Wider die pseudorefomierte Kälte

Dieses Zitat von dem schottischen Prediger William Still habe ich in einem Post von Ray Ortlund gefunden:

Ich frage mich, wie es sein kann, dass die große Menge puritanischer Literatur so viele Prediger so schrecklich kalt macht. Ich verstehe es nicht, denn ich finde diese Literatur wunderbar … Ich weiß nicht, ob du mir das erklären kannst. Ich würde mich sehr freuen zu verstehen, wie das passieren kann, weil es mir Sorgen macht. Aber ich höre immer wieder diese ungeheure Tendenz unter den Menschen, die tief in die puritanische Literatur eintauchen, dass eine Kälte, eine Härte, eine Strenge, eine Rücksichtslosigkeit – alles andere als souveräne Gnade – in ihr Leben und in ihren Dienst einzieht. Nun, das muss nicht so sein. Und es ist nicht immer so, Gott sei Dank. Denn du siehst, die Gnade, die Gnade eines wahren Calvinisten und Puritaners – das heißt, eines biblischen Puritaners und Calvinisten – ist wunderbar …  Oh Gott, erlöse uns von dieser Kälte!

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Na gut, dann erklär ichs dir.

    Das Eintauchen in die puritanische Literatur ist so, als wenn man zu nah an den rauchenden Berg herantritt. Da merkt man plötzlich, wie einem die Heiligkeit, die vom Berg ausgeht, die Luft raubt und einem alles Unheilige wegbrennt. Das brennt zwar höllisch, aber wenn man der Typ ist, das durchzuhalten, fühlt man die reinigende, wenn auch sengende Kraft an seiner Seele ziehen und ebendiese Seele in eine eisige Höhe hinaufgezogen. Man merkt, wie das Heiligungsstreben zur Heiligungssucht wird und das strömt man in der Predigt dann auch auf andere Menschen aus. Von der Gnade ist die Rede, immerdar, ja, doch mit Worten, die einem Furcht und Zittern, ach, was sag ich? Angst und Entsetzen einflößen! Der heilige Gott, der heilige Gott, der heilige Gott! Heilig, heilig, heilig!
    Ja, das ist wahr. Aber keine frohe, sondern eine beängstigende Botschaft: Das verbrennt mich, das bedeutet die Hölle für mich Sünder! Das wirft mich auf mich selbst zurück ––– ich bin verloren!
    Und daher tut gut, wer sich puritanisch verbrannt hat, in lutherische Gewässer einzutauchen, um die vorhöllendurchglühte Seele wieder zu erholgen.
    Daher erlöse uns vor der Gnade echter Puritaner und Calvinisten … (ich will lieber keine Namen nennen).

  2. War neulich zufällig oder „vorherbestimmt“ im Zentrum des deustchen Neocalvinismus. Ein Begnung der anderen Art. Gott bewahre uns vor calvinistischen Krawattenträgern.

  3. Joschie meint:

    @ali
    Hat dieses Zentrum auch einen Namen?

  4. @ali
    Vorsicht: Calvinismus und Neocalvinismus ist nicht dasselbe. Bitte nicht einfach gleichsetzen, sondern differenzieren.

  5. Schandor meint:

    Die Neos haben halt Farbe in die gotischen Strukturen bringen wollen.
    Dass sie sich ausgerechnet im charismatischen Supermarkt bedienen, ist seltsam.
    Klar gibts da Wunderwirkungen zum Sonderpreis im Dreierpack (Heilung/Prophetie/Zungenrede), aber da sag ich: Wer billig kauft, kauft teuer.
    Dem christlichen Spartanertum (Altcalvinismus) steht Kitsch nicht wohlan, finde ich.

  6. Roderich meint:

    @Schandor,

    „Der heilige Gott, der heilige Gott, der heilige Gott! Heilig, heilig, heilig! Ja, das ist wahr. Aber keine frohe, sondern eine beängstigende Botschaft: Das verbrennt mich, das bedeutet die Hölle für mich Sünder! Das wirft mich auf mich selbst zurück ––– ich bin verloren!“

    Haha – ein rhetorisches Meisterwerk, wie immer, Schandor 🙂

    Ich würde aber sagen: „ich bin verloren“ ist eigentlich nicht wahr, wenn man die Puritaner richtig versteht. Wir leben allesamt aus Gnade. Die Gnade ist immer neu verfügbar – so sagt das auch jeder Puritaner. Nur: Christus ist Herr – daran kommen wir nicht vorbei. An wen glauben wir? Nur an Christus den Erlöser? Oder auch an Christus den Herrn?
    Wenn wir gerne Christus als Herrn annehmen möchten, so verlangt Christus nicht unsere Perfektion, sondern primär unser 100% Vertrauen – auf ihn, nicht auf eigene Leistung. Auf seine Gnade. Aber die 100%-ige Hingabe ist schon nötig. Grundsätzlich gehört unser Leben dann nicht mehr uns, sondern Gott. Wenn unsere Kraft dann bei 1% ist, reicht das – Hauptsache, die Grundentscheidung ist die: Christus ist nicht nur Erlöser, sondern auch Herr. Soll ER es dann weiter so führen, wie es ihm gefällt.

    So verstehe ich die Puritaner. (Lese gerade Willem Teellinck – es ist zwar durchaus sehr „anspruchsvoll“, ich verstehe was Du meinst, und mein eigenes Glaubensleben steht meilenweit dahinter zurück – aber es ist dennoch sehr sehr erbaulich – und trotz meiner eigenen mäßigen Fortschritte letztlich nicht „entmutigend“).

    „Und daher tut gut, wer sich puritanisch verbrannt hat, in lutherische Gewässer einzutauchen, um die vorhöllendurchglühte Seele wieder zu erholen.“

    Hmmm, ob Luther immer so „erholsam“ ist, weiß ich nicht. Hat doch auch er immer 100% Hingabe gepredigt. Nicht mehr und nicht weniger als die Puritaner. (Und er ist um 4 Uhr aufgestanden und hat 3h in Gebet und Meditation verbracht… wäre doch mal was, Schandor :-))

    Für Leute, die sich ihrer Schwächen bewusst sind, und aus der Gnade leben wollen, aber Gott 100% vertrauen bzw. die grundsätzliche Hingabe an Christus als Herrn haben, ist im Reich Gottes immer Platz. (Und da gehörst Du ja dazu, Schandor).

    Für Leute, die Christus als Herrn ablehnen, ist es zwar gemütlicher unter Predigern, die nur Erlösung predigen, nicht „Reich Gottes“ (Herrschaft Gottes), aber sie sollten sich klar sein, dass so ein „Friede“ ein falscher Friede ist. Er führt auf Dauer nur zu immer größerer Unzufriedenheit, weil die Seele doch („nicht-propositional“, intuitiv, und durch Gottes Wort) „weiß“, dass dies nicht der richtige Weg ist.

    Dir und mir Gottes Segen auf dem gemeinsamen Weg.

  7. Schandor meint:

    @Roderich

    Jesus ist der Erlöser, und er ist immer auch Herr.
    Freund, Du hast gut und richtig gesprochen.
    Ich stimme Dir voll und ganz zu.
    Danke für Deine Worte, mein Freund!

  8. @Roderich

    Wenn wir gerne Christus als Herrn annehmen möchten, so verlangt Christus nicht unsere Perfektion, sondern primär unser 100% Vertrauen […] . Auf seine Gnade. Aber die 100%-ige Hingabe ist schon nötig.

    Was ist 100% anders als Perfektion? Wenn Du behauptest, dass Christus angeblich nicht Perfektion verlange, wie kannst Du dann noch im selben Satz sagen, dass stattdessen 100% Vertrauen notwendig sei?

  9. Roderich meint:

    @Adler,

    Das Wort „Perfektion“ kann hier leicht mehrdeutig werden. Man müsste es definieren. Christus „macht“ uns perfekt (gerecht etc.), aber unser Handeln wird wohl nie perfekt – es sei denn, Du wärest Wesleyaner, aber ich habe Vermutungen, das seiest Du nicht 🙂

    Heiligung ist ja einerseits ein Zustand, den wir sofort nach der Bekehrung haben – durch Christus geheiligt. („Ihr seid schon geheiligt“, insofern in gewisser weise „perfekt“). Andererseits ist es ein Prozess. („Werdet heilig“). Dieser Prozess wird aber andauern.

    Wenn hier jemand schon perfekt heilig ist, wäre das jedenfalls eine Sensation 🙂

    Mit „100% Vertrauen“ meine ich übrigens auch mehr eine Grundsatzentscheidung. Das ist binär: Will ich Gott vertrauen, oder will ich es nicht? Wenn ja, ist das die grundsätzliche 100%, wenn nein, ist das die grundsätzliche 0%.
    Natürlich lebt keiner von uns im Alltag so, dass wir ständig unsere Augen auf Jesus haben, dass wir nie verzagen, dass wir alle Verheißungen über uns auch existentiell glauben etc.
    Das wiederum ist ein Prozess (bei dem es Fort- und Rückschritte geben mag).

  10. @Roderich

    Das ist binär: Will ich Gott vertrauen, oder will ich es nicht? Wenn ja, ist das die grundsätzliche 100%, wenn nein, ist das die grundsätzliche 0%.

    Das ist falsch! Binär heißt: 1 oder 0. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Wenn Du von 100% redest, ist das was vollkommen anderes. Das hat mit binär nichts zu tun.

    Natürlich lebt keiner von uns im Alltag so, dass wir ständig unsere Augen auf Jesus haben, dass wir nie verzagen, dass wir alle Verheißungen über uns auch existentiell glauben etc.

    Dann drücke Dich in Zukunft klarer aus, und hör auf, von 100% Vertrauen zu reden. Ansonsten wirst Du u.U. genauso verstanden, wie Du nicht verstanden werden willst.

  11. Schandor meint:

    @Adler

    1) Danke für den Hinweis auf das regulative Prinzip – ich hab mir das angehört und finde es gut.

    2) Du trittst vehement für die Wahrheit ein, und das ist gut! Es stände Dir auch sehr gut an, wenn Du mal bei Kolosser 4,6 vorbeischaust 😉 –– Roderich zeigt vor, wie das geht, ist hier ein großes Vorbild, wie ich finde. 😉
    So könntest Du Deine Überzeugungen und Argumente noch stärker wirken lassen, finde ich.

  12. Roderich meint:

    @Adler,
    da hängst Du Dich jetzt aber ein wenig an einer Nebensache auf… 🙂
    Mit etwas „wohlwollender Hermeneutik“ hättest Du das, was ich geschrieben habe, auch so einigermaßen verstanden.

  13. @Schandor

    Danke für den Hinweis auf das regulative Prinzip – ich hab mir das angehört und finde es gut.

    Das freut mich sehr!!! Die aller-meisten Gemeinden in Deutschland lehnen das regulative Prinzip leider ab, und meinen, sie könnten Gottesdienst so feiern wie sie wollten. Zur Konsequenz des regulative Prinzips gehört selbstverständlich auch die Ablehnung von religiösen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern.

    Es stände Dir auch sehr gut an, wenn Du mal bei Kolosser 4,6 vorbeischaust

    Danke für den Hinweis! Ich bin mir aber nicht sicher, was Du damit genau andeuten willst. Könntest Du das evtl. näher ausführen?

  14. @Roderich
    Ernsthaft? Es ist doch keine Nebensache, wie jemand in den Himmel kommt!

    Mit etwas „wohlwollender Hermeneutik“ hättest Du das, was ich geschrieben habe, auch so einigermaßen verstanden.

    Nein, eben nicht! Wenn jemand schreibt, dass 100% Vertrauen zu Jesus notwendig sei, dann gehe ich davon aus, dass es auch ganz genauso gemeint ist. Und nicht, dass es binär gemeint ist. Denn dann müsste ich etwas hineinlesen, was Du gar nicht geschrieben hast.

    Aber sei’s drum. Wir haben es ja geklärt. Aber bitte achte wirklich in Zukunft mehr darauf, Dich klarer auszudrücken. Dann können wir unnütze Missverständnisse vermeiden.

  15. Schandor meint:

    @Adler

    Die Auferstehung des Herrn nicht zu feiern, ist puritanische Ängstlichkeit und fehl am Platz.
    Zurecht hat ein amerikanischer Journalist einmal gesagt, puritanisch bedeute, sich ängstlich und besorgt umzusehen, dass nicht jemand in der Runde glücklich aussieht (oder so ähnlich).
    Weihnachten ist freilich kein christliches Fest, sondern ein Fest des Konsumismus. Jesus Christus ist ja am 30. August 1 v. Chr. geboren 😉 (wenn Werner Papke recht hat)

    Doch der Ostersonntag ist der schönste Tag im Jahr: Hier erinnern wir uns besonders, dass unser Herr und Herrscher auferstanden ist!

    Nun, mit dem Hinweis auf Kolosser 4,6 wollte ich ungefähr das sagen, was Roderich mit „wohlwollender Hermeneutik“ gemeint hat: Zwischen den Zeilen lesen, das erkennen, was der Autor mit seinen Worten gemeint hat, sich nicht an einzelnen Worten oder Aussagen aufhängen. Und ein wenig an einer etwas „weicherer“ Formulierung arbeiten. Netiquette oder so sagte man mal, glaub ich.

    Schriftstücke im Netz sind immer mit dem Mangel der emotionalen Unsaturiertheit behaftet: Man muss viel dazudenken, um das zu erfahren, was der Autor gemeint hat. Es geht ja buchstäblich alle Klangfarbe dabei verloren. Und da stehen wir vor einem grundsätzlichen Problem: Das kann nicht jedermann, und das kann auch nicht jedermann gleich gut. Man kann Aussagen auch cum grano salis lesen. Und vorsichtig formulieren geht glaub ich ganz gut. Roderich ist ein Meister darin.
    Wenn Du Menschen gewinnen (oder zumindest nicht verlieren) willst, achtest Du stets darauf, so zu formulieren, dass Du den Empfänger nicht schon durch die Formulierung gegen Dich einstimmst, denn nur wenige Leser haben das Asperger-Syndrom – denen machen „direkte“ Aussagen nicht so viel aus. Ich persönlich mag Deinen direkten Stil, da weiß man sofort, woran man ist. Andere dagegen lieben freundliche Worte, wieder andere schreiben dermaßen schwammig, dass man sich fragen kann, ob sie überhaupt irgend etwas sagen. Guten Schreibstil lernt man von Schopenhauer, Heine, Eduard Engel uvm. Schlechten Schreibstil lernt man aus dem Internet, aber auch von Hegel, von Kant (zwei besondere Schreibsünder) und von modernen Soziologen. In der Welt des Klangs sagt man: Der Ton macht die Musik. In der Welt der Schrift ist’s wohl die Formulierung.

    Aber noch mal zurück zum Prinzip: Gesetz kann man daraus keines machen, denn auch das „regulative Prinzip“ ist Interpretation. Das heißt: machen kann man schon eins, aber die Grenzen sollte weich sein, nicht so brutal hart. Mir geht Liturgie ab. Die Menschen sollten doch mit ALLEN SINNEN das Sakrale spüren, oder nicht? Dazu hat R. C. Sproul ein schönes Büchlein geschrieben (A Taste of Heaven).

    Die puritanische Ablehnung des Schönen ist geschmacklos. Schon an der Stiftshütte und am Tempel sieht man, wie wichtig das Schöne Gott ist! Daher Vorsicht vor allzu gesetzlicher Umsetzung dieser Dinge!

    Aber EINES muss ich sagen: Am besten hat mir das Resumèe gefallen:
    Der Gottesdienst ist ein Ort der Begegnung: Wir sind Gottes Gäste. Er redet durch die Bibelvorlesung und durch die Verkündigung zu uns, wir antworten ihm durch Gebet und Gesang. Möge sich diese Art von Gottesdienst durchsetzen!

    Liebe Grüße, Schandor

  16. Roderich meint:

    @Schandor, Adler,

    nur wenige Leser haben das Asperger-Syndrom

    Und wenn die dann mal was schreiben (und sich reformiert nennen), könnte das wie „pseudoreformierte Kälte“ rüberkommen (womit wir wieder beim Thema wären) – auch wenn es gar nicht so gemeint ist, weil es einfach am mangelnden Einfühlungsvermögen liegt, für das man oft nix kann. Regelmäßige Rückmeldungen dazu sollte man dann aber schon zur Kenntnis nehmen…

Deine Meinung ist uns wichtig

*