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Asmussen: Die Abwehr des göttlichen Zorns

Der Lutheraner Hans Asmussen (1898–1968), einer der Hauptautoren des Altonaer Bekenntnisses, hat sich in seiner Seelsorgelehre (Seelsorge, 3. Aufl., München: Kaiser Verlag, 1935) sehr intensiv mit dem Zorn Gottes und der Begnadigung des Sünders befasst. Eindringlich beschreibt er die menschlichen Versuche, sich Gott einseitig als nur gnädigen Gott vorzustellen (also Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit aus den Augen zu verlieren). Aus seiner Perspektive sind das Bewegungen der Abwehr (heute würden wir wohl von »Abwehrmechanismen« sprechen, vgl. auch hier). Ausmussen (S. 30):

Ich wage nicht zu sagen, welcher Rettungsversuch der Gefährlichere ist: Gott umzustimmen oder sich selbst vorzumachen, dass man sich irrt, also sich selbst umzustimmen. Der letztere Versuch ist ungemein fruchtbar. Sehe ich recht, dann verdankt die menschliche Kultur diesem Versuch weithin ihre Entstehung und ihre Wandlungen. Die Exerzitien des Ignatius von Loyola sind ein besonders deutlich hervorragendes Ereignis in der Mannigfaltigkeit dieser Versuche, ähnlich wie die moderne Psychologie arbeitet, um den Menschen die Ruhe ihrer Seele wiederzugeben. Aber gerade diese beiden in die Augen springende Formen zeigen, an welche Grenze man sich hier in höchster Gefahr bewegt: Das Satanische ist nahe! Der Großinquisitor bekommt das Wort! Die Sonne Satans geht auf und beginnt zu scheinen! Fabelhaftes wird geleistet. Alle Kraft des Menschen und alle Erfindungsgabe wird aufgeboten. Die Kraft leistet etwas! Erfindungen werden gemacht, derart, das wir über uns selbst staunen – und einige Zeit bei dem Glauben uns beruhigen es sei ein Irrtum, dass Gott uns zürne.

Innerhalb der protestantischen Theologie waren es vor allem Friedrich Schleiermacher (1768–1834) und Albrecht Ritschl (1822–1889), die an Kant anknüpfend das christliche Gottesbild umformten und vom Zorn Gottes befreiten. Schleiermacher meinte: Je tiefer das Versöhnte ins Christentum hineinwächst, desto mehr werden die Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes zu einer vergangenen Randerfahrung. Seiner 9. Augustanapredigt gab er die berühmt gewordene Überschrift »Daß wir nichts vom Zorn Gottes zu lehren haben.« Für Ritschl war Gott ausschließlich Liebe. Vom Zorn Gottes könne nur noch im Blick auf das Endgericht gesprochen werden. Einen gegen die gegenwärtige Sünde gerichteten Zorn Gottes schloss Ritschl als mit Gottes Liebe unvereinbar aus. Wer an einen zornigen Gott denke, denke falsch von Gott und sündige damit.

Mit der Abwehr des göttlichen Zornes korrespondiert eine Seelsorge ohne Kreuz. Dazu noch einmal Asmussen (S. X):

Die Seelsorge ist auch nicht immer vom Zentrum der evangelischen Lehre her betrachtet worden. Aus diesem Grunde sind auch auf dem Gebiet der Seelsorge viele grundsätzliche Entscheidungen getroffen worden, welche eine Verleugnung des Kreuzes Christi darstellen.