Zur Amnesie der eigenen theologischen Wurzeln

201205061523.jpgWo er recht hat, hat Jens Zimmermann recht (Theologische Hermeneutik: Ein trinitarisch-christologischer Entwurf, Herder Verlag, 2008, S. 23):

Obwohl mittlerweile an Büchern über die Geschichte der Hermeneutik kein Mangel herrscht, erhalten wir von der so genannten vorkritischen Tradition, wie Hans Frei die Interpretationspraktiken vom Kirchenbeginn bis hin zur Aufklärung zusammenfasste, weder ein klares noch ein verständiges Bild. Weder Theologen noch Philosophen haben bisher diese Tradition mit dem verdienten Verständnis und Respekt in die Entwicklung der Hermeneutik eingeordnet. Die Philosophie betrachtet theologische Interpretationsmodelle immer noch mit einer Art elitären Hochmuts, der auf eine explizit religiöse Weltanschauung mit der Arroganz des Aufklärungswissenschaftlers hinabschaut. Selbst wenn an der Religion doch etwas dran sein sollte, so darf sich dieses etwas keineswegs zu positiv gestalten, denn in dieser Richtung lauert, Gott bewahre uns, das Schreckgespenst des Dogmatismus, ja des Fundamentalismus, und damit der religiös motivierten Gewalt; dann schon lieber ein postmoderner Pluralismus, bei dem sich alles in Interpretation auflöst.

Auf Seiten der Theologie sieht es nicht wesentlich besser aus, vor allem nicht im populären Bereich. Besonders im nordamerikanischen evangelischen Christentum herrscht eine generelle Amnesie der eigenen theologischen Wurzeln, eine fast vollkommene Unkenntnis der Reformationshermeneutik, obwohl in einigen Kreisen die Slogans sola gratia, sola fide, und sola scriptura noch wie Markenzeichen kursieren und ungefähr den gleichen Tiefgang aufweisen. Dieser Erinnerungsverlust der eigenen Tradition erklärt jedoch zumindest, warum die so genannten evangelicals (um diese Gruppe nicht mit dem deutschen Begriff evangelisch zu verwechseln), von wenigen Ausnahmen abgesehen, postmodernes Gedankengut entweder ohne kritische Auseinandersetzung aufnehmen oder also dämonisch zurückweisen. Beiden Reaktionen liegt die Unkenntnis der Reformationstheologie und deren Auslegungspraktiken zugrunde.

Als Rezension zur englischen Ausgabe dieses interessanten Buches sei empfohlen: Moon, Joshua. „Recovering Theological Hermeneutics: An Incarnational-Trinitarian Theory of Interpretation¡, Presbyterion Presbyterion 32, Nr. 2 (2006): S. 115–18. Moon weist auf einige Schwächen hin, wenn er schreibt (S. 117):

Zimmermann shows no critical reflection on why it is that we should follow the history of hermeneutics through its secularization and have to work into our beliefs about the world the conclusions of that history. He goes to pains to emphasize that we cannot simply return to a „pre-modern“ mindset and convictions but must follow the philosophical insights that separate us from them. The question that arises is: why we must do so? In particular, it is the work of Kant that is the dividing line in Zimmermann’s story. Why must we embrace Kanfs arguments and conclusions that divide us not only from the world and one another, but from God as well? This is particularly poignant when Zimmermann makes such absolute claims for his branch of philosophical study, such as „Philosophical hermeneutics is by far the best account of human knowledge“ (185), or „theology must fully adopt Gadamer’s insistence on the linguisticality of interpretation“ (182).

I grant that Zimmermann has every right to make the case at these points, but especially regarding the first he does not make a case at all. He completely ignores both the philosophical tradition that parts company with his judgment (not a single reference anywhere to those who could be considered analytic philosophers), and the Christian philosophers of the present day who disagree. The latter is most disappointing given the fascinating discussion of John Owen (esp. 90-91), which paints a picture with unmistakeable connections both to Blaise Pascal and, even more, Thomas Reid. Such a picture would naturally lead one to discuss the theological/philosophical tradition of Owen and the Reformed scholastics and perhaps trace the line up to the Reformed Dogmatics of Herman Bavinck (who also disputes Cartesian thought on the one hand and transcendental idealism on the other) and his contemporary Abraham Kuyper, then on into the present. Even without that line, the move from Thomas Reid to the contemporary work of Nicholas Wolterstorff and especially Alvin Plantinga—in that same broad line of understandings of epistemology one sees in Owen—is a small one. Yet we are given nothing of the sort. Instead we are told, without apology, that we must accept the Kantian dilemma and the irreducible linguisticality of existence, all in order to emerge by clinging to the incarnation. And even within this Zimmermann makes no mention of the numerous Christian thinkers already involved in interacting with these issues, such as Anthony Thiselton, Kevin Vanhoozer, Dan Stiver (who embraces Paul Ricoeur, another figure whose absence looms large), Craig Bartholomew, or others.

 

Kommentare

  1. Wenn Zimmermann eine trinitarisch-christologische Hermeneutik unter Einbeziehung der Kantschen Kritiken und der Linguistik des Heideggerschülers Gadamer entwickeln möchte, frage ich mich, wie und wann er von diesem Zug, der unaufhaltsam in die pure Subjektivität und Kontingenz führt, wieder abspringen will.
    Klingt ein bisschen wie „having the cake , and eating it, too“.

  2. Mario meint:

    „having the cake, and eating ist, too“

    das erinnert an ayn rand, und die vertrat doch keinen subjektivismus, sondern den objektivismus?

  3. @Christian: Zimmermann rehabilitiert die vormoderne und damit auch vorkritische Hermeneutik (Calvin, Luther, Owen, Baxter, Spener etc.). Es gäbe keinen Grund, mit hochmütigem Blick (Fortschrittssnobismus, S. 25) auf diese Auslegungspraxis zurückzuschauen. Er sieht den Säkularisierungsprozess skeptisch. Die Verleugnung Gottes führe in den Skeptizismus und letztlich auch in den Verlust der Menschlichkeit. Sogar Schleiermacher wird von ihm scharf in die Schranken gewiesen, da er, um eine allg. Hermeneutik zu retten, Sünde komplett umdefiniert. „Die Sünde ist nicht länger ein objektiver Verstoß gegen Gott, sondern gleitet in die Subjektivität ab … Von Sünde kann nur gesprochen werden, sofern auch ein Bewusstsein derselben ist“ (S. 232).

    Seiner Meinung nach haben die Reformatoren etliche Entdeckungen der hermeneutischen (postmodernen) Philosophie vorweggenommen. Wir würden heute sagen, sie haben die herausragende Stellung der Denkvoraussetzung oder des Erkenntnisinteresses betont. Was mir gefällt, ist seine Betonung einer relationalen Hermeneutik. Der Mensch braucht Heiligen Geist (also eine Gottesbeziehung) zum tiefgründigeren Verstehen der Heiligen Schrift. Die Heilige Schrift ist wie ein Liebesbrief zu lesen etc. Wenn er am Ende auf Gadamer, Bonhoeffer und Balthasar rekrutiert, scheint er die Kurve nicht mehr zu kriegen. Hier hätte ich mir den Mut gewünscht, doch den geschichtlichen Wahrheitsbegriff mal an der Schrift selbst zu prüfen. C. Landmesser hat ja in seiner großen Untersuchung Wahrheit als Grundbegriff neutestamentlicher Wissenschaft gezeigt, dass Bultmann das geschichtlich-existentiale Wahrheitsverständnis (also das Heideggersche) in Heilige Schrift hineingetragen hat. Bultmann, so ungefähr die These, hat seinem Verständnis Autorität verleihen wollen, indem er zeigte, dass es schon im NT zu finden sei. Hier scheint mir ein große Schwäche zu liegen: Er setzt geschichtlichen Wahrheitsbegriff absolut (und damit auch universell). Es gibt für ihn kein zurück mehr.

    Zimmermanns Buch ist trotzdem eine lohnenswerte Lektüre. Die Richtung stimmt. Weiter so.

    Liebe Grüße, Ron

  4. Danke Ron! Das macht neugierig.
    Was du im 2. Absatz schreibst, ist genau das, was ich mit dem unaufhaltsamen Zug meinte, von dem kein Absprung möglich ist.

  5. @Mario, ja, Ayn Rand steht für Objektivismus und eine Art ethischen Utilitarismus.
    Mit „Have your cake and eat it, too“ meinte ich einfach, dass Zimmermann eine an „vorkritische“ Vorgaben anknüpfende trinitarisch-christologische Hermeneutik mit Kants epistemologischem Subjekt und Gadamers sprachphilosophischem Existentialismus verbinden möchte, was nicht geht.

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