Wissen, um zu glauben?

Wenn die Zeitschrift chrismon im Briefkasten liegt, wird ab und an ein Anstoß frei Haus mitgeliefert. Gestern war wieder etwas dabei. Burkhard Weitz fragt, ob man etwas wissen muss, um zu glauben („Was muss man wissen, um zu glauben?“, chrismon, April 2012, S. 22–23). Wissen muss man als Nachfolger Jesu eigentlich nichts, gibt es zu lesen:

Die ersten Christen kamen ohne ­religiöses Wissen aus, ohne komplizierte Lehren, ohne lange Bekenntnisse. Sie folgten dem Beispiel Jesu. Glauben hieß für sie, in Jesu Liebe beständig zu bleiben. Sie waren überzeugt, dass Jesus der Chris­tus, also der Messias sei und als gnädiger Weltenrichter wiederkehren werde. In den Sprachen der Bibel ist „glauben“ gleichbedeutend mit „treu sein“ und „vertrauen“. Glauben ist eine Haltung – wie Liebe und Hoffnung (1. Korinther 13). Biblischer Glaube richtet sich nicht auf Lehrsätze oder Dogmen, die man sich merken oder für wahr halten kann.

Sehen wir mal davon ab, dass schon die Erklärung von Glaube als purem Vertrauen ziemlich gehaltvoll ist (und erst: „Jesus ist der Messias“) und betrachten das Problem mit Hilfe der aus der lutherischen Orthodoxie stammenden Unterscheidung von den drei Ebenen des Glaubens (vgl. Abb.).

Die erste Ebene ist notitia, die Kenntnis eines Glaubensinhaltes. Natürlich hatten die ersten Christen Gemeinschaft miteinander, sie beteten und feierten das Herrenmahl. Aber ihre liebevoll gelebten Beziehungen waren schon damals getragen von einer konkreten Lehre, der sie gehorsam folgten. Sie hielten fest an „der Lehre der Apostel“. Der griechische Begriff didache, den Lukas in Apg 4,42 verwendet, steht schon in der Apostelgeschichte und eindeutig in den Pastoralbriefen (vgl. z. B. 2Tim 4,2 u. Tit 1,9) für eine Lehrüberlieferung mit bewertbaren Inhalten. Genau solche Inhalte nennen wir auch Propositionen. Propositionen sind Objekte mentaler Aktivitäten wie Wollen, Glauben oder Hoffen. Sätze oder Aussagen mit propositionalem Gehalt sind prüfbar, können war oder falsch sein. Die Apostel unterschieden zwischen wahren und falschen Glaubensinhalten, zwischen ungesunden Lehren und der heilsamen Lehre (vgl. Röm 16,17). Eine falsche Lehre steht im Widerspruch zu dem, was Gott denkt und offenbart hat. Die Apostel verkündigten die Lehre des Christus, (2Joh 10), die klar und scharf gegenüber fremden Lehren abgegrenzt werden kann (vgl. Hebr 13,9). Sie waren beispielsweise davon überzeugt, dass der Gott, dem sie sich anvertraut haben, nicht lügt (vgl. Tit 1,2 u. Hebr 6,18) oder Jesus Christus im Fleisch gekommen ist (2Joh 9). Menschen, die diese Propositionen ablehnten, waren in ihren Augen falsche Propheten.

Die drei Ebenen des Glaubens aus Sicht der lutherischen Orthodoxie.

Die zweite Ebene des Glaubens ist assensus, die Bejahung oder Annahme bestimmter Inhalte. Jemand, der einem Sachverhalt zustimmt, bekundet sein Interesse und Einverständnis mit dem, was er sachlich wahrgenommen hat. Stellen wir uns vor, wir interessierten uns für die Frage, ob Jesus Christus tatsächlich gelebt habe. Wir würden kritische und apologetische Bücher studieren, die sich mit der Frage des historischen Jesus befassen. Irgendwann formulierten wir dann ein Ergebnis unserer Untersuchungen. Das, was wir als Resultat unserer Bemühungen präsentierten, und sei es das zurückhaltende Bekenntnis „Wir können nichts genaues dazu sagen!“, fände unsere Zustimmung. Wir hielten das, was wir ausgearbeitet hätten, für annehmbar und vertrauenswürdig.

Die dritte Ebene, fiducia, ist das Gottvertrauen, der persönlich gelebte Glaube. Wenn das Vetrauen fehlt, ist das sehr schade. Doch keine der drei Ebenen des Glaubens darf fehlen! „Man kann Gott nicht anerkennen (= assensus), ohne ihn zu kennen (= notitia). Man kann Gott nicht vertrauen (= fiducia), ohne ihn anzuerkennen (= assensus). Oder man könnte auch sagen: Das (Gott)Gehören (= fiducia) setzt ein Gehorchen (= assensus), das Gehorchen ein Anhören (= notitia) voraus“ (Horst-Georg Pölmann, Abriß der Dogmatik, 1985, S. 84). Der Gläubige soll nicht glauben, weil er Ungewusstes und Unverstandenes auf die Autorität der Kirche hin glaubt, sondern weil er sich darüber klar ist, woran er glaubt.

Leidenschaft ohne Rückbezug auf eine über- und durchdenkbare propositionale Lehrbasis kann die Lüge sein. Die Apostel, die das Evangelium verkündet haben, wussten das. Sie sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt (vgl. 2Petr. 1,16), sondern der Wahrheit (vgl. Joh 14,6; 2Tim 4,4). Dass die Wahrheit nach biblischem Zeugnis eine Person ist, suspendiert nicht die Glaubwürdigkeit dessen, was die Person sagt (siehe dazu auch hier).

Kommentare

  1. Johannes meint:

    Wie viel muss man aus der Sicht der lutherischen Orthodoxie denn wissen, um richtig glauben zu können?

  2. Schandor meint:

    @Johannes

    Ich denke, die Aussagen der Hlg. Schrift dürften genügen. Was wäre sonst mit denen, die vor Luther gelebt haben? 😉

    Was die assentia und die fiducia betrifft: Wenn ich glaube, dass es stimmt, was Jesus Christus gesagt hat, wenn ich glaube, dass Jesus Christus tatsächlich Gott war/ist, bewege ich mich dann auf der Ebene der assentia oder der fiducia? Antwort: Die beiden Ebenen sind kongruent. Ich wüsste nicht, wie man etwas glauben, aber nicht darauf vertrauen könnte. Eine Theologen-Konstruktion?
    Nach einigem Nachdenken leuchtet mir da die Sichtweise Gordon H. Clarks eher ein: Glaube=Überzeugtsein von ganz bestimmten Aussagen in der Heiligen Schrift.

    Wäre es tatsächlich so, dass mein Glaube mich erst dann rettet, wenn ich Jesus Christus auch vertraue (und wie oft misstrauen wir Gott in bezug auf unser Leben, nicht wahr?), dann wäre ich verloren – denn wenn die Schwierigkeiten des Lebens über meinem Kopf zusammenbrechen, dann kann mich schon mal das Bangen beschleichen – und dann ist mein Vertrauen auch tagelang oder länger weg, nicht aber mein Glaube: Schwirigkeiten sind für den Gläubigen keine Strafe, sondern Erziehung, wie W. G. T. Shedd in seiner „Dogmatic Theology“ glaubhaft ausführt. Trotz Schwierigkeiten und trotz Anfechtungen, in denen mein „persönliches Vertrauen“ weg ist, zweifle ich nicht an der Gottessohnschaft Christi und an der Allgenügsamkeit seines Opfers.

    Nein, ich denke, bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass sich assentia und fiducia möglicherweise ontologisch trennen lassen, ontisch aber ein- und dasselbe sind. Oder irre ich mich da sehr?

    Beste Grüße
    Schandor

  3. @Johannes: Der rettende Glaube, den die Schrift lehrt, ist der Glaube an die Vergebung der Sünden durch das Heilswerk von Jesus Christus. Röm 10,10: „Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.“

    Ohne auf die Details eingehen zu können, wird die lutherische Orthodoxie fiel Gewicht auf die Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben gelegt haben. Dazu gehören eben Sündenerkenntnis, Erkenntnis der Person Jesu Christi als Sohn Gottes und auferstandenen Messias … Wird in entsprechenden Grundsatzwerken wie dem Luthardt nachzulesen sein.

    Liebe Grüße, Ron

  4. @Schandor: Es gibt ein Lied, dass ich im Gottesdienst nicht mitsinge bzw. „umdichte“: „Jesus, ich lasse dich niemals los.“ Ich singe: „Jesus, Du lässt mich niemals los.“

    assentia/fiducia: Warum trennen? Unterscheiden passt viel besser.

    Liebe Grüße, Ron

  5. Schandor meint:

    @Ron

    Zu dem Lied: Ja, da kann ich von ganzem Herzen zustimmen!

    Zur assentia/fiducia: Ja, sicher. Nur – wie gesagt – ist es die Frage, ob mich mein Vertrauen (fiducia) rettet, oder doch der Glaube (assentia). Wenn ich glaube, dass Jesus der Sohn Gottes ist (und da „höre“ ich in mich hinein und entdecke: ja, ich glaube das tatsächlich; zweifle nicht daran), dann bin ich gerettet.
    Wahrscheinlich sind wir uns substanziell aber völlig einig 🙂

  6. @Schandor: Durch das persönliche Vertrauen wird Christus unser. Zugleich: Unsere fiducia reicht niemals aus.

    Liebe Grüße, Ron

  7. Schandor meint:

    @Ron

    Ja, das verstehe ich und stimme zu!

    Liebe Grüße,
    S.

  8. Es gibt da einen etwas fiesen Satz in diesem Artikel von chrismon: „Die ers­ten Theologen waren Leute, die religiöse Erkenntnis (Gnosis) suchten. “

    In dem Fall sind zum Beispiel die Paulusbriefe doch nicht so theologisch wie bislang angenommen? Oder mit anderen Worten: Theologen haben erst Unruhe in das friedliche Frühchristentum gebracht. Ohne Theologen wäre alles gut geblieben.

    Ich lese gerade „What is Faith“ von J. Gresham Machen. Der gute Mann geht in seiner Reaktion auf den Liberalismus der 1920er Jahren ziemlich genau auf das ein, was in diesem Artikel gesagt wird – meine ich zumindest.

    PS: Sehr guter Gegenartikel! Auch für mich als „Nicht-Reformatorischer“. LG René

  9. Johannes meint:

    Wenn ich alles wissen muss, was die lutherische Orthodoxie für den Glauben wichtig hielt, werde ich nie gerettet. Ich glaube, das Wissen wird von vielen denken Menschen stark überbewertet. Schade, um die ganzen Menschen, die nicht rational denken können. Müssen die alle hops in den feurigen Pfuhl?

  10. @Johannes: Du hast nach der luth. Orthodoxie gefragt. Niemand hier wird behaupten wollen, dass luth. Orthodoxie heilsnotwendig ist.

    Liebe Grüße, Ron

  11. Johannes meint:

    Ok, und unabhängig von der lutherischen Orthodoxie? Wie viel muss ich da wissen, bis das heilsnotwendige Maß erreicht ist?

  12. @Johannes: Der rettende Glaube, den die Schrift lehrt, ist der Glaube an die Vergebung der Sünden durch das Heilswerk von Jesus Christus. Röm 10,10: “Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.”

    Liebe Grüße, Ron

  13. Hallo Johannes,
    ich finde deine Frage sehr schwierig – würde doch eine Antwort uns in die Lage versetzen, aufgrund eines Wissenstest herausfinden zu können, wen wir im Himmel wieder sehen werden.

    Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass du wissen musst, dass Jesus dein Erlöser ist, indem ER für deine Sünden gestorben ist und du daher völlig von IHM abhängig bist.

    Ansonsten fällt mir noch Hebr 11 ein:

    „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht … durch den Glauben erkennen wir … wer zu Gott kommen will, der muss glauben, dass er ist … durch den Glauben wurde Abraham gehorsam … denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte … “

    Im zwölften Kapitel geht es weiter – in beiden Kapiteln werden verschiedene Glaubensaspekt genannnt. Schau doch mal da rein 🙂

    Gruß
    Peter

  14. @ Ron: Ich hab mal irgendwo aufgeschnappt, dass der Inhalt beider Machen-Bücher in etwa ähnlich sei. Stimmt das? LG René

  15. Das ist super, vielen Dank! LG René

  16. Jörg meint:

    Auf welcher Ebene sind denn die Dämonen nach Jakobus 2 (oder auch den Austreibungen nach den Evangelien) stehen geblieben? Sie wissen, dass es stimmt, das Jesus der Sohn Gottes ist. Aber es ist kein rettender Glaube. Ist das nicht ein Beispiel dafür, dass die Differenzierung von a. und f. notwendig ist?

  17. Schandor meint:

    @Jörg

    Die Dämonen stehen auf einer anderen Ebene als die Menschen: Von den Menschen wird erwartet, dass sie der frohen Botschaft des Evangeliums glauben, sie sind gerufen, dieser Botschaft zu ihrem Heil Glauben zu schenken.
    Wenn nun ein Mensch „zum Glauben“ kommt, d. h. wenn er die Botschaft hört und merkt (!): Seltsam, ja, ich muss gestehen, da fährt mir etwas durchs Herz, ja, da bin ich gemeint, ich, ich Sünder, ich, der ich erkenne, dass ich ohne ein geeignetes Opfer schuldig bleibe vor Gott, dem Gerechten, ich, der ich nichts, aber auch gar nichts zu meiner Rechtfertigung anführen kann vor Gott, wenn ich ihm einst gegenüberstehe und der mich zurecht (!) verdammen muss – ja, ich glaube von Herzen, dass Jesus Christus am Kreuz von Golgatha auch für meine Schuld bezahlt hat! Ich danke dir, Herr Jesus Christus, dass du mich erlöst hast – nun nimm mich, Herr, und mache mich zu einem Gefäß zur Ehre Gottes!

    DAS sind MENTALE Vorgänge.

    Die Dämonen wissen auf andere Art und Weise als wir von der Gottessohnschaft Jesu Christi: Sie kennen ihn als den, der sie einst in den Feuersee werfen wird. Darum zittern sie auch. Ihnen ist keine Aussicht auf Heil gegeben.

    Was will nun Jakobus sagen? Er will jene tadeln, die vorgeben, sie glaubten an Jesus! Er tadelt nicht solche, die wirklich an ihn glauben, sondern solche, die einen „toten Glauben“ (= KEIN GLAUBE) haben, aber so tun als ob. Und da führt er ihnen auch die Dämonen vor Augen, vielleicht weniger, um deren Glauben mit ihrem zu vergleichen, sondern um den verlorenen Zustand beider zu vergleichen. Daher wirft er ihnen auch einen groben Brocken hin! – Die Dämonen haben von Anfang an keine Aussicht auf Heil. Auf dieser Ebene stehen sie – und bleiben dort auch stehen.

    Daher ist dies mE kein Beispiel dafür, dass die Differenzierung notwendig ist.

    Die Differenzierung ist notwendig, um Aspekte zu beleuchten. Kannst Du Dir eine assentia ohne fiducia vorstellen? Wie soll das gehen? Du glaubst, dass Jesus Christus für Dich gestorben ist – und das lässt Dich kalt? Ja, wenn das tatsächlich Glauben heißen soll, dann, dann, ja dann ist da tatsächlich ein Unterschied. Ich jedenfalls würde das nicht als „Glauben“ bezeichnen (Hebr 11,1!).

    Liebe Grüße,
    Schandor

  18. @Jörg: Interessanterweise gehen die lutherischen Bekenntnisschriften auf diesen Punkt ein. Die notitia haben auch die Teufel und die Gottlosen, heißt es im Augsburger Bekenntnis (XX). Vom wahren Glauben redet man, wenn wir durch Christi Gnade und Vergebung der Sünden erlangen. Dafür braucht es nicht nur notitia historiae, sondern fiducia.

    Liebe Grüße, Ron

  19. Peter meint:

    @Ron: Dann liegt bei den Dämonen sogar assensus vor, zumindest, wenn ich das Zittern aus Jak 2:19 so interpretieren darf, dass sie Gottes Macht anerkennen/kennen. Oder?

    Gruß
    Peter

  20. @Peter: Das kann man durchaus so sehen.

    Liebe Grüße, Ron

  21. Schandor meint:

    @Ron, Peter

    Das glaube ich nicht. Assentia bedeutet Zustimmung, nicht „Zugeben“.

    Die Zustimmung das enthält den positiven Aspekt des Bejahens.

    Die Teufel bejahen nicht, dass Gott GOTT ist! DAS hätten sie lieber anders; sie wollen lieber selbst Gott sein.

    Daher denke ich nicht, dass man bei den Dämonen von einer „Assentia“ ausgehen darf, sehr wohl aber von einer Notitia.

    Es bleibt: Assentia kann man zwar begrifflich von Fiducia unterscheiden, ontisch hat man zwei Aspekte einer Sache.

    Liebe Grüße,
    Schandor

  22. Peter meint:

    @Schandor: Jetzt bitte auf die Worte achten!
    Ich sprach davon, dass die Dämonen Gottes Macht erkennen oder kennen. Durch ihr Zittern stimmen sie dem zu. Die Notitia ist eine reine Zur-Kenntnis-Nahme – ohne Auswirkungen. Ok – es gibt Gott. Punkt. Assentia heißt dann: Es gibt Gott – und das hat Folgen für mich.
    1. ER ist der, der mich erlösen kann – nehme ich das für mich an, ist es die dritte Stufe (fiducia).
    2. ER ist der, der mich verdammen kann – sehe ich das auch so, dann werde ich vor IHM zittern. Logischer Weise werde ich dann dagegen kämpfen.

    Gruß
    Peter

  23. Schandor meint:

    @Peter

    Ja – darum geht es: Auf die Worte achten!

    Wenn ich mich nicht irre, gibst Du dem Begriff der assentia eine neue Bedeutung, d. h. Du definierst den Begriff anders als ich (und der Duden beispielsweise).

    Für Dich ist die assentia eigentlich nur eine etwas erweiterte notitia, für mich dagegen ausdrücklich Zu-stimmung, Bejahung.

    Wenn Du meine Definition übernimmst, stimmst Du auch automatisch zu, dass assentia und fiducia vom Wesen her eins sind und man die beiden Dinge zwar unterscheiden kann, nicht aber voneinander trennen (was man mit notitia und assentia sehr wohl kann).

    „Es gibt Gott – und das hat Folgen für mich“ – das nenne ich gerade nicht „assentia“, sondern notitia – und genau darum zittern die Dämonen ja! Sie erkennen, was Sache ist, aber sie an-erkennen es nicht, sondern wollen es anders haben.

    Wir kommen der Sache näher, nicht? 😉

  24. @Peter u. Schandor:

    Das ist m.E. nicht ganz einfach. assensus heißt „Zustimmung“. Aber es gibt bezüglich der Bedeutung von assensus unterschiedliche Traditionslinien. Um mal einige zu nennen:

    Stoa: Die Stoiker sind wahrscheinlich davon ausgegangen, dass überhaupt keine Art der Erkenntnis oder Wahrnehmung ohne Zustimmung erfolgt.

    Augustinus: Für ihn ist assensus eine wichtiger Begriff in der Lehre von der Sünde. Die Zustimmung zur Begierde ist Sünde (nicht unser Lustempfinden ist Sünde, sondern die Zustimmung zur Sünde): „Nicht nämlich durch das schlechte Sehnen selbst, sondern durch unsere Zustimmung sündigen wir“ (Exp. quarundam propositionum ex ep. ad Rom. 12,9).

    Aquin: Unterscheidet zwischen assensus und Übereinstimmung (consensus). Der Begriff der Zustimmung weist eine gewisse Distanz zu dem auf, dem zugestimmt wird. assensus als intellektueller Akt unterscheidet sich vom consensus, die auch mit dem Willen verknüpft wird.

    Jakobus spricht davon, dass die Dämonen glauben (πιστεύω). Im aquinschen Sinne stimmen die Dämonen auch zu, sie wissen, dass es Gott gibt (aber vertrauen ihm nicht, sondern haben vor ihm Angst).

    Liebe Grüße, Ron

  25. Johannes G. meint:

    [blockquote]Auf welcher Ebene sind denn die Dämonen nach Jakobus 2 (oder auch den Austreibungen nach den Evangelien) stehen geblieben? Sie wissen, dass es stimmt, das Jesus der Sohn Gottes ist. Aber es ist kein rettender Glaube. Ist das nicht ein Beispiel dafür, dass die Differenzierung von a. und f. notwendig ist?[/blockquote]

    Ich finde in der Schrift nur den Hinweis, dass Menschen durch den Glauben an Christus gerettet werden und nirgendwo eine Stelle, dass dies auch für Engel bzw. Dämonen gilt. Von daher sehe ich für eine besondere Differenzierung bezüglich dieser Schriftstelle keine Notwendigkeit.

    Kann mir bitte ev. jemand Schriststellen nennen, aus welchen diese Teilung des Glaubensbegriffes klar ersichtlich ist? Ich sehe diese traditionell geformte Kategorisierung nämlich eher kritisch bzw. halte sie für problematisch und „verkomplizierend“…

    Liebe Grüße
    Jo

  26. Schandor meint:

    Hm, ein sündloser Mensch hat auch kein „schlechtes Sehnen“; die augustinische Unterscheidung verdankt sich mE dem Zwang, in der Wirklichkeit etwas dem Sprachlichen Adäquates zu suchen.

    Aquins Argument ist da schon schlüssiger, aber dennoch nicht zielführend.

    Hier findet sich eine aufschlussreichende Diskussion zum Thema:
    http://www.banneroftruth.org/pages/articles/article_detail.php?719

    Da wird gezeigt, dass Vertrauen nicht noch etwas zusätzliches zur Assentia (Glauben) ist. Sehr überzeugend, wie ich finde.

  27. @Schandor: Danke für den Hinweis auf den interessanten Disput. Meine Sympathien gelten beiden Parteien. M.E. wäre es möglich, diesen Streit zu überwinden. Aber natürlich kostete das Zeit, Mut und Kraft.

    Ich habe eben mal Berkhof konsultiert. Er sagt:

    notitia = intellektuelles Element
    assensus = emotionales Element
    fiducia = willentliches Element

    Er deutet assensus klar in Deinem Sinne, als eine vom Heiligen Geist gewirkte (aktive) Zustimmung. Es wäre natürlich zu prüfen, ob eine Sorge oder Angst vor Gott nicht auch als negative Emotion deutbar wäre (eine zustimmende Negation oder negierende Zustimmung ;_)). Aber da müssten wir erst einmal den Text in Jak 2 gründlich studieren.

    Selbst Berkhof sagt (ST, 505):

    Because it is so difficult to make a clear distinction, some theologians prefer to speak of only two elements in saving faith, namely, knowledge and personal trust. These are the two elements mentioned in the Heidelberg Catechism when it says that true faith „is not only a certain knowledge whereby I hold for true all that God has revealed to us in His Word, but also o hearty trust which the Holy Chost works in me by the gospel.“ It probably deserves preference to regard knowledge and assent simply as two aspects of the same element in faith. Knowledge may .then be regarded as its more passive and receptive side, and assent as its more active and transitive side.

    Liebe Grüße, Ron

  28. @Johannes:

    Kann mir bitte ev. jemand Schriftstellen nennen, aus welchen diese Teilung des Glaubensbegriffes klar ersichtlich ist? Ich sehe diese traditionell geformte Kategorisierung nämlich eher kritisch bzw. halte sie für problematisch und “verkomplizierend”…

    Ich glaube, dass sich diese Unterscheidung nicht einfach durch ein paar Bibelstellen zeigen lässt. In gewisser Weise zeigt ja Jak 2, dass Glaube nicht gleich Glaube ist. Das wäre mal ein Thema für eine Hausarbeit. Die Artikel zu Glaube in entsprechenden Werken (z.B. TRE, Kittel, Balz-Schneider) werden schon den Befund erörtern.

    Liebe Grüße, Ron

  29. Schandor meint:

    @Ron

    Das Zitat aus dem Heidelberger Katechismus kenne ich. Und halte es für eine Tautologie: Wenn jemand wirklich alles glaubt, was Gott in seinem Wort offenbart hat, wie könnte er da Christus nicht gleichzeitig auch vertrauen?
    Denn wie Gordon Clark ganz richtig bemerkt: „Vertrauen“ ist nichts anderes als der Glaube an Zusagen über ein zukünftiges Gut.
    Ich persönlich kann mir überhaupt nicht vorstellen, was Gott an mir je einst belohnen will, aber ich weiß, was der Hebräerbrief darüber sagt: Wer Gott gefallen will, der muss zunächst glauben (!), dass er ist und dass er ein Belohner usf.
    Das glaube ich schlicht und einfach, weil es da steht. Und „ich glaube“ bedeutet für mich dasselbe wie „ich vertraue“.

    Vertrauen blickt in die Zukunft; Glaube umfasst das ganze Spektrum (Vergangenheit/Gegenwart/Zukunft). Ich kann freilich auch sagen: Ich vertraue darauf, dass Christus vor 1950 Jahren wirklich für mich gestorben ist – aber was bedeutet dieses Vertrauen eigentlich? Es bedeutet, dass ich mir deshalb keine Sorgen mehr in bezug auf mein ewiges Heil machen muss.

    Zugegeben, auf viele Menschen mag dies wie ein Streit um Worte aussehen – und mir drängt sich seit längerem der Verdacht auf, dass es das auch sein könnte.

    Ich aber kann mir niemanden vorstellen, der die ganze Wahrheit der Bibel glaubt, ihr aber nicht vertraut. Was ich mir aber vorstellen könnte, ist, dass Paulus vielleicht einen Lachanfall ob unserer Untersuchung bekäme, wenn er sie mitbekäme 🙂

    @Johannes

    Problematisch ist die Teilung des Glaubensbegriffes allemal – aber das ist nicht weiter besorgniserregend. Nun, Schuld hat Jakobus ( 😉 ), er war es ja, der uns diese Nuss zu knacken aufgegeben hat 🙂

  30. Johannes B. meint:

    @Schandor: Der Unterschied zwischen dem von dir genannten Glauben und dem Vertrauen ist, dass dein „Glauben“ eine kognitive Kompontente hat. Vertrauen kann aber auch derjenige, der nicht denken und erkennen kann. Deswegen halte ich die Überbewertung der kognitiven Variante für total fehl am Platz: Zahlreiche Menschen wären damit vom Heil ausgeschlossen. Das Vertrauen ist das wesentliche Element des Glaubens. Auch wenn denkende Menschen das gern für dumm und belächelnswert halten.

  31. @Johannes: Du weiß auf eine Gefahr hin: Glaube darf nicht mit Wissen oder Intelligenz oder Bildung verwechselt werden. Selig sind die Armen im Geist. Amen! Gleichzeitig dürfen wir eben Glauben nicht versubjektivieren. Glaube an was oder wen? Bei Kierkegaard lässt sich ja das Problem wunderbar zeigen. Da spielt eigentlich keine Rolle mehr, an was oder wen ich glaube. Wichtig ist der Glaube.

    Wichtiger als die Unterscheidung zwischen fiducia und assensus ist demnach die Unterscheidung (nicht Trennung) von fiducia und notitia.

    Liebe Grüße, Ron

  32. Johannes B. meint:

    @Ron: Ja, einverstanden, auch wenn ich von Kierkegaards Glaubensbegriff keine Ahnung habe. Versubjektivierung klingt für mich aber gar nicht schlecht, wenn damit Intersubjektivität gemeint ist: Glaube ist das Vertrauen zwischen dem Gläubigen und der Person Jesus Christus. Glaube ist also etwas vollkommen subjektives. Es wäre tragisch, wenn man das verobjektivieren könnte, in dem Sinne, dass ein dritter diese Beziehung analysieren und beurteilen könnte. D.h. entscheidend ist zuerst, _wem_ ich vertraue (an wen ich glaube). _Was_ ich glaube folgt daraus (das Anselmsche/Barthsche fides quaerens intellectum). Es fällt mir aber schwer, das noch als Teil des Glaubens zu sehen.

  33. @Schandor: Artikel 21 ist keine Tautologie. Wir haben ja nicht nur Jakobus. Die Besessenen in Mt 8, 29 glauben auch, dass Jesus der Sohn Gottes ist und vertrauen ihm nicht. Es lassen sich bestimmt andere Beispiele finden, in der Schrift und im Leben. Die Menschen, die hier und jetzt Christus nicht vertrauen, werden irgendwann wissen und sehen, dass das, was die Schrift sagt, wahr ist, aber es nicht im rettenden Sinne glauben können. Zumindest die Unterscheidung von notitia und fiducia ist notwendig.

    Liebe Grüße, Ron

  34. @Johannes: Bei Kierkegaard dachte ich z.B. an folgende Geschichte:

    Wenn einer, der mitten im Christentum lebt, zu Gottes Haus hinaufsteigt, zu des wahren Gottes Haus, mit der wahren Vorstellung von Gott im Wissen, und dann betet, aber in Unwahrheit betet; und wenn einer in einem heidnischen Lande lebt, aber mit der ganzen Leidenschaft der Unendlichkeit betet, obgleich sein Auge auf einem Götzen- bild ruht: wo ist dann am meisten Wahrheit? Der eine betet in Wahr- heit zu Gott, obgleich er einen Götzen anbetet; der andere betet in Unwahrheit zu dem wahren Gott, und betet daher in Wahrheit einen Götzen an. (UN: 342)

    Liebe Grüße, Ron

  35. Schandor meint:

    @Johannes B

    „Vertrauen kann aber auch derjenige, der nicht denken und erkennen kann. Deswegen halte ich die Überbewertung der kognitiven Variante für total fehl am Platz: Zahlreiche Menschen wären damit vom Heil ausgeschlossen.“

    Stimmt – etwa mein Kaninchen. Es vertraut mir (läuft mir nicht davon, anderen dagegen schon), obgleich es nicht denken kann. Erkennen dagegen muss es, nicht wahr?

    Ein Christ, der nicht denken/erkennen kann (alterssenil? Neuroleptiker?), kann auch nicht glauben, denn er weiß ja nicht, was er glauben soll. Wenn ich etwas glauben soll, muss ich erst verstehen, was ich da glauben soll.

    Die einzige Ausnahme bilden wohl Kleinkinder, denen Gott seine Gnade (im Todesfall) vermutlich vor dem Alter der Vernunft zuwendet.

    Ich habe den deutlichen Eindruck, dass Du einen Hang zum Irrationalismus hast – Finger weg daher vor Kierkegaard: in seine Falle bin ich einst gelaufen. 🙂

    @Ron
    Vielleicht habe ich das zu stark ausgedrückt. Aber der Hinweis auf die Besessenen ist leicht zu entkräften: Gerade durch oder besser: wegen ihrer Besessenheit haben sie Jesus Christus nicht vertraut – wie denn auch? Er ist ihr künftiger Peiniger! Als Dämon könnte ich Jesus Christus doch auch nicht vertrauen! Wir dürfen in dieser Hinsicht Dämonen und Menschen nicht miteinander vergleichen, da die beiden Spezies von ganz anderen Voraussetzungen und teleologischen Erwartungen ausgehen.

    Was aber den letzten Satz betrifft, die „Unterscheidung zwischen notitia und fiducia“ – DAS ist sonnenklar. Daran gibt es nichts zu rütteln.

    Liebe Grüße,
    Schandor

  36. Schandor meint:

    @Johannes B

    Korrektur: Es muss freilich heißen: „Finger weg von Kierkegaard“ 😉 – Obwohl – Seine „Krankheit zum Tode“ und sein „Begriff Angst“ sind schon äußerst spannend, muss ich sagen … 😉
    Aber Finger weg von seiner „Unwissenschaftlichen Nachschrift zu den Philosophischen Brocken“ und von seinen „Brosamen“ sowieso 😉
    Gut finde ich aber: Einübung ins Christentum.

  37. Johannes G. meint:

    Lieber Ron

    Ich glaube, dass sich diese Unterscheidung nicht einfach durch ein paar Bibelstellen zeigen lässt. In gewisser Weise zeigt ja Jak 2, dass Glaube nicht gleich Glaube ist.

    Wie ich bereits angedeutet habe, impliziert die Jakobusstelle dies meiner Einschätzung nach keinesfalls zwingend. Wenn der Heilsplan Gottes durch das Evangelium allein den Menschen gilt, können Dämonen glauben wie und was sie wollen. Das wird ihnen nicht helfen.

    Falls du diese Sichtweise für exegetisch ungerechtfertigt hältst, würde mich interessieren warum 🙂

    Liebe Grüße
    Jo

  38. Johannes G. meint:

    Ich kann heute irgendwie nicht tippen… 😉 Der erste Absatz müsste natürlich als Zitat gekennzeichnet sein.

  39. @Johannes: Habe das Zitat angepasst. Bezüglich Exegese muss ich vorerst aus Zeitgründen passen.

    Liebe Grüße, Ron

  40. Johannes B. meint:

    @Schandor: Ich habe erwartet, dass du so antworten würdest und ich halte es, mit Verlaub, für ziemlichen Quatsch. Geh doch mal in ein Altenheim und sprich dort mit den Leuten über ihren Glauben. Oder sprich mit einem (ruhig auch erwachsenen) Menschen mit ausgeprägter Trisomie 21. Etwas zynischer: Oder warte einfach bis ich dich als dementen Menschen im Altenheim besuche. Dort gibt es überall keinen Glauben? Ich finde es außerdem wenig sinnvoll, bei Glaubensangelegenheiten Ausnahmen zu definieren, z.B. für Kinder. Wenn, dann muss es für alle gleich sein. Und Jesus sagt ja auch wir sollen werden wie die Kinder, um in den Himmel zu kommen. Das alles hat nichts mit Irrationalismus zu tun (ich argumentiere gerade recht rational, denke ich), vielmehr halte ich deinen Ansatz für unrealistisch, weil du dein eigenes kognitives Vermögen zur Voraussetzung für einen allgemeinen Glaubensbegriff machst.

  41. Schandor meint:

    @Johannes B

    Da schießt Du ein wenig zu schnell, denke ich.
    Zur Erklärung: Der Glaube ist kein religiöses Gefühl der Abhängigkeit von Gott (das, was Du vielleicht (!) im Altersheim erlebst), sondern er ist rational, hat einen Gegenstand. Wenn ich nicht weiß, woran ich glaube, kann ich auch nicht glauben.

    Wenn Jesus sagt, wir sollen werden wie die Kinder, dann meint er nicht unseren Verstand oder unsere Vernunft, sondern die Einfachheit und Schlichtheit, mit der ein Kind seinem Vater glaubt. Er meint, wir sollen ihm glauben – schließlich ist er der Sohn Gottes. Kein skeptisches ‚Rumgezicke also.

    Was das Verstehen betrifft, sollen wir Reife erlangen (1Kor 14,20).

    Was die Kinder betrifft: Zu ihnen sagt Jesus direkt, sie sollen zu ihm kommen, denn ihrer sei das Himmelreich.

    Dein Vorwurf sei Dir gegönnt, aber er stimmt einfach nicht.

    Liebe Grüße, Schanodr

  42. Johannes B. meint:

    @Schandor: Du willst diese Leute im Ernst alle für verloren erklären? Ansonsten stimme ich dir absolut zu: Was sollte demente Menschen daran hindern an Gott zu glauben, wie Kindern an ihren Vater? Als zentrale Komponente sehe ich hier nach wie vor das Vertrauen. Meinen Vorwurf sehe ich bisher nicht entkräftet.

  43. Schandor meint:

    @Johannes B.

    „Meinen Vorwurf sehe ich bisher nicht entkräftet.“

    Damit kann ich leben.

    LGS.

  44. Johannes B. meint:

    @Schandor: Schade, dass du nicht weiter darauf eingehst und meine Frage beantwortest. Bisher scheint mir deine Position unhaltbar. Das könntest du noch ändern. 😉

  45. Hallo!
    Etwas am Rande, aber auch mit der Diskussion hier:
    „Osterglaube hängt nicht am leeren Grab Jesu“ (bei idea) – kurz zusammengefasst: Nach Meinung der Präses Kurschus ist DAS prägende Ereignis die Begegnung mit dem Auferstandenen. Das leere Grab spielt keine Rolle.
    Für mich stellt sich hier die Frage, ob eine Begegnung mit dem Auferstandenen prägend sein könnte, wenn das Grab vorher nicht leer aufgefunden worden wäre. Glaubensereignisse interpretieren/erkären historische Fakten.

    Gruß
    Peter

  46. @Johannes B. und Schandor
    Johannes, die möchtest gerne einen Maßstab des Glaubens für alle Menschen haben (5. April, 2012 um 0:22). Leider hast du das so in den Raum gestellt, ohne es weiter zu begründen. In anderen Fragen sehe ich durchaus, dass es vielleicht nicht div. Maßstäbe, aber doch unterschiedliche Auswirkungen gibt. Ich denke an die Geschichte mit dem Scherflein der Witwe. Wie passt das zusammen mit Versen wie „wer viel sät …“? Sie hat ja offensichtlich sehr wenig „gesät“. Ich habe eine mehrfach schwerbehinderte Tochter – glaubt sie an Gott? Ehrlich: Ich weiß es nicht. Sie macht, was Gottesdienst, Gebet und Singen betrifft, alles mit. Sie erkennt Jesus am Kreuz, die Arche Noah, sie findet das Abendmahl toll. Hat sie aber irgendetwas vom Evangelium verstanden? Wohl kaum! Vertraut sie Gott? Auch das nicht – sie vertraut mir wesentlich mehr. Ist sie errettet?

    Du wirfst Schandor vor, dass er sein „kognitives Vermögen“ zu einer Voraussetzung für seinen Glaubensbegriff macht. Du auch – allerdings indem du das kog. Vermögen für alle Menschen ausklammerst. Warum sollte Gott hier nicht mit den Menschen so verfahren, so weit der Mensch dazu fähig ist? Warum also sollten Lehrer nicht ein härteres Urteil empfangen als andere, wo sie doch andere Voraussetzungen haben?

    Also aus der Sicht meiner Tochter: Im Rahmen ihrer Möglichkeiten wird sie wohl einen Glauben haben (hoffe ich 🙂 ) – von einem Menschen, der über gewisse kognitive Fähigkeiten verfügt, wird Gott wohl auch etwas mehr erwarten.

    Gruß
    Peter

  47. Johannes B. meint:

    @Peter Vielen Dank für deinen persönlichen Beitrag, der die Fragestellung lebhaft vor Augen führt. Ich gebe dir ganz recht, dass Gott von niemandem mehr erwartet als er in der Lage wäre zu leisten (1Kor 10,13).

    Es geht mir aber nicht darum an der Stelle Gottes den Richter über einzelne Schicksale zu spielen. Ich gehe mit den Reformatoren davon aus, dass der Glaube ein Geschenk Gottes und kein Werk des Menschen (und deswegen auch keine rationale Leistung) ist. Wieso sollte Gott nun deiner Tochter weniger schenken als dir oder mir (Röm 8,32)? Es geht mir also darum, dass der Glaube von seinem Wesen her durch seinen Ursprung durch den Heiligen Geist bei allen Menschen der gleiche sein muss (Eph 4,4-6).

    Wenn man als Beispiel die Ehe nimmt: Keine Beziehung sieht da so aus wie die andere, je nach persönlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten wird jede Ehe anders aussehen. Aber in ihrem Wesen sollte (rein theoretisch 😉 ) jede Ehe von ihrem Wesen her gleich sein, z.B. als von Gott gesegneter, lebenslanger Bund zwischen zwei sich liebenden Menschen. Das nur als Beispiel, das ist jetzt keine dogmatisch letztgültige Definition von Ehe. 😉

    Und deswegen glaube ich, dass Gott auch deiner Tochter das Vertrauen auf Jesus Christus schenken kann, selbst wenn sie das nicht formulieren kann und du das vielleicht nicht wahrnimmst. Die Hoffnung und das Vertrauen in Jesus, den Gekreuzigten ist das, was uns Gott im Glauben schenkt.
    In diesem Sinne einen gesegneten Karfreitag! Johannes

  48. Schandor meint:

    @Johannes B.

    „keine rationale Leistung“ – das ist ein Strohmannargument: Ich habe nie behauptet, der Glaube sei eine Leistung oder gar eine „rationale Leistung“. Aber er ist etwas höchst Rationales – weshalb ihn Tiere wohl nicht haben, und auch Kleinkinder und Retardierte manchmal nicht (haben können). Aber genau deshalb wird Gott ihnen – so vermute ich mit vielen anderen Christen – seine rettende Gnade im Todesfall zuwenden (nicht etwa weil sie – wie in evangelikalen Kreisen gerne argumentiert wird – noch keine „persönliche Schuld“ haben).

    Liebe Grüße, Schandor

  49. Schandor meint:

    @Ron

    „Selig sind die Armen im Geist. Amen!“

    Übersetzung: „Selig sind die, dich sich in ihrem Innersten vor Gott arm wissen!“

    Liebe Grüße, Schandor

  50. Johannes B. meint:

    @Schandor: Geschenkt. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Glaube auch eine rationale Komponente hat oder rational beschreibbar ist, sondern ob er ein Mindestmaß an Rationalität voraussetzt. Das käme einer „Leistung“ sehr nahe und wäre systematisch-theologisch ebenso fragwürdig wie deine These von „Gnade ohne Glauben“, die im Grunde nichts anderes aussagt, als dass Christus für manche Menschen nutz- und grundlos gestorben ist.

  51. @Schandor
    Vielen Dank für deine Worte – die benutzt „so vermute ich“. Hast du dazu konkrete Anhaltspunkte?
    Problematisch i. d. S. finde ich Verse wie 2. Thess 1:8 „… wenn er Vergeltung gibt denen, die Gott nicht kennen …“

    Gruß
    Peter

  52. Schandor meint:

    @Peter

    Nein, habe ich nicht. Brauche ich aber auch nicht. Jesus hat die Kinder zu sich gebeten, denn – so sagte er – ihrer sei das Himmelreich.

    Ich denke nicht, dass es sich dabei um eine Floskel handelt, eine Art frommes „Grüß euch!“. Nein, Jesu Worte sind ernst gemeint. Er hat auch nicht gemeint:
    „Lasst die Kinder zu mir kommen, denn ihrer ist das irdische, unsichtbare Himmelreich“. Wenn das nicht bedeutet, er gäbe es ihnen hier und jetzt, sollte der Turm Siloah auf sie fallen, dann weiß ich auch nicht. Paulus hat hier keine zu verallgemeinernde Aussage gemacht, die für sich stehen dürfte, so wie Du sie aus dem Kontext genommen hast. Auch ist die Frage, ob es nicht heißen darf: „anerkennen“.

    @Johannes B.

    Deiner Argumentation kann ich leider nicht folgen. Ich verstehe sie buchstäblich nicht.
    Seit Adam sind unzählige Säuglinge gestorben. Kann man sie sich in der Hölle vorstellen? Oder im Limbus …? Ah, letzteren hat Paparazzi ja abgeschafft 😉

  53. @Schandor
    Wenn du mit dem Kinder-Vers argumentierst, stellt sich natürlich die Frage nach geistig behinderten Erwachsenen.
    M. E. ist es in diesem Zusammenhang belanglos, ob es „kennen“ oder „anerkennen“ heißt. Worüber Paulus nichts schreibt, ist, ob diese Menschen Gott nicht kennen oder nicht kennen wollen. Das lässt er offen.
    2. Thess 1:8 „… um das Gericht über diejenigen zu bringen, die Gott nicht kennen, und über diejenigen, die der Botschaft von Jesus, unserem Herrn, nicht gehorchen …“. Wenn hier zwei Personengruppen gemeint sind, betrifft es alle Menschen, die tatsächlich Gott nicht kennen (weil sie IHM nie begegnet sind oder ihnen nicht das Evangelium gesagt wurde). Das sind jetzt allerdings exegetische Fragen … 😉

    Gruß
    Peter

  54. Schandor meint:

    @Peter

    Die Frage stellt sich mir nicht. Inwiefern sollen geistig behinderte Erwachsene in dieser Hinsicht anders zu beurteilen sein als Kinder? Man müsste höchstens nach der Art bzw. dem Grad ihrer Behinderung fragen. Aber solche Dinge brauchen wir nicht zu entscheiden, denke ich.
    Was 2Thess 1,8 angeht, ist die Sache anders zu sehen: Von welchem Gericht spricht Paulus da? Von der Wiederkunft Christi zum ewigen Gericht? Ist das ohne jeden Zweifel so?

    Liebe Grüße, Schandor

  55. @Schandor
    Erwachsene sind keine Kinder. Dein Kinder-Vers bezieht sich daher nicht auch auf Erwachsene. Geistig behinderte Erwachsene sind nicht Kinder, da ein 5jähriges Kind z. B. für sein Alter entsprechend geistig entwickelt ist. Ein Geistigbehinderter ist aber in seiner geistigen Entwicklung eben nicht einfach auf einer Entwicklungsstufe stehengeblieben, sondern hat sich anders entwickelt.

    Zu 2. Thess: Exegese habe ich offen gelassen. Paulus spricht von einem zukünftigen Gericht, das durch Jesus vollzogen wird, oder ich habe die vielen Engel und das Feuer verpasst 😉

    Gruß
    Peter

  56. Schandor meint:

    @Peter

    Ist ok.

    Lieben Gruß, Schandor

  57. Das letzte Kapitel von Bavincks Prolegomena enthält ausgezeichnete Abschnitte über das Verhältnis von Glaube und Wissen.
    http://www.hanniel.ch/?p=6527

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