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Aufklärung in Sachen Europa

Otfried Höffe, emeritierter Philosophieprofessor aus Tübingen, plädiert in seinem FAZ-Beitrag „Souverän ist, wer über Verstand verfügt“ (10.08.2012, Nr. 185, S. 33) für mehr Aufklärung „in Sachen Europa“. Ein wohltuender Ruf nach mehr Ehrlichkeit und Klarheit, besonders angesichts der Verneblung der Debatten mit „Generalfloskeln wie ‚alternativlos‘“.

Bei der Frage: Was eint Europa?, verweist Höffe exemplarisch auf die Aufklärung im Kantschen Sinne. Damit aber leider auch nur auf eine Seite der Medaille. So wichtig es ist, Klarheit ins Denken und in die Argumente zu bringen (und hier sehe auch ich ein Verdienst der kritischen Philosophie), so schade ist es doch, wenn wir vergessen, dass es ohne Christentum ein freiheitliches Europa nicht geben würde. Der säkulare Staat ist zwar in mancherlei Hinsicht eine Antwort auf den christlichen Glauben und damit das Produkt der Emanzipation des Weltlichen vom Geistlichen. Trotzdem ist ein modernes Europa ohne Christentum undenkbar, ja das moderne Staatsverständis einschließlich der Trennung von weltlicher und geistlicher Macht hat selbst christliche Wurzeln (genauer wahrscheinlich reformatorische). Der Rechtsphilosoph und ehemaliger Verfassungsrichter Böckenförde hat es prägnant formuliert: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“ (E.-W. Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation, S. 60).

Ich lese gerade ein faszinierendes Buch des katholischen Philosophen Martin Rhonheimer mit dem Titel Christentum und säkularer Staat: Geschichte – Gegenwart – Zukunft, Herder Verlag, 2012, 473 S.). Der Schweizer Rhonheimer geht in seiner ausgesprochen soliden Untersuchung der Frage nach, ob Aufklärung und Moderne auf dem Humus einer vom christlichen Glauben geprägten Zivilisation erwachsen sind. Das Bild, welches er zum Einstieg verwendet, ist eindrücklich (S. 15):

Stellen wir uns vor: Wir sitzen auf der Spitze eines Baumes mit wunderbaren Ästen und Früchten, genießen den Blick in die Weite. Dann wandert unser Blick hinab. Wir sehen andere, wunderbare und auch weniger wunderbare Äste, die dem Stamm entsprießen. Der Blick nach unten ist ein Blick in die Geschichte des Baumes. Wir erblicken da auch eine Menge knorriges, verwachsenes Geäst und am Boden einige herabgefallene, bereits angefaulte Früchte. Und nun – so stellen wir uns vor – rufen wir empört: „Was doch dieser Stamm nicht alles an Unrat hervorgebracht hat! Er taugt zu nichts mehr und muss umgehauen werden!“ Natürlich wäre dies ein höchst törichtes Unterfangen. Der Sturz aus der Höhe wäre die unausweichliche Folge. Aber nicht nur den Stamm umhauen wäre töricht, auch das Urteil über ihn ist es, und noch törichter erscheint es, dass wer so urteilt, übersieht, wem er seine Höhenposition und die frische Luft, die er atmet, verdankt: eben diesem Stamm, den er umhauen lassen will.

Doch solche Torheit gibt es. Sie ist Menschen eigen, die ein demokratisches, pluralistisches, säkulares Europa wollen, in dem die Freiheit eines jeden anerkannt wird, seiner religiösen und moralischen Überzeugung gemäß zu leben, ein Europa, in dem Frieden, Rechtssicherheit und Wohlstand herrschen, in dem die Wissenschaft blüht, das sozial und zukunftsorientiert ist. Als geistige Wurzeln einer solchen Welt anerkennen sie, neben dem aus der Antike stammenden Kulturerbe, die europäische Aufklärung, nicht aber das Christentum, die von ihm geschaffene Zivilisation und ihr soziales, rechtliches, politisches und religiöses kulturelles Erbe.