Wenn gute Werke dem Glauben im Weg stehen

In seiner Römerbriefvorlesung von 1515/16 sagte Martin Luther:

Wohl finden sich viele, die die Güter zur Linken, die zeitlichen, um Gottes willen für nichts achten und gerne preisgeben, wie Juden und Ketzer tun; aber die auch die Güter zur Rechten, die geistlichen Güter und die rechtschaffenen Werke für nichts achten, um Christi Gerechtigkeit zu erlangen, deren sind es wenige. Das vermögen Juden und Ketzer nicht. Und doch wird, es sei denn, dass dies geschehe, niemand selig werden. Immer wollen und hoffen sie darauf, dass ihre eigenen Werke vor Gott geachtet und belohnt werden. Aber unverrückbar fest steht der Satz: „Es liegt nicht an jemandes Wollen und Laufen, sondern an Gottes Erbarmen“ (Röm. 9,16).

Anm.: „Jude“ ist hier im Sinne von „Werkgerechtigkeit“ zu verstehen und nicht antisemitisch gemeint.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es zum Totlachen:

    Arthur Pink behauptet (zusammengefasst) in seinem Büchlein das genaue Gegenteil:

    Wer glaubt, aufgrund der Glaubensgerechtigkeit Christi gerettet zu werden und kein Leben führt, das nachweislich von Heiligkeit nur so strotzt, dem ist der heißeste Platz in der Hölle aufbewahrt.

    Was soll man glauben?

    Die alles entscheidende Frage unseres Lebens lautet:

    Was muss ich tun/glauben, um gerettet zu werden?
    Wenn es zu glauben gilt: Was ist der Inhalt des Glaubens

    Hier wird die Beantwortung überaus schwer.

  2. Johannes meint:

    Da kann ich nur zustimmen. Die Beantwortung ist alles andere als leicht. Es gibt so viele sich widersprechende Stimmen, dass es einem schwindlig werden kann.

    Dennoch würde ich Luther eher zustimmen als Pink. Denn wenn er das wirklich so sagt (ich kenne Pink nicht), dann ist doch meine selbst fabrizierte Heiligkeit der Schlüssel zum Heil. Damit wäre die Gnade nichtig geworden – oder allenfalls ein Anstoß auf dem Weg zum Heil. (Wenn Pink recht hätte, würde der erste Korintherbrief wohl damit beginnen, dass die Korinther sich auf dem direkten Weg ins höllische Feuer befinden. 1Kor 1 hört sich aber ganz anders an – wiederum im Gegensatz zum Galaterbrief!)

    Wenn ich auf diese schwere Frage eine einfache Antwort geben sollte, würde ich sagen: Inhalt des Glaubens ist der in der Bibel verkündete Jesus Christus. Durch die von Vertrauen getragene Bindung an ihn werden wir gerettet und nach und nach geheiligt.

  3. @Schandor

    Was ist der Inhalt der Glaubens? Lesen Sie ein Glaubensbekenntnis! Oder stellen Sie die Frage, was ist richtig, was ist falsch?

    Nehmen wir als Beispiel einen promisken jungen Ehe-Mann, dem ein Seelsorger erzählt, dass Gott seinen fortgesetzten Ehebruch nicht gut findet – und das zeigt Wirkung: Der Mann hört damit auf. Äußerlich. In ihm tobt weiterhin der Kampf, erst recht dann, wenn der Frühling anklopft und die Sonnenzeit länger, die Röcke kürzer werden. Der junge Mann kämpft diesen Kampf. Er betet, spricht mit Seelsorgern, mit Freunden, macht eine Therapie, liest in der Bibel, geht in den Gottesdienst – und dann passiert plötzlich das Wunder, dass dieser Kampf gewonnen ist. Die Krähen kreisen zwar weiterhin um das Haupt, aber sie bauen keine Nester mehr. Das ist das Geschenk. Das ist die Gnade. Ohne diese Gnade geht es nicht. Denn: „Es liegt nicht an jemandes Wollen und Laufen, sondern an Gottes Erbarmen“ (Röm. 9,16).

    Damit ist es nicht vorbei. Das Leben geht weiter. Andere Vögel tauchen auf und wollen ihre Nester bauen. Und eigentlich erscheinen diese Vögel viel zu übermächtig. Wer soll da noch bestehen können? Derjenige, der sich immer wieder neu auf’s Neue auf den Kampf einlassen kann, sich neu beschenken lassen kann.

    P.S. Ich mag keine Kollektiv-Verurteilungen. Da sollte Luther, wenn er von DEN Juden spricht, auch nicht missverstanden werden. Luthers Angriff richtet sich gegen die Juden, die eine solche Haltung an den Tag legen.

  4. Schandor meint:

    @Gast

    Die Frage ist leicht gestellt, aber sehr schwer zu verstehen. Es geht nicht um den formalen, es geht um den materialen Inhalt des Glaubens. Darauf kann es keine „einfache“ Antwort geben, kein „So oder so ist das“!

    Das Beispiel mit unserem jungen Schürzenjäger ist nett. Pinks Antwort: Ehebrecher wird Gott richten (=verdammen). So etwas ähnliches steht auch in der Bibel, wenn ich mich nicht irre. Greifen wir es auf. Der reflexive Denker sieht: Die Krähen, die entsteigen ja meinem eigenen Herzen! DA is ja das Problem! DA haben sie ja schon je und je ihre Nester! DA bleiben sie und weichen nicht, bis der Schatten im Alter dann weicht. Und selbst dann vielleicht nicht. Das Wunder, das erhoffte, das passiert ja gar nicht!

    @Johannes
    Pink hat wenigstens den Vorteil, dass er keine so hochkomplexe Theologie hat wie das Luthertum, das zwar als einziges(!) beanspruchen darf, Froh-Botschaft, also Evangelium zu sein.
    Das Reformierte, der Calvinismus hat kein Evangelium, nur ein Dysangelium (siehe Pink), dafür aber ist es näher an der Bibel.

    Ich stelle die Frage anders: Was muss sich in der Psyche, im Selbst des Menschen abspielen, ereignen, vollziehen, bewegen, tun, was muss am inwendigen Menschen geschehen, dass es „Glaube“ genannt werden kann und sich so vom „Glauben“ der Teufel unterscheidet? DAS ist die allesentscheidende Frage, die Frage, auf die 99% aller Christen keine Antwort wissen, aber dafür viele haben.

  5. @Schandor

    „Das Wunder, das erhoffte, das passiert ja gar nicht!“

    Nö, da gibt es viele Beispiele. Der eine oder andere kennt vielleicht noch die Bibel. 😉 Aber es passiert auch heute noch – immer und immer wieder. Vielleicht erwarten Sie auch zu viel und vor allem von den anderen Menschen? Die Anfrage Gottes gilt zuerst Ihnen. Adam konnte sich auch nicht auf Eva berufen.

    „DA haben sie ja schon je und je ihre Nester!“

    Das kann ich so als allgemein gültige Aussage auch nicht stehen lassen. Ich vertrete kein mechanistisches Weltbild. Es gibt kein fertiges Selbst. Und es ist wirklich fraglich, woher die jeweiligen Nester kommen. Manches haben wir von Geburt an. Aber man kann auch Luthers Reittier-Metapher aufgreifen, aber auch andere Menschen, die Umwelt und vor allem einen selbst: Nester kann man sich auch basteln – und die Krähen nehmen das dankbar an.

    „Ehebrecher wird Gott richten (=verdammen).“

    Grundsätzlich richtig, gleichwohl können auch sie – wenn sie fünf vor zwölf – in den Weinberg treten den vollen Lohn erhalten. Wer darin jedoch ein Last-Minute-Angebot sieht und bis zum Schluss – und das wider den heiligen Geist – abwarten möchte, der wird sein BLAUES Wunder erleben – und nach meiner Erfahrung schon zu Lebzeiten.

    „Was muss sich in der Psyche, im Selbst des Menschen abspielen, ereignen, vollziehen, bewegen, tun, was muss am inwendigen Menschen geschehen, dass es „Glaube“ genannt werden kann und sich so vom „Glauben“ der Teufel unterscheidet?“

    So, wie ich Sie bisher hier erlebt habe, wundere ich mich, dass Sie die Frage stellen. Noch einmal: Vielleicht erwarten Sie zu viel? Was müsste denn passieren, dass Sie sagen könnten: Ja, das ist es.
    Das Himmelreich kommt erst noch.

  6. Schandor meint:

    Die Nester sind jene, von denen in Jer 17,9 die Rede ist. Mit Weltbildern haben die wenig am Hut, noch am wenigsten mit mechanistischen, denn die wären gerade die Ausrede, die man am anderen sucht. Das Selbst ist nicht fertig, gleichwohl ist es sich vor- und aufgegeben, aber das geht alles völlig an der Fragestellung vorbei.

    Die Frage muss an sich gestellt werden: Jeder muss sie sich stellen, und nur unreflektierte Menschen tun es nicht, weil sie ihre Sicherheit im Wesen haben. Es sind nun mal die Gerichte Gottes ganz anders als die der Menschen, nicht wahr?

    Es ist übrigens keine Schande, die Frage nicht beantworten zu können – viele haben es versucht, indem sie starke Bücher gefüllt haben. Solange es niemand kann, bleibt die Frage offen, und jeder, der über genügend Autopsie verfügt, sieht sie in sich aufglimmen.

    Es müsste überzeugend dargetan werden können, was der Inhalt des Glaubens ist, inwiefern er sich von einem „zu wenig“ unterscheidet, was aus ihm folgt, woran man ihn messen kann, auf Sicherheit, versteht sich. Und da zeigt sich: eine solche Sicherheit kann es zu Lebzeiten gar nicht geben. Das heißt freilich nichts für die Sicherheit derer, denen sie schon mitgegeben ist und die auf Treu und Glauben glauben, dass sie das Richtige glauben, mithin, dass sie richtig (iSv recht) glauben, mithin eine psychologische Sicherheit (die gibts bei manchen Menschen ja immer, was aber für meine Sache nichts bedeutet).

    Aber halt:
    Sollte es sein, es ist der Glaube ––– genug?
    Sollte es sein, es sind nicht die Taten, für die wir gerichtet werden?
    Sollte es sein, Paulus wollte den Römern in Hausnummer 6 ganz etwas anderes erzählen?
    Sollte es sein, der Glaube … wäre … doch etwas ––– Mentales? Ein „Überzeugtsein“ von Dingen, die man nicht sieht? DAS wäre der Glaube? Das hieße ja: ohne Werke!?

    Aber nein, dann widerspräche die Schrift sich ja selbst und bedürfte einer Heerschar an Theologen, die die offensichtlichen „Unebenheiten“ glätten. Die haben sich dann auch für die eine oder andere oder für beide Seiten entschieden, letzteres überaus spitzfindig. Man hat vorgegeben, verstanden zu haben und auch jetzt noch zu verstehen.

    Nein, ganz tief im Inneren spüren wir: Nein, ein Glaube ohne entsprechende, also sich allein ihm verdankende Handlungen/Verhaltensweisen, das wäre gar kein Glaube, wäre nicht der biblische „Glaube“, für den unsere Sprache kein Wort bereithält, sosehr sich das Wort auch in den Wörtern finden mag. Das feine Oszillieren zwischen Mentalem und Tätigen kommt nie zur Ruhe, will nie sich beruhigen lassen im Gesagten. Zurück aufs Pferd, Kamerad, und auf der anderen Seite wieder hinab, denn die „Werkerei“ wird den anderen überlassen.

    „Glauben“ hätte man dazu nie sagen dürfen, nein, man müsste ein völlig neues Wort finden für das, was gemeint ist, es sei denn man müsste die Sache dimensional ansehen. Dann wäre der „Glaube“ eine Art Zylinder, dessen Draufsicht einen Kreis zeigt (das Mentale, das die dritte Dimension „vorschattet“, buchstäblich gemeint) und der in die dritte Dimension projiziert eben unseren „Zylinder“ gibt. Nur muss das Ding einen Namen erhalten. Vielleicht heißt es deshalb so geheimnisvoll: „Geheimnis (!) des Glaubens“?

  7. @Schandor

    „Es müsste überzeugend dargetan werden können, was der Inhalt des Glaubens ist,“

    … und wenn jemand das könnte, dann würden alle glauben? Mein lieber Schandor, ich muß Ihnen gegenüber doch nicht darauf hinweisen, dass der Kampf erst entschieden sein wird, wenn der HERR wiederkommt. Es geht nicht NUR um das rationale Überzeugen, sondern – auf dieser Ebene bleibend – darum, Platz für den Glauben zu schaffen, also dass er sich ereignen kann. Überzeugen iSv. rationalem Herbeizwingen – das kann niemand. Aber ein Bekennen, ein Reden mit Vollmacht kann sehr überzeugend sein.

    „eine Art Zylinder“

    Sie haben V. Frankl gelesen? Können Sie aus dem Zylinder auch ein Herz machen? Dann wären wir an jesuanischen und paulinischen sprachlichen Bildern näher dran (von denen Frankl als Jude wohl nicht so viel hält; auch habe ich eher den Eindruck, dass er – wie in der Philosophiegeschichte und leider auch in der liberalen Theologie anzutreffen – Nous und Pneuma im Grunde genommen synonym setzt).

    Und ja, der Glaube ist ein Geheimnis. Das haben Sie sehr schön beschrieben.

  8. Schandor meint:

    @Gast

    Ja, ich kenne Frankls Bilder, in der Tat. Daran habe ich bei meiner „Konstruktion“ gar nicht gedacht. Die Metapher des „Herzens“ ist zwar schön, aber durch psychologisiertes Christentum zu stark ins Gefühlsduselige (oder sollte ich sagen –dusselige?) hineingezogen, darum hab ich mich für den „Zylinder“ entschieden.

    Gehe ich recht in der Annahme, dass in unserem Kontext mit Nous der menschliche, mit Pneuma der Geist Gottes bzw. das „Geistliche“ im Geist des Menschen gemeint ist?

  9. @Schandor

    Wir können von den psychologischen Bildern viel lernen. Und vieles geht dabei ohnehin auf Platon oder Aristoteles zurück. Aber ich schätze die sprachliche Anschlussfähigkeit zum Alltag sehr, insbesondere weil heute fast jeder da schon Erfahrungen gesammelt hat. Die Psychopraxen sind übervoll – und es werden immer mehr. Glaube hat auch (!) etwas mit Gefühl zu tun (was immer auch ein Gefühl ist), denn wenn ich mich am HERRN erfreue, dann schlägt sich das auch in meinen Gefühlen nieder, dann wird das leiblich spürbar, es erfasst dann den ganzen Menschen – und eben nicht nur die Ratio.

    Ich weiß, dass man das Bild vom Herz schrecklich „gefühlsduselig“ missverstehen kann, aber ich greife da Röm 2,29 iVm Mk 7,21.22 auf. Und man könnte darüber nachdenken, ob die „Beschneidung der Herzen“ dann nicht darin besteht, aus dem groben Zylinder ein liebend Herz zu formen – mit Hilfe und Dank Gottes Geist.

    Und ja, das meinte ich mit Nous/Pneuma und greife damit die Bilder Pauli im Röm auf.

  10. Zwischen Luther und Pink kann ich keinen grundsätzlichen Unterschied erkennen.
    Ja, dabei geht es um Werke, die dem Glauben nicht entgegenstehen. Insofern fällt das Ganze eigentlich nicht unter das eigentliche Thema. Dennoch möchte ich Folgendes gegenüberstellen:

    Luther (Römerbriefvorlesung zu Röm. 9, 16):
    „Man darf das nicht so verstehen, als läge es in dem Sinne allein an Gottes Erbarmen, dass man gar nichts mehr zu wollen oder zu laufen brauchte, sondern: dass der Mensch will und läuft, das verdankt er nicht seiner Kraft, sondern dem Erbarmen Gottes …“

    Luther (Galaterbriefkommentar zu Gal. 4, 4.5):
    „Und so darfst du dir das Leben eines Christen nicht vorstellen als ein Stehen und Ruhen, sondern als ein Unterwegssein und Aufbrechen von den Lastern zur Tugend, von Klarheit zu Klarheit, von Kraft zu Kraft. Und wer nicht unterwegs ist, den halte du auch für keinen Christen, sondern für ein Volk der Ruhe und des Friedens, über das der Prophet seine Feinde heraufführt. Schenke also jenen betrügerischen Theologen keinen Glauben, die dir sagen: Wenn du auch nur die eine oder erste Stufe der Liebe erreicht hast, dann hast du genug zur Seligkeit. In ihren törichten Wahngedanken bilden sie sich ein, es gebe eine Liebe, die still im Herzen liegt wie der Wein im Fass. …“

    Und Pink („Was ist rettender Glaube?“,bei mir Seite 64):
    „…Doch die meisten würden bereitwillig die Lüge akzeptieren, dass wir nur durch das Blut Jesu gerettet werden können. Diese Aussage stimmt zwar von Gott her gesehen, aber nicht von menschlicher Seite. Das Werk des Geistes in uns ist genauso notwendig wie das Werk Jesu für uns. Möge der Leser sorgsam Tit. 3, 5 betrachten. …
    Erstens verdanke ich meine Errettung Gott, dem Vater, der …
    Zweitens verdanke ich meine Errettung – im verdienstlichen Sinne – dem Gehorsam und dem Opfer Gottes, des Sohnes, der …
    Drittens verdanke ich meine Errettung – im wirksamen Sinne – dem Heiligen Geist, der mich durch sein Wirken …. und dessen Frucht ist es, die in meinem Herzen und meinem Leben sichtbar wird und damit den Erweis meiner Errettung liefert.“

    Die Frucht, die dem Baum nicht entgegensteht. Gleichzeitig kann ich aber unter „Baum“ auch die Frucht mitbegreifen.
    Vielleicht verhält es sich mit dem Begriff „Glauben“ ebenso. Der „Glaube“ als umfassende „Daseinsform“, die sowohl Inneres als auch Äußeres einschließt. Gleichzeitig kann ich von Facetten oder Teilen im Unterschied zum Großen und Ganzen reden, ohne gänzlich abzutrennen.
    So wie ich unter „Apfelbaum“ auch den Apfel mitbegreife, so kann ich anderseits den Apfel im Unterschied zum Baum beschreiben. Dennoch ist der Apfel ohne Baum nicht denkbar und somit ist der Apfel eben auch einfach Erweis dafür, dass es einen entsprechenden Baum überhaupt geben muss.

    Dann muss ich natürlich sagen, dass so gewachsene Frucht eben nicht kontra sein kann oder hinderlich.
    Werke, die dem Glauben im Weg stehen, sind dann anders aufzufassen.

  11. Schandor meint:

    … „noetisch-praktische Daseinsform“, könnte man sagen … ja, das hat was.
    Kann es denn einen Glauben ohne Werke überhaupt geben?
    Oder anders gefragt: Wie sähe der aus?
    Oder noch einmal anders: Was alles zählt als „Werk“? Wahrscheinlich wird man gar nicht von „zählen“ sprechen dürfen, so als zählte Gott die Werke numerisch, und es käme dann ab einer kritischen Masse von sagen wir X Werken zum Umschlagen einer Quantität in eine Qualität. Vielleicht wird man eher so sagen dürfen:

    Der echte Christ sehnt sich nach Erlösung. Er fragt nach Gott, immer wieder, hört sein Leben lang nicht auf. Mal ist er müde, dann wieder eifrig, mal versagt er, dann geht er zu Gott und bittet ihn um Vergebung, geht weiter, sucht weiter, immer weiter, weiter, weiter – bis an seinen Tod. Das prägt sein Leben entscheidend mit. An der Himmelstür steht kein Puritaner, sondern Jesus Christus selbst, der Herr und Erlöser, aber eben auch der Erlöser und Herr (gegen Pink).

    Der Nichtchrist dagegen sehnt sich nicht nur nicht nach Gott, sondern scheut ihn auf all seinen Wegen. Er will von Gott nichts hören, nichts wissen, nichts erfahren. Er macht sich seine Gesetze selbst, vom schlimmsten Gräueltäter bis zum meditationsversunkensten Tibetaner, der nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tun kann. Von Gott will er nichts wissen. Bis zu seinem Tod. Dort sieht er dann mit Schrecken, dass er erreicht hat, wonach er sein ganzes Leben lang gestrebt hat: Er ist völlig von Gott los gekommen, ist Gott-los, ist Gott endlich los, auf immer und ewig, in kältester Nacht (=Feuer), in endgültiger Einsamkeit. Das Licht geht auf immer aus und der Mensch erkennt: Dieser Zustand wird sich nun nie, nie, nie mehr ändern, jetzt bin ich in der Hölle. Einfach schrecklich.

  12. „Ein Glaube ohne Werke“, da hat nicht nur Jakobus Einiges zu sagen …
    Ist die Frage generell oder eher unter Berücksichtigung der Zuhörer?
    Würde man Werke (Frucht) generell als notwendigen Bestandteil des Ganzen (Glaube) fassen, wäre das ein Aus für Einige (Ungeborene aber dennoch existent, …).

    Man darf die angesprochene Zuhörerschaft nicht ausklammern und da gilt das: es gibt keinen Glauben, der nicht irgendwo Frucht (Werke) hat.
    Eine Quantität an Frucht kann gar nicht in eine andere Qualität umschlagen, weil diese Frucht eben von einer bestimmten Qualität abhängt.
    Der Apfel oder die Masse an Äpfeln machen eben nicht einen Baum zum Apfelbaum.
    Es gibt das Phänomen des zeitweisen unfruchtbaren Baumes und das wird sogar in der Bibel bedacht. …

    Meiner Meinung nach ergeben sich die Schwierigkeiten eher im subjektiven Bereich des Erkennens:
    Weil es nicht so läuft, wie ich dachte … – kann nicht sein, dass …
    Weil es nicht so viel ist, wie ich erwartete … – kann nicht sein, dass …
    Weil es nicht die Gestalt hat, die ich im Blick hatte … – kann nicht sein, dass …

    Es gibt auch noch eine andere Dimension, die hier zu Buche schlägt:
    „Das was ich will, dass übe ich nicht aus, aber das was ich nicht will, kommt zustande …“.
    Vielleicht wird das mitunter vergessen. Momentan habe ich nicht die Überzeugung, dass Pink das vergessen hat. Letztlich ist aber die „Sache“ für ihn bereits längst nachhaltig geklärt.

    Wer nach Tugend strebt anstatt dem Laster anzuhangen, wer (ich sage mal einfach) wie sein Vater im Himmel sein will … – der ist nicht pauschal der Werksgerechtigkeit verfallen oder tut Dinge, die seinen Glauben hindern … – im Gegenteil, der bringt einfach natürlich zum Ausdruck: der Sohn, der so sein will wie sein Vater – oder eben: der Sohn, der seinem Vater nicht zur Schande leben will. So ist Leben. Gesinnung und Tun ist eben nicht zu trennen, obwohl man sie durchaus verschieden beschreiben kann.

  13. Johannes meint:

    @Schandor: Zunächst würde ich zwischen Luther und Luthertum unterscheiden. In mancherlei Hinsicht ist das Luthertum vielleicht sogar als Rückschritt zu bewerten? Und wenn der Calvinismus ohne Evangelium näher an der Bibel ist, dann stimmt da was nicht. Aber zurück zur Sache! (Oder besser: zum Thema!)

    Auf die Frage, die Du (ich bin mal so frei) oben stellst (11. März, 2016 at 17:53) würde ich die Gegenfrage stellen, ob die Beantwortung nicht den Glauben aushebelt. Wäre nicht schon das Suchen nach der Antwort der menschliche Versuch, die Beziehung zu Gott in den Griff zu bekommen, zu kontrollieren und sich als Richter aufzuspielen? Das ist Gott vorbehalten! Wir sollen vertrauen, nicht kontrollieren. Urteilen wird Gott. Unsere Heil liegt in ihm, nicht in uns.

    Zu den Werken und dem Glauben: Es gibt keinen Glauben ohne Werke, denn bekanntlich ist der Glaube durch Liebe tätig – und ist er nicht mehr tätig, ist er tot (oder mindestens krank). Nur wird DIESER Glaube sich wenig bis gar nicht mit seinen Werken beschäftigen – er hat andere Sorgen (Mt 25,37-39). Folglich, um mal wieder zu dem Lutherzitat zurückzukehren, ist da wo sie „immer wollen und hoffen“, „dass ihre eigenen Werke vor Gott geachtet und belohnt werden“, der Glaube auf einem Holzweg (der nicht in einer Lichtung des Seins, sondern eher in einer Verirrung des Scheins endet).

  14. Schandor meint:

    @Anke/Johannes

    Das Urteil ist Gottes, Furcht und Zittern unser. Keine Erlösung auf Erden, sondern einzig und allein in der Promissio und nur dort gewiss.
    Vielleicht ist die Frage: „Aber gilt diese Promissio auch mir?“ nur der Ausdruck nervöserer Naturen.
    So ist nun der Glaube ein Möbiusband: Fährst du die mentale Außenseite entlang, gerätst du auf seltsam verschlungenen Wegen auf die praktische Innenseite und von da an wieder auf die Außenseite. Glaube und Werke verschmelzen zu jener „Daseinsform“ des hoffnungsvollen Sehnens und Strebens, welches wir als „Glauben“ bezeichnen.

  15. @Schandor

    Was alles zählt als „Werk““, fragten Sie.

    Ich denke, dass das, was Sie hier tun, ein Werk ist. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass Sie hier die Dynamis ins Werk setzen (En-Ergeia) . Sollte Sie nur so tun als ob, dann wäre es Werkgerechtigkeit. Das Interessante ist, dass ich nicht wirklich weiß, was Sie antreibt – ich aber ihre Aussagen anhand der Schrift bis zu einem gewissen Grade verifizieren kann.

    @Anke

    Sie haben hier wunderbar gesprochen. Ist das Bild von Baum und Apfel von Ihnen?

    Und noch eine Rückmeldung zum Begriff „Tugend“, denn ich zucke da immer ein wenig zusammen. Vor einigen Jahren wurde ein Kardinal von einem Journalisten gefragt, was er denn machen würde, wenn er nach dem Tode erfahren muss, dass da nichts ist. Und dieser Kardinal antwortete: Dann habe ich wenigstens versucht, ein tugendhafter Mensch zu sein. Ich habe mich über diese Antwort sehr geärgert – und zwar nicht nur darüber, dass der Kardinal sich in die Enge führen ließ, sondern dass er nicht einfach geantwortet hat: Ich glaube daran, dass da was ist. Das wäre völlig ausreichend gewesen und hätte möglicherweise auch bei dem fragenden Journalisten etwas ausgelöst.

  16. Schandor meint:

    @Gast

    Danke. Mich treibt die existenziell wichtige Frage, der „kierkegaardisch-innerliche“ Ernst der Lage an: Was muss ich „tun“, um gerettet zu werden?

    Denn wie ich sehe (in meiner Umgebung, manchmal auch im Netz), glauben viele Menschen zu schnell und leichtfertig, „gerettet“ zu sein, obgleich sichtbar das nicht der Fall ist. Ja, meine Fragen sind durchaus ernst gemeint; ich versuche tatsächlich, so etwas wie einen theologisch-philosophischen Disput in Gang zu setzen, an dem sich jeder beteiligen soll/kann, der mitsuchen und mitfinden will und sich nicht einfach nur reflexhaftem Widersprechen hingeben will (diskutere/zerschlagen).

    Mir geht es nicht um Rechthaberei oder um Besserwisserei. Dazu ist die Sache zu nahe, zu wichtig. Jetzt habe ich schon einiges erfahren, was mich ermutigt hat, was mir weitergeholfen hat. Somit freue ich mich über jeden, der mittut.

    Liebe Grüße!

  17. @Schandor

    Gerne – und ich danke Ihnen. Ich mag Kierkegaard, weil er einen guten Blick auf die anthropologische Problematik wirft. Ich bin vor einiger Zeit sogar nach Kopenhagen gesegelt, um zu seinem Grab und seinem Leben zu „pilgern“. Das kann ich jedem Kierkegaard-Freund nur nachempfehlen – und für unterwegs die Lektüre von „An einem Grabe“. Die viel interessantere Frage ist aber: Wo blieb Kierkegaard stecken? Oder anders gefragt: Was kann Kirche tun, um Menschen wie Kierkegaard zu helfen? Oder noch anders gefragt: Was kann uns von dieser elenden Dialektik erlösen?

    Kierkegaards landen heute regelmäßig – sofern sie nicht anderweitig verdrängen können – in der Psychotherapie, insbesondere wenn sie im liberalen landeskirchlichen Milieu inflationär mit einem jüdisch-philosophischen Freiheits-Begriff vollgesülzt werden. Doch es ist eben nicht alles gut. Im Innern toben die Kämpfe – und erst der hochbezahlte Psychotherapeut darf dann sagen, wo die Grenzen sind. Und witzigerweise (iSv Galgenhumor) sind es oftmals die Grenzen, von denen eigentlich die Kirche sprechen müsste.

    Das Leid der Menschen ist nicht akademisch, sondern konkret. Deshalb müssen wir hinter diesen bescheuerten Freiheitsbegriff zurück. Deshalb werfe ich eben auch gerne die Kombi Röm 2,29 iVm Mk 7,21.22 ein (und würde mich im übrigen über eine Rückmeldung von Ihnen – egal welcher Art – dazu sehr freuen).

    Als vordringliche Aufgabe sehe ich eine Re-Formation der bestehenden organisatorischen Kirchenstruktur an. Kirche muss wieder das Evangelium verkündigen. Das ist umsonst -aber nicht billig.

  18. Schandor meint:

    @Gast

    Die Beschneidung im Herzen (besser: im Geist) ist eine schöne Metapher für eine Sache, unter der ich mir nichts Rechtes vorstellen kann.

    Ich habe bei Eduard Böhl einen Satz gefunden, einen Satz, der mich aufjubeln ließ, als ich ihn gelesen, der mich zwang, ihn wieder und wieder zu lesen, bis ich es endlich glauben konnte: Ja, Ja, endlich ein Theologe, der DAS sieht! Wenn ich mich recht erinnere, hat ihn ein Adolph Köberle dafür kritisiert, aber völlig zu unrecht. Bevor ich ihn zitiere, soll die kitschig-komische Ansicht diverser Allerweltstheologen und freier Radevangelikaler genannt werden: Bei der „Bekehrung/Wiedergeburt“ (oder wie sie das auch immer nennen) werden dem Herzen des Menschen neue „Neigungen“ verliehen.

    Zurecht schreibt Böhl dagegen:

    In der Wiedergeburt wird die Substanz des Menschen nicht geändert. Eine Eingießung neuer Kräfte, religiöser Qualitäten und Dispositionen (!) findet nicht (!) statt. Das ist osiandrisch und römisch“ (Dogmatik, S. 432).

    Das glaube ich von Herzen und weiß es aus eigener Anschauung. Und wenn man jemandem nahe genug ist, so dass er die Wahrheit gestehen kann, gesteht er es einem auch zu.
    Böhl fährt fort:

    Die Kraft der Auferstehung Christi erweist sich zwar an uns, die wir glauben, aber sie fließt nie auf uns über, sondern verbleibt in Christus, dem Haupte, und wird dann den Gläubigen im Leben zugewendet — durch den heiligen (sic) Geist. Unter die Herrschaft der Gnade ist der Christ zwar gestellt, aber als Mensch, als immerdar noch im Fleisch Lebender, Röm 7,14.

    Soll das also heißen, von den Dingen, die dem Geist des Menschen entstreben, einiges trockengelegt, stillgelegt, abgeschaltet, ausgeschaltet, deaktivier? Muss man vielleicht mit einigen Übersetzungen „durch den Geist“ lesen? Das machte die Sache nur umso rätselhafter.

    Diese schrägen Vögel, die dem Herzen entstreben (Mk 7,21f), gehören genau jener Gattung an, deren Einnisten am Haupte Luther verhindern wollte, ohne ihr eigentliches Nest (das Selbst des Menschen) zu sehen. Die Beschneidung wäre dann vielleicht die tätige Gegenwehr, die sich aus dem Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes nährt.

  19. @Schandor
    Furcht und Zittern ist sicher unser, aber nicht nur. Darüber hinaus haben wir im Hier und Jetzt durchaus noch mehr und das Ganze innerhalb des Bereichs „Urteil Gottes“.
    Aber ich gebe Ihnen Recht: angesichts des eigenen immer wieder neu und tiefer empfundenen Abstandes zwischen meinem Gott und mir – kann die Erlösung nur in dem Versprechen Bestand haben. Im praktischen Leben nehme ich mich eben nicht als heilig wahr, eben nicht als gerecht, eben nicht als substanziell gut ….
    Gleichzeitig ist das vorhanden: „hoffnungsvolles Sehnen und Streben“. Aber wie schon gesagt ich würde es in Anlehnung an das Streben des Sohnes bzgl. des Vaters als Ausdruck von Leben fassen. Insofern wäre es nicht unlogisch oder abnormal. Da gibt es natürlich auch die entsprechende Gegenseite. Die Vaterfrage ist ja der Bibel nicht neu.

    Die Ähnlichkeit zum Möbiusband gefällt mir gut, weil ich auch der Ansicht bin, dass die Wechselwirkung sehr komplex ist. Eine Reflektion des eigenen Tuns führt gar nicht so selten zur Überprüfung einer inneren Annahme bspw. … Damit will ich sagen: es gibt nicht nur die eine Richtung: von innen nach außen.
    Mit „Verschmelzung“ habe ich Probleme, aber ich wüsste jetzt auch nicht auf Anhieb, wie man dies sprachlich beheben könnte. „Verschmelzung“ lässt mich zuviel an zwei eigenständige Komponenten denken, die dann verbunden werden. In dem konkreten Fall wäre das aber kontraproduktiv. Die Frucht verschmilzt nicht, sondern erwächst.

    @Gast:

    Nein, sicherlich ist dieser Vergleich kein Eigenprodukt meiner Gedanken. Die Bibel ist voll von Vergleichen ähnlicher Art. Außerdem gibt es dann noch Literatur mit ähnlicher Thematik (bspw.: Bunyan: Der unfruchtbare Feigenbaum).

    Zu Ihrer Anmerkung wegen der „Tugend“: Das hatte ich tatsächlich nur erwähnt in Anlehnung an das Lutherzitat, in dem ja dieser Begriff seinen ganz speziellen Platz hat.

    Abgesehen davon:
    Kürzlich habe ich in einem Kommentar Calvins zu Jesaja 65, 5 Folgendes gelesen und weil es denn doch so treffend zum eigentlichen Thema passt (Werke, die dem Glauben im Wege stehen), möchte ich das noch zitieren:

    „… Solange wir noch Mahnungen und Warnungen Raum geben, ist noch immer eine gewisse Hoffnung auf Besserung vorhanden; wenn wir aber jene zurückweisen, sind wir ganz sicher in einer hoffnungslosen Lage. Wenn auch die Worte im Einzelnen dunkel sind, so besagen sie doch dies, dass die Heuchler trotzig und eigensinnig die frommen Warner zurückweisen, weil sie entweder sich eine falsche Heiligkeit anmaßen oder in ihrem Stolz keinen Tadel vertragen. Denn die Heuchelei ist niemals ohne eigenwilligen Stolz und Übermut. Wundern wir uns also nicht, dass Leute, die an dieser Sünde kranken, hochmütig sich gebärden, mit ihrer Tugend und Heiligkeit prahlen und sich über alle andern Menschen stellen. Wir erfahren bei den Heuchlern unserer Zeit ganz dasselbe, was Jesaja von seiner Zeit sagt. Satan hat sie verblendet, dass sie in eitler Ruhmredigkeit mit ihrer so genannten Frömmigkeitsübung prahlen und das Wort Gottes gering schätzen….“ (Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift in deutscher Übersetzung. 7. Band. Der Prophet Jesaja. 2. Hälfte. Verlag der Buchhandlung des Erziehungsvereins; Neukirchen; Kreis Moers.)

    Das Thema hat es durchaus in sich, wenn ich bedenke, dass ich hier nicht frei sein werde von diesem Hang zum Überheben, zum Selbstruhm, zur Egozentrik …
    Gleichzeitig muss ich aber beachten, dass eine Art „Berichterstattung“ über gute Werke nicht automatisch den Makel „Prahlerei, Selbstruhm, …“ in sich schließt. Fehlurteile sind hier schnell möglich.

    Froh kann ich da (sowohl auf der bewussten als auch auf der unbewussten Ebene) nur angesichts der Zusagen Gottes sein: wer sich selbst richtet, der ….; wenn ich bekenne, dann ist er …; …
    Meiner Ansicht nach ist das viel zu wenig präsent: der Christ, der aus der Vergebung die Zuversicht und den Mut für ein Morgen hat.

  20. Ohne viel Zeit zum genauen Lesen dieser Diskussion gehabt zu haben, will ich gern einen kleines Beispiel der vielen Statements zu diesem Thema aus den lutherischen Bekenntnisschriften beigeben:

    Aus der Epitome:

    IV. Von guten Werken.

    —————

    STATUS CONTROVERSIAE

    Die Hauptfrage im Streit von den guten Werken.

    1] Über der Lehre von guten Werken sind zweierlei Spaltungen in etlichen Kirchen entstanden. Erstlich haben sich etliche Theologen über nachfolgenden Reden getrennt, da der eine Teil geschrieben :

    2] 1. „Gute Werke sind nötig zur Seligkeit; es ist unmöglich, ohne gute Werke selig zu werden“; item: „Es ist niemals jemand ohne gute Werke selig [ge]worden“; der andere aber dagegen geschrieben: „Gute Werke sind schädlich zur Seligkeit.“

    3] 2. Danach hat sich auch zwischen etlichen Theologen über den beiden Worten: „nötig“ und: „frei“ eine Trennung erhoben, da der eine Teil gestritten, man solle das Wort: „nötig“ nicht brauchen von dem neün Gehorsam, der nicht aus Not und Zwang, sondern aus freiwilligem Geist herfließe; der andere Teil hat über dem Wort: „nötig“ gehalten, weil solcher Gehorsam nicht in unserer Willkür stehe, sondern die wiedergebornen Menschen schuldig seien, solchen Gehorsam zu leisten.

    4] Aus welcher Disputation über den Worten nachmals ein Streit von der Sache an ihr selbst sich zugetragen, das der eine Teil gestritten, man sollte ganz und gar unter den Christen das Gesetz nicht treiben, sondern allein aus dem heiligen Evangelio die Leute zu guten Werken vermahnen; der andere hat es widersprochen.

    AFFIRMATIVA.

    Reine lehre der christlichen Kirche von diesem Streit.

    5] Zu gründlicher Erklärung und Hinlegung [Beilegung] dieses Zwiespalts ist unsere Lehre, Glaube und Bekenntnis:

    6] 1. Das gute Werke dem wahrhaftigen Glauben, wenn derselbe nicht ein toter, sondern ein lebendiger Glaube ist, gewißlich und ungezweifelt folgen als Früchte eines guten Baumes.

    7] 2. Wir glauben, lehren und bekennen auch, daß die guten Werke gleich so wohl, wenn von der Seligkeit gefragt wird, als im Artikel der Rechtfertigung vor Gott gänzlich ausgeschlossen werden sollen, wie der Apostel mit klaren Worten bezeugt, da er also geschrieben: „Nach welcher Weise auch David sagt, daß die Seligkeit sei allein des Menschen, welchem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke, da er spricht: Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeit nicht zugerechnet wird“, Röm. 4; und abermals: „Aus Gnaden seid ihr selig worden; Gottes Gabe ist es, nicht aus den Werken, auf daß sich nicht jemand rühme“, Eph. 2.

    8] 3. Wir glauben, lehren und bekennen auch, das alle Menschen, sonderlich aber die durch den Heiligen Geist wiedergeboren und erneürt [sind], schuldig seien, gute Werke zu tun.

    9] 4. In welchem Verstande die Worte: „nötig“, „sollen“ und: „müssen“ recht und christlich auch von den Wiedergebornen gebraucht werden und keinesweges dem Vorbilde gesunder Worte und Reden zuwider sind.

    10] 5. Doch soll durch ermeldete Werke necessitas, necessarium, „Not“ und: „notwendig“, wenn von den Wiedergebornen geredet [wird], nicht ein Zwang, sondern allein der schuldige Gehorsam verstanden werden, welchen die Rechtgläubigen [die wahrhaft Gläubigen], soviel sie wiedergeboren, nicht aus Zwang oder Treiben des Gesetzes, sondern aus freiwilligem Geiste leisten, weil sie nicht mehr unter dem Gesetze, sondern unter der Gnade sind, Röm. 7 und 8.

    11] 6. Demnach glauben, lehren und bekennen wir auch, wenn gesagt wird: Die Wiedergebornen tun gute Werke aus einem freien Geist, daß solches nicht verstanden werden soll, als ob es in des wiedergebornen Menschen Willkür stehe, Gutes zu tun oder zu lassen, wann er wolle, und gleichwohl den Glauben behalten möge, wenn er in Sünden vorsätzlich verharrt.

    12] 7. Welches doch anders nicht verstanden werden soll, denn wie es der Herr Christus und seine Apostel selbst erkläret [erklären], nämlich von dem freigemachten Geist, das er solches nicht tü aus Furcht der Strafe, wie ein Knecht, sondern aus Liebe der [ans Liebe zur] Gerechtigkeit, wie die Kinder, Röm. 8.

    13] 8. Wiewohl diese Freiwilligkeit in den Auserwählten Kindern Gottes nicht vollkommen, sondern mit großer Schwachheit beladen ist, wie St. Paulus über sich selbst klagt Röm. 7, Gal. 5.

    14] 9. Welche Schwachheit doch der Her seinen Auserwählten nicht zurechnet um des Hern Christi willen, wie geschrieben steht: „Es ist nun nichts Verdammliches in denen, so in Christo Jeu sind“, Röm. 8.

    15] 10. Wir glauben, lehren und bekennen auch, daß den Glauben und die Seligkeit in uns nicht die Werke, sondern allein der Geist Gottes durch den Glauben erhalte, des Gegenwärtigkeit und Inwohnung [Einwohnung] die guten Werke Zeugen sind.

    NEGATIVA.

    Falsche Gegenlehre.

    16] 1. Demnach verwerfen und verdammen wir diese Weise zu reden, wenn gelehrt und geschrieben wird, daß gute Werke nötig seien zur Seligkeit; item, daß niemand jemals ohne gute Werke sei selig [ge]worden; item, daß es unmöglich sei, ohne gute Werke selig [zu] werden.

    17] 2. Wir verwerfen und verdammen diese bloße Rede als ärgerlich und christlicher Zucht nachteilig, wenn geredet wird: Gute Werke sind schädlich zur Seligkeit.

    18] Denn besonders zu diesen letzten Zeiten nicht weniger vonnöten [ist], die Leute zu christlicher Zucht und guten Werken zu vermahnen und zu erinnern, wie nötig es sei, daß sie zur Anzeigung ihres Glaubens und Dankbarkeit bei [gegen] Gott sich in guten Werken üben, als daß die Werke in den Artikel der Rechtfertigung nicht eingemengt werden, weil .durch einen epikurischen Wahn vom Glauben die Menschen sowohl als durch das papistische und pharisäische Vertraün auf eigene Werke und Verdienste verdammt werden können.

    19] 3. Wir verwerfen und verdammen auch, wenn gelehrt wird, daß der Glaube und Einwohnung des Heiligen Geistes nicht durch mutwillige Sünden verloren werden, sondern daß die Heiligen und Auserwählten den Heiligen Geist behalten, wenn sie gleich in Ehebruch und andere Sünden fallen und darin verharren!

  21. @Schandor

    Mein lieber Schandor, herzlich sei Ihnen für die Rückmeldung gedankt, insbesondere weil sie für mich neue Anregungen enthält. (Nebenbei: Auf Röm 2,29 erhalte ich oft die Rückmeldung, dass man doch kein Jude sei, worauf sich dann spannende Gespräche über die buchstäbliche Lesart der Bibel ergeben und auch die Frage, in wie viel größerem Maße Röm 2,29 erst recht für den Christen gilt. Und noch eines: Sehen Sie mir die unkonventionelle Zitation „Mk 7,21.22“ nach, denn ich will Vers 22 lediglich nicht zum „f“ degradieren).

    Eine Präzisierung erlaube ich mir noch: Ich verstehe die „Beschneidung der (!) Herzen“ als „durch den Geist“ und „im Geist“. Und unter Beschneidung das, was Sie mit „trockengelegt, stillgelegt, abgeschaltet, ausgeschaltet, deaktiviert“ beschreiben. So wird ein „liebend Herz“ daraus (aus einem zuvor grobschlächtigem Herz oder dem Zylinder, um noch einmal Ihr Bild aufzugreifen) – und ein „liebend Herz“ meint eigentlich den „geistlichen Leib“.

    Ich habe mich hier schon an mehreren Stellen als Freund psychologischer Denkfiguren geoutet wegen Ihrer Anschlussfähigkeit an die Welt. Vor Jahren habe ich angefangen, mich durch verschiedenste (analytische) Psycho-Schulen zu kämpfen – und musste feststellen, wie dort mit (zum Teil abgestandenem) Wasser gekocht wird. Therapieformen und Klassifikationen nach ICD-10 oder DSM-5 sind etwas für die Abrechnung mit der Krankenkasse – das Entscheidende passiert im Therapeuten-Patienten-Verhältnis und ist nicht (!) produzierbar, sondern Geschenk. Wer etwas anderes behauptet, der ist nicht seriös. Und ich meine damit nicht, dass der Patient beschwingt aus der Sitzung rennt, denn das ist oftmals dem Effekt geschuldet, dass man sich die Dinge einmal von der Seele reden konnte ohne dass gleich jemand wettert, sondern ich meine damit den Umstand, dass wirklich etwas passiert (wie ich es oben in der Vignette vom promisken jungen Ehe-Mann zu zeichnen versucht habe).

    Und ich möchte hier noch ein weiteres „Psycho-Bild“ einführen. Wenn heute jemand (trauma-)therapeutische Hilfe (einzeln oder als Paar) in Anspruch nimmt, dann landet er mit hoher Wahrscheinlichkeit bei der sog. Teile-Arbeit. Der promiske junge Ehe-Mann von oben ist nicht 24/7 promisk, sondern hat auch andere An-Teile in sich. Sonst würde er gar nicht beten, mit dem Pfarrer reden usw. Die Teile-Arbeit deckt nun die einzelnen An-Teile auf und bringt sie miteinander ins Gespräch. Nur so viel dazu. Mir geht es allein um die differenzierte Betrachtung und Abgrenzung (der Nester) – und dass ein Mensch mehr ist, als nur seine Nester. Und es geht mir – entscheidend für die theologische Betrachtung – danach darum, unter diese differenzierte Sicht der An-Teile eines problembehafteten Menschen unsere theologischen Lehrstücke zu subsumieren. Und da spreche ich mich – wohlgemerkt: immer unter der differenzierten Sicht – bei guten (!) An-Teilen für Osiander und für Rom aus. Vielleicht hilft es zudem, für das Verständnis der guten An-Teile das Bild von der Trinität mit der Non est/Est-Darstellung zu Hilfe zu nehmen. Und damit ist nicht an einem „mere passive“ gerüttelt, denn ohne Pneuma kann dieser Prozess niemals in Gang gesetzt werden. Es ist und bleibt schlussendlich Geschenk, also Gnade.

    @Anke
    Vielen Dank für die Rückmeldung. Bei Ihrer Rede am Ende von der Vergebung zuckt es wieder bei mir. Vergebung wird im liberalen landeskirchlichen Milieu inflationär ausgeschüttet. Freiheit, Freiheit, Freiheit – und die Menschen fragen sich nach dem „Wozu“? Ich denke, es geht bei der Freiheits-Frage um das „Wovon“. Dann ergibt sich das „Wozu“ ganz von allein (und nebenbei – wie von allein – auch die Sache mit den Werken).

  22. Schandor meint:

    @Gast

    Interessante Betrachtung! Des Pneumas kann niemand „habhaft“ werden, es/er „wohnt“ und ein, aber durch die Schrift, durch die Tatsache der Wahrheit des Wortes Gottes, so weit gehe ich den Weg mit. Den Schluck Osiandrum aus Rom kann ich indes nicht schlucken, da leide ich an zu großer Autopsie …

    Liebe Grüße und herzlichen Dank für die Worte!

  23. @Schandor

    Zumindest erkennen Sie, dass Sie „an zu großer Autopsie“ „leide[n]“. Das ist der erste Schritt zur Rekonvaleszenz. 😉 Die Anforderungen dieser Welt sind zu groß, um sich mit akademischen Geplänkeln (ich weiß, es sind nicht nur Geplänkel) aufzuhalten. Segensreiche Genesung!

  24. Schandor meint:

    Danke! Und „möge die Übung gelingen“! 🙂

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