Wurzeln dogmatischer Arbeit

Wo hat, wenn die Schrift selbst keine Dogmatik ist, diese Disziplin ihren Ursprung? Wir können in Anlehnung an Emil Brunner drei Wurzeln nennen:

(1) Die erste Wurzel der Dogmatik ist der Kampf gegen falsche Lehren. Hören wir einmal auf Emil Brunner, der dies so klar zur Sprache bringt, dass es nur schwerlich besser gesagt werden kann (E. Brunner, Die christliche Lehre von Gott, Bd. 1, 1953, S. 11–12):

„Die sündige Eigenwilligkeit des Menschen bemächtigt sich des Evangeliums und verändert, zunächst unbemerkt, ja vielleicht auch unbewusst, den Inhalt, den Sinn der Botschaft von Jesus Christus und seiner Erlösungstat, vom Gottesreich und der Bestimmung des Menschen. Es entstehen Evangeliumssurrogate, Vermischungen mit Fremdem, Abschwächungen, Verdünnungen, Abweichungen; den biblischen Worten wird ein ihnen fremder, ein ihrer Absicht widersprechender Sinn unterschoben. Die christliche Gemeinde ist in Gefahr, ihren göttlichen Wahrheitsschatz gegen menschliche Erfindungen zu vertauschen. Sollten also die, die um die ursprüngliche Wahrheit wissen, sich nicht aufgerufen fühlen, zwischen Schein und Wahrheit, zwischen ‚Gold‘ und ‚Katzengold‘ zu unterscheiden? Diese Nötigung der Unterscheidung und warnenden Abgrenzung macht der ursprünglichen Naivität ein Ende. Vergleichung, Reflexion wird notwendig, und ihr Anteil wird um so grösser, je raffinierter die Fälschungen sind. Wo die biblischen Wörter zu Gefässen fremder Inhalte werden, genügt keine Berufung auf Bibelworte; wo ganze fremde Systeme in die kirchliche Verkündigung eingeschmuggelt werden, wird es notwendig, das Ganze auf der einen dem Ganzen auf der andern Seite gegenüberzustellen und die systematischen Zusammenhänge dort und hier blosszulegen. Die Irrlehre, die Lehrverfälschung ruft [nach] der dogmatischen Begriffsbildung und Systematik. Aus dem Kampf gegen die Irrlehre ist die Dogmatik der alten Kirche entstanden; aus dem Kampf gegen die römische Verfälschung der biblischen Botschaft erwuchs die Dogmatik der Reformationszeit.“

Wir erkennen hier den apologetischen Gehalt der Dogmatik. Die Verteidigung der gesunden Lehre gehört zu ihren wichtigen Aufgaben. Während sich die Apologetik mehrheitlich nach außen wendet, richtet sich die Dogmatik überwiegend an die Gemeinde der Christusnachfolger.

(2) Eine zweite Wurzel ist die biblische Unterweisung (Katechese). Die Christen haben Jesu Befehl, Menschen aus allen Völkern zu taufen und sie zu lehren (vgl. Mt 28,19–20), ernst genommen und ihre Glieder unterwiesen. Wo Kirche keine lehrende Kirche ist, verliert sie ihre geistliche Kraft sehr schnell. Deshalb wurden Neubekehrte, frisch Getaufte, aber auch Interessierte, gründlich in der Lehre unterwiesen. Bald entwickelte sich ein formalisierter Taufunterricht, der auch Katechese genannt wurde.

Gregor von Nyssa (ca. 335/340 – 394) schreibt in seiner Großen Katechese über die Aufgabe der Unterweisung (G. v. Nyssa, Große Katechese, generiert von der elektronischen BKV, URL: www.unifr.ch. Der Text wurde sprachlich leicht modernisiert.):

„Die Unterweisung in der Glaubenslehre ist eine Pflicht für die Vorsteher des Geheimnisses der Religion, damit die Kirche durch den Zuwachs der Auserwählten dadurch voll werde, dass das Wort des Glaubens auf dem Wege des Unterrichtes dem Ohr der Ungläubigen vermittelt wird. Doch nicht dieselbe Art des Unterrichtes wird für alle, die zu dem Worte herantreten, passen, sondern man muss die Belehrung jedes Mal nach der Verschiedenheit ihrer Religion einrichten, so dass man zwar dasselbe Lehrziel im Auge hat, aber bei allen nicht die nämliche Lehrmethode in Anwendung bringt. Von einer anderen Ansicht ist ja der Jude befangen und von einer anderen der im Heidentum Lebende; … Vielmehr muss man, wie gesagt, auf die Meinungen der einzelnen Rücksicht nehmen und die Belehrung jedes Mal im Hinblick auf die besonderen Irrtümer des betreffenden Gegners einrichten; dazu gehört ferner, dass man bei jedem Unterricht gewisse Grundwahrheiten und wohlbegründete Prämissen im Voraus feststellt, so dass man, von dem von beiden Teilen Zugestandenen ausgehend, in Form von Folgerungen die ganze Wahrheit entwickelt.“

Sehr bekannt ist auch die Schrift Vom ersten katechetischen Unterricht des Kirchenvaters Augustinus.  Er gilt als Erneuerer der Einführungskatechese und erörtert dort viele methodische und pädagogische Fragen, z. B. die Frage, wie oft der Stoff wiederholt werden sollte und ob die Freude am Lehren Voraussetzung für einen gelingenden Unterricht ist.Deutlich wird sowohl bei Gregor als auch bei Augustinus, dass die eine Lehre auf unterschiedliche Weise vermittelt werden muss. Die Unterweisung nimmt Rücksicht auf die Meinungen der Adressaten, setzt sich mit den Irrtümern der „Gegner“ auseinander, um ihnen beim Erschließen der Evangeliumswahrheit zu helfen. Das ist bereits dogmatische Arbeit. Sie fördert die Erneuerung des Denkens, damit der Mensch den Willen Gottes erkennt und zu allem guten Werk geschickt ist (vgl. Röm 12,1–3; 2Tim 3,16f).

(3) Die dritte Wurzel ist die exegetische Arbeit mit biblischen Texten. Mit der Kanonisierung der Heiligen Schrift wuchs das Bedürfnis, Begriffe, Themen und Zusammenhänge tiefer zu verstehen. Es genügte nicht mehr, zu verstehen, was beispielsweise Paulus mit dem Begriff „Gerechtigkeit“ im Römerbrief meinte. Man glich Formulierungen und Themen mit anderen Briefen ab, wollte ein gesamtbiblisches Verständnis für „Gerechtigkeit“ usw. entwickeln. So erlernte man das konkordante Arbeiten, erarbeitete theologische Themen und entwickelte erste kleine dogmatische Schriften zu bestimmten Thematiken.

Kommentare

  1. vielen Dank!!!

  2. Man sollte wissen woher man kommt und……
    Ich halte mich alleine an die Basis von Jesus aus heutiger Sicht. Die ist die Liebe.
    Und die Wunder, die ja heute auch noch vorkommen. Das reicht mir.
    Dogmatik, missionieren und Exegese als Wurzeln.
    Dogmatik und Freiheit sind Gegensätze……..verwerfe ich.
    Missionierung…….wieviel Unheil, verwerfe ich.
    Exegese ist o.k. aus heutiger Sicht.

    Und immer schön auf gesicherter einfacher Basis s.o. bleiben.
    Albert Keller SJ: Glaube nichts Ungeprüftes. Als auch Popper: ist’s noch wahr?
    Sorry für die kompakte Darstellung.

  3. @Rudolf Darben: Zu sagen, ich brauche nur Liebe und es geht nur um Liebe, ist doch eine zutiefst dogmatische Entscheidung, die sich ebenfalls der Prüfung an der Wirklichkeit stellen muss.

    Liebe Grüße, Ron

  4. @Ron
    Nicht einverstanden. Liebe ist doch kein Dogma. IMHO passt der rachsüchtige Gott des AT kaum zum Christentum. Die Evangelien, aus Sicht der Exegese sind voll Liebe.

  5. Selbstverständlich geht diesem Konzept von Liebe eine dogmatische Entscheidung voraus. Anders ausgedrückt: Was ist Liebe?

    Liebe Grüße, Ron

  6. Diese Definition ist offen, trotz vieler Versuche.
    Auch liebe Grüsse Rudi

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