„Wo früher das Kreuz hing, hängt heute das Rauchverbot“

Der Krebs hat den Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann für den Glauben neu sensibilisiert. Die Verweltlichung der Gesellschaft bereitet ihm Sorge. Dem TAGESANZEIGER hat Hürlimann ein beeindruckendes Interview gegeben. Hier ein Auszug:

Für heutige Theologen hat Religion im Kern mit Ethik zu tun.

Damit versuchen sie, uns vom Glauben an Gott zu dispensieren. Nichts gegen eine aufgeklärte Gesellschaft, die von der Selbstbestimmung des Subjekts ausgeht. Aber wir werden ja, trotz aller Bemühungen der Kirchen, nicht zu Agnostikern. Wir glauben weiter. Und da diese Glaubensbereitschaft einen Inhalt haben muss, formiert sich die Gesellschaft in einer Sekte, die sich selbst überwacht und terrorisiert. Der neue Katechismus heisst: Erstes Gebot: Du sollst den Abfall trennen! Zweites Gebot: Du sollst dich vegan ernähren! Drittes Gebot: Du sollst alles durchgendern! Viertes Gebot: Du sollst so tolerant sein wie Globi im neuesten Globi-Buch!

Die Kirchen haben nur noch eine innerweltliche Botschaft?

Genau wie Globi. Zum Reformations jubiläum wollen die Deutschen hauptsächlich Luthers Antisemitismus thematisieren – und aus Quotengründen seine Frau zur eigentlichen Reformatorin deklarieren. Wie lustig das wird, kann man sich vorstellen. Und dann wundern sie sich, dass ihre Kirchen leer sind. Die meisten Predigten heutzutage sind, mit Nietzsche gesprochen, «ein moralisches Grunzen».

Political Correctness als Ersatzreligion?

Ja genau, Pan wurde von der Political Correctness eliminiert. Es geht nur noch um soziale Verhaltensweisen, nicht mehr um Transzendenz. In der Moralschwemme ist das Geheimnis abge soffen. Wo früher das Kreuz hing, hängt heute das Rauchverbot.

Mehr: www.tagesanzeiger.ch.

VD: MG

Kommentare

  1. Theophil Isegrim meint:

    Einfach klasse, was der da von sich gibt. Ich bin begeistert. Ob er nun Christ oder nicht, das weiß er wohl selbst nicht so genau, aber was er für eine tiefgehende Innenschau von Jesus am Kreuz hat, das ist schon verwunderlich.

  2. Johannes meint:

    Die Überschrift finde ich nicht gut, wie wirkt für mich sehr plakativ. Soll hier wirklich das Kreuz gegen das Rauchverbot ausgespielt werden. Natürlich gibt es für unser aller Heil nichts wichtigeres als das Kreuz, wenn es in der Öffentlichkeit nicht mehr gewollt ist, ist das ein deutliches Zeichen. Trotzdem bin ich froh, dass ich seit dem Rauchverbot nicht mehr übermäßig passiv rauchen muss. Die frühere Freiheit, fast überall rauchen zu dürfen, sollte man jetzt wirklich nicht mit einem christlichen Mäntelchen verklären. Aber genau so kommt die Überschrift rüber: Früher, als es noch kein Rauchverbot gab, war angeblich alles besser. Da hing nämlich noch ein Kreuz. Diese Korrelation finde ich reichlich schräg und kein gutes Signal nach außen. Auch wenn es mich persönlich freut, dass sich Herr Hürlimann neu mit dem Glauben beschäftigt. Nein, ich bin weder für die Genderideologie noch für einen öffentlichen Druck zum Veganismus. Aber das Rauchverbot in öffentlichen Räumen ist und bleibt auf jeden Fall eine gute Sache.

  3. „Und dann wundern sie sich, dass ihre Kirchen leer sind.“

    Wundern tut sich niemand mehr, allerhöchstens nach außen auf Sitzungen oder Tagungen. Finanziellen Druck gibt es in Deutschland nicht – die Gelder sprudeln in zuvor nie gekannter Höhe. Doch über eines wundern sich die Theologen dann schon: Da haben sie nun so lange studiert, haben die neuesten homiletischen Techniken drauf, singen im Chor mit dem medialen Mainstream – aber der liberale Funke will nicht auf die Gemeinde überspringen. Viele ziehen sich dann ausgebrannt und entnervt auf Sonderpfarrämter oder in die Verwaltung zurück.

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