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Augustinus: Lehrer der Gnade (Teil 4)

Nachfolgend zitiere ich aus dem Brief Nummer 194, von Augustinius im Jahre 418 verfasst. Ich beschränke mich auf Absätze, die sich im engeren Sinn mit der Gnadentheologie beschäftigen. Als Quelle verwende ich: Aurelius Augustinus, Ausgewählte Briefe, Leipzig, St. Benno Verlag, 1966, ab S. 343. Den Text habe ich sprachlich leicht überarbeitet und gelegentlich Bibelstellenangaben eingefügt.



Augustinus: Gnade ist immer unverdient

Obwohl nun jene Leute Feinde und Gegner der Gnade sind, so hat doch Pelagius vor dem kirchlichen Richterstuhl in Palästina [gemeint ist die Synode zu Diospolis], da er sonst nicht ohne Strafe davongekommen wäre, jene verworfen, die behaupten, dass die Gnade Gottes nach Verdienst gegeben werde. Aber auch in ihren späteren Erörterungen findet man nichts anderes, als dass jene Gnade nach Verdienst gegeben werde, jene Gnade, von deren Herrlichkeit der Apostel vorzüglich im Briefe an die Römer spricht, damit ihre Empfehlung von Rom als dem Haupte des Erdkreises aus sich über den ganzen Erdkreis verbreite. Denn sie ist es, durch die der Gottlose gerechtfertigt wird, nachdem er vorher gottlos gewesen. Darum gehen dem Empfange keine Verdienste voraus, weil den Verdiensten des Gottlosen nicht Gnade, sondern Strafe gebührt. Und die Gnade wäre nicht Gnade, wenn sie nicht unverdient, sondern nach Schuldigkeit gegeben würde.

Wenn man sie aber fragt, welche Gnade nach des Pelagius Meinung ohne Verdienste gegeben wird, wenn er diejenigen verwarf, die behaupten, dass die Gnade Gottes nach Verdienst gegeben werde, so antworten sie, eine Gnade ohne jedes vorausgehende Verdienst sei die menschliche Natur selbst, mit der wir erschaffen sind. Denn bevor wir vorhanden waren, konnten wir nicht verdienen, dass wir da seien.

Mögen christliche Herzen diese Täuschung abweisen! Denn nicht jene Gnade preist der Apostel, durch die wir geschaffen wurden, so dass wir Menschen sind, sondern jene, durch die wir gerechtfertigt wurden, als wir böse Menschen waren. Denn dies ist die durch Jesus Christus, unseren Herrn, er­teilte Gnade. Christus ist ja nicht für Nichtexistierende gestorben, damit sie als Menschen erschaffen würden, sondern für die Gottlosen, damit sie gerechtfertigt würden. Aber jener war bereits Mensch, der sprach: »O ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich befreien von dem Leibe dieses To­des? Die Gnade Gottes durch Jesus Christus, unseren Herrn« (Röm 7,24). Sie können nun einwenden, es sei auch die Vergebung der Sünden eine Gnade, die ohne vorausgehende Verdienste erteilt wird. Denn welches gute Verdienst können Sünden besitzen? Aber selbst die Vergebung der Sünden ist nicht ohne jedes Verdienst, wenn der Glaube sie erbittet. Denn jener Glaube besitzt allerdings ein Verdienst, in dem der Zöllner sprach: »Herr, sei mir Sünder gnädig!«, und durch das Verdienst gläubiger Demut »gerechtfertigt davonging, da erhöht wird, wer sich erniedrigt« (Lk 18,13). Wir müssen also nur den Glauben selbst, von dem alle Gerechtigkeit ihren Anfang nimmt – deshalb wird im Hohen Liede zur Kirche gesagt: »Du wirst kommen und vom Anfange des Glaubens an wandeln« (Hohelied 4,8) –, wir müssen also nur den Glauben selbst nicht dem menschlichen Willen zuschreiben, den jene Leute so hoch erheben, noch irgendwelchen vorausgehenden Verdiensten, da erst von ihm jedes gute Verdienst seinen Anfang nimmt, sondern ihn als freierteilte Gabe Gottes erklären, wenn wir die wahre, das heißt unverdiente Gnade im Auge haben. Wir lesen ja in demselben Briefe: »Gott erteilt einem jeden das Mag des Glaubens“ (Röm 12,3). Die guten Werke geschehen nämlich vom Menschen, der Glaube aber entsteht im Menschen, und ohne ihn wirkt kein Mensch gute Werke. »Alles aber, was nicht aus dem Glauben geschieht, ist Sünde« (Röm 14,23).