Bonhoeffer als Projektionsfläche

Der DEUTSCHLANDFUNK hat einen Beitrag über Dietrich Bonhoeffer veröffentlicht, indem eine falsche Inanspruchnahme durch die theologisch oder politisch Rechten angemahnt wird. Zitat:

Es brauche dagegen endlich bei den verfassten Kirchen ein Bewusstsein, dass sich auch in Deutschland eine religiöse Rechte bildet, die die Bekennende Kirche, Bonhoeffer und andere Gestalten der deutschen Geschichte für sich benutzt. Arnd Henze:

„Wir müssen aufpassen, dass wir nicht Bonhoeffer so sinnentleeren, dass die Sprüche zeitlos schön auf Kalenderblätter passen. ‚Man muss dem Rad auch mal in die Speichen greifen‘ auf Kalenderblätter drucken, ohne den konkreten Kontext, was er damit gemeint hat, dann, wenn der Staat versagt, wenn er in jeder Funktion nicht mehr den Menschen Schutz bietet, wofür ein Staat da ist. So genau hat das Bonhoeffer formuliert. Wenn wir diesen Kontext nicht mehr im Bewusstsein haben, dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn andere ihn aus dem Kontext reißen und für sich benutzen.“

Nun kann ich die im Beitrag vorgetragenen Argumente sowie die Kritik an der Bonhoeffer-Biografie von Eric Metaxas teilweise nachvollziehen (obwohl der Verriss von Metaxas insgesamt überzogen ist). Was allerdings völlig unter den Tisch fällt, ist die Tatsache, dass Bonhoeffer über Jahrzehnte hinweg gern für den linken Narrativ beansprucht wurde, obwohl das dem „wirklichen Bonhoeffer“ ebensowenig gerecht wird. So hat beispielsweise das linke Establishment, egal ob in Politik oder Kirche, in den letzten Jahren Bonhoeffers Einsatz für das Lebensrecht mehr oder weniger komplett ausgeblendet. Man stelle sich mal vor, ein Heinrich Bedford-Strohm oder eine Margot Käßmann oder Katrin Göring-Eckardt erklärten mit Bonhoeffer öffentlich (Ethik, Werke, Bd. 6, S. 130):

Die Kirche bekennt, an dem Zusammenbruch der elterlichen Autorität schuldig zu sein. Der Verachtung des Alters und der Vergötterung der Jugend ist die Kirche nicht entgegengetreten aus Furcht, die Jugend und damit die Zukunft zu verlieren, als wäre ihre Zukunft die Jugend! Sie hat die göttliche Würde der Eltern gegen eine revolutionierende Jugend nicht zu verkündigen gewagt und hat den sehr irdischen Versuch gemacht „mit der Jugend zu gehen“. So ist sie schuldig an der Zerstörung unzähliger Familien, an dem Verrat der Kinder an ihren Vätern, an der Selbstvergötterung der Jugend und damit an ihrer Preisgabe an den Abfall von Christus.

Die Kirche bekennt, kein wegweisendes und helfendes Wort gewußt zu haben zu der Auflösung aller Ordnung im Verhältnis der Geschlechter zueinander. Sie hat der Verhöhnung der Keuschheit und der Proklamation der geschlechtlichen Zügellosigkeit nichts Gültiges und Starkes entgegenzusetzen gewußt. Sie ist über eine gelegentliche moralische Entrüstung nicht hinausgekommen. Sie ist damit schuldig geworden an der Reinheit und Gesundheit der Jugend. Sie hat die Zugehörigkeit unseres Leibes zum Leib Christi nicht stark zu verkündigen gewußt.

Die Kirche bekennt sich schuldig aller 10 Gebote, sie bekennt darin ihren Abfall von Christus. Sie hat die Wahrheit Gottes nicht so bezeugt, daß alles Wahrheitsforschen, alle Wissenschaft ihren Ursprung in dieser Wahrheit erkannte; sie hat die Gerechtigkeit Gottes nicht so verkündigt, daß alles menschliche Recht in ihr die Quelle des eigenen Wesens sehen mußte; sie hat die Fürsorge Gottes nicht so glaubhaft zu machen vermocht, daß alles menschliche Wirtschaften von ihr aus seine Aufgabe in Empfang genommen hätte. Durch ihr eigenes Verstummen ist die Kirche schuldig geworden an dem Verlust an verantwortlichem Handeln, an Tapferkeit des Einstehens und Bereitschaft für das als recht Erkannte zu leiden. Sie ist schuldig geworden an dem Abfall der Obrigkeit von Christus.

Um es klar zu sagen: Bonhoeffer gehört weder der Rechten, Linken oder dem Mainstream. Gern verweise ich dazu auf einen Beitrag aus dem Jahr 2011: „Der andere Bonhoeffer“ (vgl. auch „Metaxas Bonhoeffer“). Das von mir mehrfach empfohlene Buch Der andere Bonhoeffer – Die Herausforderung des Modernismus von Georg Huntemann ist übrigens derzeit antiquarische günstig zu haben.

Hier der DLF-Beitrag:

 

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Johannes
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Johannes

Auch bei eBay bekommt man „Der andere Bonhoeffer“ derzeit für fünf bis zehn Euro. Es lohnt sich.

Stephan
Gast
Stephan

Es lohnt sich durchaus, sich mit Bonhoeffer, der „Bekennenden Kirche“ und den „Deutschen Christen“ zu befassen. Da reichen durchaus die bei Wikipedia vorhandenen Artikel sowie das Blättern in die Lebensläufe mancher Beteiligter. Um es abzukürzen: die „Bekennende Kirche“ gehorchte Gott mehr als den Menschen. Sie beschützten z.B. die Juden, organisierten Fluchten und Verstecke, sie hatten klare Haltungen gegenüber der Politik, und viele Leute, nicht nur Bonhoeffer, haben dafür mit ihrem Leben bezahlt. Von den „Deutschen Christen“ ist nicht nur die Anbiederung an das damalige politische Regime und dessen Unterstützung bekannt, es wurden auch Dankgottesdienste (auch in Freikirchen!) veranstaltet, wenn ein… Weiterlesen »

Markus Jesgarz
Gast
Markus Jesgarz

Dies ist ein Kommentar zu der Aussage ab dem 4. Absatz am Ende: Man stelle sich mal vor, ein Heinrich Bedford-Strohm oder eine Margot Käßmann oder Katrin Göring-Eckardt erklärten mit Bonhoeffer öffentlich (Ethik, Werke, Bd. 6, S. 130): Die Kirche bekennt, kein wegweisendes und helfendes Wort gewußt zu haben zu der Auflösung aller Ordnung im Verhältnis der Geschlechter zueinander. Sie hat der Verhöhnung der Keuschheit und der Proklamation der geschlechtlichen Zügellosigkeit nichts Gültiges und Starkes entgegenzusetzen gewußt. Meine Meinung ist:  1. Eine öffentliche Erklärung von Frau Katrin Göring-Eckardt der Verhöhnung der Keuschheit und der Proklamation der geschlechtlichen Zügellosigkeit nichts Gültiges… Weiterlesen »

Johannes
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Johannes

Bonhoeffer scheint die Gender-Ideologie geradezu prophetisch vorhergesehen zu haben.

Clemens Altenberg
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Clemens Altenberg

@ Stephan

Schon klar, Bonhoeffer würde sicher nicht in den heutigen linken Mainstream passen, falls es den überhaupt so dominant gibt, aber den Nationalismus und das mitgehen mit neuen rechten Strömungen nicht weniger Christen würde er als mindestens ebenso gefährlich anklagen. Christen die kein Problem mit Homosexualität haben und den Fortbestand der Schöpfung über Gott stellen sind in diesen Themen nicht bibeltreu, aber deshalb sind sie nicht auf solch antichristlichen Abwegen wie es die „Deutschen Christen“ waren. Nichts ist so fern von Gott wie Hass auf Juden und das Gutheißen ihrer Vernichtung.