Wie manipulativ ist Kony 2012?

Uganda20030054.JPG

2003 wurde ich mit meinen Freunden in Uganda in einen schweren Unfall verwickelt. Todesangst und Dank lagen an diesem Abend sehr eng beieinander.

Da ich 2003 in Uganda war (und damals noch gerade mit dem Leben davon gekommen bin, siehe Foto), habe ich  viel über LRA und Joseph Kony gehört. Was dieser Mann mit seiner Armee in Uganda und anderswo angestellt hat, ist unvorstellbar grausam und bedrückend. Zugleich muss ich bekennen, dass ich gegenüber der Video-Produktion von „Invisible Children“ skeptisch bin. Mein erster Gedanke war: Das ist gut gemeint, aber hier wird der Zuschauer manipuliert. Wenn ich nun Sätze wie:

Kony 2012 wird in die Geschichte der erfolgreichsten Viralkampagnen und in die Lehrbücher für Propaganda eingehen, soviel steht fest.

lese, wird mein Misstrauen beflügelt.

Um dem Hype um Konie 2012 zu relativieren, hier der Verweis auf einige kritische Berichte:

VD: AW

Kommentare

  1. Ich halte den erhobenen Zeigefinger für übertrieben. Ich hab den Film gesehen und es wird dafür geworben, Kony bekannt zu machen und nicht so sehr darum, Geld zu spenden. War es in den USA bisher noch kein „nationales Interesse“, den Kindern in Uganda zu helfen und Kony zu jagen, so ist es durch die Kampagne nun gelungen. Ist der Film manipulativ? Natürlich sieht man weinende Kinder und in einer Sequenz auch verstümmelte Gesichter, aber soll man das weglassen? Ich halte die Kampagne für fast schon biblisch (Spr 31:8), indem sie denen eine Stimme gibt, die sonst keine haben und für die sich sonst auch niemand wirklich interessiert. Wie will man es denn besser machen? Vorschläge hab ich keine gefunden…

  2. @Rami: Es lassen sich nicht immer die Probleme dadurch lösen, dass ein Bewusstsein geschaffen wird oder „Söldner“ in ein Land einfliegen und ein paar Leute festnehmen. Ich schließe mich den Kritikern an und sage: Das Problem ist deutlich komplexer als im Film dargestellt.

    Die SZ bringt es ganz gut auf den Punkt:

    Fest steht: IC hat mit dem Video eine ungeheure Energie freigesetzt. Der kurze Film hat mehr Aufmerksamkeit für die Verbrechen Konys erzeugt, als alle Jahresprotokolle der anderen Hilfsorganisationen zusammen. Fest steht auch: Kony muss gestoppt werden. Aber Masse ist immer auch gefährlich. Sie verleitet dazu, sich von Bildern und sozialem Zusammenhalt verführen zu lassen.

    Liebe Grüße, Ron

  3. ChristophH meint:

    Um es vorweg zu nehmen: Kony ist weit davon entfernt, der Samariter Ugandas zu sein.
    Daß sein Tun „unterirdisch“ ist, steht außer Frage.
    Der Punkt, der mich aufhorchen läßt ist vielmehr der, wie eben damit umgegangen wird. Es wird suggeriert, in eine bestimmte Richtung „gefragt“ und mit entsprechenden Bildern gedrängt.
    Wenn hier mit Kindern operiert wird, ist allerhöchste Vorsicht geboten. Nur weil Kinder weinen, nur weil Kinder „interviewt“ werden (wenn das Kind das schon kapiert … und dann noch so einfach!), dann muß das auch so sein! Dann ist das richtig! Und ob die Fragen, die gestellt werden, immer die richtigen sind und der Wahrheit auf den Grund gehen, sei ganz dahin gestellt.
    Man könnte auch Propaganda dazu sagen; ein Vertreter der Propaganda ist ja auch im Film vertreten!
    Daß auch viel Richtiges im Video angesprochen wird, steht ebenso außer Frage: Warum interessiert es die Welt nicht? Wenn nur ein westlicher Staatsbürger – noch dazu ein Amerikaner – umgekommen wäre, wäre da nicht zu vermuten, daß die Kavallerie auf der Matte stünde?
    Nochmals – was die LRA veranstaltet, ist weit davon entfernt, eine Wohltätigkeitsveranstaltung zu sein. Und es steht außer Frage, daß der Zustand nicht hinnehmbar ist. Und daß Menschen angesichts der Gewalt und Unmenschlichkeit initiativ werden wollen, ist mehr als nachvollziehbar.
    Aber heiligt der Zweck die Mittel?
    Und sehen wir hier nicht, wie die „halbe“ Welt instrumentalisiert wird? Wie man das Nachdenken kollektiv ausschaltet und Massen mobilisieren kann? Heute, in unserer „aufgeklärten“ Welt?
    Könnte nicht auch zu anderen Anlässen so verfahren werden: Verbrechersuche allgemein, Meinungsmache zu Wahlen – oder wenn da ein paar ewig-Gestrige noch immer behaupten, es gäbe einen Gott, dem man die Treue halten soll und sich mehr nach seinem Wort richten als offiziell erwünscht?
    Aber – und das ist noch wichtiger: Haben wir nicht einen Gott, der das Internet, die Vernetzung und die Möglichkeiten – und Gefahren – schon lange vor uns kannte und für den das Ganze überhaupt kein Problem ist? – Doch, das haben wir. Genau so einen Gott haben wir.
    Wir Menschen können nur „hinterher-denken“ – Gott denkt und handelt voraus!
    Das macht Mut, trotz aller Grausamkeit, trotz aller Ungewissheit bzgl. der Zukunft!

  4. Es freut mich zu sehen, dass Kony 2012 hier kritisch hinterfragt wird. @ Rami Ich glaube, du siehst die Sache zu einfach. Ja, mir kam auch der Gedanke, dass es doch eigentlich gut ist, wenn Leute sich für die Benachteiligten einsetzen. Dem stimme ich voll zu, aber ich glaube die Art und Weise wie es hier geschieht ist zu hinterfragen. Ich habe ebenso einen kritischen Blick auf Kony 2012 geworfen. Hier mein Blogartikel. http://himmelwaerts.eu/2012/03/12/kony-2012-eine-kritischer-blick/

  5. Alexander meint:

    Die hinter KONY 2012 stehende Organisation Invisible Children hat einen ‚LRA Crisis Ticker‘ eingerichtet zum Nachweis von LRA-Aktionen. Dieser Ticker verzeichnet seit Anfang 2011 *zwei* Morde im Nord-Kongo, die nachweislich auf das Konto der LRA gehen. Jeder Mord ist ein Mord zuviel. Aber hat vielleicht noch jemand den Eindruck, dass KONY 2012 sich damit nicht irgendwie selbst ad absurdum führt? Sollen die Amis (oder die Weltgemeinschaft) jetzt vielleicht überall in die Welt Truppenkontingente versenden, wo irgendwelche Verbrecherbanden innerhalb eines Jahres zwei Menschen umbringen?? (Der letzte nachgewiesene Mord durch die LRA datiert übrigens aus der Woche vom 30. Januar 2011.)

  6. @Danny: Analytischer Blick. Danke!

    Liebe Grüße, Ron

  7. @alle: Hier ein Bericht des DLF über den Film:

    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1701905/

    Liebe Grüße, Ron

  8. @alle: In diesem Bericht kommen Opfer der LRA zu Wort.

    http://www.theage.com.au/world/joseph-konys-victims-aghast-at-white-campaign-20120315-1v495.html

    Liebe Grüße, Ron

  9. Ich stimme allen zu: So einfach ist es wohl nicht. Aber wie komplex ist es nun genau? Und vor allem: Was ist die bessere Lösung als solch eine Kampagne? Mir fehlen immer noch die Vorschläge, wie man es besser machen sollte. Bisher scheint mir die Welt einfach nur geschwiegen zu haben.

    Zum Kritikpunkt Manipulation: Ein Problem der Medien allgemein, das ist nicht nur bei Kony so und m.E. vor allem ein Problem auf Seiten der Konsumenten, die sich viel zu leicht manipulieren lassen. Aber wovor fürchtet man sich nun? Dass nun alle aus dem Haus gehen, in blinder Wut Kony verfolgen und dabei mehr schaden als helfen? Das wird wohl kaum geschehen.

    Und zuletzt hab ich den Eindruck, manche argumentieren nach dem Motto „So schlimm ist Kony nun auch wieder nicht.“ Aber wenn hier nur ein Sack Reis umfällt, gehen alle auf die Barikaden. Ich stimme dem Fazit von idea zu: „In einem sind sich alle Beteiligten jedoch einig: Der Massenmörder Kony muss gefasst werden.“ Mehr will das Video gar nicht, so ist jedenfalls mein Eindruck.

  10. @Rami A: Nein, die Welt hat nicht geschwiegen. Als ich 2003 in Uganda war, habe ich mich zuvor gründlich informiert. Es gab schon damals erhebliche Aufmerksamkeit, auch in den Medien (z.B. einen großen Artikel über die LRA). Das Problem war damals bereits in seinem Ausmaß bekannt. Auch im Land war das immer wieder ein (trauriges) Thema.

    So hart das klingt: es ist zunächst einmal ein ugandisches oder afrikanisches Problem, dass nicht auf Kony reduziert werden darf. Ohne entsprechend nutzbare korrumpierte Strukturen usw. hätte die LRA niemals so viel Schaden anrichten können. Eine Lösung muss vor allem auf die Unterstützung der Menschen vor Ort rekrutieren. Söldner könnten vielleicht Kony verhaften oder töten, aber nicht das Problem lösen.

    Liebe Grüße, Ron

  11. Alexander meint:

    Ich muss mich korrigieren! Die LRA ist doch weiterhin ein großes Problem. Seit Anfang *dieses* Jahres hat es 35 Tote durch LRA-Attacken gegeben, 104 Personen sind entführt worden, etwa 17.000 auf der Flucht, s. hier auf der UNHCR-Seite. Aber: Das findet alles im Nord-Kongo statt und nicht in Uganda. Insofern bleibt die Kritik an Kony 2012 bestehen: Die Kampagne konzentriert sich auf Uganda und da herrscht offenbar seit Jahren Ruhe. Auch die Kritik an einem geplanten militärischen Eingreifen ist weiterhin berechtigt: 1) Wie soll das in der Democratic Republic of Congo überhaupt funktionieren? 2) Und viel wichtiger: Wer sagt, dass ein militärisches Eingreifen nicht zu noch mehr Blutvergießen und Unruhe führt?
    Je mehr ich darüber lese, desto mehr scheint mir die Frage: Eingreifen oder nicht?, die sprichwörtliche Wahl zwischen Pest und Cholera zu sein.

Trackbacks/ Pingbacks

  1. […] Blog­ger, hat seine Gedan­ken zu Kony 2012 in die­sem Blo­g­ar­ti­kel auf­ge­schrie­ben. Ron Kubsch stellt ebenso die Frage, ob es sich nicht um Mani­pu­la­tion han­delt. Er fügt wei­tere […]

Ihre Meinung ist uns wichtig

*