Leben im Zwiespalt

Bist du hin und her gerissen, weißt nicht, ob du Jesus Christus vertrauen kannst? Du willst mit ihm leben, schaffst es aber nicht, hast Angst vor dem Versagen? Du stehst mit deiner Zerrissenheit nicht allein. Vielen Menschen ist es so ergangen. Zum Beispiel dem großen Augustinus. Der Kirchenvater gewährt in seiner Biografie tiefe Einblicke in die geistlichen Kämpfe, die ihn sein Leben lang begleiteten.

In seinen besten Jahren hatte er auf seiner Suche nach Wahrheit mehrere Etappen durchlaufen. Mit dem christlichen Glauben seiner Mutter Monika wollte er nicht viel zu tun haben. Das war ihm zu einfach und zu eng. Augustinus suchte eine Lebensanschauung, die ihm möglichst viel Autonomie erlaubte. So suchte er anderswo, vor allem bei den Manichäern und Platonikern.

Aber Gott ging ihm nach. Es waren seine Mutter und Freunde, die ihn immer wieder an das Evangelium erinnerten. Als Augustinus zur akademischen Lehrkraft für Rhetorik nach Mailand berufen wurde, begegnete er schließlich dem gewaltigen Prediger Ambrosius. Ambrosius nahm „kein Blatt vor den Mund“. In einer überlieferten Predigt (De Elia et ieiunio 22,85) heißt es beispielsweise:

„Wie lange noch eure Vergnügen, wie lange noch eure Lustbarkeiten? Der Tag des Gerichtes kommt immer näher. Während ihr diese Gnade zurückstellt, nähert sich der Tod. Wer wird dann sagen: Jetzt bin ich gerade nicht frei, ich habe zu tun …“

Durch Ambrosius, Simplicianus und andere wurde Augustinus angeregt, bei Paulus Antworten auf seine Fragen zu suchen. Er studierte die Schriften des Apostels, besonders der Römerbrief hatte es ihm angetan. Was Paulus dort im siebten Kapitel über die Unfreiheit des Menschen schrieb, korrespondierte ziemlich genau mit seinen eigenen Erfahrungen. Es stimmt: „Dass mir, der ich das Gute tun will“, letztlich doch „das Böse naheliegt“ (vgl. Röm 7,21). Im Leben des Gelehrten regierte die Sünde.

Hören wir, was Augustinus selbst in Gebetsform darüber schreibt:

Das aber war’s, wonach ich seufzte, gefesselt, wie ich war, nicht durch ein fremdes Band, sondern das Eisenband meines Willens. Mein Wollen aber war in des Feindes Gewalt, und der hatte mir daraus eine Kette geschmiedet, mit der er mich gefesselt hielt. Denn aus verkehrtem Willen ward Leidenschaft, und da der Leidenschaft ich nachgab, ward Gewohnheit daraus, Gewohnheit aber, der man nicht widersteht, wird zum Zwang. So fügten sich gleichsam die Ringe ineinander darum nannte ich’s eine Kette -, und damit hielt harte Knechtschaft mich gefangen. Der neue Wille aber, der sich bereits in mir regte, dir, mein Gott, meines Herzens einzig sichere Freude, frei zu dienen und anzuhangen, war noch zu schwach, den alten und festgewurzelten zu überwinden. So stritten in mir zwei Willen, ein alter und ein neuer, der eine fleischlich, der andere geistig, miteinander, und ihr Hader zerriß meine Seele.

So lernte ich es denn aus eigener Erfahrung verstehen, was ich gelesen hatte, wie »das Fleisch wider den Geist gelüstet, und den Geist wider das Fleisch«. Ich aber lebte in beidem, mehr jedoch in dem, was ich an mir billigte, als in dem, was ich an mir mißbilligte. Denn hier war ich’s zumeist schon nicht mehr ich selber, da ich es großenteils mehr widerwillig litt als mit Willen tat. Doch hatte ich selbst die Gewohnheit zum Streit gegen mich so stark gemacht, denn mit Willen war ich dahin gelangt, wohin ich nicht wollte. Und wer kann mit Recht etwas dagegen einwenden, daß den Sünder die gerechte Strafe trifft? Schon konnte ich mich nicht mehr damit entschuldigen, wie ich früher zu tun pflegte, nur darum habe ich noch nicht dem Weltleben zu deinem Dienst entsagt, weil mir die Erkenntnis der Wahrheit noch ungewiß sei; denn nunmehr war sie mir bereits gewiß. Ich aber, der Erde noch verhaftet, weigerte mich, in deinem Heer zu kämpfen, und fürchtete mich ebensosehr davor, alle belastenden Bürden abzuwerfen, wie man sich hätte furchten sollen, sie sich aufbürden zu lassen. So lag die Last der Welt, wie es wohl im Schlafe geschieht, süß und drückend auf mir, und meine Gedanken, die sich sinnend auf dich richtete, glichen den Versuchen derer, die aufwachen wollen, aber vom tiefen Schlummer überwältigt wieder zurücksinken. Und wie niemand immerfort schlafen möchte, vielmehr jeder, wenn er vernünftig ist, dem Wachen den Vorzug gibt, aber dennoch manch einer zögert, den Schlaf abzuschütteln, weil es ihm bleischwer in den Gliedern liegt, und er darum mit Genuß weiterschläft, obschon er’s nicht gutheißen kann und die Zeit zum Aufstehen gekommen ist, so wußte ich genau: Es war besser, mich deiner Liebe zu weihen, als meiner Wollust zu weichen. Das eine hatte mein Herz gewonnen und überwunden, aber das andere lockte und hielt mich gebunden. Nichts mehr konnte ich dir zur Antwort geben, da du zu mir sprachst: „Wache auf, der du schläfst, und ich stehe auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten!“ Auf Schritt und Tritt tatest du mir die Wahrheit kund, und von ihr überwältigt, konnte ich nichts erwidern als rage, schlaftrunkene Worte: „Bald, ja bald, laß mich noch ein Weilchen!“ Aber das „bald, bald“ ward nicht zum „jetzt“, und das Weilchen zog sich in die Länge. Umsonst „hatte ich Lust an deinem Gesetz nach dem inwendigen Menschen, weil ein anderes Gesetz in meinen Gliedern dem Gesetz in meinem Gemüte widerstritt und mich gefangennahm in der Sünde Gesetz, das in leinen Gliedern war“. Das Gesetz der Sünde ist die Tyrannei der Gewohnheit, die den Menschengeist auch wider Willen fortieht und festhält, und zwar verdientermaßen, weil er ihr willig sich hingegeben hat. Wer hätte „mich Elenden erlösen können vom Leibe dieses Todes, wenn nicht deine Gnade durch Jesum Christum, unsern Herrn“?

Jesus Christus lädt dich zur Nachfolge ein. Nachfolge heißt nicht, dass du alle deine Kräfte zusammenreißt und versucht, so zu leben, wie Gott es gefällt. Nachfolge heißt: Ich tut das, was mir unmöglich ist. Ich gehe durch ein Nadelöhr (vgl. Mk 10,25). Es ist ein anderer, der mich erlöst.

Augustinus verzweifelte an sich selbst. Mitten im Sturm der Selbstanklagen hörte er jedoch die Stimme der Gnade. Immer lauter konnte er ihr Rufen vernehmen: „Was stellst du dich auf dich selbst und kannst so doch nicht stehen? Wirf dich auf ihn und fürchte dich nicht! Er wird sich nicht entziehen, dich nicht fallen lassen. Ja, wirf dich getrost hin, er wird dich auffangen und gesund machen“ (vgl. Confessiones, VIII, 11).

Hörst du sie auch, die Gnade?

Kommentare

  1. Johannes meint:

    Danke Ron für diesen Beitrag! Sehr passend dazu finde ich die Übersetzung von Röm 7,24.25 von Hermann Menge, der auch dieses „auf sich selbst gestellt“ aufgreift:

    O ich unglückseliger Mensch! Wer wird mich aus diesem Todesleibe erlösen? Dank sei Gott; (es ist geschehen) durch Jesus Christus, unsern Herrn! ¶ Also ist es so: Auf mich selbst gestellt diene ich mit der Vernunft dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch dagegen dem Gesetz der Sünde.

  2. Super Artikel!

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