Brauchen wir die Kirche noch?

Gerhard Wegner, Gründungsdirektor und Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD in Hannover, stellt in einem FAZ-Beitrag „Jeder stirbt für sich allein“ die Frage, ob die Kirchen überhaupt noch gebraucht werden (14.01.2021, Nr. 11, S. 12). Mutig stellt er zum Eingang fest, dass die Kirchen zur Corona-Herausforderung nichts zu sagen haben:

Das Virus macht endgültig deutlich, wie nutzlos die Kirchen mittlerweile geworden sind. Religiös Hilfreiches zur Bewältigung der Krise war von ihnen nicht zu hören. Gleich zu Beginn der Pandemie haben es die Bischöfe auf den Punkt gebracht: Gott habe mit Covid-19 nichts zu tun. Damit schossen sie sich selbst aus allen Debatten zur Bewältigung der Krise raus. Hätten sie andere Möglichkeiten gehabt?

Wagner erklärt dann, dass aus soziologischer Sicht die Welt auf die Kirchen sehr gut verzichten kann. Die Welt funktioniert auch ohne Religion:

Immer weniger wird sie in Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft angefragt, weil sie dort bestenfalls Verwirrung stiftet. In dem wohl besten religionssoziologischen Buch der letzten Jahre, „Religion in der Moderne“, zeigen Gergely Rosta und Detlef Pollack, warum es völlig falsch wäre, in dieser Situation Religion als nützlich anzubieten. „Die absichtslose, nur um ihrer selbst willen erfolgende Verinnerlichung ihrer Sinnformen ist (…) eine wichtige Voraussetzung ihrer Wirksamkeit.“ Eine Antwort auf die Frage, warum man sich auf sie einlassen soll, muss deswegen offenbleiben.

Religion ist also für die Welt, in der wir leben, objektiv überflüssig. Doch möchte Wagner trotzdem nicht auf sie verzichten. Religion befreit nämlich davon, die Welt so hinzunehmen, wie sie ist:

Das aber bedeutet nicht, dass eine derartig selbstreferentielle Religion sinnlos wäre. Im Gegenteil, die in ihr imaginierten Sichtachsen zum Himmel bieten enorme Möglichkeiten, die „Welt von außen“ zu betrachten und das, was in ihr hoch gehandelt wird, in seiner Wertigkeit zu relativieren.

Ein schöner Text. Und doch bleibt Wagner bei einem menschenzentrierten Religionsverständnis hängen, das sich den Wahrheits- und Rechtfertigungsfragen entzieht und der Welt nicht mehr zu geben hat als Trost. Religion ist für den Christen das, was für den schöpferischen Nicht-Christen die Kunst ist. Opium?

Das Beispiel zeigt augenfällig, dass aus uns Frommen doch ziemlich zahnlose Tiger geworden sind. Ich verstehe das als Ruf zur Umkehr. Sagte Jesus nicht, dass seine Nachfolger das Salz der Erde und das Licht der Welt sind (vgl. Mt 5,13–16)? Der Rückzug ins fromme Gemüt ist nichts anderes als eine Weltflucht.

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FrankS

Das was in der Bibel Unter Kirche verstanden wird (abgeleitet aus kyriakon „was des HERRN ist“ hat Bestand bis Jesus wiederkehrt. Ob und wie lange man Institutionen wie die EKD oder die RKK benötigt, ist wohl eine Frage der Perspektive. Zumindest die EKD hat das Evangelium der Bibel längst aufgegeben, was in der gegenwärtigen Situation eben mehr als deutlich wurde. Ihr fehlt die tröstende und hoffungsvolle Botschaft. Denn Gewissheit im Vertrauen auf den ewigen Gott, kann seitens der EKD nicht (mehr) vermittelt werden.

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[…] Das Beispiel zeigt augenfällig, dass aus uns Frommen doch ziemlich zahnlose Tiger geworden sind. Ich verstehe das als Ruf zur Umkehr. Sagte Jesus nicht, dass seine Nachfolger das Salz der Erde und das Licht der Welt sind (vgl. Mt 5,13–16)? Der Rückzug ins fromme Gemüt ist nichts anderes als eine Weltflucht.https://theoblog.de/brauchen-wir-die-kirche-noch/36120/ […]

Matze

Da kann ich nicht ganz zustimmen. In der EKD geschieht immer noch sehr viel segensreiches, wenn ich z.B. an viele Kirchengemeinden in meiner Region denke uva mehr. Ob natürlich jesuszentrierte Predigten im Sinne Wegners sind!? Aber @ Ron, auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole: wenn dies alles so schlimm ist in der Kirche und die Gesamtanalyse ja richtig, warum schließt man in bibeltreuen Kreisen eine Bekenntnissynode aus, stärkt einander mehr den Rücken wie auch bei allen Fehlern Olaf Latzel, arbeitet auch mit bibeltreuen außerhalb der EAD mehr zusammen, versucht die vielen einzelnen Christen die keine gute Gemeinde mehr haben zusammenzubringen und vieles mehr. Die Probleme sind bekannt. Nur auf die Dauer hilft es nichts diese nur zu beschreiben anstatt Dinge zu ändern. Umkehr wie von dir gefordert ist nicht nur Sinnesänderung, sondern bedeutet auch bereit für andere Wege. Die Bereitschaft dazu sehe ich bei vielen Jesusleuten in der EAD leider nicht

FrankS

Es gibt tatsächlich Ortsgemeinden in der EKD, die dem Trend nicht folgen. Dies würde ich nie bestreiten. Es sind Ausnahmen und vielleicht sind sie bereits in der Minderheit.

Udo

Auch wenn die Ortsgemeinde sicher nicht die Hoffnung der Welt ist – Jesus Christus ist die Hoffnung der Welt – so ist sie doch der Ort, an dem Kirche relevant wird, wenn sie Jesus Christus, wie er uns im AT und NT bezeugt wird, in die Mitte stellt, Gott und die Autorität der Bibel ernst nimmt, den Heiligen Geist nicht aussperrt und wenn das Miteinander durch Liebe, Hilfsbereitschaft und Respekt geprägt ist. Solche Gemeinden zu stärken, zu vernetzen und neu zu bauen ist die Aufgabe. Da sowohl in der EKD aber auch in den Freikirchen irriges Führungspersonal unterwegs ist, ist immer zu prüfen, ob die Rahmenbedingungen diesen Gemeindebau überhaupt erlauben. Ich finde es zum Beispiel inkonsequent, die EKD zu kritisieren, diesen ganzen aufgeblasenen Apparat aber weiter mit der eigenen Kirchensteuer zu finanzieren. Man kann ja auch als Ausgetretener weiter seine bibel- und bekenntnistreue Kirchengemeinde besuchen und statt der Kirchensteuer, mit der eben auch jede Menge Unsinn finanziert wird, mit einer… Weiterlesen »

Clemens Altenberg

Verschwörungstheorien (QuAnon, „Querdenker“) laufen den Kirchen leider immer mehr den Rang ab…

https://www.philomag.de/artikel/querdenken-die-erste-wirklich-postmoderne-bewegung

Udo

Noch eine kleine Nachlese. In der ev. Kirche im Rheinland wurde ein neuer Präses gewählt, Thorsten Latzel, der Bruder von Olaf Latzel. Das Nachrichtenmagazin Idea schreibt dazu:
In seiner Vorstellungsrede hatte Latzel erklärt, die Kirche müsse „konsequent von den Menschen her denken“. Sie müsse vor allem die Gruppe der 20- bis 40-Jährigen nach ihren Wünschen und Bedürfnissen fragen. Weiter sagte Latzel, Christen hätten keine einfachen Antworten auf die großen Herausforderungen der Gesellschaft, aber eine „Perspektive der Hoffnung“. Die Kirche müsse sich als eine „welt- und zukunftsoffene Gemeinschaft mit einem freien Glauben“ verstehen, die „den Nöten unserer Gesellschaft begegnet, indem sie heilsam Gott zur Sprache bringt“.
Gut, es ist nur ein Auszug aus einer Rede, aber es lässt erahnen, warum Thorsten Latzel zum Präses gewählt wurde und Olaf Latzel suspendiert wurde.
Wie gut, dass ich aus diesem Verein schon vor Jahren ausgetreten bin.

Matze

@Udo, Deine Gedanken zur Finanzen und evang. Kirchengemeinde sind sehr interessant und die beiden Brüder Latzel trennen Welten. Thorsten Latzel sagte ja Homosexualität ist so selbstverständlich wie Kaugummi kauen. Es ist bei dem Thema Olaf Latzel ausserdem erstaunlich dass weitgehend zugesehen wird wie nicht nur St. Martini sondern der ganze konservative Arbeitskreis in Bremen durch die BEK vor den Kopf gestoßen wird. Ein geschwisterlicher Umgang ist das sicher nicht, aber die konservativen haben ja lieb zu sein 😉