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Den Begriff „evangelikal“ verabschieden?

Amy Julia Becker hat in der Washington Post offenbart, dass sie Probleme mit dem Etikett „evangelikal“ hat. Sie wehrt sich gegen die politische Vereinnahmung durch die weißen Republikaner und will eine fromme Szene, in der „liberale“, „progressive“, „orthodoxe“, „konservative“ oder „evangelikale“ Christen versöhnt miteinander leben. Das MEDIENMAGAZIN PRO hat den Artikel freundlicherweise mit Genehmigung übersetzt.

Hier ein Auszug:

Ob „evangelikal“, „moderat“, „liberal“ oder „konservativ“: Die Adjektive, die wir verwenden, um unseren Glauben zu beschreiben, haben uns stärker voneinander getrennt, als dass sie uns definiert hätten. Amerikanische Christen sind eher zu Splittergruppen verkommen als eine bunte und vielfältige Bewegung von Menschen zu sein, die Jesus kennt und ihm folgen will, und die die frohe Botschaft auf ihre jeweils unterschiedliche Art in eine krankende Welt tragen möchte. Unsere Etiketten zerstückeln uns in kleine Grüppchen und trennen uns von der Fülle dessen, was die ganze Kirche zu bieten hat.

Ja, einige Christen legen ihren Glaubensschwerpunkt auf gesellschaftspolitisches Engagement, andere auf intensives Gebet, wieder andere reden unheimlich viel über Jesus, andere tun Gutes, einige lesen sehr viel in der Bibel und andere versuchen einen makellosen Lebensstil zu pflegen.

Ja, bei denjenigen, die sich gesellschaftspolitisch engagieren, ist das Gebet zuweilen zu kurz gekommen; die Beter haben es manchmal versäumt, den Hungrigen Essen zu geben. Und einige Leute, die gut Zeugnis über ihren eigenen Glauben ablegen können, haben es versäumt, sich für mehr Gerechtigkeit einzusetzen; und einige von denen, denen die Nächstenliebe besonders wichtig ist, haben darüber vergessen, selbst mal wieder in der Bibel zu lesen.

Aber anstatt diese Unterschiede als Gründe für Kritik untereinander und als Anlass, uns von den anderen abzugrenzen, zu verstehen, lassen sie sich auch als Chancen voneinander zu lernen begreifen. Als Möglichkeiten, sich über unsere Unterschiede zu freuen, anzuerkennen, was jeder geben und was wir untereinander teilen können.

Das klingt alles ganz nett, und geht doch völlig am Kern der Probleme vorbei. Wer mir das nicht glauben will, der lese einfach mal das Buch Christentum und Liberalismus von J. Gresham Machen, das vor knapp 100 Jahren geschrieben wurde. Nur ein Beispiel: Das liberale Christentum kennt keinen tatsächlich auferstandenen Jesus Christus. Es kennt vielleicht den Christus des Glaubens, aber eben nicht den Herrn, der vor rund 2000 Jahren in der Geschichte auferstanden ist und eines Tages wiederkommen wird, um die Toten und Lebenden zu richten. Kurz: das liberale Christentum ist eine andere Religion als die, die Jesus Christus und die Apostel verkündigt haben.

Ich zitiere mal aus dem Vorwort von Daniel Facius:

„Christentum und Liberalismus“ geht genau auf diese Fragen ein, die sich auch heute in neuer Dringlichkeit stellen. Was gehört zu den Fundamenten des Glaubens und was nicht? Was darf sich „Christentum“ nennen, und was nicht? Ist Einheit und Harmonie wirklich das höchste Ziel, dem sich alles andere unterzuordnen hat? Ist es wirklich wichtig, ob Jesus im biologischen Sinn durch eine Jungfrau empfangen wurde? Ist es wichtig, ob er leiblich auferstand und auf den Wolken des Himmels wiederkommen wird? Ist es eine „Kleinigkeit“, ob man das Sterben Christi als stellvertretenden Tod für die Menschheit deutet oder nicht? Auch im heutigen Protestantismus werden diese Fragen gestellt, und die Partei der „Fundamentalisten“ sieht sich einmal mehr der Intoleranz ausgesetzt. Wer auch immer Interesse an dieser Debatte hat, wird an Machen nicht vorbeikommen. Dabei ist sein eigener Anspruch nicht, den Streit zu entscheiden, sondern das klare Benennen der streitentscheidenden Punkte.

Machen geht dabei so vor, wie man es von einem Professor erwarten kann. Klare Definitionen, präzise Begriffsverwendung und auch die Wiederholung zentraler Punkte zeichnet „Christentum und Liberalismus“ aus. Machens Verteidigung der orthodoxen christlichen Lehre steht dabei auf zwei Pfeilern. Zum einen legt er dar, wo und wie zahlreiche liberale Thesen von den Lehren der Schrift abweichen. Zum anderen nimmt er das Christentum aber auch als historische Bewegung ernst. Selbst wenn der Liberalismus sich also auf die Bibel berufen könnte, so diese zweite Verteidigungslinie, hätte er kein Recht, die dann entstehende Religion „Christentum“ zu nennen. Was das in der Konsequenz bedeutet, war für Machen klar: Ist der Liberalismus eine dem Christentum feindlich gegenüberstehende Religion, kann es mit seinen Vertretern keine christliche Einheit geben.

Der Evangelikalismus ist wirklich gefährdet. Folgt er der Richtung, die Becker einfordert, wird er in der Bedeutungslosigkeit landen. Im Gegensatz zu Becker und Scot McKnight sehe ich das Problem an einem anderen Punkt. Das Etikett „evangelikal“ ist heute so schwammig geworden, dass man tatsächlich darüber nachdenken kann, inwiefern die Verwendung noch hilft, eine theologische Position zu beschreiben. Soll der Begriff überleben, ist es an der Zeit, seinen ursprünglichen Sinn aufzunehmen und ihn auch gegen die Einflüsse, gegen die er sich früher gewehrt hat, zu verteidigen.

Christoph Raedel, Vorsitzender des AfeT und Systematiker an der FTH, hat kürzlich in einem Festvortrag die Frage gestellt „Wohin geht die evangelikale Theologie in Deutschland?“. Ich zitiere aus einer Pressemitteilung:

Mit Blick in die Vergangenheit stellte Raedel zunächst fest, dass evangelikale Theologie in Deutschland keine vergleichbare Anerkennung wie im angelsächsischen Bereich gefunden hat. In der Gegenwart sei sie von Pluralisierung gekennzeichnet. Diese Vielfältigkeit sei beispielsweise an der Ausdifferenzierung der theologischen Ausbildungslandschaft zu erkennen. Sie sei auch daran erkennbar, dass für einige evangelikale Theologen eher die Moderne, für andere mehr die Postmoderne der Gesprächszusammenhang ihrer Theologie ist. Ferner ginge mit der Pluralisierung der Bedeutungsverlust der Theologie einher, auch der evangelikalen.

Zur Beantwortung seiner Leitfrage beschrieb Raedel drei „Visionen“, die seiner Meinung nach bestimmend für den Weg der evangelikalen Theologie in der Zukunft sind: Zunächst müsse Exzellenz in Lehre und Forschung angestrebt werden. Ohne „Eliten-Dünkel“, sondern zur Ehre Gottes und zur Qualifikation des eigenen akademischen Nachwuchses. Zweitens müssten die legitime Vielfalt der Perspektiven und Lebenswege auf eine Einheit bezogen werden: „Evangelikale werden sich in einer mehrheitlich nichtchristlichen Gesellschaft unterscheiden, weil Gottes Reich nicht von dieser Welt ist“, so Raedel.

Exzellenz für evangelikale Theologie heisse letztlich auch, sie in Verantwortung für Kirche und Gemeinde zu betreiben: „die Theologie hilft der Gemeinde, die Landkarte von Gottes Weg mit den Menschen richtig zu lesen, die Gemeinde hilft der Theologie dazu, die Karte richtig herum zu halten: nur gemeinsam bleiben sie in der Spur Christi und im Horizont von Gottes Reich“.

Exzellenz in Lehre und Forschung, Einheit in Vielfalt (nicht in Beliebigkeit) sowie Dienst an Kirchen und Gemeinden, das sind Ziele, die helfen können, das Anliegen des Evangelikalismus zu bewahren und zu stärken. Das geht in die Richtung, die auch Andreas Köstenberger bei mehreren Anlässen beschrieben hat. Hinzufügen würde ich: eindeutig schriftbezogen und reformatorisch. In diese Richtung können wir gehen.