Leben werden. Denn das trifft sicher auch nur auf einen Bruchteil der Spieler zu, da ganz sicher nicht alle Tag & Nacht vor dem PC verbringen. Für die meisten ist es ein Hobby wie jedes andere auch. Und solange es in einem gewissen Rahmen stattfindet, halte ich PC-Spiele für absolut unproblematisch. Man könnte ebenso gut seine kostbare Lebenszeit mit Lesen „vergeuden“.

    Ich glaube aber, dass durch das „Hobby Computerspielen“ tatsächlich religiöse Bedürfnisse gestillt werden. Dass also Computerspiele in manchen Bereichen die Funktion übernehmen, die der Funktion religiöser Gemeinschaften und Glaubenssysteme nicht unähnlich sind: Gemeinschaft zu schaffen, Gerechtigkeit herzustellen, das „Böse“ mit dem „Guten“ zu überwinden sind nur drei Beispiele, die mir spontan einfallen. Und auch, dem Leben einen „Sinn“ zu geben: Der reicht zwar nur von einem PC-Spiel zum nächsten (den jeweiligen „Endgegner“ zu besiegen zum Beispiel, oder bestimmte Stufen zu erreichen), ich denke aber dass dadurch durchaus unser zutiefst menschliches Verlangen nach Sinnhaftigkeit angesprochen wird.

    Und, @Ron: Ich glaube auch, dass der Artikel in diesem von dir angesprochenen Sinne zu verstehen ist. Doch da greift er meiner Ansicht nach zu kurz, wie ich ja ausgeführt habe. Der Autor schreibt ja aber selbst: „Für die Kräfte, die hier freigesetzt werden, hat allein die Theologie ein Raster parat.“ Und offenbar ist er kein Theologe. 🙂

  7. @Fabian: Ich stimme dir völlig zu. Es wäre mal gut, was dazu für junge Christen zu schreiben, was nicht zu moralisierend daherkommt und zugleich auf diese Tiefendimension aufmerksam macht.

    Liebe Grüße, Ron

  8. Andreas meint:

    @Ron,
    Ich denke, Du hast recht – habe den Artikel nochmal ganz gelesen. Allerdings ist mir noch nicht ganz klar, wen oder was der Autor in der Gaming-Szene denn nun als ‚Goetter‘ ansieht … ?

    (Abgesehen davon ist nicht klar, ob der Autor wirklich meint, Goetter seien immer ‚anthropomorph‘. Meint er, es gebe keinen echten Gott?)

    Zum einen stellt der Artikel schoen die Schwachstellen der dort vertretenen Politiker heraus, die dem Spielen NUR noch Gutes abgewinnen koennen.
    Andererseits fehlt dem Autor des Artikels Oliver Jungen wohl auch der moralische Massstab (oder der Mut, ihn anzuwenden), wenn er sagt, jede Generation habe das Recht, ihre Jugend zu verschwenden.

    Typisch fuer einen Konservatismus ohne Bibel – man findet Dinge ‚aus Tradition‘ oder aus Bauchgefuehl nicht gut, aber man hat keine begruendete Alternative.

    Ein Konservatismus braucht aber die Bibel; denn ein ‚common sense‘ basiertes Festhalten an bestimmten ‚Werten‘ kann nicht bestehen gegen die heutigen radikalen Ideologien.

    Die Funktion der Kirchen (und Politiker) sollte sein, das Gaming hart zu kritisieren als Zeitverschwendung, damit es sich Suechtige nicht allzu bequem (ohne Gewissensstachel) in diesem – letzten Endes destruktiven – Lebensstil einrichten.

    Und natuerlich die Alternative attraktiv vorleben. Wenn Predigten das wirkliche Leben nicht betreffen und nicht von tiefer Gotteserkenntnis ‚triefen‘ bzw eh nur den Zeitgeist nach-predigen, dann verstehe ich Leute sehr gut, wenn sie stattdessen lieber ein Spiel am Computer spielen.
    (Natuerlich bedeutet der technische Fortschritt des Entertainments auch eine echte Herausforderung fuer das ‚echte Christentum‘. Es wird schwieriger, auf den ersten Augenblick genauso ‚aufregend‘ zu sein als Kirche – selbst mit bester message – wie ein Computerspiel in perfekter 3D Grafik.und aufregenden Abenteuern. Das wird in Zukunft nicht besser, denn die Technik wird immer besser.
    Was natuerlich immer so bleiben wird – Computerspiele koennen keine nachhaltige Freude verschaffen, sondern eher Leere. Die man dann durch das naechste Spiel fuellen muss.
    Die biblische Predigt, das Leben in der Nachfolge, ist noch das Einzige, was Menschen ‚erfuellen‘ kann.
    Es braucht also lebendige Christen, die durch ihr Leben eine Alternative vorleben.

    @Fabian,
    OK, es mag mehr quasi-religioeses beim heutigen Gaming-Kult geben als die viele verschwendete Zeit und der Emotionale Lebensmittelpunkt.
    Dann koennte man aber ‚fanatische Fussballanhaenger‘ mit den Gamern vergleichen hinsichtlich der ‚quasi-Religion‘. Die pilgern jeden (2.) Samstag in das Kultzentrum, haben dort ein emotional involvierendes Gemeinschaftserlebnis, das z.T. zum Religionsersatz wird und auch manche Rituale hat.

    Um die Diskussion auf einen Punkt zu bringen: alles, was wir an die Stelle des lebendigen Gottes setzen, ist ein Goetze. Das, wovon wir Trost erwarten, wenn es uns nicht gut geht, oder letzte ‚Erfuellung‘, das ist unser eigentlicher ‚Gott‘.

  9. @Ron: Ja, das sollte man:-) Vor allem beim moralisieren muss man aufpassen, denn in solchen Dingen begibt man sich schnell auf Glatteis. Ich finde es aber wichtig, zu sensibiliseren.

    @Andreas: Richtig. PC-Spiele sind da nicht das einzige. Das war das, was ich in meinem ersten Kommentar meinte: Popkultur insgesamt hat eine Tendenz dazu, Bedürfnisse zu befriedigen, die auch in Religionen eine zentrale Rolle spielen.

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