Wo sind die „Betrügerinnen“?

Der Kirchengeschichtler Reinhart Staats hat in einem Leserbrief (FAZ vom 09.01.2013, Nr. 7, S. 30) darauf hingewiesen, dass nicht das grammatikalische Geschlecht für unnötige sprachliche Diskriminierungen verantwortlich gemacht werden kann. „Zum Beispiel ist ‚der Mensch‘ ein Maskulinum, und zum Glück hat sich die politische Sprache noch nicht in ‚die Menschin‘ verguckt. Im Schwedischen ist dasselbe Wort (människa) weiblichen Geschlechts, ohne dass daraus in Schweden politisches Kapital geschlagen wird.“ Der Satzzusammenhang muss in den Blick genommen werden.

Ein Satz von Prof. Staats ist so köstlich, dass ich ihn hier gleich bewerben möchte:

Die allgemeine Konsequenzmacherei im Sprachlichen hört aber bezeichnenderweise meist dort auf, wo in einem feministisch korrekt gemeinten Text zum Beispiel nur „Betrüger“, aber keine „Betrügerinnen“ oder „Verbrecherinnen“ und schon gar keine „Sünderinnen“ auftreten.

Kommentare

  1. Alsterstewart meint:

    Die Begriffe kann man auch googeln und die Trefferzahlen bewerten:
    Betrüger: 7,9 Mio Ergebnisse
    Betrügerin und-nen: 300.000 Ergebnisse
    Sünder: 2,25 Mio Ergebnisse
    Sünderin und -nen: 240.000 Ergebnisse
    Verbrecher: 777.200 Ergebnisse
    Verbrecherin und -nen: 210.000 Ergebnisse

  2. Schandor meint:

    Das ist ja das Tolle (in beider Wortbedeutung) an der Sache: Top Down wird verwirklicht, was die Masse unreflektiert aufnimmt und umsetzt. Es fängt bei Formularen an, geht über Schulnachrichten und Aufsätze in die Geister unserer Kinder ein, und wenn die dann erwachsen sind, wird es ihnen höchst seltsam vorkommen, wenn jefraud (Vorschlag eines Neologismus; „geschlechtergerecht“ statt „jemand“) dann von Schülern statt von SchülerInnen spricht. Innen! Innen! Nur nie vergessen! Solche Sprachbetrügerinnen! – und wehe, man schreibt das „i“ in Schprachbetrügerinnen klein! Im öffentlich-rechtlichen Kontext werden dann Verfehlungen gegen die Rechtschreibung vielleicht bald im Sinne des „Antidiskriminierungsgesetzes“ (was für ein lächerlicher Begriff!) bestraft werden. Man sollte – ich wiederhole das – jedenfalls einen Begriff beibehalten, wenn man über die „geschlechtergerechte Sprache“ spricht: Den Begriff „Neusprech“. Schon klar, dass es nicht so plump einhergeht wie bei Orwell, aber es führt doch zwangsläufig dazu, dass Dummschwätzerei zu Dummschwätzern führen muss.

  3. Wäre die ganze Geschichte nicht real, könnte man von einer gelungen Satire ausgehen…

  4. Alsterstewart meint:

    Wobei das Binnen-I von seiten einiger Genderer bereits in Frage gestellt wird: Gibt es kein richtiges Geschlecht, so gibt es auch weder eine weibliche noch eine männliche Form. Aus den SchülerInnen werden dann die Schüler_innen, womit nach dieser Ideologie auch die Menschen mitbezeichnet werden, die sich als weder männlich noch weiblich identifizieren.

  5. Ehrlich gesagt: Das Gender-Grundanliegen finde ich in Ordnung, allerdings nimmt es, wie so vieles, inzwischen extreme Züge an. Und das ist dann einfach nur noch lächerlich. An der HU Berlin habe ich auf einem Evaluationsbogen mal unter Geschlecht „Anderes“ angekreuzt und „Vampir“ hineingeschrieben.

  6. Es ist doch schön, dass so viele Kommentator_innen auf den vom/von der/dem Autor_in zitierten Leserbrief des/der Professor_in reagieren?

    Spass beiseite: Wie soll ich mir Kommuniktion in Zukunft vorstellen, wenn ich immer erst exakt rausfinden muss, welches *empfundene* tatsächliche Geschlecht mein Gegenüber hat? Männlich, weiblich, LGBT? Ich fand die bisherige sprachliche Realität (immerhin das Ergebniss einer zeitübergreifenden Demokratie der letzten Jahrhunderte), dass vom Genus nicht auf den Sexus geschlossen wird, nicht so unpraktisch.

    Das es allerdings keine Betrügerinnen etc. gibt, fiel schon länger auf.

  7. Schandor meint:

    @FM

    🙂

    Ich schlage vor, Schüler und Innen abzuschaffen und „das Schülerige“ zu schreiben: Das Schülerige des Gymnasiums wird vom Magistralen (Österr: vom „Professorigen“) unterichtet. Oder: Für alles Geschulte LGBT(x) gilt: Prof(x) > Schül(y).

  8. @Schandor

    Oder: Für alles Geschulte LGBT(x) gilt: Prof(x) > Schül(y).

    Mh. Das könnte problematisch werden. es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis auch die Mathematik gegendert wird: y ist doch sehr männlich, schließlich hat das y-Chromosom enorme Auswirkungen!

  9. Schandor meint:

    Das Duden … tz, tz, tz …

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