Wer zweimal mit derselben pennt …

Wo „freie Liebe“ propagiert wird, geht es oft weder frei noch lieb zu. Das ist sozialpsychologisch erklärbar, meint André Kiesreling in einem Beitrag für die FAS und beruft sich dabei auf aktuelle Untersuchungen (Ausgabe vom  05.06.2016,  Wissenschaft, S. 62).

An der Sexualmoral der Studentenbewegung blieb vor allem in Erinnerung, dass sie nicht nur die Ehe, sondern auch jede andere Form einer festen und verpflichtenden Zweierbeziehung ablehnte: Kein Besitzdenken mehr und keine exklusiven Bindungen, stattdessen offene Beziehungen, ausgehängte Schlafzimmertüren in Wohngemeinschaften und das Gelöbnis ewiger Untreue. Die Erziehungswissenschaftlerin Karla Verlinden hat nun an einige unter den damaligen Adressaten dieser Moral die Frage gestellt, wie sie das fanden. Nicht ohne Bitterkeit halten die Ehemaligen fest, dass auch die versprochene Befreiung vom angeblichen Zwangscharakter der bürgerlichen Lebensformen nicht ohne Zwang auskam. Die Idee, ungebunden zu leben, war nicht nur eine Option für den, der die Abwechslung schätzt, sondern ein Konzept ohne honorige Alternative und mit heftigen Sanktionen gegen jeden, der es anders sieht und anders will.

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Sexualität und Beziehungen bei den »68ern«: Erinnerungen ehemaliger Protagonisten und Protagonistinnen (Histoire) von Karla Verlinden

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Kommentare

  1. Es könnte geradezu etwas Rühriges an sich haben, wenn ehemalige 68er rückblickend umkippen. Ich kenne da so viele Geschichten, die dann alle darauf verweisen, dass man jung war oder sich finden musste oder sich die Hörner abstoßen musste oder die anderen einen gezwungen haben … Doch sie wissen alle, wie sie sich die Biographien selbst versaut haben und sich das nun schön reden und dabei vieles verdrängen müssen. Gut, dass es wenigstens solche Untersuchungen gibt und diese dann auch publiziert werden. Die Welt scheint jedoch immer noch auf einem anderen Dampfer zu schwimmen – und das liegt auch daran, dass sich die Alten mit ihren Erfahrungen nicht wirklich zu Wort melden.

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